Kategorie: Texte

28. August

Paulus schreibt: Betet für uns, auf dass  Gott uns eine Tür für das Wort auftue.     Kolosser 4,3

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein interessierter Blick, der nicht an der Oberfläche bleibt, sondern mehr möchte. Mehr sehen, durchschauen, ein  Bild zusammensetzen – Farben, Formen. Nicht einfach nur gedankenlos drüberschauen, sondern sich öffnen. Die Augen sind das Tor zu Seele, so sagt man. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein offenes Ohr, das die Hintergrundmusik nicht überhört, sondern lauschen kann. Einzelne Töne unterscheidet. Unser Ohr – Hammer, Amboss, Steigbügel –, so fein und aufeinander abgestimmt, dass selbst das Wachsen des Grases ihnen nicht entgeht. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein weites Herz, das weiss, dass es nicht aus sich heraus schlägt, sondern mit jeder Kontraktion die frohe Botschaft des Lebens und der Befreiung rotlebendig bis in den entlegensten Winkel des Körpers pumpt. Unablässig, immer wieder. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort? Du und Ich

Wir könnten es sein?

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. August

Du, HERR, wollest deine Barmherzigkeit nicht von mir wenden; lass deine Güte und Treue allewege mich behüten.        Psalm 40,12

Nicht die Gottlosen oder die Anderen sind es, sondern die eigenen bösen Taten, die den Beter, die Beterin gegen Ende des 40. Psalms ereilen. «Meine Fehler holen mich ein, ich kann sie nicht mehr überblicken. Zahlreicher als die Haare auf dem Kopf sind sie – mein Herz verzagt.» (BigS)

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, sagt der Volksmund. Hier ist Selbsterkenntnis eine Voraussetzung, ein Hauptgrund für das Gebet.

Und so schreien er und sie nicht nach Gerechtigkeit, sondern behaften Gott bei seiner Barmherzigkeit, Güte und Treue – Zuverlässigkeit, so übersetzt es die Bibel in gerechter Sprache, es ist, so finde ich, genau das richtige Wort dafür.

Der Beter sucht Gottes befreiendes Handeln, das die Last, auch die Last der eigenen Sünden, der eigenen Verfehlungen, von den Schultern nehmen kann. Die Beterin sucht etwas, auf das sie sich verlassen kann, auch wenn sie selbst den Überblick verloren hat und sich vielleicht sogar verlassen fühlt. Ein Gegenüber, das nicht nachträgt, sondern mitträgt.

Du, Lebendige, verschliess doch dein Erbarmen nicht  vor mir! Deine Treue, deine Zuverlässigkeit mögen mich allzeit behüten.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. August

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit  Psalmen,  Lobgesängen  und  geistlichen  Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Kolosser 3,16

Als es nach langen Monaten der Pandemie wieder erlaubt war, im Gottesdienst (mit Maske) zu singen, traten mir beim ersten Lied die Tränen in die Augen. Ich weiss nicht mehr, welches Lied wir gesungen haben, aber ich erinnere mich, dass mich meine Reaktion überraschte: Ich war gleichermassen ergriffen, bewegt, froh und dankbar. Das gemeinsame Singen nach so langer Zeit hatte etwas von Nachhausekommen, das Vertraute, das ich schmerzlich vermisst hatte, war wieder da. Seither singe ich aus vollem Herzen, so gut ich kann, mit oder ohne Tränen in den Augen und freue mich über die tröstende und stärkende Kraft des gemeinsamen Singens, das uns als ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt.

Um die heilsam-heilende Wirkung des gemeinsamen Singens wussten auch die frühen Gemeinden. Ja, es gab auch in Kolossä Streit und Unstimmigkeiten darüber, wie das Leben von Christenmenschen auszusehen hat; was gelten soll und was nicht; wie der «richtige» Weg ist; wie streng oder grosszügig die Weisungen auszulegen sind. Es gab und gibt eben nicht die eine richtige Weise. Aber es gibt Einen, der trotz und in allen Unterschieden Verbindung und Gemeinschaft stiftet: Christus. Darum «lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen» – und singt, singt gemeinsam!

Von Annegret Brauch

25. August

Ich will zu Gott rufen, und der HERR wird mir  helfen. Psalm 55,17

Was für ein Vertrauen kommt in diesem Vers zum Ausdruck! Es wächst in Bedrängnis und Angst; es versiegt nicht, trotz Anfeindung und Verrat der Freunde; es wird stark im Mut und im Wagnis, das Leben der EWIGEN in die Arme zu werfen. Der Psalmbeter, die Psalmbeterin kennt die Schrecken, die Menschen einander zufügen können, kennt die Verzweiflung und das Grauen in Todesangst, das Entsetzen über Lüge und Verrat. Er und sie rufen und klagen, flehen um Rettung, ringen mit sich und mit Gott – und sie halten stand, auf wundersame Weise: «Ich aber will zu Gott rufen, und der HERR wird mir helfen.»

In einer für sie schwierigen und bedrängenden Lebenslage schrieb Hilde Domin diesen Vers in ihr Tagebuch: Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug.

