Kategorie: Texte

22. Juni

HERR sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile
mich, HERR, denn meine Seele ist sehr erschrocken.

Psalm 6,3.4

Es ist schwierig, aus dem Erschrecken herauszufinden. Manchmal
sind es ja Kleinigkeiten, die uns erschrecken, etwa wenn
etwas in die Brüche geht. Manchmal sind es tiefgehende
Erfahrungen, die nach Heilung rufen. Die Heilung kommt
auch bei intensiven Gebeten nicht sofort. Es ist, als ob Gott,
die Lebendige, sich Zeit liesse. Ist es gerade diese Zeit, in
der ich mir meiner Schwachheit so richtig bewusst werde?
Ist es diese Zeit, die mich zum Nachdenken führt? Denke
ich über die Heilung nach? Ungezählte Menschen, Kinder,
Frauen, Männer als Soldaten brauchen Heilung von ihren
Kriegstraumata. Sie sind zutiefst erschrocken. Lässt sich die
Lebendige da auch Zeit, oder schenkt sie Heilung? Stimmt es,
dass die Zeit Wunden heilt? So einfach scheint mir das nicht.
Bestimmt gibt es Menschen, die Hilfe erfahren in ihrer Situation,
aber das bedeutet nicht, dass sie Heilung erfahren. Mir
ist es wichtig, mir diese Tatsache immer wieder vor Augen
zu führen. Unsere Welt macht uns verletzlich. Und da gibt es
für mich eigentlich nur eines: das Bewusstwerden, wie nötig
Heilung ist. Ich kann die Lebendige darum bitten. Ich kann
für die Menschen beten, für sie eintreten, die Augen nicht
verschliessen, selbst zu erschrecken in meiner Seele.
Sei du den Menschen in den Kriegssituationen ganz nahe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juni

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das ist mein Gebot,
dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Johannes 15,12

Mein Blick wandert über den Bahnhof zum See. Ich blicke
zu den Menschen und mit ihnen in die Weite. Alle, die ich
sehe, sind verschieden, haben ihre je eigene Biografie und
gehen ihren Lebensweg. Die Vielfalt der Menschen gehört zu
unserer Gesellschaft, macht sie reich. Ich atme durch und bin
dankbar für das Leben, meines und dasjenige der Menschen,
die ich sehe. Und doch ist da jene Herausforderung der
Bewertung. Wie rasch bin ich dabei, Menschen zu bewerten.
Ihre Haltung, ihr Gesicht, ihre Ausdrucksweise – ach, so vieles
steht da im Weg. Und es tut mir ja gar nicht gut, was ich
tue. Denn unweigerlich setze ich mich unter Druck. Ich will
selber eben nicht bewertet werden. Jesus hat die Menschen
so genommen, wie sie sind. Er ist ihnen mit einem offenen
Herzen begegnet, hat sich mit ihnen ausgetauscht, ihr Leiden
wahrgenommen. Und er hat gespürt, dass die Menschen
etwas suchen. Zum Beispiel Heilung, Halt, Hoffnung auf ein
gutes Leben. Da sind wieder die Vielfalt und die Weite. Wegschauen
von mir, hin zu den anderen. Ein hoher Anspruch,
aber auch eine Befreiung. Die Weite und die Vielfalt helfen,
mich nicht so ernst zu nehmen, mich ein Stück weit zurückzunehmen.
Dann ist das Leben selbst vielfältig und reich.
Dazu gib uns Kraft und Mut.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juni

