Kategorie: Texte

17. Juni

Ihr sollt die Wohltaten dessen verkündigen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht.                                        1. Petrus 2,9

«Deutschland hat Russland den Krieg erklärt – nachmittags Schwimmschule», notierte am 2. August 1914 Franz Kafka in sein Tagebuch.

Zwischen Weltgeschichte und persönlicher Geschichte ein Gedankenstrich – und ein Riss.

Als seien es zwei Welten, die partout nicht zueinander passen, so kommt es mir auch jetzt, Anfang März, vor: vor mir der Text von den Wohltaten dessen, der uns aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht berufen hat, und darunter und darüber die Nachrichten, wie Putins Armee immer mehr Städte und Orte in der Ukraine zerstört.

Ich kann und mag jetzt keine Wohltaten verkündigen und auch keine von irgendwoher hervorkramen.

Und doch will ich diese biblischen Worte nicht einfach beiseiteschieben. Sie müssen doch auch jetzt etwas zu sagen haben!

Der Petrusbrief richtete sich an Menschen, die in grosser Verunsicherung lebten. Und ihnen schreibt er, dass sie berufen sind. Gerufen. Auf ein Fundament. Gelegt von Jesus Christus. Auf dem stehen sie – auf dem stehe ich. Wird mir das schon zur Wohltat in dieser Zeit? Oder was kommt von dort noch? Welcher Ruf?

Von Ulrike Müller

16. Juni

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Denn euer himmlischer Vater weiss, dass ihr all dessen bedürft.      Matthäus 6,31.32

Wenn Jesus vom «sorgen» redet, dann meint er damit, dass sich Menschen abhängig machen und dadurch unfrei werden. Ein sich stets sorgender Mensch ist in sich gekehrt und kreist um sich selbst, sieht nicht, was um ihn herum geschieht. Jesu Forderung, sich keine Sorgen zu machen, gründet in dem Vertrauen auf Gott, der wie ein Vater für seine Kinder sorgt und ihnen das zum Leben schenkt, was sie brauchen.

Gott sorgt für Essen, Trinken und Kleidung. Gott sorgt dafür, dass die Grundbedürfnisse unseres menschlichen Lebens gestillt werden. Diese Zusage und Fürsorge galt nicht nur den Hörenden von damals vor gut 2000 Jahren. Sie gilt und betrifft uns auch heute noch. Auch wenn sich der Inhalt der Sorgen immer wieder verändert haben mag, so ist die Tatsache, dass sich Menschen Sorgen machen und Menschen Sorgen haben, geblieben.

Der heutige Lehrtext will uns Mut machen, dass wir uns einsetzen gegen unsere Sorgen, dass wir uns nicht erdrücken lassen. Suchen wir nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit.

Von Carsten Marx

15. Juni

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!                                 Psalm 121,8

Ich bete ihn gern, diesen Psalm. Viele Erlebnisse im Zusammenhang mit Leben und Sterben sind für mich untrennbar mit ihm verbunden. Im Laufe meiner Dienstjahre als Pfarrer kann ich ihn auswendig beten. Das hilft an einem Krankenbett, wenn mir gleichzeitig verschiedenste Gedanken durch den Kopf gehen. Ausgang und Eingang, Ende und Anfang des Lebens – und die vielen Jahre dazwischen. Immer wenn ich auf Friedhöfen zu Beerdigungen unterwegs bin, gehen mir diese Gedanken durch den Kopf.

Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die wissen, dass wir sterben müssen. Aber wir glauben es nicht. Wir denken nicht daran, dass unser Leben begrenzt ist. Oft genug leben wir so, als hätten wir unendlich viel Zeit. Zeit mit einem geliebten Menschen, Zeit, um Freundschaften zu pflegen, unendlich viel Zeit, etwas Neues zu beginnen. Dennoch: Alles hat seinen Ausgang und Eingang, seinen Anfang und sein Ende.

