Kategorie: Texte

4. November

Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.       Jeremia 15,16

Der Prophet Jeremia machte in seinem Leben manches Hoch und Tief durch. Das Klagegebet in Kapitel 15 dokumentiert etwas davon. Ein Wort zu finden, das von Gott kommt, war für Jeremia mit einem Glücksgefühl verbunden – wie wenn man sich über ein gutes Essen freut. Der Losungsvers redet von einem solchen Höhepunkt: «Deine Worte fanden sich, und ich ass sie. Deine Worte wurden für mich zum Jubel und zur Freude meines Herzens. Denn dein Name ist über mir ausgerufen, HERR, Gott der Heerscharen.»

Eine ganz andere Erfahrung war es, wenn Jeremia das prophetische Wort seinem Volk weitergeben musste. Er sprach unbequeme Wahrheiten aus und erntete dafür nicht Dank, sondern erbitterte Feindschaft. Er beklagt sich: «Ich bin ein Mann des Streits, des Zanks mit dem ganzen Land. Alle verfluchen mich.» (Vers 10) Mehrmals kam Jeremia an einen Tiefpunkt, an dem er nicht weiterwusste. Er zweifelte am Sinn seines eigenen Lebens, verlor das Vertrauen auf Gott und hätte seinen prophetischen Auftrag am liebsten zurückgegeben. Und doch hörte er wieder die Zusage von Gott: «Ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten.» (Vers 20) Jeremia ist das Vorbild für einen Glauben, der sich im Auf und Ab des Lebens bewährt.

Von Andreas Egli

3. November

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Römer 11,29

In der Zürcher Bibel heisst es: «Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung.»

Unsere Talente und unsere Bestimmung können wir nicht zurückgeben, sie gehören zu uns.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Bekannten, deren Mutter eben gestorben war. Traurig sagte sie mir, Mutter habe ihr Leben nicht gelebt, sie habe zeitlebens unter schweren Depressionen gelitten. Selbstredend konnte sie ihre Gaben und ihre Berufung nicht ausschöpfen. Und trotzdem sind sie unwiderrufbar – und wer weiss, wagte ich tröstend einzuwenden, vielleicht geht Entwicklung nach dem Tode weiter.

Es gibt auch Menschen, die ihre Gaben vergraben, wie das deutlich im Gleichnis von den Talenten zum Ausdruck kommt. Da verbirgt der Dritte, der nur ein Talent bekommen hat, seine Möglichkeiten. Wie aber, wenn dieser Dritte ein Teil von uns ist? Fragen wir uns doch einmal: Habe ich ein Talent, das ich nicht anerkenne, weil es mir zu gering erscheint? Die genannte schwer depressive Frau hat vielleicht nie anerkennen können, dass sie dieses schwere Leben ausgehalten hat, dass sie weitergemacht hat. Auch ihre Kinder konnten dies nicht würdigen. Es ist aber eine Gabe und ein grosser Wert, zu leben, auszuhalten, weiterzugehen auch mit der grössten Bürde.

Von Kathrin Asper

2. November

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen nach dem Tod, doch er kommt nicht?         Hiob 3,20–21

Warum schenkt Gott Leben und Licht, denen, die das nicht mehr annehmen können und nichts anderes mehr wollen als den Tod?

In einer Todesanzeige stand «Uns bleibt das Leben», das tönte für mich alles andere als froh, eher so etwa wie: Man muss halt weiterleben. Doch immerhin, es war ein Entgegennehmen von Gottes Geschenk.

Nun gibt es aber jene, die das wirklich nicht mehr wollen, ihr Herz ist trocken, bitter, enttäuscht und sie sehnen sich nach dem Tod. Wenn es bei Hiob noch heisst «… und er kommt nicht», so können wir ihn heute, salopp gesagt, bestellen und Sterbehilfe anfordern. Schlagen wir damit das Geschenk Gottes, also Licht und Leben, aus? Ich denke, ja, das tun wir, wenn wir mit Exit gehen.

