Kategorie: Texte

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da.
Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu…
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!
Von Hans Strub

3. Mai

Lasst euch nicht abbringen von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt. Überall auf der Welt, so weit der Himmel reicht, ist es verkündigt  worden. Kolosser 1,23

Hoffnung, hoffen ist lebenswichtig. Mit Hoffnung haben wir Zukunft und sind verbunden mit dem Gang des Lebens. Die heutige Losung verbindet Hoffnung mit dem Evangelium und verkündigt diese Hoffnung für die ganze  Welt, «so weit der Himmel reicht». Unabsehbar, ohne Ende ist der Himmel.

Ich habe eine besondere Beziehung zur Hoffnung, genauer zur Farbe Grün. Im Frühling, wenn das Leben wieder zu spriessen beginnt, die Bäume grün werden und neues Leben aus der Erde schiesst, ist man dieser Hoffnung sehr nahe.

Hildegard von Bingen, die mittelalterliche Seherin, konnte nicht enden, das Grün zu preisen. Sie nannte es  Grünkraft, «heilige Grünkraft», sancta viriditas, und verstand darunter eine Energie, die alles durchflutet, Menschen, Tiere, Blätter Bäume, die ganze Fauna und Flora – überall ist Grünkraft am Werk, heilige Grünkraft göttlichen Ursprungs. Diese Grünkraft ist Leben, Lebensfluss und Lebenskraft und «Herzkraft himmlischer Geheimnisse». Durchflutet von heiliger Grünkraft, fühlen wir uns lebendig, leben und atmen wir. Zieht sie sich im Herbst über den Winter zurück, so ist sie nicht verloren, sondern kommt wieder. Sie hört nie auf.

Von Kathrin Asper

2. Mai

Aus Liebe hat Gott uns dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden – durch Jesus Christus. Epheser 1,4–5

Gott sandte seinen Sohn in die Welt, wo er all die Schrecknisse erleiden musste, welche menschliches Leben kennzeichnen. Wir Menschen sind Gottes Söhne und Töchter durch diese einmalige Tat, als Gott seinen Sohn in die Welt gab.

Mein Konfirmationsspruch war Jesaja 43,1: «Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.» Er hat mich durch mein Leben begleitet.

Nun ist es aber heute anders, viele, viele Menschen leben ohne eine Verbindung zur Transzendenz. So habe ich kürzlich von Eltern das bekannte Gutenachtliedchen Ich g’höre es Glöggli in abgewandelter Form gehört, nämlich statt am Schluss de lieb Gott im Himmel wird au bi mer si in und Mami und Papi werded au bi mer si.

Diese Säkularisierung ist heute übergreifend, das beunruhigt mich. Wohin wenden sich die Menschen dann in ihrer Not? So sehr wir doch oft nicht einverstanden sind mit uns selber und unsere Beschränkungen beklagen, so müssen wir uns doch mit Paul Tillich immer wieder sagen können: Akzeptieren, dass wir akzeptiert sind.

Von Kathrin Asper

1. Mai

Evelyn Borer hat die Gastkolumne für den 1. Mai verfasst. Sie ist Synodalratspräsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Kanton Solothurn und seit Januar 2021 Präsidentin der Synode der Evangelischen Kirche Schweiz  EKS.

Soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.            Jesaja 55,9

Ich lese diese Worte und ich höre gleichzeitig Reinhard Mey: Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann …

Ja, was dann? Himmel, Wolken, Freiheit? Ist die Freiheit wirklich so grenzenlos? Kann ich alles hinter mir lassen? Dieser Flug wird einmal zu Ende sein. Das Benzin wird knapp. Der Pilot braucht eine Pause. Die Grenzen unserer Freiheit sind mit den Grenzen des «Menschenmöglichen» erreicht.

Gerne gehe ich wandern – Bodenhaftung ist wichtig – suche manchmal die Herausforderung der Berge, lote meine Grenzen aus. Im Wissen und Vertrauen darauf, dass ich meine Grenzen erkenne, sie beurteilen und wenn möglich erweitern kann. Auf dem Gipfel angekommen, ist meine Seele weit, empfänglich, stolz auf das Erreichte und zugleich demütig. Denn ich erkenne, mehr geht heute nicht. Aber vielleicht morgen.

Denkend ist die Freiheit grösser als die physischen Grenzen des Menschen. Den Himmel werden wir nicht erreichen. Trotzdem sollten wir uns erlauben, weiter zu denken und nach Höherem zu streben. Immer wieder neu. Grenzenlos leben? Das geht nicht. Denn spätestens am Zaun meines Nachbarn, bei der Lebensgestaltung des Anderen, bei den Gedanken meiner Nächsten sind meine Grenzen erreicht. Die Freiheit des Nächsten begrenzt meine eigene Freiheit.

In  der  Präambel  unserer  Bundesverfassung  steht  es so:

… In gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.