Euer Herz sei ungeteilt bei dem HERRN,
unserm Gott.
1. Könige 8,61

In dieser Mahnung steckt ein schönes Bildwort. Ein ungeteiltes
Herz ist ein ganzes Herz. Wenn es ganz bei Gott ist,
funktioniert es richtig. Was das meint, kann man mit einem
trivialen Vergleich besser verstehen. Wer nicht ganz bei der
Sache ist, hat eine geteilte Aufmerksamkeit. Bei Herzensangelegenheiten
hat das unter Umständen fatale Folgen. Das
ungeteilte Herz taucht immer dort auf, wo es um unsere
Person geht und gefragt wird, wer wir sind und zu wem wir
gehören, also um Treu und Glauben und um das, was uns im
Innersten zusammenhält. Das erinnert an das Liebesgebot.
«Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.» (Deuteronomium
6,5) Wenn ich mit mir ehrlich bin – und das
Bolderntext-Schreiben lässt es mich ab und zu versuchen –,
muss ich zugeben: In der Regel bin ich «aufgeteilt» in allerlei,
und es geht vom Hundertsten ins Tausendste. Viel Zeit, um
Gott von ganzem Herzen zu lieben, bleibt da nicht. Anderen
soll es auch so gehen. Darum sind Gebetszeiten so kostbar.
Ein Bruder in Taizé erklärte mir das Wort «Mönch» so:
Das altgriechische «monachós» leitet sich von «mónos» ab.
Man kann es mit «allein» übersetzen. Aber angemessener ist
es, sich ein Herz vorzustellen, das sich danach sehnt, ganz bei
Gott zu sein – oder ganz bei Trost. Ein wenig mönchischer
werden täte mir wohl gut …

Von: Ralph Kunz

19. Juni

Simeon pries Gott und sprach: Meine Augen haben
das Heil gesehen, das du vor den Augen aller Völker
bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und
zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
Lukas 2,28.30–32

Wenn von Gott die Rede ist, gibt es nichts, auf das wir zeigen
könnten und sagen: «Schau, das ist Gott!» Denn Gott ist
unsichtbar. Niemand hat Gott je gesehen. Manche Zeitgenossen
meinen darum, Gott sei ein Nichts oder, schlimmer
noch, ein Nichtsnutz. Simeon widerspricht. Er preist Gott,
weil seine Augen ein Licht zur Erleuchtung der Völker und
ein Zeichen seiner heilsamen Nähe sehen. Er bezeugt Gottes
Wirken und verweist auf die Spur der Geschichte, die mit
Sara und Abraham begonnen hat. Er schaut den Segen, der
von Generation zu Generation weitergetragen wird oder –
ein bisschen körperlicher – der bis zum heutigen Tag von
einem Bauch zum anderen wandert. Der Augenzeuge
Simeon hat das Jesuskind gesehen: Glied in der Kette und
doch Anfang von etwas Neuem, Mensch aus Fleisch und
Blut und doch mehr, als wir mit den Augen erkennen können.
Wenn die Zeugen nach ihm von Gott reden, spüren sie
die Kraft, die ihn durchströmte, die Liebe, die ihn befeuerte,
seinen Segen, der uns aufblühen lässt.
Nein, dieser Segen ist nicht nichts und auch nicht irgendetwas.
Er ist im Du verborgen, von dem wir nichts wissen,
aber dem wir alles anvertrauen.

Von: Ralph Kunz

18. Juni

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass
Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, damit wir
durch ihn leben sollen.
1. Johannes 4,9

In meiner Bibel sind die Verse 7–10 im 1. Johannesbrief 4 wie
Poesie gedruckt. Und wie ein Gedicht oder Lied, wie Musik
lesen sie sich auch. Ich verstehe, auch ohne sie zu verstehen.
Oder ich verstehe nicht, und sie sprechen mich dennoch
an. Ein Liebeslied. Ich horche auf seinen Klang und seine
Resonanz in mir.
7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieben!
Denn die Liebe ist aus Gott; und jeder,
der liebt, ist aus Gott gezeugt, und er erkennt Gott.
8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt,
denn Gott ist Liebe.
9 Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen,
dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat,
damit wir durch ihn leben.
10 Darin besteht die Liebe:
Nicht dass wir Gott geliebt hätten,
sondern dass er uns geliebt
und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.
Gott ist Liebe. Alle Erfahrungen von Liebe haben ihren
Ursprung in Gott. Ohne Liebe macht nichts Sinn. Diese Liebe
ist sichtbar, erfahrbar geworden durch Jesus Christus, den
«einzigen Sohn». Wer es gerne nüchtern hat, halte sich an
die Jahreslosung 2024: «Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.»