Doch Gott hat uns auch Freiheit gegeben, die Freiheit, entscheiden zu dürfen. Auch das ist ein Gottesgeschenk. Somit ist Sterbehilfe eine Entscheidung zwischen zwei Geschenken Gottes: der Freiheit und «Licht und Leben».

Ich habe lange gebraucht, das so sehen zu können. Vorher war Sterbehilfe für mich ein Nein zu Gottes Gaben, heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe zwei liebe Meschen mit Sterbehilfe gehen sehen, beide gingen in Frieden, und der Tod war ihnen ein Geschenk.

Von Kathrin Asper

1. November

Die Gastkolumne kommt von Georg Schubert. Er ist Mitglied der Kommunität Don Camillo und gehört zum Team des Stadtklosters Segen in Berlin.

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.    Sacharja 2,14

«Ach, im November ist alles so dunkel. Das Kirchenjahr geht zu Ende. Man soll über den Tod nachdenken. Ich finde das so traurig.» Vielleicht haben Sie das auch schon gehört. Vielleicht schon selbst gesagt oder gedacht. Es stimmt ja auch, die Tage werden kürzer, die Herbstfarben sind vorbei, es wird dunkel und grau. Das Kirchenjahr geht zu Ende. Sein letzter Sonntag ist der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag. Da hinein klingt die Losung von diesem 1. November. Sie weist in eine ganz andere Richtung. Sie spricht von der Zukunft, die Gott für uns bereithat.

Diese Verse gehören irgendwie fest zu Weihnachten. Da werden sie gelesen und gepredigt. Ich bin aber überzeugt, dass dieser Prophetenspruch über das Weihnachtsgeschehen hinausweist. Denn dieser Gedanke, dass Gott mit uns ist und unter uns wohnt, zieht sich durch die Bibel bis zur Offenbarung, wo wir lesen:

«Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her  rufen: Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein?» (Offenbarung 21,3) Johannes sieht da eine Zukunft, in der Gott tatsächlich gegenwärtig ist in unserer Mitte. Ich finde diese Zusage, dass Gott es mit uns aushalten will, sehr besonders. Er will mit uns Gemeinschaft haben. Das bekennen wir und erfahren es ja auch, dass er schon heute durch seinen Geist unter uns ist. Aber diese Bilder beim Propheten und in der Offenbarung lassen mich hoffen, dass Gott eine Zukunft bereithält, in der wir seine Gegenwart in einer anderen Qualität erfahren.

Ich kann mir das nicht vorstellen. Meine Bilder von Gott stehen mir im Weg. Ich weiss, dass er kein alter Mann mit Bart ist, ich weiss, dass Gott mehr ist als Energie oder Kraft. Er muss Person sein mit Gestaltungswillen und Handlungsmöglichkeit. Schon der Psalmdichter wusste: «Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?» (Psalm 94,9)

Und gleichzeitig muss er viel mehr Person sein, als wir sind. Umfassender, vollkommener, einfach unvorstellbar. Und dieser Gott will unter uns wohnen.

Er wird das Licht sein, es wird kein Geschrei, keinen Schmerz und kein Leid mehr geben. Stellen Sie sich das vor! Gott selbst wird die Tränen abwischen, dann, wenn er unter uns wohnt. Auf diese Zukunft gehen wir auch in diesem November zu. Keiner kennt die Stunde, wann das eintreten wird. Aber die Bilder sind so grossartig, dass es sich lohnt zu warten, ihm entgegenzuhoffen, bis er kommt. Und zu rufen und zu beten: «Maranatha, ja, komm, Herr Jesus.»

Von Georg Schubert

31. Oktober

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Römer 12,9

In meiner Kindheit und Jugend in Österreich habe ich viele Erfahrungen gesammelt, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören. Man wird ein bisschen schrullig, weil man ja fast keine Möglichkeiten hat, an der Machtfülle der Mehrheit teilzunehmen. Es war schon ein kleiner Triumph, als Österreichs Protestanten den 31. Oktober, den Reformationstag, als offiziellen Feiertag zugesprochen erhielten. An diesem Tag würden wir uns vorstellen und darstellen. Ab sofort wurde die «feste Burg» im Stehen gesungen, so als ob es sich um eine Nationalhymne handelte. Und in gewissem Sinn war es ja eine Nationalhymne. Wir liebten es auch, uns als eine intellektuelle Elite darzustellen, noch bevor wir wuss- ten, was das Wort «intellektuell» eigentlich bedeutet. Mit all dem hoben wir aber empor, was wir eigentlich vertuschen wollten: Wir waren anders. Und wir redeten über Gleiches auf eine andere Art.

