Kategorie: Texte

26. Juni

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.        Johannes 14,27

Jesus nimmt Abschied von den Seinen. Er bereitet sie darauf vor, dass es eine Zeit geben wird, in der er nicht mehr leibhaftig unter ihnen sein wird. Aber er lässt sie nicht allein:

«Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.» (Vers 26f.)

Wie zeigt sich der Friede Christi heute in unserer durch Krieg und Gewalt, durch Leid, Angst und Tod verstörten Welt?

Ich glaube, er zeigt sich im Mut der Menschen, die sich weigern, im Bruder den Feind zu sehen, in der Kraft der Mitmenschlichkeit, in der Beharrlichkeit im Willen zum Frieden, in der Hoffnung, die nicht aufgibt.

Wo Frieden werden soll, kommt es auf die Menschen an, auf jede und jeden einzelnen, auf uns.

Mach uns zu Werkzeugen deines Friedens, unerschrocken und ohne Furcht, stärke unser Vertrauen auf deine Friedensmacht und lenke unsere Schritte auf den Weg des  Friedens.

Von Annegret Brauch

25. Juni

Jesus spricht: Ein Beispiel habe ich euch  gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.        Johannes 13,15

Jesus wäscht den Seinen die Füsse. Er, ihr Herr und Meister, ihr Lehrer und Rabbi, übernimmt den Dienst, der sonst nur den Sklaven zugemutet wird. Allen wäscht er die Füsse, auch dem, der ihn wenig später verraten wird. Das ist sein Beispiel. Es ist eine paradoxe Intervention, was er tut: unerwartet, überraschend, anders als bisher gekannt oder vertraut. Dass Petrus verstört reagiert, verwundert nicht: «Nimmermehr sollst du mir die Füsse waschen!» (Vers 8)

Eine paradoxe Intervention bricht vermeintliche Regeln, durchbricht den gewohnten Lauf der Dinge und gelernte Vorstellungen von Normalität. Sie zeigt, es geht auch anders: Der Meister übernimmt den Sklavendienst. Die produktive Kraft der Liebe gestaltet das Miteinander in der Gemeinschaft nicht als Herrschaft der einen über die anderen (vgl. Verse 34 f. und Mk 10,42 ff.).

Das Beispiel ist zugleich Jesu Vermächtnis an die Seinen:

«… damit ihr tut, wie ich getan habe.»

Wie viel Unerwartetes, Überraschendes, Anderes… trauen wir uns zu in der Nachfolge Jesu? Wie gross ist unser Zutrauen in die produktive, verändernde, manchmal paradox intervenierende Kraft der Liebe Christi, die unter uns wirksam ist? Wie wirkt Jesu Beispiel in meinem Leben?

Von Annegret Brauch

24. Juni

Die Menge fragte Johannes: Was sollen wir tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat;  und wer Speise hat, tue ebenso.             Lukas 3,10–11

Heute ist Johannistag, und wir denken mit Bewunderung an ihn, den selbstlosen, hellsichtigen Vorläufer Jesu. Seine Antwort auf die Frage der Menge «Was  sollen wir tun?»  ist knapp und eindeutig: «Es kommt aufs Teilen an.» Wir können und sollten uns ehrlich zugeben: Wir brauchen in Wirklichkeit den Überfluss der Güter nicht, sondern wir können teilen, und wenn wir es tun, schadet es uns nicht, sondern bereichert uns. «Was mehr wird, wenn wir teilen» ist ein Buchtitel; lasst uns das auf die eigene Fahne schreiben!

Vor kurzem hörte ich im Radio einen Bericht über die Obdachlosenarbeit in Düsseldorf. Obdachlose sind ja oft   in einer Falle: Sie finden keine Arbeit, weil sie keinen Wohnsitz haben, und sie finden keine Wohnung, weil sie keine Arbeit haben. Es ist ein Teufelskreis! So gibt es in einigen Städten bereits das wohl aus den USA stammende Prinzip des Housing First, das heisst, obdachlosen Menschen wird zunächst in einem von der jeweiligen Organisation angemieteten Wohnblock eine Wohnung kostenlos zur Verfügung gestellt, von wo aus sie sich mit Adresse um eine Arbeit bemühen können. Wenn das geklappt hat, suchen sie sich eine eigene neue Wohnung. Grossartig! Johannes wäre einverstanden!

