Kategorie: Texte

15. Januar

Er ist um unsrer Missetat willen verwundet
und um unsrer Sünde willen zerschlagen.      
Jesaja 53,5

Der Prophet, den wir unter der Bezeichnung Deuterojesaja kennen, zeugt in vier «Liedern» von einem geheimnisvollen «Gottesknecht». Wer ist damit gemeint? Die Erklärungen sind vielfältig, sie spiegeln Situationen, in die hinein diese Texte sprechen sollen. Kyros, der Perserkönig, könnte es sein, meinen die einen. Oder Zion, die zerstörte und gedemütigte Gottesstadt? Ist es vielleicht sogar der Prophet selber, der an der Last seiner Aufgabe zu zerbrechen droht? Dann, viel später, wird manchen klar: Der Gottesknecht, das ist Jesus, der unschuldig leidende Schmerzensmann.

Das Bild eines Wehrlosen, Verachteten, das Opfer eigen-üchtiger und uneinsichtiger Menschen, ich greife es auf als Bild für unsere Zeit. Darf ich das? Darf ich im leidenden Opfer unsere Erde erkennen, die Schöpfung, all das, was bedroht ist durch die Rücksichtslosigkeit der Menschen? Die Meere, die Luft, die Pflanzen, die Tiere – und unsere Missetat an ihnen. Wir sind alle beteiligt, niemand kann sich entziehen. Ich denke an das andere Bild aus dem Gottesknechtlied, auch es erscheint wieder im Neuen Testament: das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird.

Gewiss, die Eingriffe in die Natur erleichtern uns das Leben. Aber geheilt werden wir nicht. Wir nicht und die Welt um uns nicht. Dazu braucht es Einsicht in die Würde und Verletzlichkeit der Schöpfung, es braucht unsere Demut und unsere Liebe.

Von Käthi Koenig

14. Januar

Die HERR hat Grosses an uns getan,
des sind wir fröhlich.   
Psalm 126,3

Grosses! Glorios tönt das – die Fülle des Lebens als Gottes Geschenk. Ja!

Ja, aber: Denn da ist nicht einfach Freude. Da ist ein Vorher: im Psalm die Verbannung Israels, die lange Zeit des Heimwehs und der Sehnsucht, des Fragens nach dem Warum und der bitteren Reue. Bei uns, beim Einzelnen: Krankheit, Feindschaft, Verlust. Schicksalsschläge.

Aber dann: die Wende, die Umkehr, der Ausweg. Im Psalm die Heimkehr des Volks. Bei uns Heilung Versöhnung, neuer Sinn. Freude.

Es gibt Momente, da glaubt man: Nie werde ich darüber hinwegkommen. Nie wieder werde ich vertrauen können, nie den Groll überwinden. Nie mehr werde ich unbeschwert leben – mit dieser Schuld. Nie mehr fröhlich sein.

«Der HERR hat Grosses an uns getan. Des sind wir fröhlich.» Ist vielleicht das das Grosse: dass wir wieder fröhlich sein können? Dass der Schmerz und die Last und die Schuld nicht alles auszufüllen vermögen? Dass Gott wieder Freude schenkt und dass er unser Geschick wendet? Hin zu einem Punkt, von dem aus eine andere Sichtweise möglich wird: Wo ich eine verborgene Frucht wahrnehme, die gewachsen ist im Lande des Elends.

«Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.»

Ist es das, was Gott aus den Samen wachsen lässt: Glaube. Liebe. Hoffnung?

Von Käthi Koenig

13. Januar 2022

Die dein Heil lieben, lass allewege  sagen:
Hochgelobt sei Gott. Psalm 70,5

Wer betet noch jeden Tag Luthers Morgen- und Abendsegen? Leserinnen und Lesern der Bolderntexte ist die Disziplin vertraut, sich täglich einem Vers der Bibel auszusetzen und sich von ihm inspirieren zu lassen – ein Moment des Tages für die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes in einer Welt, für die Unterscheidung zwischen den anspruchsvollen Geis- tern, die unser Leben bestimmen wollen, und dem das Leben schenkenden Geist Gottes.

