Kategorie: Texte

7. Juni

Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.           Johannes 12, 26

Der Vers erscheint mir wie eine Kürzestfassung christlicher Lehre. Es geht um das rechte Verständnis der Lehre Jesu. Der Diener, der Jesus folgen soll, trägt also nicht den Picknickkorb und den Klappstuhl, sondern ist jederzeit in der Nähe seines Herrn und versucht, den Willen des Herrn zu tun, noch ehe der ihn kundgetan hat. Nein, Dienst ist hier nicht das symbiotische Verschmelzen des Dieners mit den Wünschen des Herrn. Vielmehr ist es das Eingehen auf die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Menschen, die zu Jesus gekommen sind, weil sie sich von ihm etwas erhoffen: die Achtsamkeit dem Leben und den Respekt den Andersartigen gegenüber, auch dort, wo man keinen Gewinn daraus ziehen kann.

Und es geht um Dankbarkeit für das Leben, auch dann, wenn nicht alles gelungen scheint und wir an vielen Versäumnissen und Unvollkommenheiten leiden. Gott selbst muss ja manchmal üben und es nochmal versuchen. Und die Nachfolge, von der Jesus spricht, ist vielleicht eine Einübung, die Möglichkeiten wahrzunehmen.

Gott, lass mich dein Diener sein oder deine Dienerin! Ich will nicht unterwürfig sein, sondern dankbar für das Leben in deiner Nähe und mit dir.

Ist das vielleicht das «ewige Leben»?

Von Reinhild Traitler

6. Juni

Der HERR erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken.       1. Chronik 28,9

Manchmal verausgaben wir uns Tag und Nacht, um die Welt zu bewahren, zu verändern, zu retten. Und manchmal laufen wir Gefahr, mit engagierter Betriebsamkeit gut dastehen zu wollen – vor uns und vor den anderen. Oder sogar vor Gott. Dabei nehmen auch wir andere Menschen nicht immer für voll und grenzen sie aus. Oder wir müssen merken, dass wir mit unseren so «progressiven», aber festgefahrenen Gedanken Kinder unserer Zeit sind. Und auch mit unserem eigenen Schubladen-, Geld- und Sicherheitsdenken zerstörerische Entwicklungen in Gang halten.

Viele Menschen können nicht «machen» und handeln, wie sie wollen. Ihr Trachten nach einer guten Welt kann genauso stark – und vielleicht genauso wirksam – sein wie das von stets Aktiven. Ältere Menschen, die nicht mehr viel Kraft haben. Menschen mit einer Beeinträchtigung, die sie einschränkt. Menschen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen – in einem Armenviertel, in einem Spital, in einem Gefängnis. Andere wollen nicht immer «machen». Menschen, die in kontemplativen Klöstern leben. Stille Künstler*innen. Menschen, die ihren kleinen Acker bestellen.

Der Pfingstmontag ist der Moment für eine Unterbrechung: Was tragen wir im Herzen? Wonach trachten wir? Und was können wir damit machen?

Von Matthias Hui

5. Juni, Pfingsten

Wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.    Römer 8,23–24

So wie die Welt jetzt, an Pfingsten, ist, kann sie nicht bleiben. Beziehungsweise: Wenn sie so bleibt, wie sie ist, geht sie unter in Krieg und Hass und ökologischem Verderben. Woher kommt Rettung? Woher kommt Hoffnung? Naiver Optimismus, dass die autoritären Herrscher dieser Welt durch Einsicht und Kooperation das Feld räumen, dass An-die-Wand-Drücken durch Aufrüstung zu stabilem Frieden führt oder dass wir mit Autos, die mit elektrischer statt mit fossiler Energie betrieben sind, locker die Kurve kriegen, ist fehl am Platz. Es wäre ein Setzen auf den alten Geist des Immer-Mehr, der Konkurrenz, der Ausbeutung von Menschen und der Schöpfung mit Gewalt.

