Kategorie: Texte

15. Oktober

Ich will auf den HERRN schauen und harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören. Micha 7,7

Heute bekommen wir eine wunderbare Zusage geschenkt! Wir werden nicht auf unsere Fehler reduziert, auf das, was wir nicht geschafft haben. Wir dürfen aufatmen. Wir bekommen neue Hoffnung und die Kraft, neu zu beginnen.
Wir gehen zwar manchmal verloren, verlieren den Ko takt zu uns selbst oder zu anderen Menschen, wir verlieren uns in Sorgen oder im Alltag, aber – so die Botschaft des heutigen Tages – diese Verlorenheit wird nicht für immer andauern. Gott geht uns nach, und er findet uns; Gott wird mich erhören.
Darauf dürfen wir auf der Spur des Propheten Micha und auf der Spur Jesu von Nazaret hoffen und uns ermutigen lassen, es weiter mit dem Leben aufzunehmen, gerade auch dann, wenn ich Menschen ganz real etwas an Fürsorge und Zuwendung schuldig geblieben bin und nichts mehr zu ändern ist. Ich kann es weiter mit dem Leben aufnehmen, wenn ich bei allem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung merke, dass ich selbst weit hinter den Zielen zurückbleibe, obwohl mir die notwendige Umkehr längst völlig klar ist. Was hätte ich nicht schon alles tun müssen?
Wenn wir uns – dem allem zum Trotz – dem barmherzigen Gott anvertrauen, dann erwächst Hoffnung. Eine Hoffnung im Blick auf mich selbst und auch im Blick auf die politische Realität in der Nähe und in der Ferne.

Von Carsten Marx

14. Oktober

HERR Zebaoth, du bist allein Gott über alle Königreiche auf Erden, du hast Himmel und Erde gemacht! Jesaja 37,16

Wieder einmal geht es um Macht, um Fragen der Vorherrschaft, um die Frage, wer denn der Grössere ist und wer mehr zu bieten hat. Alles Fragen, die uns im Alltag und in der Auseinandersetzung mit den «Herren» von gestern und heute nicht fremd sind. Es scheint die imperiale Frage par excellence zu sein. Die danach, welche der Geister, die ich rief, Sieg und Kontrolle bewahren werden. Jesajas Bericht über Hiskias Bedrohung durch die Syrer, genauer durch Sanherib, zeigt eine aussichtslose Situation. Ist es doch die Grossmacht Assyrien, die das kleine Juda angreift. Die Parallelitäten zu heute erscheinen nur zu offensichtlich, und doch: Wer neigt sich zuletzt vor wem? Wen verführen nicht Versprechungen von Milch und Honig, Wohlergehen und Landbesitz, wie sie Sanherib verlauten lässt? Wer, angesichts solch sicherer Zukunft, wagt es, auf das Versprechen zu setzen, dass der Weltenschöpfer Jahwe Juda retten wird? Also jemand ohne politischen Apparat? Viel Wagemut gehört dazu. «Du hast Himmel und Erde gemacht», dieser Verweis ist es, der meines Erachtens für die Anrufer Jahwes gegenüber Sanherib spricht. Ja, die angebotenen Versprechen sind gross, unbezweifelbar, aber doch nicht so gross wie die Schöpfungsleistung Zebaoths. Die eigentliche politische Grosstat, der sich Juda anvertraut, ist diese Schöpfungsleistung Gottes.

Von Gert Rüpell

Von Gert Rüpell

13. Oktober

Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder heimkommen; erneuere unsere Tage wie vor alters! Klagelieder 5,21

