Kategorie: Texte

25. Oktober

Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Jona 4,4

Das Gespräch zwischen Gott und Jona am Schluss des Jonabuches entbehrt, wie ich finde, nicht einer gewissen Komik. Jona ist zornig, will lieber tot sein als leben, weil Gott barmherzig und gütig ist, weil Gott sich von der Umkehr der Menschen in Ninive berühren lässt und die Stadt nicht untergeht, wie zuvor von Jona in Gottes Auftrag angekündigt (Vers 2 f.). Ist es gekränkte Eitelkeit? Ärger über den unnötigen Aufwand der weiten Reise? Jona wirkt komisch in seinem Trotz: Ich wusste es gleich – und jetzt mag ich nicht mehr!

Mir gefällt Gottes Reaktion auf Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Gott sieht Jonas Zorn und übergeht ihn nicht einfach. Gott nimmt Jona als Gesprächspartner ernst und weitet gleichzeitig durch die Episode mit der Staude Jonas Perspektive auf Gottes Handeln (Vers 6 ff.).
Ob Jona von seinem Zorn runterkommt, bleibt in der Geschichte offen. Aber ich stelle mir vor, wie Gott und Jona neben der verdorrten Staude plötzlich in ein befreiendes und «erlösendes Lachen» (Peter L. Berger) ausbrechen.
Ja, Gott lässt sich berühren und umstimmen, Gott liebt seine Geschöpfe und will ihre Rettung – unbedingt. Und Gott hat Humor …

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit …; weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt. (H. D. Hüsch)

Von Annegret Brauch

24. Oktober

Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 1. Johannes 1,9

Mir fällt zu diesem Satz alsbald die Geschichte vom verlorenen Sohn ein. Die Freude über seine Umkehr ist bei dem Vater so gross, dass er ihn ohne Vorleistung und Busse in die Arme schliesst. Ein Herzenstrost für uns alle ist der Schluss des Gleichnisses mit der Aufforderung an den älteren Bruder, doch fröhlich zu sein, denn «dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden». Wir sind selig, wenn wir wiedergefunden werden, auch wenn wir Unrecht getan haben. Ich glaube, die Einsicht in dieses Unrecht ist die Folge des Gefundenwerdens und nicht die Bedingung dafür.
Jesus erzählt zuvor zwei weitere Gleichnisse: das vom verlorenen Schaf und das von der verlorenen Münze. Weder das Schaf noch die Münze tun Busse, bevor sie gefunden werden – sie sind einfach fort und werden gesucht und gefunden. Und dann ist die Freude gross!
Es sind Gleichnisse für die Liebe Gottes, die bedingungslos ist und die uns gerade darum zurückholt aus unseren Irrwegen. Ich glaube fest daran, dass Gott uns Verlorene sucht. Wir sind doch ein wenig wie Kinder, die sich verstecken und gefunden werden wollen. Kennt ihr den Jubel, wenn das geschieht?

Gott, ich bin dankbar, wenn du mich (wieder) findest!

Von Elisabeth Raiser

23. Oktober

Wer aber sich vertieft in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergess- licher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seinem Tun. Jakobus 1,25

Jakobus gibt uns in diesem Abschnitt reichlich Gelegenheit, über das Zusammenspiel von aufmerksamem Hören von Gottes Wort und der daraus folgenden Handlung nachzudenken. Es begegnet uns wohl allen immer wieder, dass wir von einer guten Idee oder einer weisen Einsicht hören, ohne dass für uns daraus eine Tat, eine gute und sinnvolle Handlung folgt. Der Grund dafür ist nicht der mangelnde gute Wille, sondern die Schwierigkeit, aus einer Erkenntnis die richtige Tat zu folgern. Entweder es fehlt uns an Fantasie, oder wir scheitern an unserem Zweifel, ob wir das, was wir uns vorgenommen haben, auch durchführen können.

