Kategorie: Texte

15. März

Klopft an, so wird euch aufgetan.               
Matthäus 7,7


Im Matthäusevangelium ist das die dritte Aufforderung zum beharrlichen Beten. Wie verhält es sich aber bei Anliegen in menschlichen Beziehungen? Wer etwas will, muss «anklopfen». Dafür gibt es für uns viele verschiedene  Möglichkeiten. Ich kann den direkten Kontakt suchen, an der Haustür oder mit einem Anruf. Ich kann auch eine Mail schicken oder eine andere digitale Art der Vermittlung benutzen, vielleicht versuche ich es auch mit einem sorgfältig formulierten Brief. Ich weiss: Die Art der Übermittlung ist wichtig, und es besteht die Gefahr, dass der Weg, den ich wähle, unangemessen ist: Eine Entschuldigung oder die Bitte um einen Dienst bloss mit einer SMS? Im Zorn kurzerhand zum Telefon greifen und meine Beschwerde dem andern ins Ohr trompeten? Oder einen Schandbrief abschicken? Das wird kaum gut herauskommen.

Bei unserem täglichen Bitten und Widersprechen gilt es, den richtigen Ton und die angemessene Überbringungsart zu wählen. Und wie ist es beim Beten? Ganz anders – und vielleicht doch auch ähnlich. Dank oder Protest, Schmerz, Verletzungen, Zweifel und Widerspruch– vielleicht  findet es im Gespräch mit Gott oder im Einstimmen in einem vorformulierten Gebet seinen Ausdruck, vielleicht ist es nur noch ein verzweifeltes Seufzen, ein Stammeln und Verstummen. Aber vielleicht komme ich dabei zur Einsicht, dass mein Bitten anders erhört wird, als ich es gewünscht habe. Auch so ist eine Türe aufgegangen.

Von Käthi Koenig

14. März

Ihr sollt mit Freude ausziehen und im Frieden geleitet werden.
Jesaja 55,12

So glorios, wie es hier steht, dürfte der Auszug aus dem Exil nicht gewesen sein. Viele der nach Babel Verbannten hatten dort ein gutes und bequemes Leben geführt, in der Heimat aber hatten inzwischen die Zurückgebliebenen Land und Besitz der Deportierten übernommen und waren wohl wenig begeistert über deren Rückkehr.
Beim Lesen der biblischen Schriften über die Heimkehr der Verbannten wird mir bewusst, wie schwierig der Aufbau einer neuen, funktionierenden Gesellschaft gewesen sein muss. Und doch ist hier verheissen: in Freude und Frieden!

Andere Heimkehrer kommen mir in den Sinn; sie wollten Heimat finden in einem Land, das anderen bereits Heimat war. Bis heute: Von Frieden und Freude ist an solchen Orten wenig zu spüren. Müsste die Verheissung denn anders verstanden werden? Dass sie eine Aufgabe ist, die sich nur vollenden lässt, wenn man miteinander lebt und teilt?

Auch wir, so dünkt mich, leben heute sozusagen im Exil – im Ausnahmezustand «Pandemie». Wir sagen seit zwei Jahren: Wenn es dann vorbei ist … Wenn wir wieder furchtlos in Gemeinschaft feiern können. Wenn es wieder ist wie früher … Aber ist die Verheissung des Propheten vielleicht auch hier neu zu deuten? Ist ein gutes Leben nur möglich, wenn wir unsere Heimat, die Erde, anders gestalten: teilen statt herrschen?

Von Käthi Koenig

13. März

Einem König hilft nicht seine grosse Macht;
ein Held kann sich nicht retten durch seine grosse Kraft.

Psalm 33,16

Mit Vers 16 wechselt die Blickrichtung des Psalms und schaut auf die scheinbar Mächtigen dieser Welt: auf «Könige und Helden». Die Stärke der eigenen Armeen oder des eigenen Körpers, die Zahl der Pferde und Streitwagen, kurz, alle Machtmittel, über die Herrscher verfügen, verblassen im Vergleich mit der Schöpfermacht und Gerechtigkeit Gottes. Doch sind sie nicht nur nutzlos, sie untergraben und schwächen die Lebenskräfte der Menschen und Völker.

