Kategorie: Texte

13. Februar

Wer wird den Tag seines Kommens ertragen können,
und wer wird bestehen, wenn er erscheint?  
Maleachi 3,2

Die Frage Maleachis scheint bedrohlich, aber im Gesamtzusammenhang des Textes wird deutlich, warum die westliche christliche Tradition dieses Prophetenbuch als Abschlusstext des Alten Bundes betrachtet. Es fasst zusammen und kündigt zugleich Kommendes an. Es ist der Bote, der Gesuchte, den der Herr schicken wird und der zugleich die Frage aufwirft, ob man sein Kommen wird ertragen können. Diese Frage hat mit den Themen zu tun, die für Maleachi zentral sind. Es sind die Grundprinzipien des Bundes – Mitmenschlichkeit, Gemeinwohl –, deren Einhaltung gefordert wird und die den Volksgenossen allzu oft unbedeutend sind. Es geht um Segen, Gerechtigkeit und Sorge um die Armen. Wenn diese Bundesgrundlagen missachtet werden, ist Reinigung gefordert, damit eine Begegnung mit dem Engel des Bundes möglich wird. Es geht darum, die Ordnungen Gottes wiederherzustellen und so erneut Segen zu erwirken. So verweist uns der Text auf die messianische Zukunft. Im Heute wirft er die Frage auf, wie angesichts von Ungerechtigkeit, Krieg, Gewalt gegen Frauen und Kinder solidarische Gemeinschaft gelebt werden kann. Wie in jedem Menschen das Ebenbild und der Segen Gottes erkannt und Nächstenliebe praktiziert werden kann. Die Frage also, wie wir angesichts der in unserem Glauben verankerten Werte in der Praxis bestehen können.

Von Gert Rüppell

12. Februar

Lass meinen Mund deines Ruhmes und
deines Preises voll sein täglich.  Psalm 71,8

Gott rühmen, preisen, loben – mit Worten, mit Musik, mit Tanz, in unseren Gottesdiensten, im persönlichen Gebet: eine Selbstverständlichkeit. Oder am Ende doch nicht? Vor dem Gloria steht in der Messliturgie das Kyrie, und das Gloria schlägt selber den Bogen wieder zurück zur Bitte um Erbarmen. Das «Lob pur» gibt es da nicht, und es kommt auch in der Bibel so kaum vor. Die Lobpsalmen gründen Gottes Ruhm auf Erzählungen von dem, was Gott tut oder getan hat; es ist ein Lob mit Grund, ein «Lob, weil…». Manchmal aber gehen dem Lob Erzählungen von Leid und Not voraus, bis dahin, dass jemand trotz solchen Erfahrungen Gott lobt und preist. So ist es dann ein «Lob trotz …».

«Lob pur» ohne die einen oder die anderen Erzählungen wäre Ausdruck einer realitätsfernen Hurra-Theologie, mit der das wirkliche Leben dröhnend übertönt wird, bei einer Opium-Religion. Das rechte Gotteslob ist eingebettet in einen viel weiteren Horizont, in eine Wirklichkeit, die neben Glück und Erfüllung auch Hindernisse, Enttäuschungen, Widerstände und Ängste kennt. Es ist oft Lob «aus der Tiefe», das wir eigentlich gar nicht zu singen vermögen. So erschliesst sich unsere Tageslosung: Wir bitten Gott, selber unseren Mund mit dem Lob zu erfüllen, zu dem wir von uns aus nicht fähig sind – täglich, an guten wie an schlechten Tagen.

Von Andreas Marti

11. Februar

Achtet ernstlich darauf um eures Lebens willen, dass ihr den HERRN, euren Gott, lieb habt.       Josua 23,11

Gott lieben – wie geht das? Sollen wir ihm Liebeserklärungen zurufen oder zusingen, so wie in manchen Worship-Songs? Sollen wir in der Sprache der exklusiven Liebesbeziehung, im Muster des Just You And Me Emotionen ausdrücken und aufheizen? Solche Gefühlsekstasen sind der Bibel eher fremd. Als König David im Überschwang vor der Bundeslade hertanzte, kam das nicht nur gut an. So wie die Liebe zwischen Menschen, egal ob in der Paarbeziehung, in der Familie, in Freundschaften, nicht nur aus Emotionen besteht, so ist es wohl auch mit der Gottesliebe. Liebe heisst, mit dem Gegenüber zu rechnen, sich mit ihm auszutauschen, das Leben mit ihm in Einklang zu bringen, das Gegenüber zu einem Teil des eigenen Lebens zu machen.

