Kategorie: Texte

18. April

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Johannes 1,14

Der Prolog des Johannesevangeliums ist an Dichte nicht zu überbieten. Wort, Fleisch, wohnen, Herrlichkeit: Vier Wörter, mach daraus eine Geschichte!

Das Wort ist Wille, ist Schöpferkraft, ist Gott selbst. Er sprach, und es geschah. «Das Wort ward Fleisch»: Kann man sich einen grösseren Gegensatz vorstellen? Fleisch ist die vergängliche Materie, aus der wir Menschen geschaffen sind. Und dieses fleischgewordene Wort «wohnte unter uns». Wohnen heisst bleiben, sich niederlassen, ganz irdisch. Die Herrlichkeit war kein Blitz vom Himmel, keine überirdische Macht- und Pracht-Show.

Etwas später im gleichen Kapitel laufen zwei Johannes-Jünger Jesus nach. «Rabbi, wo ist deine Bleibe?», fragen sie. «Kommt und seht!», seine Antwort, und sie bleiben einen Tag bei ihm. Da wäre ich gern dabei gewesen! Was haben sie erlebt mit dem Rabbi? Worüber haben sie gesprochen? Sie müssen schon eine Ahnung von Herrlichkeit gehabt haben, denn sie wurden seine Jünger. «Wir haben den Messias gefunden!», erzählt der eine, Andreas, seinem Bruder Simon Petrus (Johannes 1,38-40).

«Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott.» (Offenbarung 21,3)

So wird auf den letzten Seiten der Bibel die Erfüllung der Geschichte beschrieben.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. April

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Psalm 103,1

Was ist eigentlich das Gegenteil von loben? Der Sinn einer Aufforderung erschliesst sich ja mitunter aus dem, was ich nicht tun soll, wenn ich das tue, was ich tun soll: Ich soll nicht dies oder jenes tun, sondern Gott loben.

Erste Möglichkeit: nicht jammern. Gott loben hiesse dann, auf das Gute und Positive zu schauen, statt schwarzzusehen. Diese Aufforderung ist sicher oft hilfreich. Aber nicht immer. Manchmal ist das Leben schwer, bin ich traurig oder verzweifelt. Dann darf ich klagen. Gerade die Psalmen nehmen Leid und Bedrängnis sehr ernst und schenken mir Worte, meine Klage vor Gott zu bringen.

Zweite Möglichkeit: nicht kritisieren. Auch das ist nicht bib-lisch. Ich denke etwa an jene Stelle im 4. Buch Mose, wo erzählt wird, wie Gottes Volk in der Wüste murrt und Mose genug hat und mit Gott zu rechten beginnt: «Hab ich denn all das Volk geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, in das Land, das du ihren Vätern zugeschwo-ren hast?» Loben statt kritisieren hiesse, alles als gegeben zu akzeptieren und hinzunehmen.

Dritte Möglichkeit: nichts sagen. Gemäss der Haltung: nichts gesagt ist genug gelobt. Eine Haltung, die alles selbstver-ständlich nimmt. Gott loben hiesse so gesehen, eben nicht alles selbstverständlich zu nehmen, sondern zu verstehen, dass wir nicht aus uns selbst heraus sind und alles, was wir sind und haben, verdankt ist.

Von: Maria Moser

16. April

Der HERR, mein Gott, macht meine Finsternis licht. Psalm 18,29

Den Gang in den Kohlekeller bei meinem Grossvater habe ich noch immer in schlechter Erinnerung. Die ersten fünf Stufen ging es ohne Licht sehr steile Treppenstufen hinunter. Erst dann konnte meine Kinderhand zum Lichtschalter greifen. Endlich leuchtete eine 20-Watt-Glühbirne aus einer Tellerlampe der Kellerdecke. Finster war es trotzdem immer irgendwie. Aber für ein Kohlelager musste das reichen.

Finsternis und Licht stehen hier in unserer heutigen Losung für den inneren Zustand eines Menschen; für seine seelische Verfassung.

