Kategorie: Texte

8. August

Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe  bleibt,der bleibt in Gott und Gott in ihm.       1. Johannes 4,16

In der Liebe bleiben. Verbunden bleiben mit Gott und den Menschen.

Darauf verzichten, sich zu rächen und Böses mit Bösem zu vergelten, Nörgelei mit Nörgelei, neue Möglichkeiten mit Misstrauen und Skepsis mit Skepsis.

In der Liebe bleiben: sich freuen über jedes Stück blauen Himmel und über das Sternenmeer bei Nacht.

Dankbar sein für das Alltägliche einer warmen Mahlzeit: Voller Freude teilen, was wir haben.

Gott teilt seine Schöpfung mit uns. Indem er teilt, teilt er sich mit.

In der Liebe bleiben: langsam, geduldig in Gottes Bild hineinwachsen.

Gutes tun.

Verbunden bleiben mit allem Lebendigen.

Du sagst: Verbunden bleiben in der Liebe. Das heisst: Verbunden bleiben mit Gott.

Von Reinhild Traitler

7. August

Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost!        Daniel, 10,19

Trost stammt aus der gleichen sprachlichen Wurzel wie Treue. Es bezeichnet einen längerdauernden Prozess, eine geduldige Erwartung der Zukunft. «Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden», heisst es im 1. Johannesbrief (Kap 3,2). Der Satz enthält die Zuversicht, dass dieses noch nicht Sichtbare noch erscheinen wird.

Die Zusicherung, dass wir noch am Werden sind, ein work in progress, finde ich tröstlich. Eine Zukunft ist mir zugesagt. Ich kann aus Vertrauen einfach leben und voller Zuversicht jedem neuen Tag entgegenblicken. Was ich sein werde, bestimme nicht (nur) ich selber. Unter vielen Möglichkeiten schält es sich mit Gottes Hilfe langsam heraus; oft ist es mir selbst unbewusst. Immer wieder staune ich, was ich alles geschenkt bekommen habe; freue mich über Menschen, die mit mir auf dem Weg waren und sind; bin glücklich, wenn der Tag freundlich ist; und hoffe, dass es ein Tag des Friedens werde.

Schritt für Schritt gehe ich, gehen wir, im Vertrauen, dass Gott es gut meint mit mir, mit uns allen. Dass Gott nicht ohne Trost und Hilfe lassen wird, was er geschaffen hat.

Von Reinhild Traitler

6. August

Denk daran, wie du die Botschaft empfangen und  gehört hast, bewahre sie und kehre um!    Offenbarung 3,3

«Jetzt müssen wir umkehren, das wird sonst gefährlich.» Ich erinnere mich, wie mein Vater den Abbruch einer Wanderung über Alpweiden begründete. Schwarze Gewitterwolken waren im Anzug. Schade. Wir mussten unser Ziel, einen Gipfel, aufgeben. Zurück auf demselben Pfad an den Ausgangspunkt unten im Tal.

Wenn in der Bibel vom Umkehren die Rede ist, ist die Katastrophe da, der eingeschlagene Weg führte an den Abgrund oder schon darüber hinaus. In höchster Not und Gefahr ist der mögliche Anfang einer neuen Route sichtbar.

Die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman sprach oft von Umkehr. Die waghalsige Umkehr zu Gott, und das ist die Teschuwa, ist keine Rückkehr unter das sichere Dach, wo man immer war. No return. Susman sprach nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und zerstörten Illusionen von Umkehr. Und nach dem Zweiten Weltkrieg erst recht. Die alte Ordnung liegt in Trümmern. Alles, wirklich alles, muss bis ins Innerste umgeschaffen, neugestaltet, revolutioniert werden. Das ist die Botschaft.

Als wir in den 1970er-Jahren als Familie am Wandern waren, war für mich als Schweizer Bub die Welt völlig in Ordnung. So sehe ich sie heute nicht mehr. Es donnert und blitzt. Die Welt steht in Flammen, die Erde ist überhitzt. Jetzt müssen wir umkehren.

Von Matthias Hui

5. August

Mit meinem Gott kann ich über Mauern  springen. Psalm 18,30

Der fröhliche Vers wurde 1989 während der friedlichen Revolution in der DDR oft zitiert. Mit dem Mauerfall schien in Europa Krieg überwunden. Der kalte war weg,  der heisse in weiter Ferne, und die Angst vor dem Atomkrieg verflog. Aber dann verpassten es die Mächtigen, gemeinsam Hand anzulegen beim Bau eines gemeinsamen Hauses, dem Plan für Europa, der ursprünglich aus Russland kam. Kapitalistische Strukturen wurden von Westen her über den Kontinent gezogen, und damit florierten neben funkelnden Verheissungen und funktionierenden Geschäften auch Ungleichheit und Korruption.

Und der Krieg wurde bald wieder Realität: in Ex-Jugoslawien, in Tschetschenien, in Georgien – oder mit europäischer Beihilfe und mit Wegsehen im Irak, in Afghanistan,  in Syrien und anderswo. Wir wollten das alles aber nicht als Kapitel europäischer Geschichte verstehen.

