Kategorie: Texte

5. März

Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.
Psalm 65,9

Beim Gottesdienst im Tempel von Jerusalem wurde der biblische Gott gefeiert. Auf dem Berg Zion konnten die Israeliten Vergebung finden. Dort dankten sie Gott dafür, dass er dem Land Regen und Fruchtbarkeit geschenkt hatte. Der Psalm ist ein Abbild dieses Gottesdienstes. Man könnte denken, er habe einen verengten Blick, der nur das eigene Land sieht. Aber der mittlere Teil des Psalms öffnet die Perspektive weit, sodass die ganze Welt miteinbezogen wird. Es geht um den Gott, der die Schöpfung begründet hat, der das Chaos in die Schranken weist, der die Erde zu einem «Lebenshaus» macht. Zu ihm finden auch «die Enden der Erde» Vertrauen. An der Freude über ihn haben auch all jene Anteil, die weit weg wohnen: ganz im Osten, wo die Morgendämmerung aufgeht, und ganz im Westen, wo die Abenddämmerung am längsten zu sehen ist. «Die an den Enden der Erde wohnen, haben Ehrfurcht vor deinen Zeichen. Du machst, dass die Orte jubeln, wo der Morgen und der Abend herkommen.»

Die wohnen in den fernsten Reichen am Auf- und Niedergang,
die preisen deine Wunderzeichen  mit Furcht und Jubelklang.

(RG 40,4)

Von Andreas Egli

4. März

Auf dich, HERR, sehen meine Augen; ich traue auf dich,
gib mich nicht in den Tod dahin.

Psalm 141,8

In einer religiösen Not bittet der Psalmsänger um Hilfe. In der damaligen Zeit wurde es modern, die griechische Kultur und ihre Lebensweise zu übernehmen. Aber der Beter will dem biblischen Glauben treu bleiben, der ihm überliefert worden ist. Er redet von sich als Mensch, wie es die hebräische Bibel tut – da gehört der Körper dazu. Mit seiner Stimme ruft er zu Gott, und  Gott soll ihn hören. Seine offenen Hände hebt er beim Beten in die Höhe.
Die Bitten im mittleren Teil kommen aus der Angst: Schlechte Freunde könnten ihn dazu verleiten, etwas Falsches zu denken, zu reden und schliesslich zu tun. Deshalb bittet er, vor seinem Mund soll Gott eine Wache einrichten. Vor der Türe seiner Lippen soll Gott wachen. Dass sein Herz sich zu schlechten Gedanken neigt, soll Gott nicht zulassen. Dagegen ist er froh um gute Freunde, mit denen er seinen Glauben teilt. Sie machen ihn darauf aufmerksam, wenn er auf einem falschen Weg ist. Wie wohlriechendes Öl für den Kopf ist es, wenn ein Gerechter ihn korrigiert.
Im dritten Teil geht es wieder um den Bezug zu Gott. Die Augen des Beters sind auf Gott gerichtet. Seine Kehle  ist in Sicherheit, Gott wird sein Leben nicht ausgiessen. «Ja, zu dir, HERR, sind meine Augen ausgerichtet. Bei dir finde ich Schutz. Giesse meine Kehle nicht aus.»

Von Andreas Egli

3. März

Gott sende seine Güte und Treue.
Psalm 57,4

Auch wenn sich das psychotherapeutische Gespräch vom seelsorgerlichen Gespräch unterscheidet, werde ich als Psychotherapeutin am Ende einer Behandlung ab und an um einen Segen gebeten, etwas, das an sich unabdingbar zum seelsorgerlichen Gespräch gehört. Dem komme ich gerne nach, entweder mit einem Gedicht von Hilde Domin oder dem Psalm 23, begleitet von guten Wünschen für den weiteren Lebensweg, der Bitte um Segen und Wohlbefinden.

«Gott sende seine Güte und Treue», bittet David im Psalm, in dem es durchwegs um die Bedrohung seines Lebens durch Feinde geht. Wir wünschen uns alle, dass jemand bei uns sei, wenn es uns schlecht geht, dass wir im «Schatten seiner Flügel» geborgen sein mögen und die Treue und Güte Gottes tief empfinden dürfen.

