Kategorie: Texte

5. Januar

Der HERR spricht: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.          2. Mose 33,19

Mose bleibt ein Mensch. Zwar hat er eine besondere Nähe zu Gott. Den Bund mit Gott, der gebrochen wurde, kann er erneuern. Aber sein Wunsch, dass er Gottes Herrlichkeit sehen darf, wird ihm nicht erfüllt. Ein Bild von Gott, das man dauerhaft anschauen könnte, gibt es eben nicht.

Möglich sind andere Arten, von Gott etwas wahrzunehmen. Der Text führt dies in verschiedenen Durchgängen aus. Gott zeigt seine Güte, aber nur «im Vorbeigehen». Gott nennt seinen Namen, mit dem man ihn anrufen kann. Gott schenkt seine liebevolle Zuwendung und sein barmherziges Mitgefühl. Aber er bleibt frei in der Entscheidung, wem er diese Zuneigung gibt. Und nochmals erscheint das Bild vom Vorbeigehen: Mose muss sich in einer Felsspalte verstecken, während Gott vorbeigeht. Gottes Angesicht kann er nicht sehen. Erst «hinterher», erst «im Nachhinein» kann er von Gott etwas erkennen. Erst im Rückblick kann ein Mensch sagen: Da habe ich von Gottes Zuwendung und von seinem Mitgefühl etwas gespürt. «Er sprach: Ich selbst werde alle meine Güte vor deinem Gesicht vorbeigehen lassen. Und ich werde den Namen JHWH vor deinem Gesicht ausrufen. Ich zeige meine Gnade dem, dem ich meine Gnade zeige. Und ich zeige mein Mitgefühl dem, dem ich mein Mitgefühl zeige.»

Von Andreas Egli

4. Januar

Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig! Denn auf dich traut meine Seele.                
Psalm 57,2

Mit einem Morgenlied beginnt der Betende den neuen Tag. Zwar kennt er Situationen, vor denen er sich fürchtet. Er findet im Psalm Worte für sie und will ihnen nicht ausweichen. Ein Unglück, das ihn getroffen hat, ist vielleicht noch nicht vorbei. Manchmal gibt es Mitmenschen, die ihm vorkommen wie Raubtiere. Oder wie Feinde, die ihm eine Grube graben wollen – und dann selbst hineinfallen. Aber das Gebet hilft, nicht in dunklen Gedanken gefangen zu bleiben, sondern die Augen für das Licht zu öffnen.
Der Psalmbeter wendet sich mit der Bitte an Gott: Zeige mir deine wohlwollende Zuneigung. Lass deine Gnade bei mir leuchten, wie das Morgenlicht des neuen Tages aufstrahlt. Mit einem starken Bild drückt er sein Vertrauen zu Gott aus: Bei dir finde ich einen geschützten Raum. Wie ein junger Vogel sich geborgen fühlt beim Muttertier, das seine grossen Flügel über ihm ausstreckt. «Sei mir gnädig, Gott. Sei mir gnädig. Denn bei dir findet meine Seele Schutz. Im Schatten deiner Flügel finde ich Schutz, bis das Unglück vorbeigeht.»

All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und grosse Treu, sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.

Von Andreas Egli

3. Januar

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt, zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid.     Epheser 1,1

Augen des Herzens. «Man sieht nur mit dem Herzen gut», schreibt Antoine de Saint-Exupéry im «Kleinen Prinzen». Wir kennen den Ausdruck, dass das Herz einem aufgehe. Gottfried Keller dichtete: «Trinkt, oh Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt.» Nur wessen Herz beteiligt ist, kann so etwas sagen.

Nun aber: Wo liegt die Hoffnung? Im Jenseits oder geht es auch um die Hoffnung im Diesseits? Für mich ist es so, dass wir beides brauchen, Hoffnung im Diesseits und auf das Jenseits. Es lebt sich einfach besser damit.

Hoffen ist verwandt mit «hüpfen». Als siebenjähriges Kind hüpfte ich im Garten zum Tor und war einfach glücklich. Man kann auch zu lange hoffen und aus einer vertrackten Situation nicht herauskommen. Da täte allemal ein Entschluss not, um eine befreiende Tat zu beginnen.

Schlimm ist die Hoffnungslosigkeit. Da gibt es keine Zukunft, keine Perspektive, und nur Geduld führt aus der Depression. Von ihr weiss man, dass sie einmal aufhört, aber nicht wann. Wenn sich dann endlich die bleierne Decke hebt, fällt zögerlich Licht ein, die Hoffnung nimmt zu, und es wird möglich, wieder an den «Gott der Hoffnung», wie   Luther formulierte, zu glauben.

Von Kathrin Asper

2. Januar 2022

Leben wir, so leben wir dem Herrn;
sterben wir,  so sterben wir dem Herrn.
Darum: wir leben  oder sterben,
so sind wir des Herrn.         Römer 14,8

Diesen Text kennen viele auswendig. Oft wird er an Beerdigungen gesprochen.

