Kategorie: Texte

14. April

Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwören
und sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke.

Jesaja 45,23–24

Ich möchte diesen Text einmal umdrehen und von der zweiten Hälfte her lesen: «Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke» ist die Aussage derjenigen, deren Knie sich beugen, als ein deutliches Zeichen des Sich-klein-Machens vor der Grösse eines anderen. Der andere ist hier «JAHWE», der uns auffordert, die eigene Grösse nicht zu überschätzen in dem Wissen, woher Gerechtigkeit, Anteilhabe an den Gütern der Schöpfung und je eigene Stärke und Macht kommen. Das letztlich verweist uns auf unsere Möglichkeiten.
Das Abendmahl, dessen wir am heutigen Gründonnerstag besonders gedenken, verweist für mich auf Ressourcenteilung und Möglichkeiten. Brot und Wein werden, ausgehend von Jesus, mit allen geteilt, auch mit Judas. Diese Gleichheit aller ist die Basis unserer Stärke, aus der heraus wir leben können. Einer Stärke in Gemeinschaft von Christen und, darüber hinaus, aller Geschöpfe Gottes. Das heute erinnerte, eingesetzte Mahl ist die Basis dieses Grundwissens um gerechtes Teilen, Enpowerment . Aus dieser Gerechtigkeit erwächst die Stärke, die in den Schwachen mächtig ist. Es ist Stärke, die sich willig vor Gott klein macht im Wissen, dass allein in diesem HERRN unsere eigene Stärke ruht.
Von Gert Rüppell


13. April

Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Micha 5,3

Der heutige Losungstext stammt von jenem kleinen Propheten, der, zeitgleich mit Jesaja, auch der «Amos des Südreichs» genannt wird. Ähnlich wie dieser klagt er die Korruption und das soziale Fehlverhalten der herrschenden Eliten an. Ihrer religiösen Selbstsicherheit setzt er die Prophetie der Zerstörung Zions (Jerusalems) entgegen. «Was kann uns schon passieren, wir haben das Heil doch in unserer Mitte?» (3,11)
Micha prophezeit die Vernichtung des Tempelberges und die Ankunft einer neuen Zeit am Ende der Tage. Es ist dies die Zeit der Fürsorge für die Geschundenen, Behinderten, Entrechteten, in der er «in der Kraft des HERRN auftreten und ihr Hirt sein wird», wie die Einheitsübersetzung diesen Text wiedergibt. Dann werden sie, die Opfer des Unrechts, in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.

Der Text  zieht mich in seinen Bann, ist er doch für den Karmittwoch, der altkirchlich dem Gedenken an den Verrat des Judas gewidmet war, eine spannende Verbindung von Schuld und Sühne. Gott greift ein, trotz oder gerade wegen allen  Fehlverhaltens der Menschen. Auf seine Gnade, so mag ich es lesen, verweist uns dieser Mittwoch vor dem Osterfest.

Von Gert Rüppell

12. April

Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis
und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes.

Kolosser 1,12

Von der Finsternis ins Licht, post tenebras lux, –  so hat man in Calvins Genf das Selbstverständnis der Reformation formuliert. Die barocke Theologie vertraute auf die vom Heiligen Geist erleuchtete Vernunft, und bekanntlich nennt man die Zeit der Aufklärung im Französischen les lumières. Das ist alles nicht die Lesart des
1. Jahrhunderts. Dennoch ist der Lehrtext mit seiner Nachwirkung eine Herausforderung für ein modernes Glaubensverständnis, das Vernunft und Glauben zusammendenken muss.

