Kategorie: Texte

24. April

Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.
Lukas 10,20

Vor einer Woche haben wir Ostern, das Fest der Auferstehung, gefeiert. Heute ist nun der traditionelle Taufsonntag mit dem schönen Namen Quasimodogeniti (Wie die neugeborenen Kindlein). Die Taufe ist ein Versprechen: Die Kinder werden von Anfang an in ihrem irdischen Leben unter dem Segen Gottes leben, sie bekommen einen Namen, mit dem sie zu IHM gehören, das ist die hoffnungsvolle Zusage. Und dazu sind alle Namen im Himmel geschrieben, keiner ist verloren, und gerade in den schwierigsten Zeiten ist Gott nahe.
Die schöne Geschichte von den Spuren im Sand illustriert das aufs Beste, und so erzähle ich sie – verkürzt – noch einmal nach: «Mir träumte, ich ging mit Gott am Strand entlang und die Bilder meines Lebens waren im Himmel zu sehen. Und bei jedem Bild sah ich zwei Spuren im Sand: meine eigene und die meines Herrn. Als ich nach dem letzten Bild zurücksah, sah ich gerade in den schwierigsten Zeiten meines Lebens nur eine Spur: Oh, deshalb war es so schwer: Du gingst nicht mit mir!
Gott antwortete: Liebes Kind, dort, wo du nur eine Spur siehst, dort habe ich dich getragen! » (Margrit Fishback Powers)

Unsere im Himmel geschriebenen Namen drücken das Gleiche aus, damit wir nicht verzweifeln und nicht verloren gehen. Das ist wahrlich Grund zu Freude.
Von Elisabeth Raiser

23. April

Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.
Johannes 4,14

Die ganze Geschichte von der Samaritanerin am Brunnen in Johannes 4 ist eine der tröstlichsten und schönsten, auch dramatischsten unter all den Erzählungen von Begegnungen Jesu mit seinen Mitmenschen. Jesus hat ein langes Gespräch mit der Frau geführt – über den Durst, das Stillen des Durstes mit klarem Wasser aus dem Brunnen; das lebendige Wasser, das zu einer Quelle zum ewigen Leben wird. Aber auch über ihre fünf  Männer hat er mit ihr gesprochen. Nun rennt sie aufgeregt in ihre Stadt Sychar und ruft ihre Leute zusammen. «Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, ob er nicht der Christus sei!»
Grosse Hoffnung entsteht bei den Menschen. Die Samaritaner haben keine Gemein- schaft mit den Juden, aber sie eilen hinaus, bitten Jesus, noch zwei Tage bei ihnen zu bleiben, und viele von ihnen glauben von da an an ihn, den Christus. Es ist eine sehr menschliche Offenbarungsgeschichte, in der Jesus die Grenze seiner Volkszugehörigkeit überschreitet und seine Botschaft und Gnade ausweitet auf alle Menschen: Alle können vom Wasser zum ewigen Leben trinken. Das lebensbringende Wasser ist ein wunderbares Bild für den Glauben. Und so sagen die Samaritaner schliesslich voller Dankbarkeit von Jesus: «Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.»
Von Elisabeth Raiser

22. April

Mach dich auf und handle. Und der HERR möge mit dir sein.             
1. Chronik 22,16

David bereitet den Bau des Tempels vor, und gleichzeitig setzt er seinen Sohn Salomo als seinen Nachfolger ein. Gott soll ein Haus bekommen. Und mit der Ernennung Salomos zum Nachfolger soll nach all den Kriegen und dem Blutvergiessen Ruhe einkehren. Die Menschen, auch die Fremden, sind in den Bau des Tempels einbezogen, gestalten mit. Es entsteht ein Haus für Gott, das, so verstehe ich das Kapitel, alle Menschen einbezieht. Und es soll Ruhe einkehren.