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Juni

Von seiner Fülle haben wir alle genommen
Gnade um Gnade.
Johannes 1,16

Jesus bringt die Fülle. Jesus ist die Fülle. Die Fülle, aus der
wir schöpfen. Leben aus der Fülle. Das ist – bei allem Überfluss,
in dem nicht wenige von uns im Westen und Norden
dieser Welt leben – doch eine ungewöhnliche Perspektive.
Denn unsere Gesellschaft fokussiert den Mangel. Überall
wird Mangel erlebt: Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit,
Mangel an Lebensmitteln und Wirtschaftsgütern,
Mangel
an Arbeitsplätzen und Geld. Die vorgebliche Knappheit soll
uns zu Wettbewerb und unermüdlichem Streben nach mehr
antreiben.
Tatsächlich aber führt die Fixierung auf den Mangel und
die Angst davor in Geiz und Neid. Neid macht eng – eng um
die Brust, eng im Leben, eng in den Beziehungen zu anderen.
Ein Dieb kommt, um zu stehlen, sagt Jesus, ich aber bin
gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben
(Johannes 10,10). Martin Luther übersetzt: volle Genüge.
Leben aus der Fülle heisst nicht leben im Überfluss. Sondern
den Blick richten auf die Wirklichkeit der Fülle, die uns
geschenkt ist: die Fülle in Gottes guter Schöpfung, die Fülle
an Möglichkeiten für jedes Leben, die Fülle an Gaben, die
wir täglich erhalten.
Leben aus der Fülle macht dankbar und stärkt in uns das
Vertrauen. Das Vertrauen, dass genug für alle da ist. Dieses
Vertrauen führt in die Solidarität, ins Miteinander, ins Weitergeben.
Vertrauen macht unser Herz weit.

Von: Maria Moser

16. Juni

Jesus sprach zum Volk: Ich bin das Brot des Lebens.
Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und
wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Johannes 6,35

Ende November 2023 – kurz vor dem ersten Advent –
habe ich mir bereits neue Ziele gesetzt: Ich möchte ohne
schlechtes Gewissen auf meine Waage im Badezimmer steigen.
Das ist für mich eine besondere Challenge, denn ich
esse gerne gut. Zudem habe ich mir eine Jahreskarte für
ein Fitnesscenter
gekauft. Ich möchte meine Ziele unbedingt
erreichen. Dabei muss ich lernen, meine Ernährung
flexibel meinem Alltag und gesundheitlichen Bedürfnissen
anzupassen, um Gewicht zu verlieren – mit einem genussvollen
und gesünderen Lebensstil. Die ersten Erfolge sind
schon sichtbar. Ich vertraue auf meine Körperinstinkte und
treffe gesunde Entscheidungen
für mein Wohlbefinden. Ich
ernähre mich jetzt viel bewusster als noch vor einem Jahr.
Eine hochwertige Ernährung gehört zu den Voraussetzungen
für ein gesundes Leben.
Nicht anders verhält es sich, wenn es um geistliche Nahrung
geht. Wenn mein Leben als Christ gelingen soll, müssen die
Voraussetzungen stimmen. Ich achte darauf, was ich in mich
hereinlasse, und ich kann mich von Jesus prägen lassen. Ich
kann mich von seinem Wort ernähren und bekomme, was
ich für mein Leben brauche. Ich greife nach dem Brot des
Lebens, das für mich immer im Sonderangebot bereitsteht.

Von: Carsten Marx

15. Juni

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Masse
der Liebe!
Hosea 10,12

In wenigen Tagen beginnt bei uns im Burgenland wieder die
Getreideernte. Die Bauern sind der Meinung: Inzwischen
findet die Ernte immer früher statt. Die Hitze Ende Mai,
Anfang Juni, gepaart mit Regenperioden – all das beschleunigt
das Wachsen und Reifen. Hinzu kommen dann immer
Dürreperioden und Unwetter. Der Hagel setzt nicht nur dem
Getreide sehr oft ordentlich zu. Was gibt es zu ernten? Wie
viel gibt es zu ernten? Aktuelle Fragen sind das mitten im
Juni bei uns in der Region.
Über das Saatgut habe ich mich vor Jahren mit einem
Bauern
unterhalten. Saatgut unterliegt aufgrund seiner
Bedeutung strengen nationalen und internationalen Regelungen.
Es wird auf die Einhaltung der gesetzlichen Normen
geprüft, behördlich anerkannt und dann zertifiziert und
zugelassen.
Wie streue ich nun Samenkörner der Gerechtigkeit aus?
Kann ich dann auch Gerechtigkeit ernten? Gerechtigkeit
betrifft das menschliche Miteinander. Gott will in meinen
Augen, dass jeder Mensch das bekommt, was zum Leben
nötig ist. Kein Mensch soll leer ausgehen. Hosea agiert hier
als moderner Gewerkschafter. Ich erkenne hier den Appell
zur sozialen Verantwortung. Der Boden muss für die Gerechtigkeit
in der Gesellschaft bereitet werden; ein Akt der Liebe.
So kann durch Liebe auch Friede werden.

