Kategorie: Texte

11. März

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, fürchtete er sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.
1. Mose 28,16.17

Der Himmel ist offen und Jakob sieht hinein: Da sind, wie zu erwarten ist, himmlische Wesen, Engel, die über eine Treppe hinauf- und hinabsteigen, und da ist Gott. Aber was nicht zu erwarten war: Gott sitzt offensichtlich nicht oben auf einem Thron, sondern steht gleich am Anfang der Treppe, unten. Gleich bei Jakob, gewissermassen auf Augenhöhe. Gott lässt ihn nicht hochsteigen, sondern steht bei ihm und spricht zu ihm. Und was er sagt, ist überwältigend! Jakobs Nachkommen werden sich ausbreiten, von Gott begleitet und behütet. Als er aufwacht, ist ihm bewusst, dass heute und hier etwas Grosses geschehen ist: Er hat Zukunft gesehen. Und diese Zukunft ist unwahrscheinlich schön und gut. Wir können erahnen, was das für diesen Mann bedeutet hat, der seinerzeit fliehen musste und der nun als Flüchtling wieder zurückkehrt. In seinem «Gepäck» hat er einzig diesen Traum, der ihn gleichermassen ängstigt wie stark macht. Damit diese Hoffnungserfahrung für alle Zeiten erinnert wird, benennt er den Ort um – er war bisher einer Gottheit «El» geweiht, jetzt dem Gott «Elohim» (Beth-El). Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist eine Menschheitsgeschichte. Das bedeutet, dass Gott jederzeit und überall nahe erfahren werden kann. Auch und besonders hier und heute.

Von: Hans Strub

10. März

Ich will mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Jesaja 65,19

«Vielmehr frohlockt und jubelt endlos über das, was ich schaffe!» Das ruft der Prophet denen zu, die auf Gott vertrauen, denn Gott wird in unmittelbarer Zukunft einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Neue Voraussetzungen für das Volk, ein Leben in Gottesnähe zu führen und zu gestalten. Dann wird sich auch Gott freuen über das, was nun geschieht: kein Weinen und Klagen mehr, keine Kindersterblichkeit, dafür Langlebigkeit für alle, man wird Häuser bauen, Weinberge pflanzen, ernten, und es wird keine Angst mehr geben… (Verse 20–24) So wird es denen ergehen, die auf Gott bauen – im Unterschied zu denen, die sich anderweitig orientieren. Wer auf der Seite Gottes lebt, dem/der wird eine ganz konkrete Hoffnung zuteilwerden. Die sogenannte dritte Gottesrede am Ende der Jesajaschrift entstand in einer höchst unruhigen Zeit, in der Zeit nach der grossen Verwüstung, die über das damalige Israel/Palästina gekommen war. Widerstrebende Kräfte waren wirksam und wollten sehr unterschiedliche Wiederaufrichtungskonzepte ausführen. Damals müssen diese Heilsworte für viele eine wichtige Orientierung gewesen sein, eine grosse Zusage, ein starker Halt. Das bringen diese alten, aber dennoch zeitübergreifenden Sätze auch für heute: Sie sagen uns Zukunft zu inmitten von Angst, Leid und Zerrissenheit.  

Von: Hans Strub

9. März

Paulus schreibt: Weil wir uns auf den Herrn verlassen, dürfen wir zuversichtlich und vertrauensvoll vor Gott treten. Darum bitte ich euch: Lasst euch nicht irremachen durch das, was ich leiden muss. Epheser 3,1213

Im Messias Jesus, heisst es in der genaueren Übersetzung der Zürcher Bibel, «haben wir Freiheit und Zugang zu Gott». Diesen Zugang zu Gott ermöglicht der Messias, indem er die Hindernisse in den überirdischen Sphären durchbricht. Dem modernen Menschen sind die als «Mächte und Gewalten» (Vers 10) bezeichneten kosmischen Obstakel – Hindernisse – vielleicht fremd geworden; dass es aber überpersönliche Kräfte gibt, «biologische, soziale, politische und geistige Wirklichkeiten, Gesetze, Gesetzmässigkeiten, Anlagen, Traditionen usw.» (Petr Pokorny), leuchtet ein. Ihnen können wir in «Freiheit» gegenübertreten, wie freie Bürger in antiken griechischen Städten – deren Recht auf freie Meinungsäusserung meint das entsprechende Wort im Urtext.