David hat schwere Zeiten erlebt. Im Psalm zählt er einige Dinge auf. Er war dem Tode nahe. Er wurde von inneren und äusseren Feinden bedroht. Er hatte Angst. Das ist die Finsternis, von der David spricht. Diese Angst verdunkelte sein Leben. Sorgen und Nöten legten sich wie ein Schatten auf seine Seele. Da rief David zu Gott und der reagierte darauf. Gott liess David in seiner Situation nicht allein. Er half ihm heraus. Und so kam Licht in das Dunkel von Davids Leben.

Ich wünsche uns heute ganz besonders: Möge uns immer das rechte Licht scheinen – auch ein helles Licht im dunklen Kohlekeller.

Von: Carsten Marx

15. April

Amos sprach: Ach, HERR, sei gnädig! Wie soll Jakob bestehen? Er ist ja so klein. Da reute es den HERRN. Der HERR sprach: Es soll nicht geschehen! Amos 7,23

Das Volk Israel ist seinem Gott ungehorsam gewesen. Es hat sich von ihm und von seinen Geboten abgewandt und ist seine eigenen Wege gegangen. Eigentlich gibt es nur eine Konsequenz für diese Wege der Menschen ohne Gott: das Gericht! In Visionen, in Bildern bekommt der Prophet Amos den Gerichtswillen Gottes gezeigt. Amos sieht einen Heuschreckenschwarm, der die Ernte und damit die Lebensgrundlage des Volkes vernichtet. Er sieht ein Feuer, das alles zerstört. Die Botschaft lautet: Israel hat die Konsequenzen zu tragen für seine Schuld.

Amos vertraut darauf, dass der Gott Israels kein unbeweglicher Gott ist. Er hat ein Herz, das sich bewegen lässt. Der Weg zum Herzen Gottes ist das Gebet. Nicht irgendwelche menschlichen Opfer, sondern die Fürbitten haben Einfluss auf Gottes Plan. Deshalb handelt Amos so, wie es zu seinem Amt als Prophet gehört. Amos tritt vor Gott in der Fürbitte für sein Volk ein. Ja, unsere Hilfsbedürftigkeit schreit nach Gottes Erbarmen. Und dann heisst es von Gott: Es reute ihn! Gott ist also ein Gott, der Reue zeigen kann. Ich hätte es nicht anders erwartet und auf einmal ist da ganz viel Liebe mit im Spiel.

Von: Carsten Marx

14. April

Gott rüstet mich mit Kraft. Psalm 18,33

Kraft wofür? Es gibt ja letztlich vieles, wo sich Kraft ausdrückt und Menschen dies auf die Wirkmacht Gottes in ihnen zurückführen. Auch die Bibel ist voll von Passagen, in denen menschliche Kraft, militärische, besiegende, unterwerfende, als Ergebnis göttlicher Wirkmacht gesehen wird. Es ist nicht lange her, dass auf Gürtelschnallen «Gott mit uns» stand und als Ausdruck solcher Unterstützung verstanden wurde. Auch bei David ist dies der Fall, wie es noch deutlicher an der Parallelstelle dieses Psalms in 2. Samuel 22 wird. Es geht um Gottes Unterstützung in militärischen Auseinandersetzungen. Das mag nachdenklich stimmen, und so ist es gut, dass diesem kurzen Versteil der Losung, ein B-Teil mit den Worten «und macht meine Wege ohne Tadel» folgt. Dies rückt dann den A-Teil der Losung in ein neues Licht. Die Kraft Gottes führt auch mit Paulus dazu, den «guten Kampf» zu kämpfen (2. Timotheus 4,7). Gott rüstet mich mit Kraft für Friedensfähigkeit, eine Existenz der heilenden Präsenz in der Mitte von Konflikt und Streit. Gott befähigt mich zu Wegen ohne Tadel, die geprägt sind von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Erhaltung der von Gott gewollten Schöpfung. Solche Wege können das Ergebnis einer Zurüstung im Sinne der göttlichen Kraft sein, die in der Losung zum Ausdruck kommt. Einer Kraft für ein oftmals so schwieriges Leben ohne Tadel. Dank sei dieser zurüstenden Kraft.