Von Elisasbeth Raiser

23. Juni

Ruft laut, rühmt und sprecht: HERR, hilf deinem Volk!                                        Jeremia 31,7

Ich schreibe diesen Text am 25. Februar dieses Jahres und bin ganz unter dem Schock des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Es gibt Krieg in Europa nach einer langen Friedenszeit von 75 Jahren. «HERR, hilf deinem Volk» – das ist ein Gebet, das wir alle wohl in Gedanken an die Ukraine und ihre Menschen laut oder leise beten. An diesem 25. Februar lautet die Losung: «Der Herr schafft Recht seinem Volk und wird seinen Knechten gnädig sein.» Das ist wie ein zweiter Satz nach dem Hilferuf, und diese Hoffnung liegt nicht nur den Gebeten und Bitten der Ukrainer zugrunde, sondern auch den russischen Friedensdemonstranten in den Strassen von Moskau, von Sankt Petersburg, in so vielen Städten Russlands. Für ihren grossen Mut werden sie geschlagen und verhaftet. «Lass Recht aufblühen, wo Unrecht umgeht. Mach die Gefangenen von der Willkür frei!» Wenn uns die eigenen Worte fehlen, helfen diese Zitate. Ich schreibe sie hier auf, wohl wissend, dass vielleicht und hoffentlich am 23. Juni der Friede und die Freiheit in der Ukraine wieder hergestellt und das ukrainische Volk nicht einfach dem Machtwillen Putins unterworfen ist.

Im 31. Kapitel spricht Gott durch seinen Propheten und verheisst seinem Volk die Rückkehr aus der Gefangenschaft und Unterdrückung. Es sind grosse, tröstliche Worte für das Volk Israel.

Aber sie gelten, denke ich, auch für andere Völker! Amen!

Von Elisabeth Raiser

22. Juni

Behalte meine Worte, so wirst du leben, und hüte meine Weisung wie deinen Augapfel. Sprüche 7,2

Leben will die Lebendige schenken. Ohne Einschränkungen oder Bedingungen, wenn wir Gottes Worte behalten. Heute will ich die Zusage von Frieden fest in meinem Herzen und in meinem Kopf verankern. Die Lebendige sagt Frieden zu.

«Selig die Friedfertigen», so sagt uns die Bergpredigt von Jesus. Ich will versuchen, die Friedenszusage «wie meinen Augapfel» zu behüten. Gleichzeitig habe ich gerade während des Kriegs in der Ukraine auch Angst, ich bin gelähmt, muss etwas tun, damit mich die Friedenszusage hält. Ich bin überzeugt, dass diese Zusage trägt und Licht schenkt im Dunkel. Ich muss aber auch etwas dafür tun, muss die Lähmung und die Zweifel aushalten, muss mich austauschen und mich zusammentun mit Menschen, die auch daran festhalten. Denn es geht um das Leben von unschuldigen Menschen, es geht nicht um mein Leben. Für ihr Leben kann ich beten, schreien, um Beistand für sie bitten. Nur etwas sollte ich nicht tun: mich fragen, ob es etwas hilft, denn ich kann die Worte der Lebendigen behalten in allem Dunkel.

Gott, wir bitten dich um Frieden und um Kraft für uns und alle Menschen.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juni

Aus dem Munde der jungen Kinder und  Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet.                          Psalm 8,3

Die Zürcher Bibel übersetzt ein wenig anders: «… hast du ein Bollwerk errichtet deiner Widersacher wegen, um ein Ende zu bereiten dem Feind und dem Rachgierigen.» Es wird nicht klar, welche Rolle Kinder und Säuglinge spielen in diesem Kampf gegen die Widersacher. Ob sie in ihrer Schwachheit auf Gottes Schöpfung hinweisen?

Die folgenden Verse sind ein einziges Lob auf diese Schöpfung. Und gerade um unserer Kinder und Grosskinder willen lohnt es sich, durchzuatmen und einzustimmen in dieses Lob. Denn es führt dazu, dass wir die Schöpfung wahrnehmen, uns bewusst werden, was sie uns bedeutet. Und daraus folgt für mich, dass wir uns für ihre Erhaltung einsetzen.

Eine meiner Enkelinnen arbeitet beim Klimastreik mit. Ihr zuzuhören ist eine wahre Freude, und ihr zuzuschauen, mit welcher Konsequenz sie sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetzt, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Also doch Kinder und Säuglinge? Ja, denn viele von ihnen haben Angst und wollen sich als «Bollwerk» für das Klima und alle Umweltanliegen einsetzen. An uns Älteren ist es, sie dabei zu unterstützen, auf sie zu hören, mit ihnen zu reden, damit wir sie verstehen.