Im Aufstieg und Abstieg der Mächte mit ihren Schlachten und Kriegen, in den Teufelskreisen von Drohung, Abschreckung, Gewalt und Gegengewalt ist kein Heil – sicherlich auch nicht in einer weiteren Rüstungsspirale mit neuen Waffensystemen und der Aufrüstung des erdnahen Weltraums.

Stimmen wir deshalb ein in die Schlussfolgerung des Psalmgebets: «Unsere Seele harrt auf den HERRN; er ist uns Hilfe und Schild. Denn unser Herz freut sich seiner, und wir trauen auf seinen heiligen Namen. Deine Güte, HERR, sei über uns, wie wir auf dich hoffen.»

Von Barbara und Martin Robra

12. März

Der Himmel ist durch das Wort des HERRN gemacht
und all sein Heer durch den Hauch seines Mundes.

Psalm 33,6

Heute und morgen sind wir eingeladen, in den «Jubel der Gerechten» im Psalm 33 einzustimmen. Es ist sicherlich sehr selten, dass in Herrnhut Verse aus demselben Psalm als Texte für zwei aufeinanderfolgende Tage ausgelost werden.

Vers 6 preist die Schöpferkraft Gottes in Wort und Geist-Atem. Gott  bleibt in dieser Welt gegenwärtig in den «Heerscharen der Engel», die alles Geschaffene durchdringen und beleben. Gemäss dem Prolog des Johannesevangeliums ist Gottes Wort in Christus Mensch geworden. Sein Licht scheint in der Finsternis. Mächte und Gewalten dieser Welt können es nicht auslöschen, auch wenn sie versuchen, dieses Licht mit dem eigenen Schatten zu verdunkeln. In solcher Dunkelheit wachsen Zweifel und Verzweiflung. Die Schatten werden übermächtig in Furcht und Verschwörungstheorien. Umso wichtiger ist es, dass wir das Licht nicht aus dem Auge verlieren, dass wir Gottes Stimme mitten im Lärm der Welt hören und dem lebendigen Wort in Christus vertrauen.

Überwinden wir die Furcht mit dem Lob Gottes! Singen wir die Angst aus uns und aus dieser Welt hinaus! Amen.

Von Barbara und Martin Robra

11. März

Der Mensch hat keine Macht über den Tag des Todes.
Prediger 8,8

Was auf das erste Hinhören eine «Binsenwahrheit» ist, soll zum Nachdenken anregen: Was soll ein solcher Satz mitten in einem alten, weisheitlichen Buch, dessen Motto «nichtig und flüchtig» lautet (1,2)? Macht haben wollen über meine Lebenszeit ergibt so wenig Sinn wie Macht haben wollen über den Wind. Oder gar über einen anderen Menschen. Solche Macht kommt einzig Gott zu! Wer das nicht ernst nimmt, überhöht sich, begeht Unrecht und will sich gar zum Entscheider über Leben oder Tod machen. Damit würde eine absolute Grenze überstiegen, kein Mensch hat das Recht dazu.
Beim Nachdenken über den scheinbar «banalen» Satz von heute halte ich ein: Nehme ich mir zuweilen in meinem Alltag, zu Hause, am Arbeitsplatz, im KollegInnenkreis, mehr heraus, als mir zusteht? Unbemerkt vielleicht, durchaus bewusst manchmal? Den Fragen muss ich mich stellen, wenn ich nicht selbst «nichtig und flüchtig» werden will. Meine Antworten aber, das muss ich mir eingestehen, sind nicht immer eindeutig. Und genau das macht mich demütig. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich mir der Grenzen meiner «Macht» jederzeit bewusst bin. Auch nicht, ob ich mir am Ende eines Tages genügend sorgfältig Rechenschaft gebe über mein eigenes Handeln und Verhalten. Aus dieser Demut kann gesunde Selbstkritik erwachsen, kontrollierteres Zusammenleben. Damit wird die «Binsenwahrheit» zu einem Wegbereiter von «persönlicher Wahrheit und Weisheit» …!

