Kategorie: Texte

23. Februar

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Psalm 119,6

Wie kann ich, wie soll ich auf die «Gebote» Gottes schauen? Dazu hilft ein Blick auf zwei Übersetzungen der ersten sechs Verse dieses Psalms: Bei Luther steht im Vers 1: «Wohl denen, die… im Gesetz des HERREN wandeln. In der Bibel in gerechter Sprache (BigS) steht statt «Gesetz» «Weisung»; im Vers 2 heisst es bei Luther: «Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten.» In der BigS sind es die «Verpflichtungen». In Vers 4 entsprechen den «Befehlen» Gottes bei Luther in der BigS «Anweisungen» Gottes. Nur im Vers 6 wählen beide Übersetzungen für mizwa im Hebräischen das Wort «Gebote».

Wovon ist denn nun also die Rede? Paulus stellt dem Gesetz und den Geboten des Alten Testaments die Gnade des Neuen Testaments gegenüber, nachdem seine eigene Erfahrung ihn gelehrt hatte, dass er die Gebote zwar halten wollte, es aber doch nicht tat. «Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.» (Römer 7,19). Darin steckt eine tiefe Erkenntnis unserer menschlichen Grenzen. Wenn wir die Gebote als Weisungen, auch als Verpflichtungen zum guten Leben verstehen, können sie uns helfen, unser Leben immer wieder neu auszurichten, Fehler einzugestehen, um Vergebung zu bitten und neu anzufangen. Darin liegt Gnade! Gebote und Gnade Gottes sind, denke ich, keine Gegensätze, sie ergänzen einander!

22. Februar

Hört zu, ihr Könige, merkt auf, ihr Fürsten! Ich will singen dem HERRN,
ich will singen, will spielen dem HERRN, dem Gott Israels.

Richter 5,3

Debora und Barak singen, um auf Gott, die Lebendige, aufmerksam zu machen. Noch ist das Königtum im Volk im Entstehen begriffen, eine feste Struktur gibt es nicht.

Ist es nicht so, dass damals wie heute Menschen wichtig sind, die Lieder singen? Debora und Barak weisen auf die Lebendige hin. «Die Berge wankten vor dem Herrn – dem vom Sinai, dem Gott Israels.» Wo sind Debora und Barak heute? Wo sind Menschen, die von Gott singen, von seinen Taten der Befreiung? Mir kommt ein Lied von Juliette Gréco in den Sinn in der Übersetzung von Kurt Marti:
Für die muesch singe, min Sohn, wo tüe kämpfe für ds Läbe, ohni süsch e Waffe als äbe mit ihrem eigete  Läbe.

Wie können wir von Gott reden gegenüber den Mächtigen? Wie können wir singen und spielen von der Lebendigen? Vielleicht so, dass wir für uns singen im Gebet und darauf hoffen, dass die Lebendige uns hört. Oder so, dass wir teilnehmen, dort, wo nach einer gerechteren und friedlichen Welt gesucht wird. Wichtig scheint mir heute, dass unser Vertrauen gestärkt wird und wächst, dass Gott, die Lebendige, in unserer Welt gestärkt wird, sei es durch Lieder oder sei es durch unsere Gedanken und Gefühle.

Schenke uns eine laute Stimme des Vertrauens in das Leben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Februar

Weil seine Seele sich abgemüht hat,
wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Jesaja 53,11