Da ist es wieder dieses wundersame Vertrauen, das, fragil und doch kräftig, angefochten und doch stark, Menschen in Not und Bedrängnis zuwächst und sie trägt.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. (Dietrich Bonhoeffer)

Von Annegret Brauch

24. August

Ich wandle in weitem Raum; denn ich suche deine Befehle.              Psalm 119,45

«Ich wandle in weitem Raum; denn ich suche deine Befehle» – anstelle von «Ich wandle fröhlich, denn ich suche deine Befehle»: Beide Formulierungen stammen aus der Lutherbibel; die zweite von 1985, die erste von 2017. Sie suggerieren unterschiedliche Vorstellungen. Fröhlich wandern ist nur einfach schön. In weitem Raum aber kann ich ausschreiten und kann und muss auch etwas wagen. Gefahren können mir begegnen; um ihnen zu begegnen, brauche ich die Stütze von guten, von Gottes Weisungen.

Und nach denen macht sich der Beter, die Beterin auf die Suche. Fast alle 176 Verse dieses längsten Psalms sind eine solche Suche, unterbrochen durch immer wiederkehrende Liebeserklärungen an diese Weisungen, die ein Schutz vor Gefahren, Verfolgung und Bedrängnis und eine Hilfe zum erfüllten Leben sind.

Ganz zum Schluss, im allerletzten Vers, kehrt sich die Sicht um und endet in der eigentlichen Bitte: «Ich irre umher wie ein verlorenes Schaf. Suche mich, die ich zu dir gehöre! Ja, deine Gebote vergesse ich nicht.» Dies scheint mir der Kern dieses langen Gebets: Wir wollen uns finden lassen von Gott. Wie beim Versteckspiel! Wenn wir dazu nicht bereit sind, kommt es nur auf unsere eigene kleine Kraft an, und die versagt so oft in den schwierigen Zeiten unseres Lebens. Wenn wir uns aber von Gott finden lassen, sind wir gerettet und können im weiten Raum getrost ausschreiten.

Von Elisabeth Raiser

23. August

Wo der Geist des Herrn ist, da ist  Freiheit. 2. Korinther 3,17

Ohne lang nachzudenken, habe ich mich für diesen Satz des Paulus für die kurze Boldernmeditation entschieden; es ist der Lehrtext zu der schönen heutigen Losung: «Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.» (2. Mose 20,2) Er ist unser Trauspruch und hat meinen Mann und mich unser langes gemeinsames Leben hindurch begleitet. Dass Gott der Geist ist, macht es mir möglich, ihn anzurufen und ihn sozusagen in mich hereinzulassen. Der Glaube wurde und wird dadurch immer wieder zu einer inneren Beziehung; Gottes Geist ist eine ständige Kraftquelle, die Mut macht und die Freiheit, die er verheisst, immer wieder neu erkennen und leben lässt. Eine Schutzmauer gegen die Angst und ein Zuspruch im Sinn von: Erkenne deine Freiheit und nutze sie!

Der Textzusammenhang in 2. Korinther 3 ist allerdings problematisch: Paulus setzt sich hier vom Buchstaben der «steinernen Tafeln», also des Gesetzes, und von der «verhüllten Herrlichkeit» des ersten Bundes ab. «Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.» (2. Korinther 3,6b). Das glaube ich nicht – ich halte mich lieber an seine Aussage im Römerbrief (11,18): «Rühmst du dich aber (dem Sinn nach: der Freiheit von Israel), so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel dich trägt.» Ein grosser Dank an diese Wurzel!

Von Elisabeth Raiser

22. August

Bist du es nicht, HERR, unser Gott, auf den wir hoffen?          Jeremia 14,22

Über das Land ist eine Dürre hereingebrochen, es ist eine Katastrophe. Unserem Vers geht ein Schuldbekenntnis voraus, als Angebot an Gott. Darauf die Antwort: «Gibt es unter den Nichtsen der Völker solche, die regnen lassen? Oder  ist es der Himmel, der regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott, und hoffen wir nicht auf dich?» (Jeremia 14,22, Zürcher Bibel) Ja, Gott, wir hoffen auf dich. Und doch sind wir angesichts des grässlichen Krieges in der Ukraine auch dabei zu fragen: «Lässt du, Gott, diesen Krieg zu? Schaffst du nicht ein Ende?» Die Fragen aus dem Text sind so auch unsere Fragen. Und wir wissen keine Antworten, so wie auch im Text keine Antwort zu finden ist. Und doch: «Bist nicht du es, HERR, unser Gott, der regnen lässt?»

Und so fragen wir heute: «Bist nicht du es, Gott, die Lebendige, die Frieden schenkt?» Wir hören nicht auf zu hoffen, wir bleiben dran und hoffen weiter, Tag für Tag, auf Frieden in der Welt. Wir hoffen, dass Gott ihn schenkt, und wir hoffen, dass die Menschen zur Vernunft kommen. Aber Antworten auf die Fragen nach Gottes Handeln oder Hinweise gibt es im Moment keine. Nur etwas gibt es: Die Lebendige lässt uns nicht allein, auch nicht mit unseren Fragen. Also fragen wir weiter und hoffen wir weiter, das ist jetzt genau unsere Aufgabe.