In diese Freiheit führt die Fastenzeit, in der wir stehen. Beim Zugang zu Gott – vermittelt durch den gekreuzigten Messias – ist «Leiden» kein Indiz für die Absenz des Ewigen. Im Gegenteil: Im Kreuz ist Heil oder, wie Leonard Cohen sagt: «There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.» («In allen Dingen gibt es einen Bruch; auf diese Weise dringt das Licht ein.»)

In diese Einsicht führt die Passionszeit, in der wir stehen.

Von: Andreas Fischer

8. März

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Römer 11,29

«Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?» lautete Luthers Frage. Es ging dem Augustinermönch um sein Seelenheil. Indessen fragt man sich: Welches fühlende, mitfühlende Menschenkind kann im Anblick des drohenden globalen Kollapses ernstlich besorgt sein um seine persönliche «Rechtfertigung» vor Gott?

In diesem Zusammenhang mag die Beobachtung des deutschen Neutestamentlers Ernst Käsemann (1906–1998) von Bedeutung sein, dass es bei der «Rechtfertigungslehre» des Apostels Paulus genuin gar nicht ums Seelenheil ging. Sondern ums Ganze, das Ziel des Kosmos, das Ende der Erde.

Entsprechend gilt unser heutiger Vers nicht einer skrupulösen Seele, sondern den Juden und Heiden, der Menschheit, allen Wesen der Welt (vgl. die Fortsetzung Verse 30–36 und den ganzen Zusammenhang in Römer 9–11).

«Nicht gereuen» steht im griechischen Urtext betont am Anfang. Darauf liegt alles Gewicht. Es ist eine erstaunliche Aussage; in der Bibel steht auch anderes, zum Beispiel: «Da reute es den EWIGEN, dass er den Menschen gemacht hatte.» (1. Mose 6,6) Doch Paulus, dessen «Rechtfertigungslehre» eben «geschichtliche Tiefe und kosmische Weite» (Käsemann) hat, glaubt, dass alles, dass das All – bedingungslos, so, wie es ist – in Gott geborgen ist und schliesslich heimgerufen wird ins göttliche Licht.

Von: Andreas Fischer

7. März

Der Herr hat Zion mit Recht und Gerechtigkeit erfüllt. Und du wirst sichere Zeiten haben: Reichtum an Heil, Weisheit und Klugheit. Jesaja 33,5–6

Prognosen für die Zukunft haben die Eigenart, dass sie oft nicht eintreffen. Allerdings gilt auch, je schwammiger die Prognose formuliert wird, umso besser kann man ihr Eintreffen behaupten. Ob Zion/Israel zur Zeit des Psalmisten mit Recht und Gerechtigkeit erfüllt war, kann ich nicht beurteilen. Für die folgenden 2500 Jahre lässt sich allerdings festhalten: mal so – mal so!

Schauen wir in die Gegenwart, dann sehen wir kaum «Weisheit und Klugheit», sondern Tod und Zerstörung.

Na toll – und was jetzt?

In dunklen Zeiten ist das Licht häufig nicht zu sehen, weil es umstellt und verdeckt ist. Dann brauchen wir Menschen, die uns daran erinnern, dass das Licht zwar gerade nicht zu sehen ist, aber dass es immer noch da ist und wieder hervorgeholt werden muss. Krieg und Zerstörung werden von Menschen verantwortet und können auch nur durch menschliche Entscheidungen beendet werden. Hier kommen nun wir Glaubenden ins Spiel. Wir wissen um das Licht, das mit der Liebes- und Versöhnungsbotschaft Jesu in die Welt gekommen ist. Das ist unser Beitrag: immer wieder den Frieden einzufordern und die Liebe exemplarisch zu leben. Vielleicht erleben wir dann noch Heil, Weisheit und Klugheit.

