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25. August

Ich dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte
meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht
ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

Jesaja 49,4

Bei dem Vers denke ich an die Friedensfrauen von «Unterwegs
für das Leben». Ihren Mut, ihre Beharrlichkeit, ihre
Kreativität, ihren Eigen-Sinn bewundere ich ebenso wie ihre
in einem tiefen Gottvertrauen gründende Zuversicht. Seit
40 Jahren engagieren sie sich mit jährlichen «Bittgängen für
das Leben» für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der
Schöpfung. Durch Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern
der Regierung, der Waffen- und Atomindustrie, bei
Initiativen, die sich in der Arbeit mit Flüchtlingen und sozial
Benachteiligten engagieren, haben sie vieles angestossen und
auf den Weg gebracht. Sie haben Samen der Versöhnung und
der Hoffnung in die Herzen vieler Menschen gelegt.
Und jetzt? Einige sind inzwischen in ihren 80ern und fragen
mit Blick auf die Entwicklungen der letzten Jahre: Haben
wir vergeblich gearbeitet, unsere Kraft umsonst und unnütz
verzehrt? Die Frage ist mir – wie vielleicht Ihnen auch? –
nicht fremd. Aber die Spannung zum «doch», von dem
Jesaja so getrost und vertrauensvoll spricht, ist mir manchmal
zu gross. Dann überbrücke ich sie mit dem Leitspruch
der «Unterwegsfrauen»: «Gott hat uns nicht gegeben den
Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
» (2. Timotheus 1,7)

Von: Annegret Brauch

24. August

Gott hat das Wort dem Volk Israel gesandt und
Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist
Herr über alles.
Apostelgeschichte 10,36

Apostelgeschichte, Kapitel 10: Der gottesfürchtige Centurio
Cornelius empfängt durch einen Engel die Aufforderung,
nach Simon, genannt Petrus, zu suchen und ihn herbeiholen
zu lassen. Simon Petrus hat fast gleichzeitig einen merkwürdigen
Traum, in dem ihm gezeigt wird, dass es keine Tiere
gibt, die man nicht essen dürfe – und das überträgt er auf die
Völker: Es gibt kein Volk, das nicht der Bekehrung zu Christus
würdig ist. Als er dann zu Cornelius gerufen wird, eilt er zu
ihm – und es gelingt ihm schnell, Cornelius zu überzeugen,
dass es in Christus keinen Unterschied macht, ob jemand
Jude ist oder einem anderen Volk angehört: Jeder und jede
kann zum Glauben an Jesus Christus kommen, «durch
den Gott Frieden verkündigt hat und der der Herr ist über
alles …» Die Botschaft ist: Der Friede, den Christus bringt,
ist ein Friede für alle Völker und zwischen allen Völkern. Legt
die Feindschaft ab! Das geht uns in diesen Kriegszeiten sehr
nah, vor allem da in den vergangenen grossen Kriegen, die
unseren Kontinent heimgesucht haben, wie in dem gegenwärtigen
Krieg Russlands gegen die Ukraine, auf allen Seiten
Christen leben und Kirchen den Krieg unterstützen, damals
und jetzt. Kann sie Jesu Botschaft vom Frieden umstimmen?
Die Hoffnung darauf sollte uns nie verlassen!

Von: Elisabeth Raiser

23. August

Ihr habt schon geschmeckt, dass der Herr freundlich ist. 1. Petrus 2,3

Ihr habt schon geschmeckt! Das ist ein schönes, sinnliches
Bild, und wenn es sich auf die Freundlichkeit Gottes bezieht,
lässt man es sich auf der Zunge zergehen! Mir fällt dabei der
schöne, wahrscheinlich bekannteste Text von Marcel Proust
aus seinem Buch «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit»
ein. Er beschreibt dort auf zwei Seiten, wie der Verzehr einer
Madeleine (ein in Frankreich verbreitetes Teegebäck), die er
in den Tee tunkt, plötzlich die Erinnerung an ein tiefes Erlebnis
in seiner Kindheit wachruft, in dem Proust den wahren
Sinn des Lebens zu erhaschen meint. Auch damals tauchte
er, als er krank war, eine Madeleine in eine Tasse Tee und
schmeckte sie – und das erfüllte ihn mit dem Empfinden,
eine in ihm verborgene Wahrheit zu schmecken, ohne sie
fassen zu können. Die Sinne, hier der Geschmackssinn, wissen
oft mehr als unser Geist!
Und so ist es mit der Freundlichkeit Gottes. Wir schmecken
sie – wie könnten wir sie mit dem Verstand fassen? Mit
Hilfe der Theologie? Mit unseren ethischen Überzeugungen?
Sie helfen uns, uns dieser Wahrheit anzunähern. Aber das
Geheimnis der Freundlichkeit Gottes, seiner immerwährenden
Gegenwart in uns – das ist eine innere Erfahrung, die uns
immer, auch entgegen allem Augenschein, hoffen lässt und
die wir mit dem Verstand nicht fassen, die wir aber fühlen,
vielleicht schmecken können. Gott sei Dank!