Das Bild des alten Busfahrers, der, mit einer Ikone als Hoffnungsbild im Frontfenster seines Busses, in abenteuerlicher Fahrt versucht, verzweifelte Bewohner einer unter Beschuss stehenden Siedlung in Sicherheit zu bringen. Oder das Bild von Sabrina, die aus dem sicheren Westen unbedingt in ihre Heimat zurückwill, dorthin, wo ihr Mann ist, der Ort, den sie als Heimat kennt und ohne den es in ihrem Leben keine Erneuerung geben kann. Solche Bilder prägen sich mir ein, wenn ich die Klage der Losung lese. Es sind Klagen, wie sie Menschen, die in die Fremde vertrieben wurden, in ihren Gebeten zum Ausdruck bringen. Hier spiegelt sich weltweit die Sehnsucht nach Rückkehr wider, nach Wiederaufbau der zu Ruinen verfallenen Häuser, und die Hoffnung auf Erneuerung des zerstörten eigenen Lebens. Diese Hoffnung ruht auf Gott. Symbol dafür ist die Ikone oder die Gebetskette in einem syrischen Bus. Immer ein Symbol dessen, der allein Erneuerer, Wiederhersteller von Lebensgestaltung sein kann, mit der Heimat umrissen wird.
Viele Menschen betonen heute, dass sie Erneuerung herstellen können. Viele Hoffnungen werden so artikuliert und ebenso viele enttäuscht. Die Beter dieses Liedes aber wissen: Erneuerung, Wiederherstellung gibt es allein durch Gott, Gott, symbolisiert in der Ikone oder der Gebetskette in den Flüchtlingsbussen dieser Welt.

Von Gert Rüppell

12. Oktober

Überall in Ost und West wird man seinen Namen ehren und seine Macht anerkennen. Jesaja 59,19

Ost und West vereint, im Lehrtext auch noch Nord und Süd: Frontalkollision mit der Realität. Ost und West waren schon lange nicht mehr so getrennt. Die Kirchen können daran nichts ändern, eine will das nicht einmal. Nord und Süd entfremden sich. Die globale Konkurrenz um die Lebensgrundlagen wächst. Das lässt nichts Gutes ahnen. Die römische Kirche droht zu zerbrechen zwischen Zeitgenossenschaft und krampfhaftem Einmauern und zugleich zwischen Nord und Süd.

Kirchenleitungen lassen sich besorgt und theologisch sauber argumentierend vernehmen: «Wir müssen in diesen Zeiten …», «Wir wollen gemeinsam …»

Dieses kirchliche «Wir» – wer ist das? Gehöre ich dazu? Ich muss also, ich soll, ich soll wollen. Wieder eine Frontalkollision, nun mit der Erfahrung der Machtlosigkeit. Es droht Resignation, das Ausklinken aus dem kirchlichen «Wir».
«Finsternis deckt alle Welt», tönt es in Händels Messias.
Kommt für uns auch das «grosse Licht»? Gelangen wir zum «Halleluja»?

Bald ist Advent. Da ertönt wieder der Ruf «Dass du den Himmel zerrissest und herniederführest!», sehnsuchtsvoll, verzweifelt – auch hoffnungsvoll?

Von Andreas Marti

11. Oktober

Sieh nun herab von deiner heiligen Wohnung, vom Himmel, und segne dein Volk Israel. 5. Mose 26,15

Israel – ein Reizwort, das Kaskaden von Assoziationen au löst, positive, negative, ratlose. Darüber zu schreiben, gleicht dem Gang durch ein Minenfeld: Wie ist das nun mit der Kirche und Israel? Darf man die Kirche das «neue Israel» nennen? Oder kommt sie nicht viel eher wie eine jüngere Schwester zur Familie hinzu, und wie ist dann das Verhältnis der Geschwister? Dann die antijüdischen Passagen in manchen Werken der Kirchenmusik: scharf bei Bach, etwas verdeckter bei Schütz, interessanterweise nicht bei Mendelssohn. Vom politischen Minenfeld, dem modernen Staat Israel, ganz zu schweigen – da bleibt oft nur ratlose Besorgnis.
Aber da ist die hebräische Bibel mit ihrem Reichtum, ihrer Vielfalt und ihren inneren Spannungen, manchmal fremd und verwirrend, manchmal nahe und vertraut, und die Grundlage, ohne die Jesus von Nazareth schlicht nicht zu verstehen ist. So ist es angebracht, bei unserem Losungswort die negativen und verwirrenden Gedanken für einmal auszublenden und den Lehrtext mitklingen zu lassen:
«zur Erleuchtung der Heiden und zum Preis deines Volkes Israel» – unerreicht eindrucksvoll in Musik gesetzt von Felix Mendelssohn in seiner Motette über das Simeonslied, «Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren» – unbedingt anhören oder nach Möglichkeit einmal mitsingen!