Von: Rolf Bielefeld

6. März

Der Herr behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Psalm 121,7

Hier sind wir bei einem der «Kassenschlager» biblischer Verse – immer gerne genommen bei Taufen, Konfirmationen oder Trauungen. Ist das nun wertsteigernd oder wertmindernd? Es ist weder das eine noch das andere, sondern es zeigt nur, dass hier bei vielen Menschen eine Saite zum Klingen gebracht wird, die sonst nicht schwingt.

Immer auf der richtigen, der guten Seite zu sein, ist ein Wunsch der meisten von uns. Dies natürlich gekoppelt mit der Zusage, nicht belastet zu werden.

Ist dieser Wunsch nun zu kritisieren? Ich denke – nein!

Wenn wir als Glaubende der Predigt und dem Leben Jesu folgen, ist unser Kompass klar ausgerichtet auf alles, was dem Leben, der Schöpfung dient. Weder ich noch du können alle Fehlentwicklungen in dieser Welt korrigieren. Wir können aber, im Rahmen individueller Möglichkeiten, kleine Teile in einem der vielen herausfordernden Bereiche angehen. Viele von uns sind auf diesem Weg, der anstrengend ist, oft mit Enttäuschungen einhergeht, aber auch viel Energie und Beziehung freisetzt.

Unser Psalm ist immer noch ein «Kassenschlager», aber er gewinnt für uns eine neue Qualität. Er ist nicht mehr der tolle Spruch auf der tollen Karte, sondern der Gruss und die Ermunterung von Glaubenden an Glaubende. Denn aus der Gewissheit heraus, dass Gott uns bewahren will vor schlechten Dingen und uns bis in die Tiefen unserer Existenz begleitet, leben und handeln wir.     

Von: Rolf Bielefeld

5. März

Wer weiss, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben. Jona 3,9

Gott bereut einen Entschluss, den er noch nicht ausgeführt hat. Er überlegt sich die Sache nochmals, verzichtet auf die angedrohte Strafe und gibt dem Leben eine neue Chance. Das Volk Israel kann dank Gottes Güte einen neuen Anfang machen, dies ist ein Herzstück des biblischen Glaubens. Die kleine Schrift über den Propheten Jona beschäftigt sich mit einer neuen Frage. Bekommt auch ein anderes Volk, ja sogar ein feindliches Volk diese Chance? Jona hat den Auftrag, in die Stadt Ninive zu reisen. Die Hauptstadt des assyrischen Reiches war der Inbegriff einer feindlichen Grossstadt. Dort verkündet Jona: «Noch vierzig Tage, dann wird Ninive durch eine Katastrophe zerstört.» (Jona 3,4) Die Bewohner der Stadt nehmen sich die Botschaft zu Herzen. Der König ruft alle auf, eine Fastenzeit einzuhalten und sich von den schlechten Wegen abzuwenden. Ausgerechnet der König von Ninive sagt im Losungsvers: «Wer weiss? Vielleicht wird Gott umkehren, und er bereut seinen Entschluss.» So kommt es. Gott lässt die Stadt Ninive am Leben. Keine Freude daran hat Jona, der immer noch auf die Katastrophe wartet. Die Schrift endet mit einer Frage, die Gott an Jona richtet: Darf ich nicht Mitleid haben mit den Menschen und Tieren in dieser Stadt?