Von: Elisabeth Raiser

22. August

Der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren,
ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele
lieb habt.
5. Mose 13,4

Die Zürcher Bibel übersetzt anders: «Denn du sollst nicht auf
die Worte jenes Propheten oder auf jenen Träumer hören,
denn der HERR, euer Gott, stellt euch auf die Probe.» In Chiapas,
Mexiko, wurde ich jeden Tag gefragt, was ich geträumt
habe. Immer wieder durfte ich zu verstehen versuchen, was
dies bedeutet. Ganz habe ich es nie verstanden, aber gespürt,
dass die Dimension des Traums ernst genommen wird bei
der Gestaltung des Tages. Nun sagt uns der heutige Text,
dass sogenannte Träumer uns von der Lebendigen wegbringen
können. Auch Propheten sind gefährlich. Träume sollen
uns auf die Probe stellen. Ich bin der Überzeugung, dass es
Träume und Träume gibt. Ich will nicht aufhören, die Träume
zu leben, die mein Leben prägen, wie etwa das Einstehen
für Gerechtigkeit, gegen die Unterdrückung von Frauen, für
eine inklusive Gesellschaft. Sie entsprechen meinem Glauben
an die Lebendige. Aber ich werde durch Träumer auf
die Probe gestellt, etwa dann, wenn mich die viel zu vielen
Informationen erdrücken wollen. Der heutige Text ermutigt
mich, immer wieder zu unterscheiden zwischen dem, was in
meinen Augen dem Leben dient, und dem, was der Gerechtigkeit
im Wege steht. Die Lebendige hilft dabei!

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Ich will ihnen ein Herz geben, dass sie mich erkennen
sollen, dass ich der HERR bin.
Jeremia 24,7

Die Vision des Propheten richtet sich an die deportierten
Menschen. Ihnen will Jeremia Mut machen. Sie gehören, im
Bild des Propheten, zu den «guten Feigen im Korb». Sie sind
köstlich und erfreuen das Herz. Es ist, als ob die Menschen im
Exil mit den guten Feigen gleichgesetzt würden. Sie sollen in
ihrem Herzen Gott, die Lebendige, erkennen, ihr begegnen
und so lernen, dass sie ihr Gott ist. Und dies im Herzen. Denn
die Lebendige will alle Tränen abwischen und die Menschen
zurückführen in ihre Heimat. Die Vision sagt mir heute, dass
ich versuchen möchte, eine Beziehung zur Lebendigen aufzubauen.
Und dies mit dem Herzen. Es geht nicht so sehr um
die Einteilung der Menschen, das mag wohl für die Vision
wichtig gewesen sein, schliesslich trifft sie nur auf diejenigen
zu, die das Land verlassen mussten. Heute, gerade heute in
der zerrissenen Welt, soll mein Herz offen sein für die Kraft,
die von der Lebendigen kommt, damit ich die Augen offen
halten kann für die Menschen, die leiden. Denn ihre Tränen
sollen abgewischt werden. Vielleicht ist das die Erkenntnis,
dass Gott da ist, bei den Menschen und mit ihnen auf dem
Weg, auch wenn wir diesen nicht immer verstehen. Es geht
um die Erkenntnis im Herzen und den daraus entstehenden
Mut, am Glauben an das Leben festzuhalten.
Danke, Gott des Lebens, für dein Mitunssein.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 1. Mose 1,3