Pfingsten erzählt von einem anderen Geist. Einem Geist und einer Sehnsucht, die schon in den Herzen jener Einlass gefunden haben, die sich innerlich und äusserlich vom alten System verabschiedet haben. Paulus macht diese Erfahrung. Er ringt um Worte und appelliert an die Geduld: «Die Hoffnung, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?» In den Rissen dieser Welt ist Erlösung, ist Befreiung von Krieg und Herrschaft plötzlich schon da. Dort atmet die seufzende Schöpfung und lebt.

Von Matthias Hui

4. Juni

Der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.   2. Mose 13,21

Wenn uns Gott doch auch so sichtbar und unverkennbar führen würde! Wenn wir ihr doch auch so unbeirrt und vertrauend nachfolgen könnten. Wenn wir ihn doch zu jeder Zeit sehen oder zumindest spüren könnten! Es macht den Anschein, dass es für den ganzen Tross der aus Ägypten weggeführten Israeliten einfach gewesen ist, auf dem richtigen Weg zu bleiben, auch wenn er ein taktischer Umweg war. Wir kennen den Fortgang der Geschichte und wissen, dass dem nicht so war: Die Menschen begannen zu murren über den beschwerlichen Weg, über fehlende Nahrung und Wasser, über ihre Leitung, über Gefahren usw. Gott erbarmte sich und schenkte Nahrung und Wasser – aber das Murren, das Aufbegehren, das Abwenden von Gott ging weiter. Das muss uns Heutigen bekannt vorkommen, viele beginnen bald zu zweifeln, ob dieser Gott wirklich führt. Ob Gott wirklich auf irgendeine Weise zu sehen oder zu spüren sei. Oder überhaupt da ist.

Ein schon älteres Buch trägt den Titel «Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade» – genau das ist es, was uns halten kann, trotz Zweifeln. Und mehr: Gottes Wege sind manchmal Umwege. Manchmal geheimnisvoll. Vertrauen wir auf die bleibende Zusage von Gottes Begleitung seit damals, auch ohne sichtbare Wolken- und Feuersäule …

Von Hans Strub

3. Juni

Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.   Psalm 50,23

Wenig ist peinlicher, als wenn ich im Stress vor einem Besuch einen Gegenstand als Geschenk verpacke, den ich vor längerer Zeit selbst erhalten habe – und erst noch ausgerechnet von den jetzt Besuchten … So empfindet Gott gegenüber Opferfleisch und Opferblut, es sei von Tieren, die er/sie, Gott, ja selbst geschaffen und den Menschen gegeben habe (Verse 9–13). Was jedoch ankommt, sei ein Dank. Ein Dank-«Opfer». Etwas also, das aus mir selbst kommt, das ich selbst «entwickelt» habe in meinem Innern.

Wer dankt, gibt Gott die Ehre. Mehr noch: Wer Gott Danke zu sagen vermag, bekommt etwas dafür. Nämlich den Weg gezeigt, der Zukunft bringt: das «Heil Gottes», Gottes Hilfe. Gott will nicht etwas, das sowieso von ihm gekommen ist, sondern er will mich. Ganz. Weil er es war, der mich etwas Gutes erfahren liess. Weil sie es war, die mich den richtigen Entschluss fassen liess, der dann weiterhalf. Und noch etwas ist wichtig beim Danken: Gott will nicht zuerst meinen Dank, und dann erhalte ich Hilfe, das «Heil» – nein, ich habe diesen «Weg» bereits gezeigt bekommen, schon erfahren. Erst danach erkenne ich, dass ich etwas nicht selbst gemacht oder erfunden habe, sondern dass das schon das «Heil» war! Danke zu sagen, so ist oft zu hören, falle in der heutigen Zeit vielen Menschen schwer.  Dabei wäre es doch   gerade Gott gegenüber selbstverständlich!