Von: Gert Rüppell

13. April

Der lebendige Gott ist ein Retter und Nothelfer. Daniel 6,28

Eine schwierige Situation, in der sich der König befindet. Da ist ein begabter junger Mann, von dem er selbst viel hält, und da sind diejenigen, die sich dadurch ausgebootet sehen. Ein Spiel in den Herrschafts- und Politiksystemen von alters her. Wer sich übergangen fühlt, versucht dem Gegner mit allen Mitteln zu schaden. Heute sind hierzu «Fake News» ein beliebtes Mittel. Daniels Konkurrenten gelingt es über den Weg einer gesetzlichen Vorschrift, die sie dem König abverlangen, Daniels religiöses Verhalten zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Durch ein «Gesetz nach Meder und Perser Sitte», der Begriff erhielt sich bis heute als Aussage für Unumstösslichkeit. Scheinbare Unumstösslichkeit menschlicher Gesetze ist so letztlich Thema der Losung. Dem Glauben an die Gesetze des lebendigen Gottes steht die Löwengrube menschlicher Gesetzlichkeit mit Todesstrafe gegenüber. Doch Daniel hält sich nicht an das Gesetz. Er glaubt der Wirkkraft seines Gottes mehr als politischen Ränken. Gottes Lebendigkeit steht den Kräften des Todes, ausgedrückt durch die Löwengrube, gegenüber. Der Retter Gott bewahrt Daniel, bekehrt den Herrscher, dem ein begnadeter Vizekönig erhalten bleibt. Glaube an den lebendigen Gott ist rettend und lebensbewahrend. Nicht nur für das eigene, sondern auch für das Leben anderer. Darum geht es mit der Bezeichnung Nothelfer, zu denen auch wir Gläubige werden können.

Von: Gert Rüppell

12. April

Ich will meinen Bund mit dir aufrichten, sodass du erfahren sollst, dass ich der HERR bin. Hesekiel 16,62

Die Vorstellung des Bundes hat in reformierter Tradition eine besondere theologische Bedeutung erhalten. In der «Bundestheologie», im 17. Jahrhundert in den Niederlanden formuliert, ging es darum, die Bibel nicht nur in einzelnen Abschnitten zu lesen, sondern in ihrem inneren Zusammenhang. Diesen sah man in einer Reihe von Bundesschlüssen Gottes mit den Menschen, von Adam über Noah, Abraham und David bis zum neuen Bund in Christus.

Freilich ist der Begriff des Bundes nicht im Einklang mit dem, was wir sonst mit ihm verbinden, nämlich als einer Übereinkunft zwischen gleichberechtigten Partnern auf Augenhöhe. Der Bund Gottes ist so asymmetrisch wie nur möglich; er überbrückt den eigentlich unüberbrückbaren Graben zwischen Schöpfer und Geschöpf. Mehr noch: Ein Bund verlangt Bundestreue. Diese zu leisten, sind wir nicht oder nur zu bescheidenen Teilen fähig. Umso mehr übt Gott die Treue zu seinem Bund, ein Grundmotiv, vielleicht das Grundmotiv im Alten Testament. Der «Bund» ist die Botschaft von der letztgültigen Verlässlichkeit Gottes. Er steht über der Asymmetrie, und gerade darin erweist Gott sich als der Herr. Im «Neuen Bund» bestätigt er seine Bundestreue. Die vorherigen Bundesschlüsse sind damit nicht ausser Kraft gesetzt, sind auch nicht bloss Verheissungen oder Vorläufer des endgültigen. Der Bund gilt, und er gilt der ganzen Welt.

Von: Andreas Marti

11. April

Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen fürchtest, die doch sterben? Jesaja 51,12

Trösten – ein schillerndes Wort. Da liegt das Vertrösten in der Nähe, das Beschwichtigen, alles nicht so schlimm. Etwas Besonderes ist das Trösten in der Trauer, wenn das Vertrauen verloren ist, das Vertrauen in sich selbst, in das Leben, in die Welt, wenn die Angst allgegenwärtig wird. Da ist ein Tröster gefragt, der Vertrauen zurückgibt, der Vertrauen möglich macht.

Zutiefst erschüttert wird das Vertrauen ins Leben durch die Vergänglichkeit, die uns unausweichlich begleitet. Zugleich aber relativiert das Prophetenwort die Angst gerade durch diese Vergänglichkeit: Auch das, was uns Angst macht, die Menschen, die uns Angst machen, sind vergänglich.

