Kategorie: Texte

4. Februar

Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.                          3. Mose 19,32

«… Und du sollst dich fürchten vor deinem Gott. Ich bin der Herr.» So lautet der zweite Teil unseres heutigen Verses aus dem Buch Leviticus, in dem es um die zentrale Frage des Glaubens geht: Wie nämlich Gottes Beziehung zu den Menschen konkret werden kann und welche Konsequenzen sie für die Gestaltung der Gesellschaft hat. Immer wieder werden Vorgaben für alltägliche Vorgänge in einen direkten Zusammenhang mit der Gottesverehrung gebracht. «Ich bin der HERR» kommt etliche Male als Einschub im Text vor, so auch hier am Ende des Verses.
Damit wird deutlich, dass die angeordnete Respektbezeugung alten und wichtigen Menschen gegenüber nicht einfach eine Sache des Comment ist, sondern in direktem Zusammenhang mit der überall festzustellenden Gegenwart Gottes zu sehen ist. Wem im Alltag dieser selbstverständliche Respekt fehlt, der wird auch im Lobpreis Gottes und in der Anerkennung seiner unbedingten «Herrschaft» zurückhaltend sein – und damit die Gottesfurcht missachtet haben. Das Aufstehen für ältere Men- schen, im Tram zum Beispiel, wird wohl in den seltensten Fällen in eine Verbindung mit Gottesfurcht gebracht. Aber dieser Bezug ist möglich, weil Liebe und Ehrfurcht gegenüber den Nächsten (den Mitgliedern der Gesellschaft, eingeschlossen Fremde! Verse 33–34) ein Abbild der Liebe ist, die Gott jeder und jedem zukommen lässt. Ich liebe, weil Gott mich liebt.

Von Hans Strub

3. Februar

Hilf uns, Gott, unser Heiland, und sammle  uns, dass wir deinen heiligen Namen preisen.   1. Chronik 16,35

«Dankt dem HERRN, denn er ist gut, ewig währt seine Gnade, und sprecht: Rette uns, Gott unserer Rettung, und sammle uns und rette uns aus den Nationen, damit wir deinen heiligen Namen preisen und uns rühmen, dass wir dich loben dürfen! Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und alles Volk sagte Amen! und pries den HERRN.» (Verse 34–36) Diese hymnischen Verse bilden den Abschluss der grossen Erzählung von der Überführung der Gotteslade nach Jerusalem und der Einladung zu diesem grossen Einzugsfest an alle Angehörigen des jüdischen Volkes, wo immer sie leben. Damit wird die Stadt Davids definitiv zur Hauptstadt des neuen Königreichs unter David.
Etliche Abschnitte dieser «Psalmensymphonie» stammen aus einzelnen Psalmen, der Vers von heute aus Psalm 106,47–48. Es wird für Sammlung gebetet zum «Gott unserer Rettung» (so die Zürcher Übersetzung zum Wort «Heiland»). Die Sammlung hat ein Ziel: dass Gott gepriesen wird, weil er dieses Volk durch Jahrhunderte der schweren Anfeindungen, der Fehltritte, des Exils nun wieder zusammenführt in eine neu strukturierte Gemeinschaft. Dass ihm gedankt wird für diesen einzigartigen Weg. Und dass diese Rettung nicht einfach abgeschlossen ist, sondern weitergeht, über alle Zeit hinweg. Weil Gott das so will, weil Gott die Menschen liebt.

Von Hans Strub

2. Februar

Ich will den HERRN loben allezeit; sein  Lob soll immerdar in meinem Munde sein.      Psalm 34,2

Gott loben. Wer möchte das nicht. Doch «allezeit» ist viel. Und «immerdar» ist lang. Gott loben. Wer möchte das nicht können. Es wenigstens vermehrt versuchen. Dieses Loben–Können lernen. Üben. Damit es auf der Zunge liegt. Vielleicht nicht gerade immerdar. Aber immer öfter.

Was braucht es, damit Sie Gott loben können?

Was müsste sich alles ändern, damit Sie ihn wieder loben könnten?

Muss bei Ihnen das Wetter stimmen, das Essen schmecken, müssen die Blumen blühen und alle Vögel des Himmels gleichzeitig singen, damit Ihr Herz von Lob erfüllt ist – oder darf es ein bisschen weniger sein?

In Psalm 34 wird aus dem Leben erzählt. Mit allen seinen Höhen und Tiefen. Da wird gebetet. Und erhört. Es ist von zerbrochenen Herzen die Rede. Und wie die Nähe Gottes heilt. Die Leiden sind zahlreich. Doch Gott befreit. Aus Not und Ängsten. Wohl dem, der bei ihm Zuflucht sucht.

Ich will! Das ist eine Absichtserklärung. Ganz am Anfang. Ich will Gott loben. So gut es geht. Ich will Gott auch dann vom Ende her loben, wenn es mir gegenwärtig nicht nur gut geht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Februar

Ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige  heilig. Römer 11,16

Ich kann die Zweige nicht ohne die Wurzel denken. Nicht ohne das, was schon immer ist. Nicht ohne das, was bleiben wird. Was vor uns und nach uns dauert, länger als wir. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!» – so steht es geschrieben, einen Atemzug später.