Licht ist geschaffen! Die Einsicht ist erhellend und lässt doch
im Dunkeln, woher es kam. Die Antwort auf diese simple
Frage verschwindet in einem schwarzen Loch. Erst zwei simple
Aussagen bringen Licht ins Dunkel. «Gott sprach, es
werde Licht» und das hat zur Folge, dass «Licht ward». Also
ist Gott die Lichtquelle oder wissenschaftlich gesprochen die
ultimative Energiequelle, der Ursprung der Lebensexplosion
oder des sich ausdehnenden Alls.
Ob teleskopisch oder mikroskopisch unterwegs, auf Galaxien
wandernd oder in Viren bewandert – es braucht auch
die aufgeklärte Wissenschaft eine Lichtquelle. Was sagt denn
die Bibel anderes? Sie sagt es anders. Gott spricht Licht. Man
kann das als Mythos abtun oder als naives menschenförmiges
Gottesbild. Und hätte eine wichtige Lektion nicht verstanden.
Als die Welt das Lebenslicht erblickte, hat es sozusagen
Klick gemacht. Der Lichtschöpfer hat auch Lichtempfänger
geschaffen. Wir sind die angestrahlte, angeleuchtete und aufgeklärte
Welt. Wir sind auch für die Verdunkelung mitverantwortlich,
die zur Sprache und ans Licht gebracht werden
muss. Es ist diese andere, nichtphysikalische Erleuchtung,
die wir dringend nötig haben, wenn wir nicht im schwarzen
Loch verschwinden wollen. Denn die Frucht dieses Lichtes
ist «Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit» (Epheser 5,9).

Von: Ralph Kunz

19. August

Du, HERR, du kennst mich, du siehst mich und prüfst,
ob mein Herz bei dir ist.
Jeremia 12,3

Gott prüft, ob sein Prophet mit dem Herzen ganz bei ihm
ist. Wie geht das? Gott kann das einfach, meint der Prophet.
Jeremia weiss sich erkannt und gesehen. Für viele ist diese
Vorstellung irgendwie gruselig. Der göttliche Röntgenblick
lässt wenig Spielraum für Privacy. Big Brother lässt grüssen,
der Datenschutz auf sich warten. Dem Propheten stellt sich
diese Frage gar nicht. Ihm geht es um die Prüfung des inneren
Menschen, darum, dass keiner verborgen bleibt, der Böses
redet (Weisheit 1,8). Wer meint, sich vor Gott verstecken zu
können, ist schlicht und einfach ein Tor oder eine Närrin.
Gott sieht ins Verborgene (Matthäus 6,6). Und was Gott
sieht, ist durchschaut. Die Redewendung «auf Herz und Nieren
prüfen» kommt dem ziemlich nahe. Sie stammt übrigens
auch von Jeremia (11,20) und meint, dass mein Geist (Herz)
und meine Gefühle (Nieren) Gott nicht verborgen bleiben.
Wäre denn ein Big Brother, eine Big Mother, Big Father oder
Big Sister so schlimm? Ja, das wäre es. Das «Big» muss uns
misstrauisch machen. Es ist ein menschliches Missverständnis,
dass Gott ein Kontrollfreak ist. Die Bibel sagt etwas anderes.
Sie lobt die Macht, die sich so klein macht, dass sie uns
verborgen bleibt. Wie komme ich zur Gewissheit, dass sie
es gut mit mir meint? Jesus hat Gott erkannt, gesehen und
geprüft. Sein Herz ist bei Gott.
Das genügt.

Von: Ralph Kunz

18. August

Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst
und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heissen im
Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird gross
heissen im Himmelreich.
Matthäus 5,19