Wenn es um äussere Feinde geht, raten wir heute zu Selbstbesinnung auf eigene Anteile am Konflikt, ermuntern zum Gespräch mit dem Angreifer, setzen auf Diplomatie und Kompromiss. Damit jemand aber auf den Feind zugehen kann, braucht er in der Tiefe das Gefühl, angenommen und sicher geortet zu sein in Gottes Güte und Treue.

Begegnung mit dem Feind setzt voraus, dass ich an mich glaube und vertraue, das heisst daran glaube, dass Gott bei mir ist. Nicht dass ich gewinne im Konflikt, ich kann auch scheitern, wichtig ist indes, dass ich weiterhin vertraue und an Gottes Güte und Treue glaube.

Von Kathrin Asper

2. März

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.
Lukas 11,28

Und was steht vorher? Jesus berichtet von einem bösen Geist, der aus seinem Haus auszog. Da er aber keine geeignete Bleibe fand, beschloss er, zurückzugehen, und nahm gleich noch sieben andere böse Geister mit. Sie kommen zum Haus, das nun geschmückt und gesäubert ist. Die Geister gehen hinein und es wird alles schlimmer als je zuvor. Da war man also nicht wachsam und jubelte, den Unruhestifter losgeworden zu sein. So geht es nicht, wir müssen immer wachsam sein und, wenn unsere inneren negativen Stimmen wieder laut werden, in Distanz zu ihnen gehen, ihnen antworten und die Türe weisen.
Nach dieser Stelle ruft eine Frau und preist die Mutter Jesu, die ihn geboren und genährt hat, und nennt sie selig. Und was sagt Jesus darauf? Nicht dass er etwa auf seine Mutter stolz ist, noch zeigt er Freude. Er wirkt distanziert und sagt: «Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.» Das tönt wie bei der Hochzeit in Kana, als er seiner Mutter entgegenwirft: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?» (Joh. 2,4). Sie aber steht zu ihrem Sohn.
Aber vielleicht ist es ja anders: Erinnern wir uns an das Magnificat, da wird doch vollumfänglich deutlich, wie sehr Maria das Wort Gottes in sich aufnimmt und in ihrem Herzen bewahrt hat (Lukas 1,46–58). Es ist nicht auszuschliessen, dass der Sohn mit diesen kühl wirkenden Worten auf die Glaubenskraft seiner Mutter hinweisen will. In dubio pro reo.

Von Kathrin Asper

1. März

Die Gastkolumne hat Delf Bucher verfasst. Er ist Historiker und Journalist und organisierte zum Gedenken an die Luzerner Musegg-Predigt vor 500 Jahren einen Grossanlass.

Lass deiner sich freuen und fröhlich sein alle, die nach dir fragen.
Psalm 40,17

Das Faszinierende an den Psalmen ist, dass sie in einer poetischen Unschärfe die Nöte und Hoffnungen des Einzelnen aufscheinen lassen. Auf der anderen Seite geben die darin enthaltenen Leerstellen gleichzeitig ein probates Sprungbrett ab, um grosse Ereignisse auszudeuten. So ist es auch mit dem Psalm 40. Der Einzelne, versunken im Morast, verleugnet von vielen, schreit seinen Hilferuf gen Himmel, um schliesslich den erlösenden Stossseufzer auszusprechen:
«Frohlocken sollen und deiner sich freuen alle, die dich suchen.»

Ich will hier mehr den Blick auf spätere Ereignisse lenken, nämlich die reformatorischen Aufbrüche in Luzern am  24.  März 1522, das war kurz nach dem Wurstessen in der Druckerei Froschauer in Zürich. An diesem Tag verfasst der humanistische Gelehrte Myconius einen Brief an seinen Freund Zwingli. Der reformatorisch gesinnte Humanist ist in Hochstimmung. Kurz zuvor hat er die Predigt Konrad Schmids, Vorsteher der Johanniter-Komtur Küssnacht, an der Luzerner Musegg-Mauer gehört und schreibt nach Zürich: «Welch herrliche und christliche Predigt! Sie bewirkte, dass wir alles, was bisher verworren scheint, jetzt geglättet sehen.»