Ich kann die Wurzel nicht ohne den Himmel denken. Die Zweige nicht ohne Luft und Licht. Wohin wir aus dem Dunkel wachsen. Welche Früchte sichtbar werden.

Ich kann die Zweige nicht ohne die Vögel denken. Und die Vögel nicht ohne Gesang. Wie sie auch im Winter singen:
«Alles Leben strömt aus dir! Deiner Hände Werk sind wir.»

Ich kann das Leben nicht ohne das Sterben denken. Dieses Lied nicht ohne die letzte Strophe. Drum singe ich voll Inbrunst mit. Von der Wurzel, die mich trägt. Selbst wenn das Lied zu Ende ist.
«Deiner Gegenwart Gefühl sei mein Engel, der mich leite,
dass mein schwacher Fuss nicht gleite, nicht sich irre von dem Ziel.»
(RG 520,4)

Von Ruth Näf Bernhard

31. Januar

Kehrt zurück, ihr abtrünnigen Kinder, so will ich euch heilen von eurem Ungehorsam. «Siehe, wir kommen zu dir, denn du bist der HERR unser Gott». Jeremia 3,22

Ungehorsam – in vielen Gesellschaften eine Verhaltensweise, die das Zusammenleben der Menschen erschwert. Eine Krankheit, die geheilt werden muss. Ihr Symptom ist es, sich zu verschliessen, nicht zu hören auf das, was andere Menschen uns sagen möchten, was Gott uns sagen will; sich abzutrennen vom Leben in Gott, unfähig, auf das zu hören, was er uns sagen will.

«Ungehorsam» kommt von «nicht hören» und «abtrünnig» von «trennen». Schon zu seiner Zeit klagt der Prophet Jeremia: «Ach, mit wem soll ich noch reden und wem soll ich Zeugnis geben? Dass doch jemand hören wollte. Aber ihr Ohr ist unbeschnitten, sie können’s nicht hören. Siehe, sie halten des Herren Wort für Spott.» (6,10)

Diese bittere Klage richtet sich gegen eine von Müssiggang und Reichtum verwöhnte Oberschicht, die die Zeichen des Angriffs durch fremde Mächte nicht wahrhaben und sich in ihrem lasziven Lebensstil nicht stören lassen will. Die nicht hört auf die Klage der Armen.

Und doch ist da auch die Erinnerung an die Verheissungen Gottes für das Volk. Du bist der HERR, unser Gott. Du wirst uns heilen. Und uns neues Leben schenken.

Hoffnungen stellen sich ein! Hoffnungen auf offene Ohren und Herzen!

Von Reinhild Traitler

30. Januar

Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Markus 8,36

Nicht einmal der Gewinn der ganzen Welt wiegt den Verlust der Seele auf. Oder wie die Zürcher Bibel übersetzt: den Verlust des Lebens. Es ist eine in ihrer Radikalität und in der Ausrichtung auf das Jenseits unzeitgemässe Nachfolge, die Jesus hier verlangt: «Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten.»

Daraus einen Aufruf zum weltabgewandten, allein auf das individuelle Seelenheil ausgerichteten Martyrium abzuleiten, erscheint hingegen als ein Missverständnis. Der Passionsweg, den Jesus geht, ist kein Selbstzweck. Der leidende, mitleidende Gott führt die Gewalt, welche die Welt im Griff hat, in die Sackgasse. Gott stellt sich derart bedingungslos an die Seite der Opfer, dass er selbst zum Opfer wird. Die Frage, ob diese Nachfolge politisch sei, ist somit genauso rhetorisch wie die Frage Jesu nach der beschädigten Seele.
«Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.» Die als letzte Worte von Dietrich Bonhoeffer überlieferten Sätze klingen wie ein Echo auf die auf die heutige Losung. Der Theologe ergab sich Gott ganz und schöpfte daraus die Kraft zum Kampf gegen ein lebensfeindliches System. Als Nachfolger Jesu leistete er Widerstand «um des Evangeliums willen».

Von Felix Reich

29. Januar

Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel  seid und der Geist Gottes in euch wohnt?        1. Korinther 3,16

Auch nach seiner Bekehrung nahm Paulus am Leben im Jerusalemer Tempel teil, und es war für ihn gewiss ein Schock, dass er dort als Abtrünniger und Aufrührer verhaftet wurde (Apostelgeschichte 21,20–40). Die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahr 70 erlebte Paulus nicht mehr. Er nimmt sie aber hier in seinem Brief an die christliche Gemeinde von Korinth sozusagen vorweg: Der Tempel hat «ausgedient», der Ort des Gottesdienstes ist neu die Gemeinschaft jener, die in der Nachfolge Jesu leben wollen – in Korinth, in Ephesus, in Rom …