Gemeinsam und die Freiheit gebrauchend, können wir vieles erreichen. Und zu einer weiteren, höheren Ebene gelangen. Wir können unsere Flügel ausbreiten und unsere Wurzeln dennoch sicher verankern. Wir können grenzenlos denken, auch wenn die Umsetzung ganz praktische Grenzen hat und damit auch immer Stückwerk bleibt.

«Unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.» (1. Korinther 13,9–10) Wenn wir unser Wissen, unsere Fertigkeiten und Fähigkeiten zusammentun, so gelingt es uns, Herausforderungen zu meistern. Wir finden neue, andere Wege. Sie werden nicht vollkommen sein. Aber gemeinsam und darauf vertrauend, dass viele Stücke ein grösseres und besseres Ganzes ergeben können, das ist ein guter Weg.

Von Evelyn Borer

30. April

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden,
und ich kenne dich mit Namen.
2.Mose 33,17

Es ist eine filmreife Szene, die sich am Rand des Zeltlagers der Israeliten abspielt, die ausgezogen sind, um das Gelobte Land zu finden. In der Gestalt einer Wolkensäule gastiert Gott persönlich im «Zelt der Begegnung». Gastgeber ist Mose, Josua gibt den Türsteher.

Das Gespräch mit Gott, das Mose «von Angesicht zu Angesicht» führt, liest sich wie eine Verhandlung um das Kleingedruckte. Mose hofft auf eine Vollkaskoversicherung für die Reise ins Land, in dem Milch und Honig fliesst. Doch Gott winkt ab. Wenn er sich mitten unter das «halsstarrige Volk» begeben würde, könnte er es «auf dem Weg vernichten». Die Israeliten müssen mit einem Boten vorliebnehmen. Kaum hat sich Gott offenbart, entzieht er sich der menschlichen Erkenntnis wieder. Mose lässt nicht locker und ringt Gott die Zusage ab, dass er Gnade gefunden hat. «Ich kenne dich mit Namen», bekennt Gott.

Der Mensch bekennt sich zu Gott, ohne ihn je ganz erken- nen zu können. Und indem Gott den Namen des Menschen kennt, bekennt er sich zu ihm. Das wechselseitige Bekenntnis wird zum Fundament der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Auf das Kleingedruckte im Vertrag kann der Mensch sich nicht berufen. Ihm bleibt allein das Wort.

Von Felix Reich

29. April

Seid untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Epheser 4,32

«Es sind alle so nett», singt Franz Hohler. Die als Freundlichkeit getarnte Oberflächlichkeit mündet im Lied in die Katastrophe, das Lächeln gefriert zur Fratze. Freundlichkeit kann in den Wahnsinn treiben. Konflikte werden unter den Teppich gekehrt, Gemeinheiten hinter der kontrollierten Fassade versteckt, Einwände weggelächelt.

Freundlichkeit steht unter dem Generalverdacht der politischen Korrektheit. Die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, wird zum Freiheitsakt verklärt. Mitleid gilt als Gefühlsduselei ohne Sinn für die harte Realität. Wer die Humanität hochhält, gilt als Multikulti-Träumer. Wer Verzicht postuliert, wird als Moralist abgestempelt.

Der Apostel moralisiert nach Herzenslust. «Arbeite und tue etwas mit deinen Händen, damit du etwas hast, das du dem Notleidenden geben kannst.» Die Freundlichkeit, die hier zur Christenpflicht erklärt wird, hat nichts mit selbst-gerechter Nettigkeit zu tun, welche die Contenance behält um jeden Preis. Diese Freundlichkeit geht tiefer, sie meint Barmherzigkeit. Sie scheut den Blick auf die Wirklichkeit nicht und auch keine Debatte. Ohne sie funktioniert keine Familie, keine Gemeinschaft und ohne sie ist wohl auch kein Staat zu machen.

Von Felix Reich

28. April

Der HERR wird zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spiesse zu Sicheln.
Jesaja 2,4

«… Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.» Was tragen sie aus, die Verheissungen und Weissagungen der Prophetenbücher des Alten Testaments? Warum sollen wir sie heute noch lesen, diese Texte, die sich augenscheinlich immer noch nicht erfüllt haben? Der Friede, wie ihn Jesaja beschreibt, ist noch nicht zu sehen. Es sind keine Gegenwartsbeschreibungen, es ist textgewordene Hoffnung. Hoffnung auf Gottes Frieden. Eine Hoffnung, die eine kriegerische Menschheit vielleicht seit jeher umgetrieben hat. Die Sehnsucht nach einer Welt, die anders sein könnte, als sie jetzt  ist, sie wird durch diese Texte wachgehalten. Das  ist der Beitrag der Verheissungen für die Gegenwart. Sie helfen bei aller Ungeduld, Geduld zu bewahren. Gottes Reich  ist im Wachstum begriffen, auch wenn wir es nicht immer sehen können und manches dem entgegenzustehenscheint.