Wenn Krankheit, Ungerechtigkeit oder Hass das Leben schwer machen und Depressionen drohen, kann es helfen, sich jeden Morgen und jeden Abend einen kurzen Augen- blick Zeit zu nehmen: Hochgelobt sei Gott! Wofür will ich dich, wofür kann ich dich heute loben, Gott? Mitten in der Dunkelheit der Welt mag dann der Stern Gottes aufleuchten und die Gewissheit geben, dass Gott diese Welt und uns niemals sich selbst überlässt.

Wo sind die Spuren deiner Gegenwart heute, Gott des Lebens?

Ich danke dir. Ich lobe dich.

Amen

Von Barbara und Martin Robra

12. Januar 2022

Der HERR ist der wahrhaftige Gott, der lebendige Gott, der ewige König.     Jeremia 10,10

Wahrhaftig, lebendig, ewig – so ist der Gott Israels. Und wir – geschaffen nach Gottes Bild? Wahrhaftig, lebendig, ewig – gilt das auch von Gottes Geschöpfen? Lebendig wohl; ewig wohl nicht. Das Leben ist allen Geschöpfen gegeben, aber es währt nicht ewig. Ewiges Leben in der Überwindung des Todes bleibt Geschenk Gottes.

Diesen Aussagen stimmen alle in unserer Familie zu. Inwieweit aber Geschöpfe Gottes wahrhaftig sind, das ist umstritten. Bei Pferden und Menschen sind wir uns einig: Pferde sind klar in ihrem Verhalten, solange sie nicht von Menschen verrückt gemacht werden. Deshalb kann man auch viel von ihnen über das Zusammenleben lernen. Können wir also Pferde wahrhaftig nennen, Menschen dagegen nicht? Und andere Tiere? Was sind eure Erfahrungen – mit Hunden und Katzen zum Beispiel?

Darüber haben wohl auch die Engel diskutiert, die Gott nach dem Talmud bei der Erschaffung der Menschen berieten. Einige warnten Gott vor diesem Schritt. Menschen würden nicht wahrhaftig sein und könnten nicht in Frieden leben. Hatten sie recht, oder geht das Experiment Mensch doch besser aus?

Es liegt an uns.

Von Barbara und Martin Robra

11. Januar 2022

Wo Träume sich mehren und Nichtigkeiten
und viele Worte, da fürchte Gott!     Prediger 5,6

Das Predigerbuch (hebräisch Kohelet) beleuchtet kritisch und grundsätzlich die Situation der Menschen und ihr Verhalten, gerade auch in religiösen Dingen. Da wird zu viel «gemacht» (Opferdarbringung) und zu viel geredet (Gebete!), sagt er. Und wo das Oberhand hat, bleibt zu wenig oder gar kein Raum für das Entscheidende, das Hören. Die Gottesfurcht, die sich einstellen kann in der Ruhe, in der Achtsamkeit, in der Stille. Beim Reden und Handeln oder gar Träumen riskiert man, die Realität zu verlieren. Und merkt dabei nicht, wie alles andere «Nichtigkeit» ist – ein Wort, das im Predigerbuch immer wieder vorkommt und sehr klar zusammenfasst, worum es geht: dass die Menschen Gott in ihrem Leben, auch im Alltagsleben, Platz geben.

Auf Gott hören, auf Gottes Resonanz im grossen Raum der Welt oder im kleinen Raum meines täglichen Umfeldes. Beide Räume durchhallt Gottes Klang. Ein feiner Ton, ein leiser Hauch, ein Wort. Gott lässt sich erfahren in seiner/ihrer ganzen Grösse und Weite als liebende Kraft, die vergibt und schützt (Vers 5b). Gott gibt sich dem hörbereiten Menschen zu erkennen. Darum sei es wichtig, wird hier gesagt, sein Reden und Handeln immer wieder kritisch zu prüfen, ob es denn diesen Resonanzraum befördert oder ihn beschneidet. Oder aber Gottes Stimme durch eigene Laute übertönt. Das meint er mit dem missverständlichen Wort der Gottesfurcht.