Die «vernünftigste Vernunft» ist jene, die auch über sich selbst nachdenkt. Dabei erkennt sie ihre Bedingtheit durch die menschliche Natur und rechnet damit, dass es eine Wirklichkeit ausserhalb der erkennbaren gibt, auch wenn sie nicht zu definieren ist. Die Religionen nennen diese Wirklichkeit «Gott» und versuchen, sie in Begriffe, Rituale und Erfahrungen zu fassen. Die recht verstandene Vernunft blendet sie nicht aus, sondern hat die Aufgabe, die  Religion daran zu hindern, sie in scheinbar eindeutige Formeln einzuschliessen. So bleibt der Raum jenseits des rational Fassbaren offen, die Vernunft behält die Erkenntnis ihrer Grenzen und bleibt auch sich selbst gegenüber vernünftig.

Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein‘ neuen Schein.
Es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht, Kyrieleis.

(RG 392,4)

Von Andreas Marti

11. April

Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!
Psalm 31,25

«Harren» – das Wort begegnet uns immer wieder in den Psalmen, aber kaum je im Alltag. Wir sagen «warten», aber das wirkt passiv; wir sagen «hoffen», auch ein gut biblisches Wort, aber umgangssprachlich recht unbestimmt. Es gibt aber noch das Wort «ausharren», meist im Zusammenhang von schwierigen, vielleicht aussichtslosen Situationen. Diesen Hintergrund hören wir im Psalmwort mit, dazu aber auch die Gewissheit, dass eine solche Situation nicht endgültig, nicht das Letzte sein soll, dass da einer ist, der etwas Anderes, Besseres für uns und für die Welt vorgesehen hat. Daraus erwachsen Kraft zum Handeln, Offenheit und Lebensfreude, auch gegen allen Anschein.

In meinen Ohren klingen Passagen mit dem gesungenen «Harren»: Etwa Mendelssohns 42. Psalm, wo das Harre auf Gott mit Kraft und Wucht die Klage und die Ungewissheit hinwegfegt, oder Heinrich Kaminskis 130. Psalm, wo sich die Sopranstimme schwerelos und engelsgleich mit den Worten Ich harre des Herrn über den Chorklang aufschwingt. Was der Verstand nur mit Mühe zusammenbringt – das irdische Leben mit seinen Widersprüchen und Mühen und jenes Grössere, für das wir keine angemessenen Worte haben –, kann uns in der Musik als Ahnung aufscheinen. So wird christlich e Existenz sub spezie aeternitatis,  im Angesicht der Ewigkeit, spürbar, wird Quelle für Mut und Zuversicht, für ein «getrostes und unverzagtes» Leben.

Von Andreas Marti

10. April

Wir warten aber auf das, was unsere wunderbare Hoffnung ist: auf das Erscheinen der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns zu erlösen von aller Ungerechtigkeit.
Titus 2,13–14

Ich schreibe am heimischen Stubentisch, aber heute Morgen war ich noch im Emmental, wo wir einige Neujahrstage verbracht hatten. Es hatte leicht geschneit, und wir gingen mit den Kindern und zwei Schlitten den Hügel hoch. Die Sonne schien, und meine Tochter machte mit ihrem Handy Fotos ohne Ende: verschneite Tannen, prächtige Höfe, sie selbst mit Mütze und Winterjacke. Mein Sohn lag im Schnee und sagte: «Ich bin irgendwie so glücklich.» Ich war es auch. Die Herrlichkeit des grossen Gottes? Sah sie für mich heute so aus?Unten neben unserem Ferienhaus war eine Holzbeige, in die hinein unsere Vermieter ein Adventsfenster gebaut hatten, darin eine schöne Krippe.

Und auf der Holzbeige lag ein Stechpalmenzweig. Warum? Zufall? Vielleicht eine vergessene Weihnachtsdekoration? Auf alle Fälle erinnerte er mich daran, dass der nächste Palmsonntag bald wieder kommen wird. Wir werden Palmzweige binden. Ich werde den Frühling riechen und mir ab und zu die Hände an den Stechpalmen stechen. Und ich werde mich fragen: Warten wir auf etwas? Wovon sollen wir erlöst werden? Und wo ist die Herrlichkeit schon sichtbar?