Die heutige Losung ist dem letzten der sogenannten Gottesknechtslieder entnommen. Der Gottesknecht schaut zurück auf das Leben. In Vers 3 steht: «Er trug unsere Krankheit» und in Vers 11: «Er hat die Sünde vieler getragen.»
Wer ist er? Ich weiss es nicht. Und das macht nichts, denn viele von uns Menschen hier und in der weiten Welt mühen sich ab. Ihnen ist zugesagt, dass sie «das Licht schauen werden». Und sogleich frage ich mich, weshalb wir nicht schon hier und jetzt Licht schauen. Und ich denke, wir tun es dann, wenn wir zufrieden sein können mit unserem Leben, dann, wenn wir spüren, dass zwar nicht alles wie am Schnürchen läuft, wir aber dennoch eine Zukunft und eine Hoffnung in uns tragen – für jetzt und über die Grenze des Lebens hinaus. Ich ertrage den jetzigen Zustand von Gottes Schöpfung, der Welt, nicht gut und muss mich schützen. Da hilft es, daran erinnert zu werden, dass ich mich abmühe und darauf hoffen darf, bereits jetzt Licht und Hoffnung zu erfahren. Das kann ich, wenn ich mich mit anderen Menschen austausche, ich kann es, wenn ich Gott, der Lebendigen, meine Mühen mitteile im Gebet, oder dann, wenn ich mich freue und  so

etwas Distanz erhalte.

Schenke uns Vertrauen in das Leben und Hoffnung auf dich.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Februar

Der HERR sprach zu Isaak:
Durch deine Nachkommen sollen alle Völker
auf Erden gesegnet werden. 1.
Mose 26,4

Isaak war wie sein Vater Abraham ein von Gott Gesegneter – das zweite Glied in der Vätergeschichte, die bei Lichte betrachtet die Geschichte des Segens erzählt. Es ist eine atemberaubende Story, die nahe an den Abgrund führt, ein dünner Faden, der immer wieder zu zerreissen droht. Zum Beispiel damals, als die hochbetagte Sara lachte. Aber Gott ist treu. Sara schenkte Isaak das Leben, und er erbte das grosse Versprechen.

Und wir? Wir sind am Leben, Erben der Verheissung, Kinder Abrahams, Träger des Segens, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die Geschichte des Segens ist noch nicht zu Ende. Im Netflix-Zeitalter bietet sich die Metapher der Staffel an: Jetzt ist unsere dran, und wir sind auf Sendung. Wir halten den Faden in Händen, fürchten uns davor, dass er zerreissen könnte, sehen den Abgrund und fragen uns, wie es weitergehen soll. Aus dem Blick zurück können wir Mut schöpfen. Die erste Staffel gibt uns Vorbilder des Glaubens, die trotz Stocken und Straucheln auf dem Weg geblieben sind, den Gott ihnen gewiesen hat.
Was lernen wir von ihnen? Paulus bringt es auf den Punkt: «Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet … Denn die Schrift spricht: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.» (Römer 4,3)

Von Ralph Kunz

19. Februar

Seid nicht halsstarrig, sondern gebt eure Hand dem HERRN
und kommt zu seinem Heiligtum.

Chronik 30,8

Die heutige Losung ist aus einem Kapitel des zweiten Chronikbuches, das wie ein Licht im Dunkel der Geschichte aufleuchtet. Der Chronist erzählt vom Versuch König Hiskias, die Priester und das Volk zur Umkehr zu bewegen. Hiskia, der in der jüdischen Überlieferung als der Friedefürst identifiziert wird, von dem der Prophet Jesaja weissagte (Jes 9,1–6), er war ein Gerechter, ein König, der Gott dienen wollte. Er rief zur Busse und wurde erhört. Die königliche Evangelisationskampagne fruchtete, und man feierte Passah wie in alten Zeiten. «Und es war grosse Freude in Jerusalem. Denn seit den Tagen Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel, war derartiges in Jerusalem nicht gewesen.» (30,27)
Hiskia war ein Reformer, der auf die alte JHWH-Tradition setzte. Der Erfolg seiner Mission war allerdings nicht nachhaltig. Sein Sohn Manasse machte die Reformen wieder rückgängig. Muss man das Ganze als Strohfeuer abtun? Läuft es immer so? Geht jeder Aufbruch irgendwann wieder zu Ende? Man kann es so lesen. Oder man hört das Evangelium. Denn wir haben einen König, der zur Umkehr ruft. Wir sind mittendrin, sind gerufen, unseren Hals zu lockern, uns an seiner Reformation zu beteiligen, und wir werden, so Gott will, eines Tages sagen. «Und es war grosse Freude in Bern, Berlin, Frauenfeld, Bonn, Rom, New York, Richterswil, Hongkong, Kapstadt, Timbuktu …