Vieles, was der Psalm 40 aufgreift, durchzieht Schmids Predigt. Heisst es da in Vers 7 «An Schlachtopfern und Speiseopfern hast du kein Gefallen», spricht sich Schmid gegen jede Werkgerechtigkeit aus. Wenn er den Gläubigen empfiehlt, dass das Wichtigste der Glaube an den barmherzigen Gott selbst ist, vernimmt man das Echo der Weisheit des Psalms im Vers 9: «Deine Weisung trage ich im Herzen.»

Besonders auffallend ist die Parallele zwischen reformiertem Denken und dem David-Psalm in folgender Sentenz:
«In der Schriftrolle steht geschrieben, was für mich gilt.»
Sola scriptura, nur die Schrift, dieses Leitmotiv durchzieht Schmids Predigt. Und wir Nachgeborenen frohlocken und freuen uns nicht nur über unsere Gottessuche, sondern auch daran, dass vor knapp 2000 Jahren der davidische Psalmensänger vorgespurt hat, was vor 500 Jahren schliesslich in der Reformation Gestalt annahm.

Von Delf Bucher

28. Februar

HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich,
der so herrlich und heilig ist, schrecklich, löblich und wundertätig?

2. Mose 15,11

Stellen Sie sich vor, Sie bekämen den Auftrag, ein Lied zu schreiben! Ein Lied darüber, wie Gott in Ihrem Leben wirkt. Was wäre das wohl für ein Lied? Für welche Strophen würden Sie sich entscheiden und wie würde der Refrain lauten? Wäre es ein Loblied? Ein Lied, das all das besingt, was in Ihrem Leben schön und wunderbar geschaffen ist?
Oder ein Danklied? Ein Lied, das all das besingt, was in Ihrem Leben gut gelaufen ist?
Oder wäre es ein Klagelied? Weil Ihnen Gott im Moment eher fern erscheint?
Vielleicht wäre es auch ein Liebeslied. Ein Lied über die Liebe in ihrem Leben. Wäre es in Dur oder in Moll?
Vielleicht sagen Sie jetzt aber auch: «Ich bin kein*e Liedermacher*in, ich kann das nicht!»

Das hätte Mose damals sicherlich auch gesagt: «Ich habe doch eine schwere Zunge und bin von jeher nicht beredt!» Und doch wird ihm dieses Lied nach dem Durchzug durchs Schilfmeer zugeschrieben. Ein Lied, das die Ereignisse in Worte und Melodie fasst. In all ihrer Schönheit und auch in ihrer Schrecklichkeit. Gottes furchtbares und  wunderwirkendes Tun im Leben von Menschen.
Vielleicht versuchen auch Sie es einmal. Ich wäre gespannt, welches Lied Sie singen.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Februar

Paulus schreibt: Unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen:
Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

2. Korinther 1,7

«Unsere Hoffnung steht fest für euch – weil wir wissen!» Gewagt und fast schon etwas übergriffig kommt Paulus mir heute entgegen. Kann man Hoffnung und Wissen für jemand anderes haben? Kann mir die Hoffnung eines Anderen, die feste, zum Trost werden? Steckt solche Hoffnung mich an? Entflammt solche Rede meine Hoffnung auch und gerade in Zeiten des Leidens?So perfekter Glaube, so starke Hoffnung für andere, so gutes Wissen erweckt in mir zuerst eher Widerwillen. Und doch muss ich festhalten, dass Paulus von seiner eigenen und der Hoffnung des Timotheus (Vers 1,1) spricht, (vgl. auch Verse 8–11). Paulus und sein Begleiter haben selbst Bedrängnisse am eigenen Leib erfahren, fühlten sich vom Tod bedroht und deuten ihre Rettung als Rettungstat Gottes. Sein «Wissen» ist also erfahrungsgetränkt – sein eigenes Vertrauen hat sich für ihn bewahrheitet und nun bietet er seine Deutung auch den Korinthern für ihr Leben an. Oder mutet es ihnen zu. Oder stülpt es ihnen über. Das mag übergriffig erscheinen, stiftet aber zugleich Beziehung: zwischen sich und Christus und den Korinthern und Christus und sich. Lebendige Glaubensbeziehung. Gewagt, aber vielleicht doch seelsorgerlich und tröstend.Und ich frage mich trotz allen Widerwillens, ob das nicht auch was für mich wäre.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Februar

Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?