Und zugleich sind diese Texte wie ein Stachel, um bei aller Geduld ein gutes Stück ungeduldig zu bleiben, sich nicht abzufinden mit den Zuständen, wie sie jetzt sind. Nichts muss bleiben, wie es ist.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. April

Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott.
2. Korinther 3,5

Er war’s! Nein, er war’s! Die Vase liegt in tausend kleinen Stücken über den Fussboden verteilt, als die Mutter den Raum betritt. Ihr Blick wandert abwechselnd zwischen den beiden Brüdern und dem zerbrochenen Erbstück hin und her. Ein Finger zeigt auf den anderen, drei weisen zurück. Wer es wirklich war, das wird sie nie herausbekommen, das weiss sie. Und so beginnt sie die Scherben aufzukehren. Ein «er» war es halt.

Verantwortung abschieben, wenn es brenzlig wird, das ist ein probates Mittel. Seit Adam und Eva, beliebt schon bei Kindern. Aber auch Erwachsene geben die Verantwortung für Verlust und Versagen gerne ab. Dann war es das System oder der Markt oder beides.

Erfolge rechnet man sich da schon eher zu: «Das war ich, ich ganz alleine! Aber ich habe auch hart dafür gearbeitet, hab alles hintangestellt, sogar mich selbst.»

Er war’s! Sagen auch Paulus und Timotheus und versuchen damit die Verantwortung für ihr tüchtiges Handeln auf Gott abzuwälzen. Aber nicht um fein raus zu sein oder nicht belangt zu werden, sondern um überhaupt erst wieder Gehör zu finden. Um Vertrauen wieder herzustellen und eine Beziehung, die ziemlich angespannt war, wieder zu entspannen. Er war’s durch uns und deshalb dürft ihr uns vertrauen. Gott steht hinter uns und auch hinter euch.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. April

Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben
in Christus Jesus, unserm Herrn.

Römer 6,23

«Alles hat seinen Preis!» ist ein beliebter Ausspruch einer Freundin. Mal klingt er ein bisschen resignativ, meist dann, wenn der «Preis» – für was auch immer – gefühlt zu hoch ist; mal fröhlich, wenn sie etwas Schönes erstanden hat; mal pragmatisch-abgeklärt: So ist es halt im Leben. Alles hat seinen Preis!

Bei Paulus geht es um Tod oder Leben. Der Preis für ein Leben unter der Sündenmacht ist ihm zu hoch. Im 6. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Rom argumentiert er mit aller Kraft für den Weg zum Leben – rhetorisch kunstvoll, aber für uns Heutige nicht ganz leicht verständlich. Denn, so das Fazit seiner Rede: «Der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus.»

Bei Matthäus klingt es für mich einfacher, wenn Jesus sagt: «Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.» (Matthäus 5,24)
Es ist also meine, Ihre, unsere Entscheidung – als Einzelne und als Gemeinschaft, welchen Weg wir einschlagen, woran wir uns orientieren und unser Leben, unsere Lebensweise ausrichten, jeden Morgen neu. Das hat einen hohen Preis:

«Wir sind teuer erkauft!» (vgl. 1. Korinther 7,23)

Von Annegret Brauch

25. April

Es freue sich der Himmel, und die Erde sei fröhlich, und man sage unter den Völkern, dass der HERR regiert!
1. Chronik 16,31

Jede Zeit, jede Generation erzählt Geschichte neu. Die Gegenwart und ihre Lebensumstände prägen den Blick auf das Vergangene, das nun in neuer Weise verstanden wird. Dabei sagen die neuen Erzählungen und Texte häufig mehr über die Zeit ihrer Entstehung aus als über die Zeit, von der sie berichten. So auch die Bücher der Chronik, die nach der Rückkehr aus dem Exil in Babylon die Geschichte des Volkes Israel von Anfang an noch einmal ganz neu erzählen.

Alles auf Anfang also?!
Am Anfang dieses Liedes, zu dem unser Vers gehört, stehen Lob und Dank: «Danket dem HERRN, ruft seinen Namen an, tut kund unter den Völkern sein Tun! Singet und spielet ihm, redet von allen seinen Wundern!» (Verse 8 und 9).
Alle sollen sich mitfreuen, sogar Himmel und Erde und das Meer, Felder und Bäume (Verse 32 f.); und auch all die Menschen und Nationen, die nicht zum Volk Israel gehören. Was für ein Neuanfang!

Das passt gut zu dieser Woche, die vom Sonntag Quasimodogenitit (= wie die neugeborenen Kinder) herkommt: Etwas Neues ist geworden und ist im Werden! Wir dürfen gespannt sein und uns freuen – mit Himmel und Erde, mit Gottes Volk Israel, mit allen Menschen unter Gottes Himmel, als Töchter und Söhne, die zu Gott gehören!
Von Annegret Brauch