Eine kleine Begebenheit vorab: Ich schaue einer Bekannten
zu, wie sie den Kopfsalat rüstet. Nicht von aussen nach innen,
wie ich es gewohnt bin, sie schneidet den Strunk weg, löst als
Erstes das «Herzli» heraus, danach die Blätter von innen nach
aussen. «So habe ich die besten Blätter in meinem Salat»,
sagt sie verschmitzt. Auf die Idee bin ich noch nie gekommen.
Nun zum Losungstext: Sollte er tatsächlich eine Anweisung
sein, sich noch pingeliger an die Gesetze zu halten als die
gesetzestreuen jüdischen Führer? «Wenn eure Gerechtigkeit
die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft,
werdet ihr nicht ins Himmelreich hineinkommen.» (Vers 20)
Wenn der Text nicht an prominentester Stelle, nämlich in
der Bergpredigt, stehen würde, ich würde ihn als «unverdaulich
» beiseitelegen.
Wie ist denn Jesus selbst mit dem mosaischen Gesetz
umgegangen? Er war ja wegen des Sabbat-Gebots im Dauerclinch
mit den Pharisäern. Ich glaube, er hat das Gesetz von
der Mitte, vom Herzstück her erfüllt. «Was ist das höchste
Gebot?» – Die Liebe zu Gott und zum Nächsten, «wie dich
selbst». Das hat er gelebt, auch am Sabbat. Darum hat er
selbst am Sabbat Kranke geheilt und geknickte Menschen
aufgerichtet. Es hat ihn letztlich das Leben gekostet.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. August

Der Grösste unter euch soll euer Diener sein.
Matthäus 23,11

Ein Diener, das ist einer, der Arbeiten für Höhergestellte
leistet. Arbeiten, die geringgeschätzt werden. Meist handelt
es sich um Versorgungs- und Hausarbeit, geleistet von Versklavten
und/oder Frauen. Arbeiten, die kein freier, wohlhabender
Mann tun würde. In biblischen Zeiten beschreibt
das Wortfeld diakonein zunächst Unterwerfungsverhältnisse.
Zunächst. Denn viele Stellen im Neuen Testament
sprechen davon, dass Grenzziehungen zwischen Oben und
Unten überwunden werden: Die Letzten werden die Ersten
sein, Niedrige erhöht und der Grösste wird zum Diener. Der
Neutestamentler Gerd Theissen spricht von Statusverzicht,
der zusammen mit der Nächstenliebe zentral ist für das
urchristliche Ethos. Es zielt auf Gleichheit und soziale Beziehungen,
die auf Gegenseitigkeit beruhen: «Unterschichtswerte
» wie Nächstenliebe oder Demut werden aristokratisiert,
und «Oberschichtswerte» wie Wohltätigkeit, die in der
Antike Königen und Beamten vorbehalten waren, werden
demokratisiert. So erhält Dienen eine ganz neue Bedeutung.
Jesus selbst sagt: «Ich aber bin unter euch wie ein Diener.»
(Lukas 22,27)
Das wünsche ich mir für alle Mitarbeitenden der Diakonie,
für alle, die Kinder betreuen, Menschen im Alter pflegen,
Menschen mit Behinderungen begleiten: dass die Grösse
ihres Dienstes erkannt und anerkannt wird.

Von: Maria Moser

16. August

Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere
Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten
und bleibet nicht.
1. Chronik 29,15

Wer denkt bei Fremdlingen und Gästen etwa an die Vergänglichkeit
des Lebens? Wer denkt schon an den Tod mitten im
Leben? Wer denkt an den endgültigen Abschied mitten im
Alltag?
Ja, wir Menschen sind Gäste auf dieser Erde. Wie oft vergessen
wir das. Der Tod wird immer wieder abgeschoben in die
Sterbezimmer der Krankenhäuser, in die Intensivstationen,
in die Operationssäle, in die Pflegekompetenzzentren. Der
Tod, beziehungsweise das Ende des Lebens, soll uns nicht
berühren.
Aber: Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Mit
diesen Worten beginnt ein Liedtext Martin Luthers. Mitten
im Leben sind wir vom Tod umgeben: Um diese Lebenserfahrung
wissen auch die biblischen Texte. Als Christinnen
und Christen aber dürfen wir über diese Erfahrung hinaus
hoffen: Diese Hoffnung heisst Ostern. Ostern stellt alles auf
den Kopf und der alte Liedtext muss dann heissen: Mitten im
Tod sind wir vom Leben umgeben. Das macht Mut, unseren
Alltag mit offenen Augen und Ohren wahrzunehmen: Wo
entdecke ich das Leben, das uns umgibt? Noch besser ist es,
dies gemeinsam zu tun und sich gegenseitig zu ermutigen.
Wunderbar, dass ich das tun darf, und ich mache mich mitten
im Sommer auf Lebensentdeckungsreise.

Von: Carsten Marx