Unweigerlich steigen Bilder in mir auf, die die Zerstörung Syriens zeigen. Wer schaut, dass dort Ruhe einkehrt? Wer baut ein Haus für Gott, welches den Menschen Ruhe bringt? Wer ist aufgerufen, zu handeln? Ich weiss, solche Parallelen zwischen einem Text aus der Bibel und heutigen Situationen sind problematisch. Und doch erlaube ich mir nachzufragen, was die heutigen Häuser Gottes, die Kirchen, tun, damit Ruhe und Friede einkehrt. Genügen wir uns nicht vielmehr selbst und haben Angst, kleiner zu werden? Wo wir doch handeln könnten, um am Frieden mitzuwirken. Es stimmt: Die Hilfswerke tun viel. Aber wir delegieren ihnen auch viel. Ich wünsche mir, dass unsere Gotteshäuser Orte des Handelns werden, Orte, wo wir über Gerechtigkeit und Frieden nachdenken und uns zusammen mit andern aufmachen, um Visionen des Friedens in Taten umzuwandeln, ganz so, wie der Tempel gebaut wurde.
Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. April

Hasst das Böse und uns liebt das Gute. Richtet das Recht auf im Tor,
vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, gnädig sein.

Amos 5,15

Der Prophet stimmt eine Totenklage an über das Haus Israel. Jerusalem ist zerstört und wird nicht wieder auferstehen, so die Worte des Propheten. Es gibt nur ein Mittel, um am Leben zu bleiben, nämlich Gott, die Lebendige, zu suchen. Der Grund der Zerstörung wird in Vers 11 erwähnt: «Darum, weil ihr dem Hilflosen Pachtzins auferlegt und Abgaben vom Getreide von ihm nehmt.» Ungerechtigkeit herrscht, und darum wird Jerusalem zerstört. Ein neuerlicher Aufruf des Propheten verheisst vielleicht Gnade: Gutes zu tun und nichts Böses, Gerechtigkeit walten zu lassen anstelle von Ausbeutung.
Es ist keine Frage, was gut und was böse ist in unserem Text. Amos nennt das Böse beim Namen: Ungerechtigkeit gegen die Armen. Und damit sind wir mitten in der Frage nach weltweiter Gerechtigkeit. Zwar schauen wir nicht auf Trümmer, aber au  Tausende Menschen auf der Flucht. Ihnen verweigern wir Asyl. Viele dieser Menschen fliehen aus Unrechtsystemen, aus Armut und vor Gewalt.

Liebt das Gute, sagt der Prophet. Mir sagt er: Setze dich ein für flüchtende Menschen und für eine weltweite Gerechtigkeit.

Schenke du Kraft, Zukunft und Hoffnung.
Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. April

Der Israel zerstreut hat, der wird’s auch wieder sammeln
und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde.
Jeremia 31,10

Das Verhältnis von Gott und seinem Volk ist Dauerbrenner im Buch der Bücher, eine regelrechte Beziehungskiste, in der man nur kurz wühlen muss, um reichlich Stoff für eine Familientherapie zu finden. Schon nach dem Honeymoon in Ägypten kam die erste Krise in der Wüste. Die Israeliten maulten, weil sie den Gulasch-Service ihrer alten Herren vermissten und das Manna nicht ihren Ansprüchen genügte. Am Berg Sinai kam es beinahe zu einer Katastrophe. Als Moses die Gebote empfing, wurde das Fussvolk untreu. Statt auf Gott zu hören, tanzten sie lieber um ein Kalb aus Gold. Wieso waren sie so starrköpfig? Warum versagte die göttliche Pädagogik? Gott war ausser sich, aber liess sich noch einmal von Mose besänftigen.