Von: Carsten Marx

14. Juni

Einen anderen Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

Mutig ist so eine Aussage. Gerade in Zeiten, in denen zunehmend
Menschen die Institution, die diesen Grund vertritt,
verlassen. Mutig in Zeiten, in denen Begründungen gemeinschaftlichen
Seins zunehmend in unterschiedlichsten Wertesystemen
gesucht werden. Mutig ist es also, wenn man sich
hinstellt und sagt: Genau so ist es! Genau so, wie wir glauben,
dass durch die Inkarnation der göttlichen Menschenliebe in
Jesus Christus unser Umgang miteinander zu gestalten ist.
Der Grund, der gelegt ist, bedeutet nach meinem Verständnis,
dass wir alle Menschen, welch kultureller oder religiöser
Prägung auch immer, als vor Gott gleich behandeln. Gottes
Liebe, der wir uns verschrieben haben, ist somit der Grund
für unseren mitmenschlichen Umgang, einen Umgang, der
keine Barrieren nach Geschlecht, Religion, Kultur oder Ethnie
kennt. Wir alle sind in Gott gleich begründet, gleichwertig.
Die Narrative des Neuen Testaments verweisen uns, ebenso
wie hier Paulus, immer neu auf diese Tatsache. Jesu heilende
Zuwendung zu den Gebrochenen und Verstossenen ist Vorbild
christlicher Gemeinschaft, der Grund, warum diese diakonische
Gemeinschaft schon früh faszinierte. Gerade heute,
wo unsere Gesellschaft eher das Ellenbogenmodell lebt, ist
es zentral, diesen jesuanischen Grund unseres Handelns stets
neu zu entdecken und zu verwirklichen suchen.

Von: Gert Rüppell

13. Juni

Mose sprach: Alles, was ich euch gebiete, das sollt
ihr halten und danach tun. Du sollst nichts dazutun
und nichts davontun.
5. Mose 13,1

Eigentlich ganz einfach, oder? Nach Gottes Anweisungen handeln
reicht, sagt der Text. Es bedarf keiner Zusätze, aber auch
keiner Auslassungen. Aber gerade das Davontun ist es doch,
was uns «unter den Fingern juckt». Denn so manches, was
aus der Liebe Gottes und seinen Regeln folgt, macht das Leben
schwer. Verunmöglicht oft ein Leben gemäss eigenen Vorstellungen,
nach eigenem Geschmack. Der Losungstext findet
sich in den Büchern Mose (der Thora) wieder und wieder.
Mir kommt dazu Jesu Dialog mit dem Pharisäer in den Sinn,
der ihm Katechismusunterricht zu erteilen sucht, als er ihn
nach der Erlangung des ewigen Lebens befragt. Jesus dreht
die Frage, fragt ihn, was in der Thora steht. Da antwortet er
mit einer Parallele zum Losungstext: Du sollst den Herrn, deinen
Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen
Nächsten wie dich selbst. (5. Mose 6,5; Lukas 10,27) Dies ist
für Paulus (Galater 5,14) der gesamte Verhaltenskodex für
das Leben. Eigentlich also doch ganz einfach? Wende dich
den Ausgegrenzten, den durch Krieg und falsche Machtausübung
Verwundeten zu. So wird Gottes Gesetz erfüllt. In ihren
Gesichtern erkennst du dich selbst als Mitgeschöpf. Aus Fremden
wird so ein Teil deines Selbst. Eine schwierige Aufforderung
bleibt er doch, dieser Ratschlag Gottes.

Von: Gert Rüppell