Der heutige Losungsvers schenkt mir unendliches Vertrauen. Ich darf Gott vertrauen. Er ist bei mir. Er verlässt mich nicht. Er behütet mich. Am Ausgang und Eingang und darüber hinaus und mittendrin. Das passt wunderbar.

Von Carsten Marx

14. Juni

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.                       Psalm 127,1

Deutlicher kann eigentlich der Kontext nicht beschrieben werden, in den all unser Tun und Lassen einzuordnen ist. Der Psalm verweist auf unser gesamtes Sozialwesen, Familie, Haus, Arbeit. Dies alles ist wichtig und doch nichts, wenn Gott es nicht behütet, bewacht und umsorgt. Eine starke Botschaft, denke ich, in einer Zeit, in der so viele Menschen sich die Verantwortung für das eigene Tun nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Ich muss dabei an die Vereidigung der neuen deutschen Regierung denken. 2021 kam diese scheinbare «Selbstverantwortung» darin zum Ausdruck, dass mehrheitlich beim Amtseid auf die «Bezugsformel» «so wahr mir Gott helfe» verzichtet wurde. Es erinnert an so manches, was zum Kontext dieses Psalms gehört: Selbstherrlichkeit, religiöse Beziehungslosigkeit und das Bewusstsein davon, dass allein eigene Rationalität zählt.

Dies gab es wohl auch zu Salomos Zeiten. Deshalb betont der Psalm, dass all unser Tun der Verortung in der Allsorge Gottes bedarf. Der Sorge für die Schöpfung, dem Beziehungsgeflecht, von dem wir Teil sind. Auch dann, wenn sich der Mensch dieser Teilhabe nicht mehr bewusst ist. Denn dann gleicht der Mensch dem Wächter, der hütet und dem doch die Aufgabe misslingt, wenn nicht letztlich Gott, wie der gestrige Text sagte, mit Gerechtigkeit und Allsorge den Schutzrahmen stellt.

Von Gert Rüppell

13. Juni

Erhöre uns nach der wunderbaren Gerechtigkeit, Gott unser Heil (der du bist die Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer).                                         Psalm 65,6

Der heutige Text ist der Scheitelpunkt des 65. Psalms, was sehr schön deutlich wird, wenn wir den ganzen Vers lesen. Um Erhörung im Kontext der Gerechtigkeit Gottes bittet der Psalmist. Ein Ruf um Vergebung? «Wohl dem, der seine Missetat erkennt und sich zu Gott wendet.» (Verse 4–5) Jenem Gerechten also, so zeigt die zweite, hier mitzitierte Hälfte des Verses, der nicht nur Macht, Kraft und Vergebung im «Portemonnaie» seiner Gerechtigkeit hat, sondern auch die Zuversicht seiner gesamten Schöpfung darstellt. Die Fröhlichkeit, die dies auslöst, wird in wunderbaren Worten beschrieben. Sie verdeutlichen, warum der Psalmist von Heil und Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer redet. Um die Fülle des Heils zum Ausdruck zu bringen und so gegen die Missetat so recht abzugrenzen, greift er in das gesamtschöpferische Vokabular: Wasser die Fülle, feuchte Schollen, reiche Ernten, grünende Steppen, grosse Herden und saftige Kornfelder. Wer sollte da nicht jauchzen und singen und Gott, unser Heil, um Erhörung anrufen? Um uns in dieses Heil, diese seine Wohlfahrt, dieses sein Haus (Vers 5) aufnehmen zu lassen, nach all dem, was wir verbockt haben. Auf dieses Handeln, diese Gerechtigkeit Gottes, diese seine Gnade zielt ja letztlich auch unser tägliches Hoffen im Wissen um das Wirkungsfeld seiner Barmherzigkeit.