Von Katharina Metzger

9. April

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Römer 14,17

Wieder einmal bin ich überrascht, wie ich den obigen Vers in seinem Zusammenhang lese. Ich hatte zuerst gedacht, Paulus skizziere da ein asketisches Himmelreich, das einen etwas brav-trostlosen Gegensatz zur Hölle bildet, wo richtig was los ist. So wie in einigen Witzen, die ich noch aus meiner Kindheit im Kopf habe.
Das Kapitel 14 des Römerbriefs erstaunt mich nun mit unerwarteter Aktualität: Paulus wirbt für Toleranz in Ernährungsfragen! Natürlich geht es bei ihm nicht um die richtige Zusammenstellung einer gesunden Nahrung, sondern darum, ob gewisse Speisen und deren Verzehr unrein seien. Paulus gibt da eine Antwort, die sowohl befreiend ist, als auch von jedem Menschen Selbstverantwortung fordert: Nichts sei unrein, aber niemand solle etwas gegen sein Gewissen essen und auch niemanden dazu zwingen.

Ich verstehe es so: Das Reich Gottes ist nicht durch das Einhalten von Speisevorschriften zu gewinnen, aber wenn diese zu meiner persönlichen Überzeugung von einem gottgefälligen Leben gehören, dann soll ich daran festhalten.
Heute sind Ernährungsfragen wieder sehr aktuell. Für viele Leute hat das «Reich Gottes» wenig Bedeutung, wohl aber die Bewahrung der Schöpfung. Wie auch immer – Paulus’ Aufruf zum bewussten Umgang mit Speisen gilt uns allen!

Von Katharina Metzger

8. April

David sprach zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.
Nathan sprach: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen;
du wirst nicht sterben.
2. Samuel 12,13

Wir kennen die Geschichte: König David, ein Schwerenöter, wie er im Buche steht, sieht der Frau seines Feldherrn Uria beim Baden zu, und schon sinnt er darauf, wie er die schöne Bathseba von der Badewanne ins Bett verfrachten und ihren Ehemann als Rivalen ausschalten könnte. David hat Glück: Uria ist mit seinen Männern auf einem Feldzug, und der Tod im Gefecht lässt sich arrangieren: Uria wird an die vorderste Front versetzt und fällt im Kampf. Das Kalkül geht auf: Nun kann David Bathseba in seinen Palast bringen und sie zu seiner Frau machen.

Ich habe diese Story immer mit Wut im Bauch gelesen. Bathseba ist einfach ein Objekt in einer Geschichte, wo es um die Rivalität zwischen Männern geht. So kam es mir vor, und so kann man die Geschichte lesen. Man kann sie aber auch als Ermahnung an die Herrschenden lesen, auch sie müssen sich an Regeln halten und dürfen nicht nach Willkür regieren. Der Prophet Nathan macht David klar, dass er sich nicht an die Regeln gehalten und nicht den Schwächeren geschützt hat. Was mir wichtig geworden ist an der Geschichte: König David ist ein Mann der Macht. Aber er lernt, dass auch die Mächtigen Fehler machen. Er gibt zu, dass er gesündigt und für den eigenen Vorteil das Leben eines anderen aufs Spiel gesetzt hat.

Von Reinhild Traitler

7. April

Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott grösser ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.
1. Johannes 3,19–20

Gott – grösser als unser Herz? Was stelle ich mir darunter vor? Ist unser Herz, metaphorisch gesprochen, nicht das Zentrum unseres guten Wollens und Wirkens? Kommt nicht alles Gute von Herzen, vom Herzen – oder bilden wir uns das nur ein? Kann auch Böses vom Herzen kommen? Überhaupt, was ist dieses Herz? Der Verstärker unserer Wünsche? Auch der falschen, schädlichen, zerstörerischen Wünsche? Oder aber der Ort unserer Einsichten? Im Herzen blitzt Erkenntnis auf. Das Wort Gottes will nicht allein gehört, sondern auch getan werden: Es bewahrheitet sich, wenn es wirklich wird (Vers 22).