Viele weitere Krisen folgten, bis es nicht mehr ging. Gott resignierte und Israel machte die verstörende Erfahrung der Diaspora. Es war eine Verzweiflungstat Jahwes. «Er hat sein Volk zerstreut» bedeutet eigentlich, dass er es zerstört hat. Oder doch nicht? Ist da noch ein Funke Hoffnung? Lässt sich eine derart zerrüttete Beziehung noch retten? Jeremia darf in Gottes Namen einen Lichtblick wagen. Sein Heilsorakel verspricht einen Neuanfang. Gott macht eine Kehrtwende, will alle mit dem Feuer der Liebe einsammeln, die er in seiner Weissglut vertrieben hat, und ist damit noch lange nicht fertig …
Von Ralph Kunz

19. April

Ich breite meine Hände aus zu dir,
meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.
Psalm 143,6

Ich wuchs mit drei Brüdern auf, kannte also den Futterneid, musste aber weiss Gott nicht darben. Wir hatten immer genug zu essen. Und doch kam es vor, dass wir an Hungeranfällen litten. Wir schlichen uns dann in die Vorratskammer und schnabulierten, was uns in die Finger kam, als  ob es ums Überleben ginge. Weil wir zwar räuberisch begabt waren, aber die Kunst des Leisetretens nicht beherrschten, kam es vor, dass uns die Mutter überraschte. Sie hatte dann einen Spruch auf Lager. «Was seid ihr doch für hungrige Seelen!» Ein wahres Wort! Der Bauch kann voll sein, aber dennoch knurrt die Seele vor Hunger.
Klar, meine Kindheitserinnerung ist harmlos. Sie hilft mir aber,  das Bild zu verstehen, das der Psalmist verwendet. Bei ihm geht es, anders als in meinem Beispiel, tatsächlich um Leben und Tod. Er ist verfolgt von seinen Feinden, sein Geist ist verzagt und erschöpft, sein Herz sei erstarrt. Der Seelendurst ist für ihn ein Bild der existenziellen Not. Er spricht sie aus, klagt Gott sein Leid und findet darin einen Halt. Seine Kehle lechzt nach einem Gottestropfen.
Was ist mit uns, die, Gott sei Dank, nicht an Leib und Leben gefährdet sind? Vielleicht sollten wir fasten. Oder wir könnten solidarisch mit anderen «für-dürsten». So verstehe ich Jesu Wort: «Selig sind die Hungrigen im Geist.» (Matthäus 5,1)
Von Ralph Kunz

18. April, Ostermontag

Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein.
1. Könige 8,29

Dass Gott präsent sei an einem Ort…
Ich kenne Orte, an denen ich so etwas ahne: Wo eine ganz eigene Ruhe in mich einströmt. Wo ich mich umgeben fühle von denen, die ihre sehnsüchtigen Bitten oder ihr Glück dorthin brachten und von dem Du, an das sie sich wandten. Wo manches, was ich mit mir trage, auf einmal relativ wird.

Salomon baut ein Haus. Einen Ort von Gottes Nähe. Ausdruck für diese Nähe: Sein Name soll da sein. Eine eigenartige Vorstellung. Im biblischen Denken ist der Name mehr als Schall und Rauch. In meinen Namen bin ich hineingewachsen. In ihm verdichtet sich meine Geschichte. Es «tüpft» mich, wenn mein Name fällt. In seinen Namen ist Gott hineingewachsen, in ihm ist er da – das ist die Vorstellung.

Was ist Gottes Name? Gott? Im Judentum ist eine grosse Scheu da, ihn auszusprechen. Nur einmal im Jahr – am Jom Kippur-Tag – tut es der Hohepriester. Stattdessen werden Ersatzworte benutzt, die eine Eigenschaft beschreiben: die Ewige, der Barmherzige, die Heilige, der HERR, die Gewaltige, der Ort, der Name. Mich rührt diese Scheu! Sie gesteht ein, dass Gott nicht in Worte zu fassen ist.
Und Ostern? Wie soll ich diesen Gott in Worte fassen?
Von Ulrike Müller

17. April, Ostern

Der Auferstandene spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Johannes 20,21

«Friede sei mit euch!» «Friede sei mit dir!» Warum spricht mich diese Zusage so an?
Mir ist, als habe sie schon mein Innerstes erreicht, bevor ich recht überlegen kann.
Und ich gebe ihr gern Platz. Weil ich merke, wie sehr ich diesen Frieden brauche und wo er mir fehlt. Und mit den Worten scheint schon Friede bei mir angekommen zu sein.