Von Hans Strub

10. März

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen. Jesaja 51,16

Eben noch wurde Jerusalem angeklagt, seinen Gott vergessen und sich an Menschen orientiert, sterbliche Menschen gefürchtet zu haben. Und plötzlich dreht die Gottesrede. Keine Schelte, keine Drohung, sondern Zuwendung: «Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen» – ein wunderschönes, geradezu liebevolles Sprachbild, eine Liebeserklärung an Menschen, die sich sehr ambivalent verhalten. Eine wundersame Wendung: Gott ist ein Gott, der schützt und birgt. Gott ist es, der aufrichten kann, der Fehlverhalten nicht anrechnet, der vergibt, der neue Anfänge möglich macht, der Leben will, nicht Tod! Und der das bedingungslos macht. Wo man eine Forderung erwarten könnte, kommt dieses «Du bist mein Volk»! Die Menschen in der Stadt sind die, die Gott zu seinen Boten machen will: «Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt.» Alle sind gemeint, wie sie auch sind! Und seit Jesus hören und wissen wir: Das «alle» gilt weltweit. Bis zu uns. Wir hier, die wir diesen alten Text von Gott lesen, sind mitgemeint. Wir sind mitbeschützt, ebenfalls geborgen im Schatten von Gottes Hand. Alle. Jederzeit, heute und morgen. Der Gott, dem wir hier begegnen, will Zukunft für die Welt. Was zu Zion gesagt wurde, ist zu uns gesagt. Wir dürfen (und können) es sehr persönlich nehmen. Wenn Gott «alle» sagt, meint er auch mich, so, wie ich bin!

Von Hans Strub

9. März

Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken.
Epheser 2,10

«Sein Gebilde sind wir» lautet die präzise Übersetzung des ersten Versteils: Gott steht betont am Anfang, und der Ausdruck «Gebilde» spielt die Metaphorik der Schöpfung ein, um die es hier geht. Der Autor des Epheserbriefs ist inspiriert von der Vorstellung, dass Gott im Ursprung, ehe er Adam und Eva schuf, einen Urmenschen bildete. Er war vollkommen, von «unversehrter Heiligkeit» (H. Schlier).In diesen Ursprung kehren wir «in Christus» zurück.

In diesem Ursprung – in der «Vor-Zeitlichkeit» (G. Sellin) – sind auch die «guten Werke» schon vobereitet. So lautet die Fortsetzung des Verses, die einen originalen Gedanken des Autors zur Sprache bringt: Die guten Werke hat Gott «zuvor bereitet, dass wir in ihnen wandeln». Es gibt also nichts zu leisten, nichts zu erreichen. Es gilt zurückzukehren in jenes ursprüngliche Gutsein, wo die «guten Werke» Teil meiner Natur, meines Wesens sind, gleich meinem Atem, meinen Augen, meinen Händen und Füssen. (E. F. Scott)

Meister Eckehart sagt: Nicht durch Zufügen, sondern durch Abtun wird Gott in der Seele gefunden. Deshalb heisst es: Die Herrlichkeit wird enthüllt werden. Gott ist nämlich zuinnerst in der Seele, und das Wirken des Geschöpfes kann hierzu nur beitragen durch Reinigung und Bereitung.
Von Andreas Fischer

8. März

Einen andern Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1. Korinther 3,11

Der frühere St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder beginnt eine Predigt über den heutigen Lehrtext – die Präambel der St. Galler Kantonalkirche – mit der Frage: «Welches ist das wirkliche Fundament Ihres Lebens?» Als mögliche Antworten vermutet er: Familie, finanzielle Absicherung, Sich-auf-sich-selber-Verlassen.