Von Andreas Marti

10. Oktober

Ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens. Philipper 2,15–16

Einmal war ich an einem Sommerabend im Tessin unterwegs. Plötzlich sah ich an einem Hang unterhalb der Strasse viele Glühwürmchen. Sie verzauberten ein simples Grasbord in eine zauberhafte Fläche, auf der viele kleine Körper ein pulsierendes Licht von sich gaben. Es war ruhig, kein Sirren, keine Explosion, kein Rauch, nichts störte dieses leise Leuchten.
Sonst ist Licht immer etwas, das irgendwie sinnvoll auf den Menschen zugeschnitten und zweckdienlich ist, hier aber glimmten diese Glühwürmchen einfach friedlich und scheinbar absichtslos vor sich hin.
Doch halt, ich mache mich gerade kundig: So romantisch ist es auch wieder nicht – je heller ein Glühwürmchen leuchtet, desto grösser sind die Chancen, einen Partner zu finden. Und nach der Paarung kommt der Tod.
Selbst ein Licht in der Welt sein zu können, ist eine schöne Vorstellung. Bei Paulus nähren diese Menschen ihr Licht, ihr Leuchten durch das «Wort des Lebens», auch durch ihren Gehorsam. Ihrem Leuchten liegt also eine Haltung, eine Entscheidung zum Glauben zugrunde.
Bei mir ist es etwas anders: Mein Leuchten entsteht, wenn ich geliebt und verstanden werde, wenn ich sein kann, wie ich bin, wenn ich gut in etwas bin. Ist das vereinbar mit dem, was in der Losung steht?

Von Katharina Metzger

9. Oktober

Der HERR sprach zu Mose: Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben. 5. Mose 18,18

Dann ist ein Prophet also so etwas wie eine Brücke zwischen Gott und seinem Volk? Einer, der dem Volk Gott und seine Weisungen verständlich machen kann und soll? – Braucht es das?, fragt sich die Bewohnerin des 21. Jahrhunderts. Sollte Gott nicht einfach etwas sich selbstverständlich Offenbarendes sein?
Ein Griff ins Bücherregal: der – wie ich meine – geniale Comic «Persepolis» von Marjane Satrapi über die Islamische Revolution im Iran. Sie zeichnet sich, noch vor der Revolution, als kleines Mädchen, das schon mit sechs Jahren weiss, was es werden will: Prophetin. Jeden Abend führt sie im Bett lange Gespräche mit Gott. Es sind wunderbare Bilder, die sie auch geborgen in den Armen ihres göttlich-väterlichen Freundes zeigen. Ihr Name: «Himmlisches Licht». Ihr Antrieb: Wohlstand und Glück für alle; vor allem ihre Grossmutter soll von ihren bösen Knien erlöst werden. Die Grossmutter fragt, wie sie das denn anstellen wolle. Und «Himmlisches Licht» antwortet, das Leiden werde einfach verboten, es sei nämlich das 6. Gebot in ihrem Heiligen Buch. – Als sie Kopfschütteln für ihren Berufswunsch erntet, entscheidet sie sich, zwar immer noch Prophetin zu werden, aber heimlich. So will sie «die Gerechtigkeit, die Liebe und der Zorn Gottes» sein. Und Sie?