In einem früheren Vers aus demselben Kapitel heisst es:
«… nehmt an das Wort Gottes mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.» Ich glaube, hier liegt das Geheimnis: Wenn wir Bibelworte lesen und hören, so haben sie oft eine Kraft, die uns von selbst nicht zuwächst. Sie können uns auch in der tiefsten Verzweiflung trösten, uns Mut machen, uns dankbar werden lassen – und daraus kann eine Handlung entstehen, die aus dem Herzen kommt – wie von einer inneren geheimnisvollen Führung geleitet. Es ist die Kraft der göttlichen Poesie.

Von Elisabeth Raiser

22. Oktober

Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir. 2. Chronik 20,12

Es ist die Zeit nach dem Exil. Die Geschichte des Volkes Israel wird weitergeschrieben. Und da ist die Angst vor einem neuen Krieg. «Wir wissen nicht weiter.» Wir könnten jetzt überlegen, was genau gemeint ist. «Sollen wir zu den Waffen greifen?» «Sollen wir einfach warten?» Die Augen schauen nach Gott. Von ihm erhoffen sich die Menschen eine Antwort. Im Text ist nicht von Angst die Rede, wohl aber von Nichtwissen. Wir sagen ja gerne, wir wollen hören, was Gott uns sagen will. Wie sieht die Lebendige unseren Weg? Wie sollen wir weitergehen? Wie wird unsere Geschichte weitergeschrieben? Wir leben in einer sich verändernden Welt. Manche sagen, wir leben in der Krise. Und da suchen wir nach Wegen, schauen auf Gott. Es geht nicht um das persönliche Tun, sondern um das Tun der Gemeinschaft. Kann sie auf Gott schauen? Kann sie schauen, dass der Weg der Geschichte in seinem Sinn weitergeht? Ich denke, dass die Gemeinschaft das kann, weil die Lebendige selber zu uns schaut, weil wir nicht alles aus eigener Kraft schaffen müssen. Wir sind gefragt, das zu tun, was Gott von uns erwartet: Dass es ein Weg ist, der nach Gerechtigkeit und Frieden sucht, einer, der geprägt ist vom Bestreben eines Lebens in Würde für alle Menschen. Schauen wir auf Gott!

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Der HERR hat mich gesandt, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden. Jesaja 61,1.3

So aktuell sind biblische Texte – die Zürcher Bibel übersetzt:
«Der HERR hat mich gesalbt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen.» (Jesaja 61,1) Für sie soll Schönes bereitgestellt werden (Vers 3). Diejenigen Menschen, die unter der Pandemie leiden, diejenigen, denen der Weizen fehlt wegen des Krieges in der Ukraine, diejenigen, die kein sauberes Trinkwasser haben, weil die Böden wegen des Klimawandels ausgetrocknet sind, sie sind in meinen Augen heute gemeint. Sie sollen einen neuen Kopfschmuck statt Asche erhalten. Ihnen gilt der ewige Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat (Jesaja 61,8). Der Prophet hat sich an die Trauernden gewandt, und ich erlaube mir zu sagen, dass sich der Text heute an die «Elenden» wendet. Er lädt ein zu einem Blickwechsel hin zu den Menschen, deren Leben unsicher ist, zu den Menschen, die für ihr Leben kämpfen müssen. Ihr Schmuck soll nichts anderes sein als ein Leben in Würde. Die frohe Botschaft lädt ein, die Vulnerabilität der Menschen in Kriegsgebieten und im globalen Süden wahrzunehmen und für sie und ihr Leben einzustehen.

Schenke du immer neu deine frohe Botschaft der Gerechtigkeit.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Oktober

HERR, ich preise dich! Du hast mir gezürnt! Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Jesaja 12,1

Die Losung ist ein Vers aus einem Siegeslied, das der Prophet anstimmt, um den Blick auf die Zukunft zu richten. Die Zeitform, die er dafür wählt, ist das Futurum Perfektum – ein Appell an die Vorstellungskraft. Wer das Wort hört, soll gedanklich eine Zeitreise in die Zukunft machen. Israel wird angesprochen: «Stell dir vor, wie es sein wird, wenn Gott seinen Friedensplan verwirklicht haben wird. Zion wird der Ort sein, wo die Völker hinströmen. Diesem Tag des Jubels wird etwas vorausgegangen sein. Du wirst deine Schuld bekennen, bereuen und auf Gottes Vergebung hoffen.»