Jetzt geht es nicht mehr anders. Wir sehen die Zerstörung und den Tod in der Ukraine. Wir sehen die Repression und die Diktatur in Russland. Wir sehen die Aufrüstung im Westen. Wir begegnen den geflüchteten Menschen.

Hat die – biblische – Vision des gerechten Friedens ausgedient? Hat der Pazifismus versagt? Kaum. Solche Konzepte wurden gar nie ausprobiert auf unserem Kontinent.

Fromme Wünsche – wie es jener einst war, dass die Mauer fallen könnte?

Von Matthias Hui

4. August

Als Hiskia den Brief gelesen hatte, ging er hinauf zum Hause des HERRN und breitete ihn aus vor dem  HERRN. 2. Könige 19,14

Was hier erzählt wird, tönt wie eine Geschichte von heute: Der übermächtige König von Assyrien bedrängt und belagert Hiskias Kleinstaat Juda und führt einen äusserst heftigen Propagandafeldzug gegen ihn: Reden von hohen Gesandten vor der Stadtmauer von Jerusalem mit harschen Anschuldigungen gegen den kleinen König, ergebnislose Verhandlungen zwischen Delegationen der beiden Länder, Attacken mit feindseligen Texten, Gotteslästerungen, Verhöhnungen, Verspottungen, Falschinformationen. Der Kommunikationskrieg gipfelt in einem Brief: «Was haben denn ihre Götter allen unseren überrannten Feinden helfen können? Nichts! So wird es auch bei euch sein. Darum vertraut dem Gott nicht, auf den euer König baut. Kommt zu uns, da werdet ihr Leben haben!»

Und was tut der in die Enge getriebene König Hiskia? Er schreit nicht zurück, er stellt sich nicht heroisch einem Duell, er glaubt nicht an die Gewalt von Waffen. Er gesteht sich ein, dass er ratlos ist und schwach. Und er geht in den Tempel – zum Beten! Er bittet um Errettung, er weiss, dass er nur noch auf Gott vertrauen kann. Und Gott lässt ihm ausrichten, dass er ihn erhört hat. Das Gebet ist seine «Waffe», und es gibt ihm Ruhe und Kraft. Assyrien erfährt, dass Jahwe nicht irgendeine Stadtgottheit ist, sondern der lebendige Gott. Dagegen kommt keine Demagogie an!

Von Hans Strub

3. August

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über  dir! Jesaja 60,1

In der beginnenden Dämmerung auf einem Hügel zu stehen und zu sehen, wie in der Stadt unten in kürzester Zeit die Lichter angehen, gibt ein seltsam ergreifendes, ja feierliches Gefühl. Die Stadt fängt richtiggehend an zu leuchten, sie wird «licht». Das geschieht jetzt mit Jerusalem, sagt Jesaja. Dann wird sichtbar, woher dieses Leuchten kommt: vom Gotteslicht. Gott wird in die Stadt einziehen und sie «übernehmen» – so, wie sie vor noch nicht so langer Zeit vom König von Babylon übernommen wurde. Aber jene Zeit ist definitiv vorbei, die damals Entführten und deren Kinder sind zurückgekehrt, zerstörte Gebiete wurden wieder aufgebaut, die Tore stehen offen. Offen für alle! Jerusalem wird zur Gottesstadt und damit zur Welt-Friedensstadt. Und alle Völker und Mächte ringsum erkennen, was da vor sich geht; sie kommen herbei von allen Enden der Erde und rühmen Gott für seine Taten. Eine grossartige Vision, nicht allein für das versprengte Volk der Juden, sondern für alle Menschen dieser Welt. Der Gegensatz zwischen dem, was hier gesagt wird, und dem, was wir in diesen Wochen und Monaten hören und erleben müssen, könnte grösser nicht sein! Und doch ist es gerade in solchen Zeiten radikal wichtig, von einem solchen Bild geflutet zu werden. Es wird zu einem realen Hoffnungsbild, das aufstehen hilft gegen alles, was niederdrückt. Jetzt.

Von Hans Strub

2. August

In Demut achte einer den andern höher als sich  selbst. Philipper 2,3

Demut. Was für ein Wort. Im Alltag nehmen wir es kaum in den Mund. Es wirkt so verstaubt. Irgendwie ältlich. In  die Jahre gekommen. Jedenfalls nicht zeitgemäss. Obwohl es wohl zurzeit nichts anderes gibt, das unserer Zeit besser bekäme als ein bisschen mehr Demut von unserer Seite. Was bedeuten würde, dass die Gesinnung des Dienens wieder wichtiger wird. Unsere innere Bereitschaft zu dienen. Und zwar deshalb, weil wir das grosse Ganze im Blick haben und uns selber als Teil dieser Ganzheit verstehen. Und weil wir genau aus diesem Grund «eines Sinnes» mit den andern sein möchten.