Gott lieben heisst, Gott zu einem Teil unseres Lebens zu machen, auch und gerade dann, wenn wir ihn als Geheimnis, als die ganz andere Wirklichkeit jenseits unserer Horizonte wahrnehmen. Die Geschichten in der Bibel, allen voran diejenigen über Jesus von Nazareth, erzählen uns, dass wir damit rechnen dürfen, geliebt zu sein, wie immer wir uns Gott vorstellen mögen – als persönliches Gegenüber, als Kraft hinter allem, was ist, als alles umgreifende Wirklichkeit. Gott lieben heisst, mit dem Geliebtsein zu rechnen. Das ermöglicht ein Leben im Einklang mit dem guten Willen Gottes – Gott lieben um des Lebens willen. Das ist sein Wort, und dieses Wort wollen wir halten.

Von Andreas Marti

10. Februar

Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern  gegeben. Psalm 115,16

Beim obigen Vers macht sich Empörung in mir breit: Was bin ich denn, ein kleines Kind, das im Spielparadies, aber nicht bei den Grossen sein darf? Vor einer grossen Türe, hinter der sich ein grosses Geheimnis verbirgt? Und sich lüften liesse? Ich komme mir auch vor wie ein Kind, das von den Eltern allein auf dem Spielplatz gelassen wird, zusammen mit anderen Kindern, die vielleicht nicht nur nett sind.

Im Psalm selbst hört es sich etwas anders an: Da wird vor allem ein Unterschied gemacht zwischen dem HERRN, den man nicht anfassen kann, und den Götzen aus Silber und Gold, die von den anderen Völkern verehrt werden, obwohl sie doch «Machwerk aus Menschenhand» sind. Vom HERRN im Himmel kommen hingegen Segen und Schutz.

Aber da ist diese Trennlinie: hier Gott – da Mensch. Sie kann bewirken, dass ich mich von Gott losgelöst, abgetrennt fühle. Oder aber sie kann mir meine menschlichen Grenzen aufzeigen: dass ich zum Leben auf der Erde bestimmt bin und meine Wahrnehmung der ganzen Schöpfung, des Woher und Wohin und Wozu, begrenzt ist. Diese Begrenzung zu spüren, kann mich auch demütig machen, demütig und staunend über das Geheimnis des Lebens.

Von Katharina Metzger

9. Februar

Seine Herrschaft wird sein von einem Meer
bis zum andern und bis an die Enden der Erde.                                                                                                 Sacharja 9,10

«Oh, schön», dachte ich, als ich den obigen Vers las, «da wird wieder einmal Gottes Wirken in seiner Schöpfung beschrieben». Ich erinnerte mich an einen Kanon, den ich in der dritten Klasse gelernt hatte: «Ein heller Morgen oh-ho- ne-he Sorgen …» Vielleicht kennen Sie ihn. Er endet    mit: «… des Herren Macht hat Licht gebracht.»
So eindeutig schön ist das Wirken des «Herrn» in diesem Kapitel nun aber nicht beschrieben. Da geht es vielmehr auch um «Herrschaft».

«Immer dieser Herr, immer diese Herrschaft», denke ich. Aber anstatt den «Herrn» zu verbannen und nach alternativen Beschreibungen zu suchen, möchte ich nun versuchen, aus den Bildern, die zum «Herrn» in mir sind, ein grosses Bild mit Worten zu malen. Was sehe ich?