Von Gert Rüppell

12. Juni

Du sollst der Menge nicht auf dem Weg zum Bösen folgen.     2. Mose 23,2

Dazu gibt es eigentlich nichts zu sagen, und das Bild von der breiten Strasse ins Verderben, wie Jesus es gezeichnet hat, bestätigt uns darin. Unsere Losung fordert Nonkonformismus und gibt Mut zum Unbequemen, auch zur Einsamkeit. Vielleicht liegt darin aber auch eine Versuchung zur moralischen Überlegenheit, die Versuchung des gebildeten Mittelstandes gegenüber der Massenkultur, die Versuchung des ethischen Perfektionismus in den Kirchen, die beispielsweise in der Pandemiezeit über die staatlich definierten Einschränkungen hinausgingen, die Versuchung, den eigenen Weg als den einzigen Weg zum Guten zu sehen.

Dagegen steht die Warnung «Richtet nicht!». So müssen wir den Widerspruch aushalten: Wir suchen danach, was das Gute, was Gottes Wille ist, sollen uns mit Überzeugung dafür einsetzen, müssen uns aber zugleich fragen lassen, ob diese Überzeugung richtig ist und richtig bleibt, ob sie Raum lässt für die Barmherzigkeit, die untrennbar mit dem Weg zum Guten verbunden ist. Der Lehrtext weist die Antwort: wahrhaftig sein in der Liebe.

Das ist der Liebe freundlich Amt, dass sie zurecht bringt, nicht  verdammt.

(Viktor Fr. von Strauss und Torney, 1843, RG 802)

Von Andreas Marti

11. Juni

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.                           Jesaja 2,2.4

In der Friedensbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre, mitten im Kalten Krieg, war Jesajas Vision einer Welt ohne Krieg ein wichtiges Bild, zusammen mit dem Motiv «Schwerter zu Pflugscharen» – als Bronzestatue vor dem UNO-Sitz, ausgerechnet ein Geschenk der Sowjetunion, und als Aufnäher auf den Jacken der Jugendlichen (oder in der DDR durch ein ausgeschnittenes Loch ersetzt, weil das Zitat verboten war). Friedensforschung, Friedenserziehung, Konfliktlösungsstrategien hatten in der Diskussion Konjunktur.

In den Tagen, in denen ich dies jetzt schreibe, herrscht Krieg in der Ukraine, und der berechtigte Protest gegen Putins Aggression nimmt bisweilen schrille und selbst kriegerische Töne an. Immerhin schliessen westliche Politiker und Politikerinnen eine militärische Antwort aus und versuchen, den mühsamen Weg der Konfliktentschärfung offenzuhalten, auch wenn sie sich des Erfolgs nicht sicher sein können. Frieden ist ein Prozess, ein Weg, dessen Schritte nicht schon im von vornherein feststehen.

«Kein Volk wird mehr lernen, Krieg zu führen», und es ist ja nicht das russische Volk, welches das Schwert erhoben hat. Schon ein kleiner Schritt auf Jesajas «Utopie» hin, auf diesen Zustand, der noch «ohne Ort» ist, aber die Richtung auf das weist, was durch den Willen Gottes verheissen ist?

Von Andfreas Marti

10. Juni

Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.               Epheser 4,26–27

Kennen Sie diese Kooperationsspiele, die manchmal zur Stärkung eines Teams eingesetzt werden? Meine Klasse hat ein solches gespielt, als wir zu Besuch beim Schulsozialarbeiter waren. Alle erhielten ein Stück Holz mit einer Rille drin, und dieses Stück Holz hielten die Jugendlichen vor sich hin und mussten damit zusammen eine lange Bahn bilden, auf der eine Murmel durch den Raum bewegt werden sollte. Zuerst klappte es nicht. Erst als alle ruhiger waren, ging es plötzlich gut. Ich habe auch mitgemacht, und es war eindrücklich, dieses Zusammenspiel am eigenen Leib zu erfahren. Ich war nicht mehr nur «eigener Leib», ich war plötzlich Teil eines grossen Leibes, so, wie das Paulus als Bild für die Gemeinde beschreibt. Gleich im Vers davor heisst es: «… denn wir sind ja untereinander Glieder.» Und es ist klar, dass dieser Leib nicht funktionieren kann, wenn jemand seiner Wut Raum lässt.