In St. Gallen oder Sankt Pantaleon, in St. Etienne, Santiago, San Francisco … können wir hinzufügen. Die Gemeinde Christi ist weltumspannend, überall. In Metropolen und in abgelegenen Nestern kommen Menschen zusammen, um Gottesdienst zu halten und ihr Leben zu teilen. Eine erstaunliche Tatsache, und doch denke ich kaum je daran. Ich denke nicht an die Gemeinden in Peking, Accra, Seoul, Khartum; nicht an jene, die wachsen, nicht an jene, die leiden. Aber manchmal rege ich mich auf über «rückständige» Gebote in Afrika oder über den Fundamentalismus in Amerika. Besser wäre doch, dafür zu beten, dass der Geist Gottes weltweit in unseren Gemeinden und auch bei mir seine Wohnung findet und Verständigung und Versöhnung zu bewirken vermag.

Von Käthi Koenig

28. Januar

Sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.           Psalm 62,6

Warten, einfach nur warten. Ganz still, ohne jeden Aktivismus – können Sie das eigentlich noch? Mir fällt es zunehmend schwer. Einfach auf eine Sache konzentriert sein, darauf warten und nicht alles andere noch in der Zwischenzeit bearbeiten. Schnell noch ein paar Mails beantworten in der Zwischenzeit, weil ich ja so wichtig bin. Schnell noch eine Neuigkeit im Internet lesen in der Zwischenzeit, damit ich informiert bin und meine Meinung zu allem äussern kann. Schnell noch in Kontakt treten, um die Zwischenzeit auch richtig zu nutzen, nicht einfach so verstreichen zu lassen. Und manchmal vergesse ich über dem ganzen Aktionismus, worauf ich eigentlich gewartet habe. Na ja, dann kann es auch nicht so wichtig gewesen sein.

«Sei nur stille zu Gott, meine Seele, denn er ist meine Hoffnung.» Es ist eine Grundsatzerklärung, die der/die Beter*in des Psalms hier formuliert. Hilfe kommt allein von Gott. Da ist nichts dran zu rütteln und auch nichts zu beschleunigen. Das kann man auch nicht herbeireden oder online bestellen. Stille Zuwendung und geduldiges Warten – Harren – ist angesagt, aber ohne Worte. Und das ist kein Vorwand zur Selbstoptimierung durch Achtsamkeit und Meditation – Schweigen, um danach besser reden zu können, sondern es ist eine Lebenseinstellung:

Es ist ein Warten auf Gott. Advent Ende Januar. Ich könnte es mal versuchen.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Januar

Jesus Christus gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit.       

Hebräer 13,8

Ewigkeit – was ist heute denn noch auf Ewigkeit hin angelegt? Nichts! Denn alles, was heute ist, ist morgen schon wieder überholt, also von gestern. Morgen gibt es Neues, Besseres, Schnelleres und Grösseres.
Wir sind auf Wachstum angelegt und in Wachstum steckt Veränderung.
Nichts bleibt, wie es war!
Und eigentlich wird alles schneller. Das Wachstum und die Veränderung. Sie reissen mit, ob man will oder nicht. Gestern und Morgen haben manchmal schon keine Verbindung mehr. Das Morgen hat das Gestern längst abgehängt.
Wie eine Bremse kommen da die abschliessenden Mahnungen des Hebräerbriefes daher. «Bleibt fest in der brüderlichen Liebe.» (13,1) Vergesst nicht, gastfrei, züchtig und freigiebig zu sein!
Es gibt einen roten Faden, eine Verbindung unter euch und zwischen euch und Gott. Eine Verbindung auch durch die Zeit hindurch!
Ein Rufen gegen den Wind der Veränderung?
Ein Anschreiben gegen das Abhängen?
Vielleicht.
Vielleicht aber auch die einzige Möglichkeit, zu bleiben – in Zeit und Ewigkeit,
in Verbindung mit Gott und mit sich selbst.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Januar

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und  Wahrheit. Johannes 1,14

Ein Weihnachtswort Ende Januar? Ist die Botschaft des Christfestes noch in uns spürbar – einen Monat später?
Wir Theologen und Theologinnen haben es mehr mit dem Wort, dem Geist, als mit dem Fleisch, der Materie. Manchmal etwas weltfremd – so jedenfalls ein gängiges Vorurteil. In der «Welt» ist es oft umgekehrt. Alle Aufmerksamkeit liegt auf den materiellen Dingen: Kaufen und Besitzen, Haben und Gelten.

Gottes Menschwerden bringt diese beiden Welten zusammen.

Wie am Anfang der Welt, als Gott der Materie seinen Atem einhauchte, verwandelt er in einem verletzlichen, schutzlosen Kind menschliches Leben in göttliche Wahrheit. In unserer vergänglichen und begrenzten Mitte zeigt sich Gott, wie er wirklich ist.

Kann ich es glauben?

Kann ich es für mich annehmen?

Gott mitten unter uns – verletzlich, kindlich und wie ich …

Von Barbara Heyse-Schaefer