Die Antwort, die Paulus gibt, lautet: Jesus Christus. Die Antwort ist nur scheinbar «fundamentalistisch». Denn das Fundament trägt nicht. Der Christus, der das Fundament bilden soll, ist der gekreuzigte. Und dies, sagt Paulus, ist ein «Skandal» (1. Korinther 1,23). Das griechische Wort skandalon  bedeutet: «Falle». Wer in die Falle tappt, stürzt ab, seine Seele befindet sich im freien Fall. Ebendiese Fallenden, schreibt der zeitgenössische deutsche Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert in seinen «Korinthischen Brocken», sind gemäss Paulus die «Berufenen» (vgl. 1,24).


Walk your talk ermutigt Dölf Weder uns Christenmenschen gegen Ende seiner Predigt mit einem amerikanischen Slogan: Lebe, was du vertrittst!  Ich schreibe diesen Text unterwegs nach St. Gallen, wo ich Dölf treffe. Ich werde ihn fragen, was Walk your talk unter den genannten «skandalösen» Bedingungen zu bedeuten hat.

Von Andreas Fischer

7. März

Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.
Lukas 21,28

Es gibt so unfassbar grosse Worte, die mich entweder sofort abhängen oder auf eine Gedankenreise schicken – dazu gehört «Erlösung»! Nun, heute lassen wir uns nicht abhängen.
Wir haben uns so an den liturgischen Satz «erlöse uns von dem Bösen» gewöhnt, dass er eigentlich kaum noch eine Bedeutung hat.
Erlöst werden bedeutet ja eigentlich befreit werden. Die einen möchten von Schulden befreit werden, die anderen von ihrem schlechten Gewissen, die Dritten vom Partner oder von der Partnerin.

Als Glaubende gilt unsere Bitte um Befreiung in erster Linie der Befreiung von den Handlungen und Vorstellungen, die uns daran hindern, dem Wohl der Schöpfung als Ganzes und unseren Mitmenschen als Teil davon zu dienen. Aber wovon sollen wir denn nun befreit werden? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir nur darum bitten können, die Lethargie loszuwerden, die Bequemlichkeit zu überwinden, Energie freizumachen. Denn wir wissen genau, dass wir auf den Zustand einer versöhnten Schöpfung hinleben sollen. Es sind die individuellen und kollektiven Schritte, die so wahnsinnig schwer sind. Aber es wird sie keiner gehen, wenn wir nicht anfangen und weitergehen – als Einzelne und als Gesellschaft. Das ist Erlösung!

Von Rolf Bielefeld

6. März

Der HERR ist seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt!
Habakuk 2,20

«Sei still und tu was man dir sagt», das hat wahrscheinlich jede/r schon einmal in seiner/ihrer Kindheit gehört. Dieser Satz könnte auch von dem das Übel ankündigenden Gerichtspropheten Habakuk stammen.
Irgendwie passt das gerade in unsere Zeit, mit den vielen – manchmal sich widersprechenden – Ankündigungen. Der grösste Teil der Bevölkerung folgt, Gott sei Dank, den vernünftigen Ankündigungen der Regierenden in der grassierenden Pandemie. Aber eine sehr laute Minderheit macht das Leben dann doch kompliziert
Das ist der Moment, wo ich mich nach Stille sehne; nach einem Moment, wo alles stillsteht und alle nachdenken. Dann haben alle eine vernünftige Entscheidung getroffen und verhalten sich so, dass es für alle das beste Ergebnis gibt. Eine sehr schöne Vision und doch so weit weg von unseren täglichen Erfahrungen. Aber es lässt mich verstehen, warum Habakuk Gott in «seinem heiligen Tempel» sieht und sich Stille um ihn herum wünscht. Das Anhalten und Stillwerden ist einfach eine gute Voraussetzung, um zuhören zu können und gute Entscheidungen zu treffen.

Von Rolf Bielefeld