Oder doch? Dann fällt die Murmel zwar runter. Und alle müssen sich neu aufstellen, neu sortieren. Solange klar ist, dass man die Murmel von hier nach da transportieren muss und dass das nur zusammen geht, ist so ein Ausbruch aber verkraftbar. Vielleicht stärkt er die Gruppe sogar.

Aber: Ist mir eigentlich klar, welche Murmel gerade von wo nach wo transportiert werden soll und mit wem ich dabei zusammenhänge?

Von Katharina Metzger

9. Juni

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir  hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.                 1. Mose 4,7

Jetzt kommt mir wegen des Worts «fromm» gerade Frau Frommherz in den Sinn. Sie hiess tatsächlich so. Als ich in der Primarschule war, musste ich zu ihr in die Logopädie. In frühen Morgenstunden sassen wir nebeneinander im dämmrigen Schulzimmer – aus irgendeinem  Grund  schaltete  sie nicht unbedingt das Licht an – und machten seltsame Übungen. Mein Einsatz war mässig, immer hatte ich nicht genug geübt. Da sagte sie mir – und das ist mir   geblieben:

«Weisst du, ich mache jeden Tag zwei Dinge: Ich meditiere und ich mache ein Tänzchen für mich selbst. Und du solltest das so mit deinen Übungen halten.» Und obwohl die Übungen natürlich immer noch seltsam waren und nicht so spassig wie ein Tänzchen, konnte ich mir danach eine mir wohltuende Disziplin angewöhnen.

Die obigen Worte sagt Gott zu Kain, der wütend ist, weil Gott sein Opfer nicht gesehen hat, dafür das seines Bruders Abel. Ich verstehe Kain. Ich will auch gesehen werden. Erkannt. Anerkannt. Bewundert! Und dadurch wissen, wer ich bin. Aber jetzt kommt plötzlich das Bild von Frau Frommherz dazwischen, die alleine in einer Wohnung lebte, die nur aus einem grossen Zimmer bestand, und jeden Tag ein Tänzchen für sich tanzte. Ungesehen, unbewundert, tanzend.

8. Juni

Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.    1. Samuel 2,7

Vielleicht kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor. Und auch die folgenden: «Er hebt auf die Dürftigen aus dem Staub und erhöht die Armen aus der Asche.» (Vers 6) Oder der vorangehende Satz: «Die satt waren, müssen um Brot dienen und die Hunger litten, hungert nicht mehr.»

Immer wieder beeindrucken mich diese Worte aus dem Lied der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel: Da singt eine Frau ein Willkommenslied für ihr Neugeborenes, und was wünscht diese Mutter ihrem Kind? Weder Reichtum, Ruhm, Erfolg und Macht, weder Klugheit noch Bewunderung! Auch nicht spirituelle Höhenflüge und Erleuchtungen. Sie bittet um den grossen Ausgleich. Niemand soll zu viel und niemand zu wenig haben. Genüge schafft ausgleichende Gerechtigkeit: Das Leben, das Gott uns geschenkt hat, will geteilt werden. Nahrung und Gotteslob. Wir geben alle von dem, was jeder und jede von uns empfangen hat, und wir empfangen von allen, den Lebenden und den Toten, was wir brauchen. Nicht aus dem Horten und Festhalten wächst das gute Leben, sondern aus allem, was wir miteinander teilen – Wissen und Poesie ebenso wie Essen und Trinken und… Oder die Erinnerung an alte Verheissungen, so wie Maria sich daran erinnert.

Und all das zum Lob Gottes und zur Freude von uns allen!

Von Reinhild Traiter