Da geht ein riesiger Mann über die Erde, den einen Fuss hat er auf einer Landmasse, mit dem anderen hat er das angrenzende Meer schon überquert. Er trägt einen weiten, weichen Mantel, der hinter ihm herweht und die Erdteile darunter in Schutz und Dunkelheit hüllt. Vor sich her sendet er das Licht. Er kennt alle Lebewesen, durch die er hindurchgeht. Er hat einen Stab, mit dem er Verlorenes aufspüren und zurück- holen kann. Er hat riesige Hände, die alles umfassen. Wo er geht, wird Schweres leichter und Verhärtetes biegsamer. Er spricht nicht mit Worten. Er ist da.

Von Katharina Metzger

8. Februar

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben,
wozu du berufen bist, und bekannt hast das gute Bekenntnis
vor vielen Zeugen.    1.Timotheus 6,12

Timotheus, Schüler des Paulus, ja eigentlich sein geliebter Ziehsohn, bekommt vom Apostel die wichtige Aufgabe der Gemeindeentwicklung und Gemeindeführung übertragen. Diese Aufgabe war vielleicht die allerschwierigste in der entstehenden Gemeinschaft der von Christus Ergriffenen. Sie hat über viele Generationen hinweg eine Art Idealbild der Gemeinde geprägt.

Es ging dabei nicht bloss darum, Toptheologe zu sein, herausragender Organisationsentwickler oder Modellchrist. Auch Altersweisheit war kein Kriterium, obwohl Timotheus darüber klagt, dass er als zu jung erachtet wurde. Eher ging es darum, die Menschen in der Gemeinde zur ganzen Fülle der Gottesbeziehung zu ermutigen. Und dies gemeinsam und eines Sinnes zu tun: den entstehenden Irrlehren entgegenzusteuern, in der Familie wie auch in der Gemeinschaft der Glaubenden, nach bestem Wissen und Gewissen ein untadeliges Leben zu führen. Und dabei zu ertasten, was das ewige Leben bedeuten könnte: auf dem Weg mit Christus zu sein und seine Gebote zu halten, «bis er kommt». Ewig ist nicht die Gestalt, sondern die Beziehung, das, was wir Liebe nennen, was entsteht, wenn wir uns mit aller Kraft und Hingabe füreinander einsetzen.

Von Reinhild Traitler

7. Februar

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne bewahren in Christus  Jesus. Philipper 4,7

Der Friedensgruss von der Kanzel, der uns zum Ende der Predigt zugesprochen wird, ist mir besonders lieb: Er hebt mich gleichsam über die Sonntagsschwelle in den Alltag. Alle Sorgen bekommen noch einen kleinen Aufschub. Ich darf sie noch eine Nacht liegen lassen, darf noch einmal darüber schlafen, mich noch einmal in den Gottesfrieden kuscheln, ehe dann die «Vernunft» übernimmt.

Das Erste, was meiner Vernunft dann ins Auge fiel, war der Konjunktiv, den mein heimischer Pfarrer in Predigt und Liturgie eisern verwendete: Der Friede Gottes «bewahre» mir Herz und Sinne. Es handelte sich also um eine Bitte um Bewahrung in schwierigen Zeiten. Irgendwie entsprach das meinen Erfahrungen als Primarschülerin in der Nachkriegszeit. Ich konnte diese Bitte nachsprechen. Aber in der neuen Version des Sonntagsgrusses war aus der Bitte eine Gewissheit geworden: «Der Friede Gottes … wird eure Herzen und Sinne bewahren», hiess es da plötzlich im selbstbewussten Futurum. In der neuen Textvariante ist die Bitte des Beters, der Beterin zur Zusage Gottes geworden – das entsprach nicht immer meinen Erfahrungen. Aber oft habe ich gelernt, dass mein Herz und mein Sinn in dem Mass bei Gott sind, mit dem ich mich der Liebe und Durchhilfe von Jesus Christus anvertraue.

Von Reinhild Traitler

6. Februar

Er wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN.                                            Micha 5,3

Vom Messias ist hier die Rede. Aber zuerst eine andere Geschichte: Die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman lebte seit den 1930er-Jahren bis zu ihrem Tod 1966 in einer kleinen Dachwohnung in Zürich. Am 7. Mai 1942 versuchten eine enge Weggefährtin und Susmans Schwester, in die Schweiz zu gelangen. Die Gruppe wurde aufgegriffen. Susman wartete umsonst. Ihre Schwester nahm sich vor Ort das Leben, die anderen wurden ins KZ Theresienstadt deportiert und kamen um.