Demütig sein. Damit wir uns richtig verstehen, wollen wir es «dienmütig» nennen. Darauf bedacht, zu erkennen, womit ich dem andern dienen könnte. Nicht unterwürfig. Sondern aus Überzeugung. Denn soll unsere Liebe dem Leben dienen, so geht es um das Leben von uns allen. Und nicht nur um das eigene Wohl. Um den Nächsten zu lieben wie sich selbst, muss man ihn zuweilen höher achten. Ein gutes Stück höher als sich selbst. Damit wieder alles im Gleichgewicht ist.

Manchmal braucht es andere Wörter als jene, die wir im Alltag brauchen. Heute ist mir so eines zugefallen. Direkt vom Himmel ins Herz. Ich werde versuchen, mich in Demut zu üben. Nicht unterwürfig. Sondern aus Überzeugung.

Von Ruth Näf Bernhard

1. August

Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.       Jesaja 57,19

Friede in der Ferne. Und Friede in der Nähe. Wer sehnt sich nicht danach. Je weiter weg der Friede ist, desto mehr rückt er ins Zentrum. Und um jenen Frieden, der am allerweitesten weg ist, können wir nur noch bitten. Wir bitten um Frieden, der Leben verheisst. Wo mit Frieden kaum mehr zu rechnen ist, wollen wir wenigstens hoffen dürfen. Wir hoffen auf Frieden, der Wunden heilt.

In Meister Eckharts Reden der Unterweisung lese ich: «So viel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel ausser Gott, wie du ausser Frieden bist. So viel in Gott, so viel in Frieden. Wie viel du in Gott bist, wie auch, ob dem nicht so sei, das erkenne daran, ob du Frieden oder Unfrieden hast.»

Unfrieden ist nicht nur in der Ferne. Er findet ganz in der Nähe statt. Je näher er ist, desto weiter weg würden wir ihn schicken wollen. Doch Unfriede lässt sich nicht auslagern. Wie viel ich in Gott bin und wie viel eben nicht, das ist die Frage, die sich mir stellt. Mir ganz persönlich. Und auch da weiss ich mir oft nicht anders zu helfen als mit Beten und Hoffen. Ich bitte um Frieden, der Leben verheisst. Und hoffe auf Frieden, der Wunden heilt.

Von Ruth Näf Bernhard

31. Juli

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist  nahe; denn es ist hier kein Helfer.                       Psalm 22,12

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Mein Herz klopft automatisch schneller, wenn ich irgendwo im Haus ein unbekanntes Geräusch wahrnehme. Die Angst kommt unangemeldet und ungebeten. Ich vermute, dass sie ein Überbleibsel der vielen Bombennächte ist, denen ich als Kleinkind im kriegsgebeutelten Berlin ausgesetzt war.

Das Fiese an der Angst: Sie ist ein schnelles Gefühl, das mich einfach überfällt. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen, und so habe ich begonnen, Strategien gegen die Angst zu sammeln.

Die bei Weitem effektivste und auch am einfachsten anwendbare ist: das Gebet! In der spirituellen Praxis der Christinnen und Christen spielt es eine herausragende Rolle. Es kommt als Dank- und Bittgebet, als Lobpreis, aber auch als Stossgebet, als inniger Austausch, als Gebet ohne Worte, in dem wir uns immer mehr Gottes Führung überlassen.

Wenn ich bete, werde ich meistens ruhig. Oder zumindest ruhiger. Dann schwindet das verzweifelte Gefühl, dass ich alleingelassen bin und kein Helfer, keine Helferin in Sicht ist. Ich glaube, ich bin nie allein, aber oft verstelle ich mir selbst die Sicht auf Gottes helfende Hand, auf die Botschaft die Gott uns, mir, senden will. Die versteckt sich nicht im Knarren im Gebälk, sondern in der Begegnung mit der Lebendigen und ihrer lebendig machenden Liebe.

Von Reinhild Traitler

30. Juli

Jesus sprach zu Pilatus: Ich bin dazu geboren  und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine  Stimme. Johannes 18,37

Meistens verwechseln wir das Wahre mit dem Richtigen. Das Wort «richtig» hängt ja mit dem Recht zusammen. Das Recht ist ein hohes Gut und wir dürfen es nicht kleinreden.

Aber das Wahre zielt in eine andere Richtung. Vielleicht könnte man sagen, es sucht die innere Entsprechung eines äusseren Geschehens. Jesus wirkt Wunder, heilt Kranke und schenkt Lahmen das, was sie sich schon immer gewünscht haben, das Gehen, Hüpfen, Laufen, das Schweben und Schreiten!

Ich habe früher oft ethnische Tänze getanzt und habe immer diesen magischen Moment geliebt, wo es begann, in mir zu tanzen. Die Schritte kamen von selbst, und jede Bewegung versetzte mich in Euphorie, auch wenn mein Tanzen einem Ballett wahrlich keine Ehre gemacht hätte. Aber es gab diese Augenblicke der Übereinstimmung, die Schritte erzählten meine Geschichte auf eine ganz andere Art, mein ganzer Körper war plötzlich ein Instrument, das Musik spielte, seine eigene Musik.

Wahrheit: eine grösstmögliche Annäherung an das in uns schlummernde Urbild, das göttliche Bild.

Von Reinhild Traitler