Von Hans Strub

2. Juni

Was hast du, das du nicht empfangen hast? 1. Korinther 4,7

Nichts. Es gibt nichts, was ich nicht empfangen hätte. Was ich bin und habe, habe ich empfangen. Einfach so. Ohne eigenes Verdienst. Auch wenn wir am Tun und Machen sind, empfangen wir immer mehr, als wir tun. Um so vieles mehr.

Machen wir uns nichts vor. Unser Machen allein ist es nicht. So vieles wurde mir gegeben. Auch ich mir selber. Ich bin nicht aus mir selber gemacht. Ich bin mir gegeben. Und empfange, was ich werde.

Die Antwort auf alles Empfangene heisst nicht: festhalten wollen und kontrollieren müssen. Nur an scheinbar selbst Gemachtem klammert man sich fest. Weil es einen eben ausmacht. Zu dem macht, was man ist. Und das gibt man nicht so leicht aus der Hand.

Wie so ganz anders, wenn das Bewusstsein dafür wächst, dass wir, was wir sind, empfangen haben. Vorübergehend empfangen. Und dass wir es daher auch wieder loslassen müssen. Dorthin zurück, woher es kam.

Die Antwort auf alles Empfangene heisst: loslassen dürfen und danken können. Es spüren, wie wir weicher werden. Es zulassen, dass wir weicher werden. Wenn uns das Danken zuvorderst ist.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Juni

Der HERR wird richten die Völker.                  Psalm 7,9

Eine verstörende Aussage. Wie sollen wir denn am Morgen schon wissen, wie am Abend gerichtet werden wird? Wer gerichtet werden wird? Aus welchem Grund? Zu welchem Zweck? Ob Gott wohl davon weiss, dass er richten wird? Dass er richten soll. Ob er das überhaupt will? Oder sind wir es, die das wollen? Dass einer dann richtet. Dann. Irgendwann. Wenigstens dann. Wenn wir uns schon jetzt nicht zu helfen wissen.

Wie viele Kinder dieser Erde haben schon bis am Abend darauf warten müssen, bis sie von ihrem Vater jene Strafe erhalten haben, die ihnen im Laufe des Tages von ihrer Mutter angedroht wurde. Wie viele Menschenkinder konnte man sich gefügig machen, indem man ihnen im Laufe ihres Lebens mit Höllenqualen im Jenseits drohte. Wie viele Male scheuen wir uns – gerade in kirchlichen Kreisen –, Unrecht beim Namen zu nennen, und warten einfach einmal ab in der Hoffnung, dass Gott es schliesslich richten wird. Richten soll. Dann. Irgendwann. Wenn wir uns schon jetzt nicht zu helfen wissen.

Der HERR wird richten die Völker. Eine verstörende Aussage. Lassen wir uns stören in unserem Glauben. Warten wir damit nicht bis am Abend. Es wäre schade um den Tag.

Von Ruth Näf Bernhard

31. Mai

Jedem Einzelnen von uns ist die Gnade gegeben nach dem Mass, mit dem Christus zu geben pflegt. Epheser 4,7

Wenn Sie sich ein wenig Zeit nehmen können, dann lesen Sie das wunderbare vierte Kapitel des Briefes an die Epheser. Es beschreibt die Elemente christlicher Lebensführung – ein immer noch gültiger «Fahrplan», der uns hilft, auch heute. Luther hat das Kapitel in drei Teile geteilt: Die Einheit im Geist und die Vielfalt der Gaben; der alte und der neue Mensch; und Weisungen für das neue Leben. Ziel ist es «wahrhaftig zu sein in der Liebe und zu wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Jesus Christus» (Vers 15).