Von: Hans Strub

10. Januar 2022

Wer kann merken, wie oft er fehlet?
Verzeihe mir die verborgenen Sünden!  
Psalm 19,13

Etwas, was dem Psalmsänger sehr wichtig ist, scheint gefährdet durch «vermessene Menschen» (Vers 14). Vor ihnen sucht er Schutz beim Schöpfergott. Diesen lobt er in einer langen Einleitung (Verse 1–7 und 8–13), die er möglicherweise aus schon bekannten Liedern zitiert. Das grosse Schöpferlob einerseits, das täglich vom Himmel erzählt und gesungen und von der Sonne unablässig um die ganze Erde herum verbreitet wird, und das tiefe Vertrauen in Gottes Wort, das in geschriebener Form überliefert ist, schaffen den Boden für seine Bitte und seine Hoffnung, dass er verschont werden möge von der Bedrohung, die über ihm schwebt. Er bezeichnet sich als «Diener» mit Verfehlungen gegenüber der Thora, die ihm vielleicht angerechnet werden könnten … Aber wer ist schon ohne Fehler, fragt er. Wer ist denn in der Lage, gegenüber dieser alle Vorstellungen übersteigenden Kraft Gottes fehlerlos zu bleiben – es ist ja gar nicht möglich, den kostbaren Gottesgesetzen zu entsprechen! Worauf er vertraut, ist das Gebet (Vers 15). Im Gebet anerkennt er seine Fehlerhaftigkeit, auch seine «verborgenen Sünden», und anerkennt so gleichzeitig die Grösse Gottes und seine Möglichkeit, ihn vor der Bedrohung zu retten. Im Gebet zeigt er sich als «Diener», nicht unterwürfig, sondern einsichtig, nicht kleinlaut, sondern demütig, nicht schuldbewusst, sondern erlösungsbereit. Das ist seine Form, um Verzeihung zu bitten und sie zu erhoffen.

Von Hans Strub

9. Januar 2022

Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort,
das wir hören, damit wir nicht am Ziel  vorbeitreiben.

Hebräer 2,1

Der Hebräerbrief verwendet mancherorts nautische Metaphorik. Im heutigen Lehrtext etwa bezieht sich «am Ziel vorbeitreiben» auf das Bild des vom Kurs abdriftenden Schiffs, und das griechische Wort, das hier mit «achten auf» übersetzt ist, kann den Sinn haben «ein Schiff in den Hafen bringen».

Es geht, könnte man meinen, um Sicherheit. Doch der Neutestamentler Herbert Braun (1903–1991) sieht das anders. Es gehe, sagt er, um Unruhe. Wer «auf das Wort achtet», dem kommen Gewohnheiten, Gewissheiten abhanden.

Um diese «Entsicherung» bittet eine philippinische Basisgruppe mit den folgenden Worten: «Mache  uns unruhig
… wenn wir uns im sicheren Hafen bereits am Ziel wähnen, weil wir allzu dicht am Ufer entlang  segelten.»

Die Gefahr, das Ziel zu verfehlen, geht nicht vom stürmischen Meer, sondern vom sicheren Hafen aus. Es entspricht der Kernbotschaft des Hebräerbriefs («Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.» 13,14), wenn es im Gebet weiter heisst: «Mache uns unruhig, wenn wir, verliebt in diese Erdenzeit, aufgehört haben, von der Ewigkeit zu träumen.»

Von Andreas Fischer

8. Januar 2022

Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen,
was man hofft, und ein Nichtzweifeln
an dem,  was man nicht sieht.          
Hebräer 11,1

Dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten sei, wie der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) einst in seinem Mémorial schrieb, das gilt nicht für den heutigen Lehrtext. Es gilt umso weniger, wenn man diesen sachlicher, weniger subjektiv und näher am griechischen Original übersetzt:

«Glaube ist Verwirklichung von Erhofftem, Beweis für Dinge, die man nicht sieht.»