Das Wort wird wirklich, indem es Grundlage des Handelns wird. Das gelingt nicht immer. Oft lieben wir nur mit falschen Worten und hochtrabender Rede. Und sind traurig, dass es uns nicht besser gelingt. Da brauchen wir dann ein Wort, grösser als unser Herz, ein Wort, das hineinhören kann in unser Wollen, das versteht, wie wir es meinten, auch wenn es nicht gelungen ist. Da braucht es einen Zuspruch, wenn uns unser Herz «verdammt»: Wir müssen uns nicht erlösen. Gott ist grösser als unser Herz, als unser Scheitern, als das Böse, das auch im Herzen ist: Gottes Herz erkennt alle Dinge. Und nimmt  sie  an.

Von Reinhild Traitler

6. April

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!         
Römer 11,33

Erfahrungen des Göttlichen: kein Reichtum, den ich auf meinem Privatkonto verbuchen kann. Gott, so scheint mir immer wieder, ist nur grosses Geheimnis. Das Göttliche ist alles und nichts, ganz gewaltig und ganz fein, sehr konkret und absolut unbeschreiblich. Es berührt und es fehlt. «Die Anhänger der verschiedensten Religionen werden angezogen von diesem X im Herzen der Welt, dem sie Namen wie Allah, Urmutter, der Ewige, Nirwana, das Unerforschliche gegeben haben.» So Dorothee Sölle. Paulus versucht hier, dem Geheimnis des Gottes Israels auf die Spur zu kommen. Ich kann es nicht haben, beweisen, begreifen, ergreifen. Das Göttliche bleibt unerforschlich. Ich kann daran glauben, dass hinter dem Horizont noch etwas kommt. Ich kann mit anderen zusammen ein Stück Hoffnung aufrechterhalten, dass gutes Leben für alle möglich ist. Ich kann versuchen, offen zu bleiben für Liebe, die mir entgegenkommt, mit der ich gar nicht rechnen konnte. Diese Liebe ist dann vielleicht Erfahrung des Göttlichen. Auf meiner eigenen Expedition in rutschigem Gelände.

Der israelische AphoristikerElazar Benyoetz sagt deshalb: Gottes Wege sind unerforschlich, nicht aber der Weg zu ihm.

Von Matthias Hui

5. April

Sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem HERRN:
Denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewiglich.

Esra 3,11

Wir hören am Radio ein Konzert der 75-jährigen Rocksängerin und Poetin Patti Smith. Mein Sohn fragt bei einem Liedtitel nach: «Was heisst mercy auf Deutsch?» Ich: «Barmherzigkeit». «Und was ist denn Barmherzigkeit?

Das Wort kommt in unserem Alltag kaum vor, es ist geheimnisvoll, klingt auf Deutsch noch altmodischer als im Englischen. Es steht für eine Haltung und für aktive Gesten bedingungsloser Zuwendung, extrem menschlich und Eigenschaft Gottes zugleich.

Ein deutscher Theologe beantwortete kürzlich die Frage, ob Seenotretter*innen barmherzig handeln, brutal abgeklärt: «Die Barmherzigkeit nimmt einseitig für Menschen in Not Stellung, das stimmt. Aber es gibt auch die Gerechtigkeit, und die kann nicht einfach dem Herzen folgen, sondern muss nach Regeln fragen. Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht.» Die Antwort verstört mich.

Patti  Smith  spricht   in  einem Schlaflied  anders,  in Bildern,  von der Barmherzigkeit: Dein Vater wartet auf dich / Um dich in seine heilenden Hände zu hüllen / Während der Nachthimmel weint. Ihre Definition: Barmherzigkeit ist der heilende Wind / der flüstert, wenn du schläfst.

Von Matthias Hui