Dagegen steht das Gotteswort «ich bin euer Tröster», das Wort dessen, der nicht vergänglich ist, der in jüdischer, auch manchmal in christlicher Gebetstradition als «der Ewige» angerufen wird. Das ist mehr als nur eine Ausweichlösung, um den für jüdisches Sprechen unaussprechlichen Gottesnamen zu vermeiden. Weil Gott der Ewige ist, weil er über aller Vergänglichkeit steht, liegt bei ihm der Grund für ein neues Vertrauen, für eine Überwindung der Lebensangst.

«Ich bin euer Tröster» – die wenigen Noten aus Mendelssohns «Elias» können ein kleiner Ohrwurm sein, ein innerer Begleiter für schwierige Zeiten.

Von: Andreas Marti

10. April

Es geschah eine Stimme aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein auserwählter Sohn; den sollt ihr hören! Und als die Stimme geschah, fanden sie Jesus allein. Lukas, 9,3536

Jesus steigt mit Petrus, Johannes und Jakobus auf den Berg, um zu beten. Während des Betens verwandelt sich das Aussehen seines Gesichts und sein Gewand wird strahlend weiss. Zwei Gestalten, Mose und Elija, erscheinen und sprechen mit ihm über sein nahendes Ende in Jerusalem.

Die Jünger sind davon überwältigt, fallen in Schlaf. Sie erwachen, sehen alles, doch im Schatten einer aufziehenden Wolke werden sie richtig wachgedonnert von dieser Stimme, werden zum zweiten Mal Teil eines tiefgreifenden Geschehens. Sie müssen mit Jesus weiter, seinem Ende in Jerusalem entgegen, «erbebt» durch die Erfahrungen auf dem Berg. – Werden sie durch dieses Erlebnis überzeugter, heldenhafter? Werden sie Jesus in seinen schweren Stunden bedingungslos zur Seite stehen? Wir wissen es aus den Erzählungen über Petrus: nein. Sie bleiben menschlich, also auch feig und ängstlich. Petrus wird dies bedauern und sich grämen darüber, auch dies ein menschlicher Zug. –

Die kraftvolle Beschreibung einer Gotteserfahrung, die Sehnsucht, darin bleiben zu wollen, aber auch das Weitergehenmüssen durch Schweres, in dem man manchmal versagt – und trotzdem das Nachwirken der wunderbaren Erfahrung: All das lese ich in dieser Geschichte. 

Von: Katharina Metzger

9. April

Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn. Römer, 6,23

Sünde, Sold und Tod: alles kurz nacheinander im ersten Teilsatz! Was soll ich bloss dazu schreiben?

Da kommt mir das Lied «Astronaut» von Sido und Andreas Bourani in den Sinn, ein grosser Hit vor einigen Jahren. Und beim erneuten Anhören finde ich, dass die «Sünde» darin treffend und zeitgemäss beschrieben ist. Ein Auszug:

«Wir hab’n morgen schon vergessen, wer wir gestern noch war’n. Hab’n uns alle vollgefressen und vergessen zu zahl’n.

Lassen alles steh’n und liegen für mehr Asche und Staub.

Wir woll’n alle, dass es passt, doch wir passen nicht auf.»

Es folgt ein ruhiger, melodiöser Zwischenteil. Der Astronaut schaut auf die Erde und singt:

«Und beim Anblick dieser Schönheit fällt mir alles wieder ein:

Sind wir nicht eigentlich am Leben, um zu lieben und zu sein?

Hier würd ich gern für immer bleiben, doch ich bin ein Wimperschlag, der nach fünf Milliarden Jahren nicht viel mehr zu sein vermag.»

Dem Erkennen der lebensfeindlichen «Sünden» steht das Erkennen dessen, wie das Leben gemeint ist, gegenüber. Und sowohl im Bibeltext wie im Popsong ist eine Hoffnung oder eine Sehnsucht auf ein ewiges Leben, ein ewiges Bleiben dort, wo es schön ist, spürbar.

Von: Katharina Metzger