Von Katharina Metzger

8. Oktober

Viele Propheten und Gerechte haben sich gesehnt, zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört und haben es nicht gehört.
Matthäus 13,17

Glauben ist ein dehnbarer Begriff. Jede und jeder von uns bringt die eigene Erfahrung ins Spiel. Für mich bedeutet Glauben nicht etwas Statisches, sondern eher eine unaufhörliche Auseinandersetzung mit einer Sehnsucht, einem Sehnen nach etwas, das wir umso schmerzhafter spüren, je mehr es uns mangelt. Es ist da, und gleichzeitig fehlt es. Es ist wie ein kaltes Feuer, das entzündet werden möchte, aber es brennt ja schon!
Es brennt, aber es wärmt noch nicht.
Wir warten noch auf die Erfüllung dieser immerwährenden Sehnsucht, die Menschen seit jeher mit sich getragen haben und für die sie keinen Namen oder vielleicht überwältigend viele Namen haben. Aus diesem Gefühl der Sehnsucht nach Verbundensein haben viele Prophetinnen und Propheten grosse Kraft und Inspiration für ihr Leben geschöpft.

Sehnsucht weist in die Zukunft: Sie verbirgt und enthüllt gleichzeitig: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Und doch zeigt es sich schon überall, wie die Schönheit eines gerade erst geborenen Menschenkindes. Wenn die Geduld gross genug sein wird, sehen und hören die Prophetinnen und Propheten schlussendlich doch etwas im Durcheinander verschiedener Geräusche.

Von Reinhild Traitler

7. Oktober

Sein Zorn währet einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude. Psalm 30,6

In meiner Familie gab es eine gewisse Häufung von Mitgliedern, die in Sekundenschnelle auf 180 Grad «steigen» konnten. Das machte sich dann auf unterschiedliche Art bemerkbar. Die einen schimpften so laut, dass auch die Nachbarn etwas davon hatten; die anderen «fäulten» – so nannten wir es, wenn dieser oder jener so richtig wütend wurde, aber nichts sagte. Es gab einen Champion im Versprühen von leisem Zorn. Er verschwand an ruhige Orte und schwieg, gelegentlich drei, vier Tage oder auch fünf, dann war alles wieder gut. Nicht für mich allerdings, weil ich öfter nicht einmal wusste, warum er auf einmal auf Tauchstation war. Trotzdem haben wir immer wieder «Frieden geschlossen», mit allen! Der Zorn währt einen Augenblick und lebenslang seine Gnade. Wie oft habe ich diesen Vers gebetet und war dankbar, dass er da in der Bibel steht, fett gedruckt im 30. Psalm, dass er mich tröstet, wenn ich mal da und dort ein Wort in
die falsche Kehle gekriegt habe.
Wie wunderbar es doch ist: Auf das Weinen folgt die Freude.
Lebenslang ist mir Gottes Gnade zugesagt. «Und des Morgens ist Freude!»

Von Reinhild Traitler

6. Oktober

Redet einander zu und richtet euch gegenseitig auf, wie ihr es ja tut.
1. Thessalonicher 5,11

Am Schluss des 1. Thessalonicherbriefs beschreibt Paulus handfest, wie das Zusammenleben in Gemeinschaft funktionieren kann. Zentral ist die Hoffnung. Hoffnung, dass es anders kommen wird. Dass es schon jetzt anders geht, als sich aus Enttäuschung mit Drogen zuzudröhnen, in der Konkurrenz aller gegen alle Hass zu kultivieren oder Böses mit Bösem zu vergelten.
Gutes Zusammenleben ist für Paulus Sorgearbeit füreinander, heitere Solidarität. Verbunden mit der Stützung der Schwachen und der Ermutigung der Verzagten, mit dem Ringen um Frieden im Kleinen. Dazu kommt die kritische Prüfung der Verhältnisse: Wo gibt es Potenzial für Veränderung? Fundament ist Dankbarkeit – auch gegenüber Gott und seiner Sorge um das Leben.
Ich kenne Familien und Wohngemeinschaften, die einigermassen so funktionieren, Altersheime, Unternehmen, Quartiergemeinschaften, Vereine, die sich an solchen Visionen messen lassen. Kürzlich habe ich einen Mann erzählen gehört von seiner Gefängniszeit während der argentinischen Militärdiktatur. Im Kollektiv übten Menschen über Jahre Widerstand und Solidarität ein. Sie entwickelten eine faszinierende Kultur, sich gegenseitig immer wieder aufzurichten, um weder verrückt zu werden noch langsam zu sterben. Eine Kultur des gemeinsamen Lebens.

Von Matthias Hui