Kategorie: Texte

25. Januar

Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn,
sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen  
durch
unsern Herrn Jesus Christus.         
1. Thessalonicher 5,9

Ein winziges Virus veranlasste weltweit
Staaten dazu, Notrecht zu verordnen,
unter Androhung von harten Strafen.
Denn wenn zu viele erkranken,
funktionieren Wirtschaft, Politik, Bildung
und Kultur nicht mehr,
werden die Spitäler überlastet,
kommen Krematorien an den Anschlag.
Volkswirtschaftlich, nüchtern und sachlich
ist das alles korrekt und es ist sinnvoll,
die Coronaregeln zu beachten. Und doch stockt mir der Atem,
so lieblos zornig sind die Argumente.
Wir könnten das Gute ja auch tun
– nicht nur in der Pandemie –,
weil es uns glücklich macht.
In der Bergpredigt hat Jesus
die Wege zum Glück – zur Seligkeit –
bildreich aufgezeigt. So radikal liebevoll,
dass einem der Atem stocken könnte.
Wir befolgen die Coranaregeln doch,
weil wir uns und andere schützen und
weil wir möglichst glücklich leben wollen.

Von Heidi Berner

24. Januar

Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Psalm 139,1–2

Es gibt Orte, da leuchtet die Nacht
wie der Tag: Lichtverschmutzung.
Die Nacht ist biologisch wichtig.
Sie gibt den Nachtaktiven Schutz
und lässt die Tagaktiven schlafen.
Wenn immer alles hell erleuchtet ist,
sind etliche Tiere völlig verstört.
Wir Menschen sind gemeinhin tagaktiv
und dankbar für die Dunkelheit,
um nachts zur Ruhe zu kommen.
Was also ist davon zu halten, wenn
die Nacht wie der Tag leuchten soll?
Vielleicht geht es hier gar nicht um
Tageszeiten und die natürliche Abfolge
von Tag und Nacht, hell und dunkel.
Vielleicht bedeutet es, dass wir nicht
resignieren, uns nicht ins Dunkel wünschen
sollen, wenn es uns nicht gut geht,
sondern dass wir darauf zählen dürfen,
dass wir auch in unseren dunklen Stunden
begleitet sind von einer lichten Lebenskraft.

Von Heidi Berner

23. Januar

Ich will dem HERRN singen mein Leben lang
und meinen Gott loben, solange ich bin.       

Psalm 104,33

Der Lobgesang auf den Schöpfer mündet in ein Gelübde des Geschöpfs, lebenslänglich Gott zu ehren. Es sieht darin – modern gesagt – den Sinn seines Lebens. Der Sänger nimmt seinen Mund ganz schön voll. Was treibt ihn dazu? Erhofft er sich eine Karriere als religiöser Schlagersänger? Ist es eine Pflicht, die er zu erfüllen hat?
Nichts von alledem! Für den Dichter ist die Antwort Teil des Gedichts.
«Möge ihm mein Dichten gefallen. Ich will mich freuen am Herrn.» (Vers 34)
Gott loben ist eine Herzensangelegenheit; der Mund ist voll, weil das Herz überfliesst. Man fragt sich: Ist der Sänger nicht zu überschwänglich? Er verzichtet auf jede Dissonanz. Im Psalter gibt es genug Beispiele dafür, dass auch das Leiden an Gott und der Welt eine Herzensangelegenheit ist, die  im Lied ihren Ausdruck findet. Dieses Lied hier antwortet aber auf das Lied, das der erste Dichter erfunden hat. Der Philosoph Hartmut Rosa fände hier das perfekte Beispiel für eine «vertikale Resonanz». Es schwingt, singt und klingt aus diesem Psalm der Überschwang der Freude, ein Lied, das die Geistkraft am Anfang der Schöpfung angestimmt hat. Sie hat Freude an ihrem Werk. Also hat ihr Geschöpf Freude an ihr.
Könnte es sein, dass der Sinn der Schöpfung darin liegt, jetzt schon auf den Klang der Freude zu lauschen, der am Ende aller Tage allen Missklang übertönt? Wie fragte der Berner Sänger Kurt Marti so schön: «ich hörte klang – ist klang der sinn?»

Von Ralph Kunz

22. Januar

Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift,  wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.     Jesaja 9,4

Diese Worte des Propheten – gesättigt mit der Erfahrung unermesslichen Leids und nach Gerechtigkeit hungernd – sind Worte in Gottes Ohr und zugleich Worte aus seinem Mund! Sie verheissen das Ende der Gewalt, eine glückliche Wende. Wer wird sie herbeiführen? Es folgt eine Weissagung, die offenbar schon erfüllt ist: «Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heisst Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.»
Gemäss jüdischer Tradition war mit dem Sar-Schalom (Prinz des Friedens) der gerechte israelische König Hiskija gemeint, der in den Jahren von 727 bis 698 v. Chr. über Juda herrschte. Allerdings dauerte Hiskijas Friedensreich nicht «von nun an bis in Ewigkeit» (Jesaja 9,6). In der christlichen Auslegung ist der Friedefürst ein Hoheitstitel für Jesus von Nazareth. Der christliche Glaube zehrt, wenn man so will, vom Verheissungsüberschuss Israels. Mit welchem Recht? Ist mit Jesus das Friedensreich gekommen? Müssig, so zu fragen … Der Überschuss ist geblieben – ein Anlass, IHM, auf den wir hoffen, unser Ohr zu leihen und seinem Wort nachzuleben: «Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.» (Matthäus 5,9)

Von Ralph Kunz

21. Januar

HERR, du bist doch unser Vater!
Wir sind Ton, du bist unser Töpfer,
und wir alle sind deiner Hände Werk.   