Von Ralph Kunz

18. Februar

Der HERR sprach zu Mose: Mein Angesicht kannst du nicht sehen;
denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.
2. Mose 33,20

Kenne ich diese Sehnsucht, Gott zu sehen? Endlich einmal! Die Sehnsucht: Sie, die Unfassbare da, und ich im Kontakt mit ihr – spürbar?Und endlich ist etwas gestillt tief drinnen. Ist das «Gott sehen»?Oder klingt mir das zu schwärmerisch?
Die Unsichtbarkeit Gottes, soll Bonhoeffer einmal gesagt haben, könne einen schier zum Verzweifeln bringen.
Auch Moses, der geschildert wird als grosser Vertrauter Gottes, steht da mit diesem grossen Wunsch: Gott wirklich zu sehen. Und diese Bitte wird ihm abgeschlagen.
Was für harmlose Vorstellungen haben wir oft von Gottesbegegnungen. Als ob es eine Art FaceTime wäre… Immer mal wieder für ein angenehmes Feeling.
Stark, gefährlich sind solche Begegnungen offenbar!
Aber eine Möglichkeit wird in den Sätzen, die folgen, aufgetan (2. Mose 22–23): Dass ich «Gott nachschauen kann». Dass heisst, dass ich im Nachhinein, im Zurückschauen auf mein Leben – Spuren des Glanzes und der Güte Gottes entdecken kann. Und darin sie am Werk – durch und durch lebendig.

Von Ulrike Müller

17. Februar

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort,
so seid ihr wahrhaftig meine Jünger
und werdet die Wahrheit erkennen,
und die Wahrheit wird euch frei machen.
Johannes 8,31–32

Als wenn es heute wäre, weiss ich, wie mich dieser Satz von der Wahrheit, die frei macht, getroffen hat. In einer intensiven Supervisionsgruppe war es. Als eine sagte, für das, was sie fühle, wie ihr zumute sei, dafür kämen ihr die Worte in den Sinn «und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.» Es war ein Seufzer-Glück-Freiheits-Moment. Alles in einem: Seufzen und Glück und frei. So habe ich es wahrgenommen. Und ich wusste, wie wahr es war, weil ich es kannte.

Wie sie sind, solche Momente? Manchmal fast zu schwer. Aber darin fällt etwas ab von mir, und es ist flügelleicht. Oder es hebt heraus aus den glatten Worten, dem Vorzeige- Glauben, dem «Nicht-anders-Können». Manchmal schwemmen die Wahrheits-Trauer-Glücks-Tränen Krustiges weg.

Es sind Augenblicke. Nicht drinbleiben kann ich. Und immer wieder suche ich sie. Jedes Mal, wenn ich Bibelworte lese – in Bolderntexten oder anderswo –, habe ich die Hoffnung, dass sie wie ein Spiegel sein könnten, in dem meine Wahrheit aufleuchtet.

Von Ulrike Müller

16. Februar

Wachet, steht im Glauben,
seid mutig und seid stark!                        
1. Korinther 16,13

Kennen Sie das Hinterherrufen, wenn Eltern ihre Kinder an der Haustür verabschieden? Wenn sie in der Schulzeit zur Klassenfahrt aufbrechen? Oder zu ihrem ersten Vorstellungsgespräch? Eltern rufen ihren Kindern zum Abschied hinterher, was ihnen besonders wichtig ist: Pass auf dich auf! Gute Reise! Viel Glück! Dieses Hinterherrufen finden wir auch bei Paulus am Schluss von Briefen, heute zum Beispiel im Lehrtext.