Diese folkloristische Darstellung des Protestantismus wurde schon in der Volksschule zertrümmert. Dafür hat der Pfarrer, der mich konfirmiert hat, gesorgt. Er hat mir klargemacht, dass es auf all die Riten nicht so sehr ankomme. Schön anzusehen, aber nicht wirklich nötig.
Wir könnten ohnehin nichts dazutun, es sei alles Gnade. Ja, aber all die guten Ratschläge? Die verbessern das Klima!

Von Reinhild Traitler

30. Oktober

Jesus sprach zu den Jüngern: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr denn noch keinen Glauben? Markus 4,40

Das Hauptwort in diesem Vers ist das Wörtchen «noch».
«Habt ihr noch keinen Glauben!» Trotz allem, was ihr mit mir erlebt habt. Alle die Wunder, all das Ungewöhnliche, fast wie Zauberei. Aber es ist nicht Zauberei, sondern die feste Überzeugung, dass in der Tiefe unserer Not und unseres Leidens eine Heilung wächst. Dass jemand uns Segen und Geborgensein zuspricht; dass Gott selbst einen Engel schickt, der uns in den Arm nimmt und tröstet und die nächsten Schritte, jene, die wir nicht selbst gehen können, mit uns geht.
Aber wir sind furchtsam. Statt uns seinem starken Arm anzuvertrauen, klagen wir über unsere Schwäche, unsere Angst, unser Unvermögen.
Haben wir denn noch keinen Glauben?

Ich denke, wir haben keinen Glaubens-Selbstbedienungsladen. Gott hilft, Gott schützt. Aber, wie Bonhoeffer einmal gesagt hat, er tut es nicht im Vorhinein. Vertrauen in Gottes Tun entsteht, wenn wir uns Gott anvertrauen. Mit Jesus auf dem Weg zu sein, braucht unser Vertrauen, unser Uns-Anvertrauen.

Erhalte mich auf deinen Stegen und lass mich nicht mehr irre gehen. (Johann Scheffler)

Von Reinhild Traitler

29. Oktober

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden. Jesaja 49,13

Ich spüre eine heitere Gelassenheit, eine beflügelnde Euphorie. Der Anblick des Himmels macht mich lachen, ich kann mich nicht sattsehen an den Bergen mit ihren steilen Felswänden, den sich an den abenteuerlichsten Stellen mit ihren Wurzeln daran festkrallenden Tannen, den weiss schäumenden Wasserfällen. Die Schöpfung jubelt, und ich juble mit ihr. Ein Wort breitet sich in mir aus: Gott.

Das Wort versickert. Es nährt den Boden meines Urvertrauens, für das ich keine Worte finde. Es lässt das zarte Pflänzchen wachsen, das die Menschen Glauben nennen und das sich zeigt als Trost, Getrostsein. Ich hoffe, dass das Pflänzchen Wurzeln schlägt und nicht verdorrt, wenn die Sonne der Angst erbarmungslos vom leeren Himmel brennt und der Sturm der Verlassenheit über die Lebensfelder fegt.

Ich weiss, dass die Verheissung des Propheten weit über mich hinausgeht. Deshalb bete ich für die Menschen, die jetzt nicht wie ich freudig durch die Welt schweben, sondern im Elend sind, von Krankheit und Tod, Krieg und Flucht bedroht, von der Armut gefangen. Und doch mache ich jetzt einen Luftsprung. Denn Fürbitte und Dankgebet gehören auch in diesem wortlosen, intimen Gottesdienst zusammen.