Jesaja 64,7

Der Tempel ist zerstört, die Israeliten klagen, sehen aber doch einen Ausweg, die Beziehung zu Gott wieder ganz herzustellen: «Du bist doch unser Vater.» Dieses Wissen schenkt Kraft und stärkt das Vertrauen. Das Bild des Töpfers veranschaulicht dies. Aber wollen wir denn eine weiche Masse sein, die Gott formt? Wollen wir nicht eher frei sein und unser Leben autonom gestalten? Ich bin dankbar für dieses Bild, denn es zeigt mir, dass nicht alles in meinem Leben von selber formbar ist. Da sind die Erfahrungen im Zusammenleben mit den Menschen, da ist mein Zugang zum Leben, da ist das, was einfach ohne mein Dazutun geschieht.
Im Leben der Israeliten gibt es diejenigen, die Gott dienen, und solche, die sich als Feinde Gottes positionieren. Der Prophet sagt uns, dass Gott selber entscheidet. Aber ich bin überzeugt, dass Gott nicht einfach entscheidet, wen er formt. Er gibt uns Chancen, und zwar viele! Und er verzeiht und formt weiter. Und so bin ich nicht nur eine Masse des Töpfers, sondern eine von Gott geliebte Frau mit Fehlern und mit vielen Chancen. Das Hoffen auf Chancen stärkt, stärkt auch für das Handeln in dieser Welt, die so oft leidet am Mangel an Vertrauen in Gottes Mit-uns-Sein.

Danke für alle Chancen und danke für deine  Vergebung.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Januar

Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.    Psalm 19,2

Jetzt sind die Tage schon wieder spürbar länger. Und wenn die Sonne scheint, dann sehen wir ihren Lauf am Himmel. Der Himmel erzählt von der Erschaffung der Schöpfung, und die Sonne führt die Aufsicht über die Welt auf ihrer täglichen Bahn. Der Psalm als ganzer lädt dazu ein, sich auf die Schöpfung und mit ihr auf die Herrlichkeit Gottes einz lassen.
Letzthin hat mir ein Bekannter gesagt, wie sehr es ihn beelendet, dass wir täglich nur mit schlechten Nachrichten konfrontiert sind in den Zeitungen, am Radio, bei der Tagesschau. Und ich füge heute hinzu, ja, es geht mir auch so, und die Herrlichkeit der Schöpfung und die Herrlichkeit Gottes muss ich in meinem Herzen finden.

War das nicht immer schon so? An wen richtet sich der Psalm? An mich und an jede und jeden von uns. Die Himmel und die Sonne, das Wort der Lebendigen, sie sollen ebenso bestimmend sein für mich wie der Lärm um mich herum. An mir ist es, dies wahrzunehmen, der Sonne zuzuschauen, den Himmel in seiner Grenzenlosigkeit zu betrachten und wenigstens für ein paar Momente die Stille und die Ruhe einkehren zu lassen. Denn:
«Ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht tut es der andern kund, ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme.» (Psalm 19,3)

Von Madeleine Strub-Jaccoud

19. Januar

Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich
über eines andern Unglück freut,
wird nicht ungestraft bleiben.                       
Sprüche 17,5

Viele kluge Sprüche auf trendigen Abreisskalendern mit süssen Katzen im Vordergrund oder orangen Sonnenuntergängen im Hintergrund sind harmloser. Bei diesem Spruch wird schon beim ersten Lesen klar, ob ich arm oder reich bin.
Fulbert Steffensky ist selbst nicht arm, aber er weiss im Herzen, was es bedeutet. Er beschreibt Armut drastisch: «Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr einbringt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Der Arbeitslose, den die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben hat – er ist nicht fromm, aber arm. Die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen – sie sind nicht gut, sie sind arm. Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein.»

Wer also erkennt, dass er nicht an Armut leidet, ist reich genug, um gütig zu sein. Wer weiss, dass er von allem Notwendigen viel hat, ist reich genug, um fromm zu sein.

Frömmigkeit ist etwas aus der Mode gekommen. Auf Zeitgenössisch übersetzt kann man sagen: Ein solcher Mensch ist reich genug, um aus seiner individuellen Spiritualität heraus aktiv zu werden, soziale Ungerechtigkeit nicht länger hinzunehmen, nahe oder ferne Not nicht länger zu ignorieren, den Schöpfer aller Menschen unter anderem auch twintend zu loben oder klassisch, mit Münz und Schein.