Ein Leitmotiv ist die Frage, wie aus der Vielfalt der Menschen und ihrer Gaben eine geeinte Gemeinde wachsen kann. Einander in Liebe zu ertragen, ist wohl ein anspruchsvolles Ziel, aber kein leicht erreichbares! «Die Einigkeit im Geist zu wahren und durch das Band des Friedens» zu stärken, ist von den Anfängen her die Methode des gemeinsamen Lebens. Dafür verwendet der Apostel das Bild des Leibes und seiner verschiedenen Glieder, die alle zusammenwirken, damit ein lebendiger Körper entstehen kann. In Erwartung der gemeinsamen Zukunft, in der die Gnadengaben sich voll entfalten werden, vertrauen die Menschen Gottes Verheissungen schon heute und erleben, wie ein Glied das andere stützt und der Leib sich aufbaut in der Liebe und umwunden vom Band des Friedens.

Von Reinhild Traitler

30. Mai

Ich bin arm und elend; der HERR aber sorgt für  mich. Psalm 40,18

Der Sänger dieses Psalmgebets ist «ganz unten» angekommen, in der «grausigen Grube aus lauter Schmutz und Schlamm». Was ihm bleibt: die Geduld, das Ausharren, das Schreien. Und das Vertrauen, dass Gott sorgt.

Wer Hilfe braucht, muss zuerst einmal dazu schauen, dass sein Anliegen wahrgenommen wird. Er muss für sich sel- bebitten. Das fällt vielen Menschen schwer: Wir leben in Gesellschaften, in denen Eigenverantwortung hoch im Kurs steht und man schnell bei der Hand ist, nach Schuldigen zu suchen, wenn die Dinge schieflaufen: Schliesslich ist jeder selber seines Glückes Schmied. Der Beter ist sich bewusst geworden, dass er selbst zu seiner bedrohlichen Lage beigetragen hat: «Meine Sünden haben mich ereilt, ich kann sie nicht überblicken», klagt er. Und: «Mein Herz ist verzagt.»

Solche Verzagtheit kenne ich ebenfalls,  auch wenn ich sie anders beschreiben würde: Ich lebe in einer Zeit und in einem Umfeld, das geprägt ist von Diversität: Ich trudle, strudle dahin, ohne den Fokus zu finden. Er hält sich unter Tausenden von Angeboten für Lebenslust und Lebenssinn versteckt, darunter auch vielen, die dem Leben nicht dienlich sind. In dieser Situation, mit all ihren Verlockungen und Leiden harren wir aus, harre ich aus, und bitte:

Lass deine Güte und Treue allewege mich  behüten.

Von Reinhild Traitler

29. Mai

Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.     
1. Johannes 4,12

«Liebst du mich?» Wir kennen diese Frage aus meist sentimentalen Liedern, Büchern, Filmen mit dramatischen Verwicklungen bis, hoffentlich, zum Happy End. In der christlichen Gemeinde jedoch stellt sich die Frage anders: «Kann ich dich lieben?» Oder sogar: «Muss ich dich lieben?»

Was aber ist Liebe wert, die einem sozusagen zur Pflicht gemacht wird? Wie würde sie sich denn äussern? Wie gelingt es Menschen, mit ihrem Reden und Handeln den unsichtbaren Gott wirksam werden zu lassen?

Das geht gar nicht, sage ich, wenn ich an all die Konflikte in der Christenheit denke, an Meinungsverschiedenheiten, Intrigen, Konkurrenzkämpfe, verletzte Eitelkeiten, auch an meine persönlichen Vorurteile, Abneigungen, Schadenfreuden.

Und doch muss es gehen. Es ist möglich!  Man  redet  zwar von den misslungenen Beziehungen, vom Verharren im Unfrieden. Aber wir wissen nicht, wie oft ein Konflikt gelöst wurde, weil die Beteiligten ihre felsenfeste Überzeugung hinterfragten, sich in die Haut der Gegner versetzten und gemeinsam neue Lösungen fanden. Vielleicht zeigt der unsichtbare Gott sein Wesen und Wirken ja nicht auf der Insel der Seligen, sondern in der Beharrlichkeit jener, die nicht locker lassen in ihrer Suche nach Frieden und Versöhnung.

Von Käthi Koenig