Von Felix Reich

28. Oktober

Herrlichkeit und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.
Römer 2,10–11

Beruhigt mich das, oder eher nicht? Dieser Satz, dass es vor Gott kein Ansehen der Person gibt. Paulus ist sich sicher, dass nicht deine Person, sondern deine Taten, dein Handeln dein Durchkommen im Gericht Gottes bestimmen. Paulus ist sich des gerechten Gerichts Gottes sicher, der einem jeden geben wird nach seinen Werken und eben nicht nach Ansehen der Person.
Und ich sehe Gott – ähnlich der Darstellung der Justitia – mit Augenbinde und Waage vor meinem inneren Auge. Und ja, es beruhigt mich, dass vor Gott nicht das Ansehen einer Person gilt, sondern dass wir vor Gott alle gleich sind, egal, was wir geleistet haben und aus welchem guten Hause wir kommen, egal welchen Titel du hast und welches Auto du fährst.
Und doch merke ich auch einen Stich in meinem Herzen, denn die Binde vor Gottes Augen schmerzt mich, je länger ich sie mir vorstelle. Will ich doch angesehen werden von Gott, sollte ich dereinst vor seinem gerechten Gericht stehen. Denn bin ich nicht mehr als die Summe meiner guten und schlechten Taten? Ist da nicht mehr zwischen uns als eine Waage – geölt und geeicht?
Ich bin mir nicht sicher. Aber ich hoffe auf dich.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Oktober

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen,
die ihn lieben und seine Gebote halten.
5. Mose 7,9

Die Liebe steht an erster Stelle. Nicht nur bei uns modernen Menschen und zwischen uns Menschen, sondern schon im Alten Testament, im 5. Buch Mose. Neben allem «Du sollst» und «Du sollst nicht» ist es die Liebe, die die Schrift erfüllt.
«Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.» (5. Mose 6,4) Doch was heisst es, Gott zu lieben? Im Hebräischen wird hier das dasselbe Wort verwendet, wie wenn von der Liebe zwischen Menschen die Rede ist. Doch kann ich Gott wie einen Menschen lieben? Oder liebten sich Menschen im Alten Testament etwa anders als heute? Sicherlich haben sich die Bedeutung und die Vorstellung, die hinter der Liebe stehen, verändert, so, wie sich auch die Menschen verändert haben, zumal die Texte einen völlig anderen kulturellen und zeitlichen Hintergrund haben und man sie nicht einfach so auf sich beziehen kann. Und doch möchte ich dieses Bild nicht einfach abtun als etwas, das nicht mehr in unsere Zeit der romantischen Liebe passt.
Was heisst es, Gott zu lieben? Wie liebe ich heute Gott und wie spüre ich Gottes Treue und Barmherzigkeit? Vielleicht nehmen Sie diese Frage wie ich heute mit in diesen Tag und finden eine eigene Antwort.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Oktober

Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Johannes 3,17

Das Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus, in dessen Schlussteil unser Vers gehört, ist und bleibt (mir) rätselhaft. Da ist der gelehrte und geachtete Pharisäer Nikodemus, der in der Nacht zu Jesus kommt, um mit ihm über Fragen des Glaubens und des Lebens zu sprechen. Und da ist Jesus, der antwortet und doch nicht wirklich verstanden wird. Nikodemus’ vernünftige Einwände verfangen nicht vor der Botschaft, die Jesus verkündigt: dass Gottes Liebe der Welt Grund und Ziel gibt, dass Gottes Geistkraft in ihr wirksam ist und die Menschen verändert, dass Gott will, dass die Welt gerettet werde …

Die Frage drängt sich auf: Wie ist das zu glauben angesichts von Krieg und Zerstörung, von Hunger und Gewalt, von so viel Lüge und Ungerechtigkeit vor unseren Augen?

Was Nikodemus aus dem Gespräch mitnimmt, bleibt offen. Wie sähe Ihre Antwort aus? – Mein Versuch einer Antwort lautet:
Es ist leicht und schwer zu glauben und zu vertrauen; es ist ein Weg, ein Prozess; es ist ein Gehaltenwerden und ein Festhalten, es ist ein «sich dem Leben in die Arme Werfen».

Von Annegret Brauch