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?    Psalm  8,5

Von Madeleine Strub-Jaccoud

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.                                                                           Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen. Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

20. Juni

Du sollst keine anderen Götter haben neben  mir. 2. Mose 20,3

Vor ein paar Jahren hat der Ägyptologe Jan Assmann in seinem Buch «Der Preis des Monotheismus» eine Debatte losgetreten. Der Monotheismus habe im Unterschied zum toleranteren Polytheismus ein Problem mit Andersgläubigen und neige deshalb zur religiösen Gewalt. Das erste Gebot sei der Beleg für die These. Dass Gott sagt: «Ich bin der HERR, dein Gott» mag ja noch angehen, aber wenn derselbe Gott erklärt, «du sollst keine anderen Götter neben mir haben», lässt ihn das als Autokrat erscheinen. Warum erträgt JAHWE keinen Konkurrenten? Warum benimmt er sich wie ein eifersüchtiger Ehemann?

Ich denke nicht, dass man den Monotheismus pauschal verurteilen kann. (Das macht auch Herr Assmann nicht …) Mein Punkt: Es geht im Gebot nicht um eine religiöse Ideologie oder ein Prinzip, das durchgesetzt werden kann. Viel entscheidender ist die Gottesbeziehung. Den Boden dafür legte der Exodus. Vor den Geboten stellt sich JAHWE vor: «Ich bin der Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat.» Gott ist nicht irgendein Gott unter vielen Göttern und Israel nicht irgendein Volk unter vielen Völkern. Darum erstaunt es nicht, dass Liebe und Eifersucht in diesem Bund ein ständiges Thema sind. Frei übersetzt heisst das erste Gebot: Weil Gott keinen «Harem» hat, erwartet er von Israel Treue.

Von Ralph Kunz

19. Juni

Freigebige werden immer reicher, der Geizhals spart  sich arm.               Sprüche 11,24

Ich wuchs zusammen mit drei Brüdern in der Dienstwohnung der Zürcher Kantonalbank auf. Wir diskutierten viel am Familientisch und erfuhren einiges aus dem Berufsalltag meines Vaters. Eines Tages überraschte er uns mit einer Aussage. Als Bankverwalter hatte er auch reiche Kunden. Es gebe, meinte er, keine unglücklicheren Leute als Reiche, die Angst hätten, sie könnten ihr Geld wieder verlieren. Irgendwie machte mir das enorm Eindruck, und es kommt mir aus Untiefen der Erinnerung in den Sinn, wenn ich den uralten Spruch lese: «Der Geizhals spart sich arm.» Ja, genau! Je mehr er hat, desto ärmer wird er, weil er den Hals nicht vollkriegen kann. Er spart, weil er Angst hat. Ein reicher Geizhals ist noch ärmer dran. Der einzige Ausweg ist die Freigebigkeit. Sie ist Ausdruck einer Lebenshaltung. «Freigebig» meint hier, andern gegenüber grosszügig sein, also das zu verteilen, zu verschenken und auszuleihen, was man hat. Der Reichtum, den man so anhäuft, ist Dankbarkeit, die Dividende, die man einfährt, ist die Freude. Lässt sich das auf unser ganzes Leben übertragen? Könnte das gemeint sein, wenn Jesus sagt, wer sein Leben liebt, wird es verlieren? Vielleicht kann man den strengen Satz ein wenig mildern, wenn man ihn so dreht. Es gibt keine glücklicheren Leute als Reiche, die keine Angst davor haben, ihren Reichtum zu verschenken.

Von Ralph Kunz

18. Juni

Er sättigt die durstige Seele, und die  Hungrigen füllt er mit Gutem.                                                      Psalm 107,9

«Nur darf man über den Hunger nicht reden, wenn man Hunger hat … Wenn der Hunger am grössten ist, reden wir von der Kindheit und vom Essen», schreibt Herta Müller in dem Buch «Atemschaukel» über die Zeit in einem russischen Lager. Und dass es gefährlich sei, dem Hunger das Wort zu geben, weil er alles nimmt und verschlingt. Auch die Menschlichkeit. Darum Essensgeschichten für hungrige Ohren.

Redet im Psalm jemand, der oder die hungert, vom Gesättigtwerden?

Wenn ich in der Bibel vom Hungrig- und Durstigsein lese, so denke ich zuerst an den Durst tief in mir, den ungestillten. Wie eine Leere ist er, die ich übertünchen und stopfen, aber nicht so einfach füllen kann.

Jemand sagte einmal, dieser Durst und Hunger wachse mit jeder neuen Niederlage Gottes.

Und wenn diese zwei «Hunger» nun zwei Seiten einer Medaille wären?

Wo finde ich Gott im Angesicht des Hungers?

Warum nicht auch als Gast an meinem Tisch – fragend – ob das, was ich da auftische, bei anderen zu Hunger, miserablen Löhnen, Wassermangel und Vergiftungen führt?

Von Ulrike Müller