Wieso erfindet der Prophet eine so waghalsige Zeitakrobatik? Was erhofft er sich von der Vorwegnahme der Zukunft im Perfekt? Es ist prophetische Seelsorge, dass er so verfährt. Das Zeitenverschieben ist sein Hebel, um die Herzensarbeit in Gang zu setzen. In der tollkühnen Verheissung, dass Israel zum Nabel der Welt wird, steckten kein Kulturimperialismus, keine Überlegenheit des auserwählten Volkes. In der
«fiktiven» Rückbesinnung auf einen Sieg, der noch nicht errungen ist, scheint schon jetzt die Rettung auf. Es ist das jüdische Modell der Hoffnung. Und wir Christenmenschen? Wir schauen zurück auf den Sieg, der an Ostern schon errungen wurde, um den Trost in die Zukunft zu tragen – für uns und für die Welt, die auf die Rettung wartet.

Von Ralph Kunz

19. Oktober

Der blinde Bartimäus rief: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Markus 10,48–49

Der Blinde hat einen Namen, der aufhorchen lässt. «Bar» ist aramäisch und bedeutet «Sohn», «Timäus» kann mit «der Geehrte» übersetzt werden. Markus wiederholt: Bartimäus ist der Sohn des Timäus. Warum diese Betonung? Im Zusammenhang gelesen hat das scheinbare Detail Gewicht. Jesus ist mit einem ganzen Tross von Anhängern unterwegs und der blinde Bartimäus, der am Wegrand sitzt, hat keine Chance, zum Meister vorzudringen. Also verschafft er sich Gehör und ruft. Die Menge reagiert verärgert auf den dreisten Rufer. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen. Vielleicht wollen sie den Propheten aus Nazareth vor der Unverschämtheit des Bittstellers schützen? Was erlaubt sich Bartimäus? Jesus überhört die Beschützer und erhört den Rufer, lässt ihn zu sich führen und fragt ihn: «Was willst du, dass ich dir tue?» Seltsam. Es ist doch offensichtlich, dass Bartimäus blind ist. Ich verstehe es so: Jesus fordert den«Sohn der Ehre» auf, seinen Glauben an den Messias zu bezeugen. Gleichzeitig ermutigt er ihn in seiner Erwartung. Der Davidsohn ist gekommen, die Würde der Entehrten wiederherzustellen, die Kranken zu heilen, den Sündern zu vergeben. In dieser Geschichte ist es der Blinde, der sieht, und die Sehenden sind es, die blind sind. Jesus öffnet allen die Augen.

Von Ralph Kunz

18. Oktober

Der HERR tötet und macht lebendig, führt ins Toten- reich und wieder herauf. 1. Samuel 2,6

Der Vers bildet die Mitte des Lobgesangs der Hanna. Hanna, die Kinderlose und Geschmähte, preist Gott die EWIGE voll Freude und Dankbarkeit. Alle sollen es hören, was ihr widerfahren ist. Ihr Kummer wurde in Freude verwandelt; ihre Traurigkeit in Kraft und Dankbarkeit: «Mein Herz ist fröhlich in Gott … Mein Mund ist aufgetan gegen die, die mir feind sind, denn ich erfreue mich deiner Hilfe. Keiner ist heilig wie unser Gott, ja keiner ausser dir. Keiner ist ein Fels wie unser Gott.» (V. 1 f.)