Von: Andreas Egli

4. März

Seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten.
Joel 4,16

Gott wird für Recht sorgen, und alle sollen es hören. Der lauteste vorstellbare Ton ist das Signal: ein Donnerschlag oder das Brüllen eines Löwen. Der Lärm soll ein heilsames Erschrecken und ein Umdenken auslösen. So sagte es der Prophet Amos in der frühen Zeit der Könige Israels (Amos 1,2). Das eigene Volk sollte lernen, sich an der Gerechtigkeit zu orientieren – und nicht am Recht des Stärkeren. In den folgenden Jahrhunderten war Jerusalem immer wieder einer anderen Nation unterworfen: Assur, Babylon, Persien, Griechenland. Das Buch Joel nimmt diese Erfahrungen auf. In einer Textcollage stellt es Zitate aus den älteren Propheten und den Psalmen zusammen. Es geht um das gleiche Thema, aber jetzt mit einer anderen Perspektive: Zwischen den Völkern und Israel soll das Recht wiederhergestellt werden. Das Unrecht, das den Israeliten angetan worden ist, kommt vor Gericht. Aber die, welche die Lektion der Propheten gelernt haben, müssen keine Angst haben. Im Vertrauen auf Gott finden sie Schutz und Geborgenheit. «Der HERR wird vom Zion her brüllen wie ein Löwe. Von Jerusalem her wird er seine Donnerstimme erheben. Dann werden Himmel und Erde erbeben. Und der HERR ist eine Zuflucht für sein Volk, eine starke Burg für die Israeliten.»

Was sagt uns der Text in der heutigen Weltlage?

Von: Andreas Egli

3. März

Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. Sprüche 28,13

Was mir bei diesem bekannten Spruch und seinem Zweck und Sinn heute ins Auge sticht, ist das Wort «lässt». Wir sollen also Missetat und Schuld bekennen, uns ihrer bewusst sein und dann lassen, das heisst abschliessen damit.

Wer Schuld auf sich geladen hat, braucht eine Zeit, bis er diese wirklich anerkennt, sich ihrer bewusst wird und sie auch annimmt. Das bedeutet allerdings eine Veränderung des Bildes, das man von sich hat. Das Selbstbild hat Schatten bekommen, und damit ist künftig zu leben und ein Einverständnis zu finden. Nicht einfach!

Wunderbar und erlösend ist es indessen, wenn ein Schuldbeladener das Gefühl geschenkt bekommt, trotz allem angenommen zu sein, und sich an ihm das Wort bewahrheitet, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Für mich ist das die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes.

Aber «lassen»? – Ich glaube nicht, dass man Schuld einfach vergessen kann, zu wichtig scheint mir, dass wir lernen, mit der Schuld trotz allem zu leben und das veränderte Selbstbild zu akzeptieren.

Lassen kann man allerdings das ständig Darin-Wühlen, und das ist erstrebenswert.

Von: Kathrin Asper

2. März

Jesus schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Matthäus 27,46

Jesus leidet als Mensch am Kreuz, so ist er uns nahe, wenn Leid uns trifft und es uns schlecht geht. Jesus büsst für die Sünden der Menschheit und er erlebt es so, als hätte er gesündigt. Jesus stirbt als Mensch und Sünder, als einer, den Gott verlassen hat wegen seiner Sünden. Er spricht die Worte aus Psalm 22 aus, in dessen zweitem Teil es heisst: «Gott ist treu, auf seine Hilfe ist Verlass.»

Obwohl er Gott nie durch Sünden ferne war, ist Jesus als Mensch und Sünder gestorben. So gesehen, wird mir verständlich, dass er für unsere Sünden starb.

Jesu Tod öffnet uns die Türe zu Gottes Liebe und Vergebung. Zur Todesstunde Jesu zerreisst der Vorhang im Tempel. Der Vorhang teilte den Raum vom Heiligen zum Allerheiligsten. Im Allerheiligsten befand sich der Gnadenthron Gottes, Symbol der Anwesenheit Gottes.

Jesu Tod eröffnet uns also den Zugang zur Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit.

Dem voraus herrschte drei Stunden lang tiefste Finsternis, dann bebte die Erde und Felsen barsten. Jesus schrie:  

«Es ist vollbracht» (Johannes19,30) und verschied.

Sein Leben und Sterben brachte die Menschen in ein anderes Verhältnis zu Gott, zu einem Gott, der uns nahe ist und den wir direkt als Vater ansprechen können.

Von: Kathrin Asper