Das klingt tatsächlich «philosophisch und gelehrt». Da tauchen – mancherorts als bibelfremd bezeichnete – platonische Denkformen auf: Diese Welt sei nur Abschattung jener anderen, göttlichen.

Ebendiese Denkformen halte ich für hochaktuell. Nur ein Glaube, der das Unverfügbare, Transzendente, «das, was man nicht sieht», als etwas Gewisses realisiert – einem mathematischen «Beweis» gleich, wird endlich bereit und befähigt sein, die weltlichen Sicherheiten und Abhängigkeiten, die Kontrollmechanismen, Besitztümer und Süchte loszulassen und gelassen zu werden.

Von Andreas Fischer

7. Januar 2022

Du sollst heute wissen und zu Herzen nehmen,  dass der HERR Gott ist oben im Himmel und unten auf Erden und sonst keiner.        5. Mose 4,39

Dies ist wohl die Woche der «mitreissenden Texte»! Gestern die abtörnenden Worte, heute also das Buch Deuteronomium, die Sammlung der Aussagen Mose an seinem letzten Lebenstag. Mose macht hier noch einmal den Rundumschlag. Er warnt, wirbt für seinen Gott und weist auf das Gesetz hin.

Für Glaubende spricht Mose hier eine Selbstverständlichkeit aus. Luther hat das in seinem kleinen Katechismus «du sollst keine anderen Götter haben – neben mir» genannt. Und doch, diese «Selbstverständlichkeit» wird täglich einer Prüfung auf Herz und Nieren unterzogen. Bei jedem Schritt unseres Lebens müssten wir uns fragen: «Ist das im Sinne unseres Gottes?» Oder anders formuliert: «Sind wir noch im Windschatten des Heiligen Geistes?»

Hand aufs Herz – ist das unsere Lebensrealität? Bei vielen von uns, so auch bei mir, schwingt diese Frage mit, aber sie ist nicht immer an erster Stelle.

Ich glaube, es geht letztendlich darum, dass wir diese Frage nicht vergessen, sie mitschwingen lassen und hin und wieder stehen bleiben und sie ganz «zu Herzen nehmen».

Der Lebenskompass ist da und immer verfügbar, aber lesen müssen wir ihn für uns – manchmal alleine.

Von: Rolf Bielefeld

6. Januar

Ich will sie reinigen von aller Missetat, womit sie
wider mich gesündigt haben, und ich will ihnen vergeben.                           
Jeremia 33,8

Vier Worte: reinigen, Missetat, gesündigt, vergeben… und ich habe eigentlich schon keine Lust mehr.

Jeremia hatte den Untergang Jerusalems verkündet, wenn das Volk sich nicht unter Gottes Herrschaft stellen würde –, und er sollte mit dem Untergang, etwa 50 Jahre später, Recht behalten.

Also für uns heute: Den Zehn Geboten und den Seligpreisungen immer folgen, und der Untergang wird abgewendet? Das ist natürlich ziemlich simpel gedacht, aber in der Einfachheit liegt auch eine gewisse Kraft.

Die in der Bibel verewigten Gebote verfolgen eigentlich immer das gleiche Ziel, das Leben miteinander in Frieden und Harmonie zu bewältigen. Dem Gott der hebräischen Bibel werden so manchmal ziemlich drastische Mittel zugetraut, um zu bewirken, dass das Ziel erreicht wird. In Jesu Leben und Predigt verändern sich die Mittel erheblich, indem die Menschen immer wieder auf die Liebe und die aus ihr erwachsene Kraft verwiesen werden.

Nun werden nicht mehr «Feinde vernichtet», sondern die «Reinigung von Missetat» basiert auf Einsicht und dem Wunsch und der Bitte nach Vergebung. Der Gott, der mich dazu befähigt, Fehler zu erkennen, um Verzeihung zu bitten und Vergebung anzunehmen, das ist der Gott, der mir in meinem Leben begegnet ist.

Von: Rolf Bielefeld