Da steht eine Frau – aufgerichtet, kraftvoll und lebensfroh. Grösser könnte der Kontrast zu der im 1. Kapitel geschilderten Hanna nicht sein. Ihre persönliche Erfahrung wird ihr zum Spiegel für Gottes Hoheit, Treue, Güte und Gerechtigkeit. Sie erkennt und bezeugt: Gott hält die Welt in Händen; Gott zerbricht den Bogen der Starken (V. 4), Gott richtet die Bedrückten auf (Vers 8), er hält Leben und Tod in seiner Hand (V. 6).

Ich brauche solche Zeugnisse wie das der Hanna. Gerade in diesen Zeiten, wo Schrecken und Gewalt zu triumphieren scheinen.
«Unsere Hilfe steht im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände.»

Von Annegret Brauch

17. Oktober

Das ist die Liebe, dass wir unser Leben führen nach seinen Geboten. 2. Johannes 6

«Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.» Christian Morgenstern, Dichter des Komischen und ernster Übersetzer, hat dabei sicher nicht an die biblischen Gebote gedacht. Aber ob es auch bei ihnen klappt? Anweisungen, Gesetze betrachtet man mit vielem, mit Angst vor der Polizei oder mit Ärger wegen Juristen, mit mehr oder weniger Gewissensbissen, mit festen Vorurteilen oder vornehmer Überheblichkeit, dass sie für andere vielleicht gelten mögen, aber nicht für einen selbst. Betrachten wir die Gebote von vornherein mit Liebe, wird es besser als erwartet. Dann ist nicht gleich alles zu viel, zu schwer oder zu kompliziert. Für das, was ich liebe, nehme ich eine Menge auf mich, sogar richtige Strapazen. Für den, den ich liebe, kann ich sehr gut auf andere verzichten. Aber vor allem fällt auf, dass nichts anderes als Liebe geboten ist.
Die gebotene Liebe hat drei Dimensionen. Manchmal gehen eine bis zwei davon vergessen. Geboten ist zum einen die Liebe zum Nächsten. Gott liebt alle Menschen; unser Auftrag ist liebevoll ermässigt. Geboten ist sodann die Liebe zu sich selbst, wenn nötig von vorn und wieder neu. Geboten ist die Liebe zu Gott, der uns immer schon zuvorkommend liebt. Wer damit jeweils am frühen Nachmittag fertig ist, fängt am besten mit der Zusatzaufgabe, mit der Feindesliebe, an. Wie? Natürlich, indem man einen Feind probeweise mit Liebe betrachtet.

Von Dörte Gebhard

16. Oktober

Du sollst das Recht nicht beugen und sollst auch die Person nicht ansehen und keine Geschenke nehmen. Denn Geschenke machen die Weisen blind und verdrehen die Sache der Gerechten. 5. Mose 16,19

Na bumm! Was für eine Miesmacherei? Darf ich mir denn nichts mehr leisten? Muss ich denn auf alles verzichten? So höre ich schon die Stimmen im Hintergrund. Wer es sich leisten kann, leistet sich alles – alles Mögliche und Unmögliche. Alles nur eine Preisfrage, oder wie der Volksmund spricht:
«Geld regiert die Welt.»
Stopp! Es geht nicht darum, auf alles zu verzichten, alles aufzugeben. Es geht darum, nicht gierig zu werden und das Recht einzuhalten. Wer Gott und seine Gebote vergisst, der vergisst auch schnell seine Nächsten.

Für mich ist die heutige Losung ein Ordnungsruf. Oft genug erkenne ich keine Grenze mehr zwischen Recht und Unrecht oder Wahrheit und Lüge. Im Zusammenleben mit anderen Menschen brauchen wir Regeln. Regeln engen nicht ein. Regeln geben der Freiheit einen Raum. Ich brauche Regeln als Angebot und Orientierung für ein gelingendes Miteinander im Leben. Für mich sind diese Regeln die Gebote Gottes. Jesus von Nazaret hat im Neuen Testament die Gebote auf einen kurzen Nenner gebracht: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und grösste Gebot.»

Von Carsten Marx