Mut und Stärke – ja, das hat die Gemeinde in Korinth damals gebraucht. Die Stadt Korinth im ersten Jahrhundert glich in mancher Hinsicht unserer westlichen Kultur heute. Die Gemeinde dort lebte inmitten einer pluralistischen Gesellschaft. Unzählige geistliche Weltanschauungen standen nebeneinander – ein religiöser Supermarkt. Es gab kaum gesellschaftlich verbindliche ethische Werte und Normen. Korinth war eine Stadt im moralischen Chaos.

Mittendrin lebte diese kleine Gemeinde von Christen, die dabei war zu lernen, Jesus im täglichen Leben nachzufolgen. Oft waren sie dabei hingefallen, wieder aufgestanden und immer wieder wurden sie aufgerichtet von Paulus und seinen Worten.

Ich weiss nicht, wohin der heutige Tag Sie führen wird. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir die Worte von Paulus für heute neu hören. Dass wir wachsam sind und unbeirrt am Glauben festhalten und mutig und stark handeln.

Von Carsten Marx

15. Februar

Die Toren sprechen in ihrem Herzen:
«Es ist kein Gott.»                  
Psalm 14,1

Gibt es Gott? Ich glaube: ja. Dabei glaube ich nicht blind, sondern aufgrund von Erfahrungen und Gedanken, die ich mir im Laufe meines Lebens gemacht habe.Am Anfang meines Glaubens steht für mich das Staunen darüber, dass es überhaupt so etwas wie unsere Welt gibt. Die moderne Physik kann zwar erklären, wie sie vor rund 14 Milliarden Jahren mit einem grossen Knall entstanden ist, sie kann auch erklären, was 2 bis 3 Millisekunden nach diesem Urknall alles geschah, aber sie weiss bis heute nicht, warum plötzlich ein ganzes Universum aus Zufall entsteht? Für mich klingt das nicht sehr überzeugend. Für mich ist das Vorhandensein des Universums, ja, dass es so etwas gibt, wie zum Beispiel die Strahlen der Sonne, das Rauschen des Windes in den Blättern oder die Fische im Meer, ein einziges Wunder. Und wenn ich viele dieser Wunder in ihrer Entstehung erklären kann, staune ich darüber. Dieses Staunen ist der Anfang meines Glaubens. Aus diesem Staunen wächst so etwas wie Vertrauen. Das Vertrauen, dass es eine Kraft hinter unserer Welt gibt, von der alles herkommt und die ich Gott nenne.

Mein Glaube hilft mir, zu vertrauen, zu lieben und zu vergeben.

Von Carsten Marx

14. Februar

Mit Freuden sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht. Kolosser 1,11–12

Tüchtig machen, ertüchtigen, im Englischen gibt es den Begriff empowerment, d. h. eine Sache angehen können, sie mit neu gewonnener Stärke bewältigen. Im Text geht es um Dank für die Befähigung, ein Erbe mit Freuden als Treuhänder*in zu verwalten.

Oft nutzt das Neue Testament dabei die Metapher des Lichts als Symbol für Reinheit. Im Kontext des gestrigen Textes, auf den sich der heutige Losungstext wunderbar beziehen lässt, ist es die Reinigung von der Missachtung alt- und neutestamentlicher Werteordnungen wie Gottesglaube, Liebe, Gerechtigkeit, Hoffnung, denn durch sie leben wir als Gemeinde. Unser Glaubensbekenntnis umreisst in der Aussage «eine heilige, allgemeine, christliche Kirche» die Kriterien dieses Lebens.

Jürgen Moltmann hat einmal sehr schön gefragt, warum in der Beschreibung von Kirche (d. h. doch unserer Gemeinschaft) eigentlich der Begriff «arm» fehlt, um zu ergänzen, dass er in «heilig» enthalten ist. Heilig im Licht zu sein, bedeutet somit auch, einen Lebensstil zu führen, der genügsam, die Schöpfung bewahrend, solidarisch, ökumenisch, gemeinwohlorientiert ist. Hierzu hat uns Gott befähigt – ihm sei Dank.

Von Gert Rüppell