Was sagt der Text? Keiner lebt für sich allein, und niemand stirbt sich selber. Wir sind also aufgehoben, gehören zu einer allgegenwärtigen, ewigen Kraft, sind nicht verloren und können nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Das ist tröstlich und wer so empfindet, dem ist das eine Lebenshilfe, es schenkt ihm Vertrauen und Trost.

Was aber, wenn jemand nicht so empfindet? Derer sind viele. Sie fühlen sich verloren und trostlos oder aber überspielen das Nicht-Verankertsein durch lautes Getöse, Aktivismus, Egozentriertheit und Wichtigtuerei.

Dietrich Bonhoeffer schrieb: «Die Befreiung liegt im Leiden darin, dass man die Sache ganz aus den eigenen Händen und in die Hände Gottes legen darf.»
Wie kommt man dazu? Wenn man das Gefühl des Aufgehobenseins nicht hatte, so ist es Gnade und Geschenk, so fühlen zu dürfen. Aber am allerwichtigsten ist es, geschätzt, geliebt zu werden und das Gefühl zu haben, willkommen zu sein. Das Kind braucht Andere, wir brauchen das Du, um das Gefühl zu haben, wertgeschätzt zu werden. Auf diesem Boden wächst das Vertrauen in ein metaphysisches Gehaltensein.

Von Kathrin Asper

1. Januar, Neujahr, Gastkolumne

Die Gastkolumne für den Neujahrstag wurde von Rita Famos verfasst. Seit einem Jahr ist sie die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Viele Leserinnen und Leser kennen sie auch als Bolderntext-Autorin.

Jesus spricht: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.         Markus 3,35

Eine himmlische Familie?
Gerade haben wir Weihnachten gefeiert, die Bilder und Geschichten sind noch in unseren Gedanken: die himmlische Familie – Maria, Josef und das Jesuskind im Stall, vereint unterwegs.

Der Text zum Jahresbeginn nimmt uns in die Anfangszeit des Wirkens Jesu und malt ein ganz anderes Familienbild vor Augen: Jesu Familie erfährt, dass er am Lehren ist. Sie sorgen sich um ihn und wollen ihn abholen. Sie warten vor dem Haus und lassen nach Jesus schicken. Aber der will davon nichts wissen. «Wer ist das denn, meine Mutter und meine Brüder?», fragt er zurück. Er erwartet keine Antwort, zeigt auf die Men- schen in der Runde vor ihm und sagt: «Schaut, das sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.» Wir kennen es aus den letzten beiden Jahren: Familien, die sich um einzelne Angehörige den Kopf zerbrechen. Angehörige, die nicht an eine Gefährdung durch Coronaviren glauben. Solche, die es besser wissen, keine Masken tragen  möchten. Sich nicht impfen lassen. Mit seltsamen Leuten schwierige Gedanken austauschen. Manche haben versucht, ihre Brüder, Schwestern, Mütter oder Väter wieder zu erreichen. Sie in eine Wirklichkeit zurückzuholen, die sie mit ihnen teilen können. Ist Jesus verrückt geworden, dass er in die familiäre Wirk- lichkeit zurückgeholt werden muss? Nein. Und schon seine kurze Antwort lässt es erkennen: Nicht diejenigen, die ihm glauben, seiner Wahrheit vertrauen, sondern die Menschen, die sich an Gottes Willen orientieren und sich ihm verpflichtet wissen, gehören zu ihm. Jesus verfügt nicht über die Wahr- heit. Er versucht, nur mit seinem Leben und Lehren auf Gott hinzuweisen. Und deshalb sind all diejenigen, die sich auch an dieser Wahrheit orientieren, nicht seine Jüngerinnen und Jünger, nicht seine Follower oder Anhänger, sondern Brüder und Schwestern. Ja sogar seine Mütter. Sie sind  mindestensauf Augenhöhe mit ihm.

Jesus dreht sich nicht um sich selbst. Und wer ihm zuhört soll sich auch nicht um ihn drehen, sondern mit ihm nach Gottes Willen fragen. Das unterscheidet ihn von Gurus, Meinungsmachern, Selbstdarstellern. Und wie passt die Mutter in dieses Bild? Wie sollen wir Jesu Mutter sein, indem wir Gottes Willen tun? Vielleicht hat er das nur gesagt, weil seine Mutter ja mit den Geschwistern vor dem Haus auf ihn gewartet hat. Aber es hat möglicherweise einen tieferen Sinn: Dort, wo Menschen Gottes Willen tun, bringen sie Jesus in die Welt. Sie bringen ihn zur Welt, wo sie Gerechtigkeit üben, einander sanftmütig, grosszügig und friedlich begegnen. Wie in einer himmlischen Familie.

Von Rita Famos