Psalm 27,1

Wie schön, mit diesem Psalmvers den Tag zu beginnen! Kraftvoll und ermutigend, wie ein heller Sonnenstrahl auf dem Frühstückstisch, lädt er ein, sich zu erheben, sich aufzurichten zur ganzen eigenen Grösse und Schönheit. «Gott, der HERR, ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Gott, die EWIGE, ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?» Was wie eine Selbstermunterung des Beters, der Beterin klingt, ist tief verwurzelt in einer innigen Gottesbeziehung. Das betende Ich will Gott ganz nah sein: Gottes Freundlichkeit schauen und singen, Gottes Güte loben und gesegnet unterwegs sein unter Gottes Angesicht. (vgl. Vers 4 ff.)Und doch gibt es auch die anderen Erfahrungen: Angst, Einsamkeit, Verlassenheit, Bedrohung durch Feinde (Verse 9 ff.). Auch sie gehören zu (m)einem Leben, haben Raum im Gebet vor Gottes Angesicht – und verlieren ihren Schrecken: «Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte Gottes, des EWIGEN, im Lande der Lebendigen.» (Vers 13)

Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber. Gott allein bleibt derselbe. Alles erreicht der/die Geduldige, und wer Gott hat, hat alles. Gott allein genügt. – Nada te turbe … Solo Dios! Basta!
(Teresa von Avila)

Von Annegret Brauch

25. Februar

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.

Matthäus 5,6

Während ich schreibe, tagt die Weltklimakonferenz in Glasgow. «Klimagerechtigkeit» ist das Wort der Stunde. Wie kann die fortdauernde Erderhitzung gestoppt oder zumindest so reduziert werden, dass auch in Zukunft Leben auf dieser Erde möglich ist?
Schon vor 50 Jahren prognostizierte der Club of Rome in «Die Grenzen des Wachstums»: «Wenn die derzeitige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unvermindert anhält, werden die absoluten Grenzen des Wachstums auf der Erde in den nächsten hundert Jahren erreicht.»

Fünfzig davon sind jetzt um!

Eigentlich ist es einfach: Wenn die Menschheit sich selbst retten will, muss ein Systemwandel her! Das heisst eine Welt ohne den Zwang zum Wachstum, ohne den Druck von Börsenmärkten und Investoren, ohne den Raubbau an Natur und Geschöpfen – eine Utopie?
«Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit», die sie mit ganzem Herzen, mit aller ihrer Kraft suchen, sich nach ihr verzehren und sie auch tun – «sie sollen satt werden».

Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen;
dein Reich komme, Gott, dein Reich komme.
Dein Reich in Klarheit und Frieden,
Leben in Wahrheit und Recht…

Von Annegret Brauch

24. Februar

Der HERR wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen.
Jesaja 25,8

Dieser erlösende Vers steht in dem Abschnitt mit dem Titel «Das grosse Festmahl» des 25. Kapitels bei Jesaja. Es beginnt mit dem schönen Satz – hier nun in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache. 25,6: «Dann wird GOTT für alle Völker auf diesem Berg ein Gastmahl mit fetten Speisen bereiten, ein Gastmahl mit altem Wein, fett und gut gewürzt, mit altem, gereinigtem Wein.» 25,7: «GOTT wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, den Schleier, der auf allen Völkern liegt, die Decke, die alle Nationen bedeckt.»   25,8: «GOTT hat den Tod dauerhaft vernichtet. GOTT wird die Tränen von allen Gesichtern abwischen, die Schmach ihres Volkes wird sie von der ganzen Erde wegnehmen, denn GOTT hat gesprochen.»Das ist ein langes Zitat; aber ich glaube, man kann den heutigen Losungsspruch nur im Zusammenhang mit dieser ganzen umfassenden und für alle Menschen und Völker dieser Erde geltenden Verheissung verstehen. Sicher gilt das Wegnehmen der Schmach in besonderer Weise für das jüdische Volk, das in allen Jahrhunderten immer wieder der Verfolgung bis zur Vernichtung ausgesetzt war. GOTTES Verheissung bedeutet für das jüdische Volk den Schutz vor dieser schrecklichen Verfolgung. Aber dann verheisst GOTT das gute Zusammenleben aller Völker, der ganzen Menschheit. Darauf hoffe ich, darauf hoffen wir doch alle!

Von Elisabeth Raiser