Und dennoch: Margarete Susman lebte, dort unter dem Dach, stets auf messianische Zukunft hin. Wie Micha. Im Geist der Utopie. Die Katastrophe kann unterbrochen werden. Jeden Moment. Unvermittelt kann der Messias «auftreten», wie Micha in diesem Vers sagt – in der damaligen hoffnungslosen Lage. Dann werden sich Gesetz und Gerechtigkeit durchsetzen, und es wird Friede sein.

In dieser jüdisch-messianischen Tradition war Susman zuhause, für das
20. Jahrhundert prägte sie diese mit ihrem bedeutsamen Werk selber mit. Was sie sagt, ist an uns adressiert: «Die einzige Frage, die von dem himmlischen Richter an eine Seele, die vor ihn tritt, gestellt wird, lautet nach dem Talmud: ‹Hast du gehofft auf das Heil?›»

Wie halten wir Hoffnung aufrecht – wider alle Hoffnung?

Von Matthias Hui

5. Februar

Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.                                                           Galater 4,6–7

Paulus spricht die Galater*innen als Kinder an. Kinder werden gleich geboren, von einer Mutter unter Schmerzen zur Welt gebracht. Vom ersten Moment an kommt jedem kleinen Menschen dieselbe Würde zu. Und im Bild von Paulus haben alle ein und denselben sorgenden Vater.

Kinder kann eigentlich nichts voneinander trennen – keine sprachlichen oder geografischen, keine sozialen oder ökonomischen, keine ethnischen oder religiösen, keine geschlechterbedingten oder körperlichen Barrieren. Bestehende Gräben sind Ausdruck der ungleichen Machtverhältnisse unter Erwachsenen. Kinder, wenn man sie denn lässt, begegnen einander auf Augenhöhe. Sie sind noch nicht Herren und auch keine Knechte – einfach Kinder.

Die Menschen als grosse Kinderschar: Das ist die universale, egalitäre Gemeinschaft, die Paulus vorschwebt. In ihr verwandelt sich der Kampf gegeneinander zum Miteinander, zur Solidarität, zum Fest. Die Galater*innen sollen schon jetzt so in Gemeinschaft leben, dass Ungleichheiten keinen Raum mehr haben. Wie Kinder. Und wir – denselben Geist in unseren Herzen – sollen das auch.

Von Matthia Hui

4. Februar

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.                          3. Mose 19,32

«… Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr.» So lautet der zweite Teil unseres heutigen Verses aus dem Buch Leviticus, in dem es um die zentrale Frage des Glaubens geht: Wie nämlich Gottes Beziehung zu den Menschen konkret werden kann und welche Konsequenzen sie für die Gestaltung der Gesellschaft hat. Immer wieder werden Vorgaben für alltägliche Vorgänge in einen direkten Zusammenhang mit der Gottesverehrung gebracht. «Ich bin der HERR» kommt etliche Male als Einschub im Text vor, so auch hier am Ende des Verses.
Damit wird deutlich, dass die angeordnete Respektbezeugung alten und wichtigen Menschen gegenüber nicht einfach eine Sache des Comment ist, sondern in direktem Zusammenhang mit der überall festzustellenden Gegenwart Gottes zu sehen ist. Wem im Alltag dieser selbstverständliche Respekt fehlt, der wird auch im Lobpreis Gottes und in der Anerkennung seiner unbedingten «Herrschaft» zurückhaltend sein – und damit die Gottesfurcht missachtet haben. Das Aufstehen für ältere Men- schen, im Tram zum Beispiel, wird wohl in den seltensten Fällen in eine Verbindung mit Gottesfurcht gebracht. Aber dieser Bezug ist möglich, weil Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Nächsten (den Mitgliedern der Gesellschaft, eingeschlossen Fremde! Verse 33–34) ein Abbild der Liebe ist, die Gott jeder und jedem zukommen lässt. Ich liebe, weil Gott mich liebt.

Von Hans Strub