Lasse ich mich da einlullen? Als wäre es so leicht, dass einer Frieden zusagt – und er ist da! Es ist doch kein Friede! Das ist doch Augenwischerei. Wird es je Frieden geben in der Welt? In mir? Es sieht nicht so aus. Und auf einmal muss ich an Menschen denken, die Kathedralen gebaut haben. Nie haben sie diese fertig gesehen. Da gestaltete einer einen Altar, malte ausdrucksvolle Szenen, ein anderer legte das Mosaik am Boden, aber in das fertige Haus konnten sie nicht hineingehen, um das gemeinsame Werk zu betrachten. Und doch stand es eines Tages da.

Könnte das Auferstehungsglauben sein: Eben nicht dem recht geben, was vor Augen ist und realistisch zu sein scheint? Nichts als unverrückbar hinnehmen und Oster-verwegen über mein determiniertes Denken springen?
Von Ulrike Müller

16. April, Karsamstag

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein vergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
2. Timotheus 1,10

Das Evangelium von Jesus Christus ist nicht allein ein Evangelium der Stärke, sondern auch der Schwäche: Jesus ist am Kreuz gestorben.
Heute ist Karsamstag: Tag der Grabesruhe. Der Tod am Kreuz war die Todesart für Verbrecher, also gescheiterte Existenzen. Die Kreuzigung sah aus wie das klägliche Scheitern eines selbsternannten Heilands. In Wahrheit aber war es ein zentrales Ereignis der heilvollen Geschichte Gottes mit uns  Menschen. Gottes Handeln vollzieht sich oft unsichtbar, in der Verkleidung des Schwachen, des Kleinen, des Misslungenen. Denken wir an die Gleichnisse, die Jesus erzählt hat: den verborgenen Schatz im Acker, die zufällig entdeckte Perle oder das winzige Senfkorn, welches dann plötzlich zu einem grossen Baum heranwächst.

Gott hat einen Plan mit uns Menschen. Er will uns unvergängliches Leben schenken. Im Glauben sollen wir dieses Geschenk annehmen. Zu Ostern feiern wir Christinnen und Christen die Freude über das Leben gegen alle Macht und Gewalt des Todes. Hoffentlich können wir ganz viele Menschen mit unserer Osterfreude anstecken und begeistern. Es ist wieder an der Zeit.
Von Carsten Marx

15. April, Karfreitag

Jesus Christus erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.  
Philipper 2,8

Gehorsam – ich mag dieses Wort überhaupt nicht. Wenn ich gehorsam sein soll, dann werde ich misstrauisch. Vielleicht will mich jemand instrumentalisieren?
Jesus war nicht misstrauisch, sondern hatte volles Vertrauen zu seinem Vater, darum gehorchte er ihm. Es war ein Gehorsam ohne Wenn und Aber. Bis zum letzten Atemzug war er gehorsam, bis zum Tod am Kreuz.

Nach dem Bericht des Markusevangeliums stirbt Jesus am Kreuz von Gott verlassen. Er ruft «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Die Frage bleibt am Karfreitag zunächst unbeantwortet. Das Karfreitagsgeschehen wirft weitere Fragen auf. Für mich bleibt, dass der grausame Tod  Jesu am Kreuz ein Zeichen dafür ist, dass  Gott den Menschen im Leiden ganz nah ist. Zwischen Gott und den Menschen soll es keine Hindernisse geben. Das Kreuz symbolisiert das ganz genau. Das Kreuz verbindet Himmel und Erde. Das Bild vom Kreuz ist lebendig. Es ist nicht das Bild des Scheiterns und der Katastrophe. Gottes Weg in die Welt ist nicht gescheitert. Es ist ein Weg der Befreiung und der Erlösung. Lebendig ist die Kraft der Liebe. Lebendig ist das Kreuz, das Jesu Nachfolger tragen. In der ganzen Welt gibt es die Zeichen dafür. Die Liebe kommt nach unten und mischt sich ein.
Von Carsten Marx