Schenke uns die Kraft, Hoffende zu  bleiben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben.      1. Mose 24,56

Gewiss, Gott hat die Reise seines Dieners gelingen lassen, denn er kehrt mit Rebekka zu Abraham und seinem Sohn Isaak zurück. Rebekka wird Isaaks Frau werden. Rebekkas Familie wollte sie noch zehn Tage bei sich behalten. Da bittet der Diener darum, nicht aufgehalten zu werden. Er ist so glücklich, dass er das Ziel seiner Reise zur Zufriedenheit Abrahams erreichen konnte, und will nichts anbrennen lassen.

Nicht aufgehalten werden, zielstrebig sein, wer möchte das nicht! In unserer berührenden Geschichte wird die Zielstrebigkeit deutlich mit der Gnade der Lebendigen begründet. Der Diener hatte es Abraham so versprochen und seine Reise auch gut geplant.

Unsere Zielstrebigkeit ist oft mit Zielen verknüpft, die mit den Vorgesetzten vereinbart sind. Wir bekommen dafür sogar schriftlich Anerkennung – oder eben nicht. Bei der Lebendigen ist das nicht anders. Aber da ist noch etwas: Gott hat die Reise gelingen lassen. Der Diener war nicht allein, die Lebendige war mit ihm. Bei unseren Zielvorgaben und deren Auswertung sind wir es, die Ziele setzen oder gesetzt bekommen. Und wir sind dankbar, wenn wir sie erreichen, auch etwas stolz, durchaus, auch wir wollen nicht aufgehalten werden. Und wie oft atmen wir durch, wenn es gelingt. Ob wir auch daran denken, dass die Lebendige unsere Reisen gelingen lässt?

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Gott spricht: Ich will für Israel wie der Tau  sein, dass es blüht wie eine Lilie.                 Hosea 14,6

Blumen spielen in der Bibel eine zwiespältige Rolle. Sie fungieren einerseits als Sinnbilder der Vergänglichkeit. Ihre Botschaft könnte dann so lauten: «Heute blühen wir und morgen schon sind wir verdorrt.» Wie besingt es das Kinderlied? Roti Rösli im Garte, Maieriisli im Wald, wänn de Wind chunnt goge blase, denn verwelked sie  bald.

Blumen sind aber auch Sinnbilder für das Schöne. Der Prophet spricht zwar nicht von Rosen, sondern von Lilien. Aber die sind beinahe so schön wie Rosen. «Lilien auf dem Feld» sind auch für Jesus von Nazareth Zeugen für die Pracht der Schöpfung. «Salomons Seide» hat im Vergleich zu Lilien nicht einmal den Hauch einer Chance!

Hat sich Jesus für sein floristisches Gleichnis von Hosea inspirieren lassen? Die Losung zitiert aus einer Rede des Propheten, in der Gott sich zu seinem Volk bekennt. Gott bringt Israel zum Blühen, ist wie der Tau, ein köstliches Nass, das die Blüten aufgehen lässt. Wenn man beide Gleichnisse zusammenschaut, spürt man einerseits den Schmerz des Verwelkens, wenn die Lüfte des Todes dreinwehn, aber man freut sich andererseits über die verschwenderische Liebe, die am Morgen aufblüht. Was wiegt mehr?

Ich schlage vor, dass wir uns heute für den Tau entscheiden!

Von Ralph Kunz

19. August

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.          Psalm 63,9

Jüngere Menschen benutzen für «entspannen» ein Wort, das ich in meiner Jugend nicht kannte. Sie «hängen ab». Kennen Sie nicht? Easy! Das ist wie «chillen» oder «relaxen»! Man nimmt es locker. Ob der Psalmist seine Gottesbeziehung auch so entspannt sieht?

Wohl kaum! Er hängt nicht, er hängt sich rein und ran. Das Sich-an-Gott-Hängen der Seele ist Ausdruck einer existenziellen Anhänglichkeit, die eine innigste Verbindung sucht. Es ist ein Bild des Vertrauens. Mit Hängematten-Gelassenheit hat das wenig gemein. Und doch ist eine Vertrautheit in diesen Worten, die frei und froh macht. Der Psalmist stellt seinen Hang zu Gott in den Zusammenhang der Seele mit Gott. «Deine rechte Hand hält mich» drückt aus, dass die Seele des Beters «entspannt» sein darf. Unter «Seele» darf man sich nicht den ätherischen Silberschleier in uns vorstellen, der unsterblich und edel vor sich hinwabert. Die Seele ist nicht Geistleib, sondern der nimmersatte Schlund, das Saugorgan des Lebens, der luftgierige Hals, der nach Luft schnappt. Wie muss man sich eine Seele vorstellen, die sich Gott anhängt?

Ich stelle es mir so vor: Wenn meine Seele an Gott hängt und von Gott gehalten wird, ist sie ganz bei sich selbst und doch nicht allein. Mit einem anderen Wort: Sie ist glücklich!

Von Ralph Kunz