Von Dörte Gebhard

18. Januar

Die Schafe folgen dem Hirten nach;
denn sie kennen seine Stimme.    
Johannes 10,4

Worte gibt es, die hört man nur in der Kirche. Sonst gar nicht (mehr), nirgends. Wer «Nächstenliebe» mittwochs sagt und nicht nur sonntags hört, hat sich schon fast als Teilnehmerin an einem Bibelgesprächskreis geoutet. Oder gibt es noch jemanden, der die Steuerbehörde per Mail bittet, «Barmherzigkeit» walten zu lassen? Früher machten wir Spässe untereinander und sagten etwa bei der schlichten Bitte, die Milch herüberzureichen: «Würdest du bitte das Mass deiner Güte vollmachen und mir die Flasche da hinten geben?» Auch von ernstgemeinter «Gnade» liest man selten auf Social Media; bei diesem Wort tönt fast immer Glockenklang im Hintergrund. Übereifrige Modernisierer wollen der Kirche diese bewährten Worte abgewöhnen und finden, alles muss irgendwie heutzutagiger klingen.

Mir tut es gut, in der Gemeinde Jesu unverwechselbare, übrigens sagenhaft schöne Worte zu vernehmen, die mich im Bruchteil einer Sekunde erkennen lassen mit Ohr und Herz, wo ich bin. «Freuet euch!» – Da folge ich von Herzen gern, weil ich im Geiste vor mir sehe, wie viele Generationen vor mir versuchten, sich dieser Herausforderung zu stellen. Freude kann man nicht befehlen, aber man kann – in einer grösseren oder kleineren Herde – fröhlich der vertrauten Tonlage des Hirten folgen. An dieser Vertrautheit gedeiht Hoffnung über den Moment hinaus. So kann Freude fröhlich alt werden.

Dörte Gebhard

17. Januar

Der HERR ist der wahrhaftige Gott, der lebendige Gott,
der ewige König.
Jeremia 10,10

«Hauskreis» finde ich ein staubiges Wort. Das hinkt schon beim Lesen. Gegen den Inhalt habe ich gar nichts, aber den Namen sollten wir überdenken, finde ich.

In so einer Runde können sich Menschen gegenseitig ermuntern und bestärken. Mit Liedern und Psalmen, wunderbar. Singen und den HERRN in unseren Herzen wohnen lassen, schön!

Wenn  ich den Gesang am Sonntag in der Kirche (hin-ter der Maske) versuche zu kategorisieren, dann entlockt es mir höchstens ein «peinlich». Wir können vielfach die Melodien nicht wirklich, und es klingt einfach nicht würdig. Eigentlich schade. Sehr schade. Die kirchlichen Lieder haben eine berührende Wirkung für unsere Herzen, wenn sie denn eben klingen.

Wir müssen diese Tradition üben und pflegen, weil sie unseren Herzen und so auch dem HERRN guttut. Wie stellen wir das aber an? Vielleicht mit einigen Menschen, die Freude am Singen der traditionellen Kirchenlieder haben? Oder in einem «Hauskreis»? Mit Psalmen und Lobgesängen? Ich finde es gut, wenn wir uns dazu ermuntern können, gegenseitig offen zu sein und es einfach zu versuchen, weil wir in Christus alle verbunden sind und alle (s)eins. Aber das ist jetzt ein anderer Vers.
Seien Sie mutig!      
Amen

Von Markus Bürki

16. Januar

Fraget nach dem HERRN und nach seiner Macht, suchet sein Antlitz allezeit!      Psalm 105,4

Der evangelische Theologiekurs bringt mir jede Woche neue Zusammenhänge und Vernetzungen in meine bisherigen Vorstellungen und Ansichten. Manchmal bin ich verblüfft, wie unwissend ich doch bin, und manchmal erhalte ich ein weiteres Puzzleteil für meinen theologischen Rucksack. Ich füge also immer wieder zusammen und ergänze. Das macht mir sehr grossen Spass und ich bin einfach nur glücklich, das tun zu dürfen.

Und der Psalm 105,4? Was hat der damit zu tun?

Eine ganze Menge, finde ich. Fragen und suchen stehen als Verben im Text, eine gute Wahl, um tiefer zu gehen und um Verstehen überhaupt zu ermöglichen. «Sein Antlitz» wird in einer anderen Bibelübersetzung als «seine Nähe» umschrieben. Nahe bei der Macht Gottes sein, nahe beim HERRN sein, im Austausch, beim Erkunden und Erforschen und in gegenseitigem Wachstum. Gott ist die Liebe und je mehr ich davon erfahre, umso liebender werde ich hoffentlich werden, für diese Welt und mich selber und meine Mitmenschen. Allezeit sollen wir das tun! Jetzt, beim Lesen dieses Textes, und danach und immer weiter, bis …

Legen Sie den Text beiseite und fragen Sie jetzt nach dem HERRN und suchen Sie sein Antlitz!

Amen!

Von Markus Bürki