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4. September

Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir,
darum gedenke ich an dich.
Psalm 42,7

Betrübt oder deprimiert ist ein Mensch in diesem Gebet,
und er erlebt eine Zeit, in der Gott für sein Empfinden weit
entfernt ist. Der grosse Abstand wird mit einem Vergleich
aus der Geografie ausgedrückt. Das Hermongebirge lag ganz
im Norden, an der Grenze des Gebiets von Israel. Von dort
war es ein weiter Weg bis zu einem anderen Berg, der zwar
weniger hoch, aber für den Glauben viel wichtiger war. Auf
dem Berg Zion in Jerusalem war Gott für die Gläubigen
gegenwärtig, wenn sie zum Tempel kamen. Aber dort war
der Betende schon lange nicht mehr. «Mein Gott, über mir
ist meine Seele niedergedrückt. Deshalb will ich mich an dich
erinnern – vom Lande des Jordan und des Hermongebirges
her, vom kleinen Berg.» Der Psalm spricht von zwei Haltungen,
welche helfen, die Zeit der Gottesferne zu ertragen. Die
eine ist die dankbare Erinnerung. Der Mensch richtet seine
Gedanken auf Gott und auf das, was er mit ihm erfahren
hat. Die andere Haltung ist die hoffnungsvolle Erwartung.
Der Mensch macht sich bewusst, was er von Gott erhofft.
«Was bist du niedergedrückt, meine Seele? Und was lärmst
du in mir? Warte auf Gott. Denn ich werde ihn wieder preisen
– meine Hilfe und mein Gott.» (Refrain Vers 12) In der
Erinnerung und in der Erwartung findet der Glaube Kraft
für die Gegenwart.

Von: Andreas Egli

3. September

So schau nun vom Himmel und sieh herab von
deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun
dein Eifer und deine Macht?
Jesaja 63,15

Ich schaue gar nicht nach, in welchem Zusammenhang diese
Worte geäussert wurden. Sie packen mich und passen so gut
auf unsere heutige Weltlage: Alles läuft schief, Klima, Kriege,
Gewalt, Drogen, Verbrechen, Korruption. Wir Menschen
fahren unsere Welt an die Wand. Gänzlich ineffektiv sind die
Intentionen und Taten, den schlimmen Kurs zu stoppen, und
die Hoffnung auf ein gutes Ende ist an einem sehr kleinen
Ort. Ich bin nicht allein mit meinen pessimistischen Gedanken,
wo ich geh und steh, höre ich sie auch von anderen.
Ja, und wo ist da ein Gott, der eingreift? Die heutige Losung
verhöhnt ihn geradezu. Wo ist sein Eifer, seine Macht? Da ist
ein Gott in der Höhe, der es sich in seiner herrlichen Wohnung
gut gehen lässt und wir hier unten sind ihm egal, er
greift nicht ein und lässt unseren Untergang zu.
So aktuell die Losung für heute ist, so war sie damals, sie
bezieht sich nämlich auf das babylonische Exil und die Zerstörung
des Tempels. Wo war Gott damals, wo ist er heute?
Und doch: Es lebt sich besser mit der Annahme, dass wir
Gott nicht gleichgültig sind, und: Von ihm beziehen wir die
Kraft, unsererseits Gegensteuer zu geben.

Von: Kathrin Asper

2. September

Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten. 2. Mose 23,1

War Lady Diana schwanger, als sie starb, und Elvis Presley,
lebt er vielleicht noch, und König Charles, ist er vielleicht
krank? Das sind Gerüchte, und sie verbreiten sich in Windeseile,
richten Schaden an und haften an der Person, gegen
die das Gerücht gerichtet ist, wie Gestank und Dreck und
sind kaum mehr loszuwerden. Ganze Nationen können
mit Gerüchten manipuliert werden und Menschen folgen
ihnen blindlings. So glauben die Russen Putins Gerede über
die Ukraine, Amerikaner folgen Trumps Fake News und die
Kriegseuphorie der Nationalsozialisten wurde damals blind
geteilt.
Der Künstler A. Paul Weber hat eine unglaublich eindrückliche
Lithografie gestaltet namens «Das Gerücht»: Da
windet sich ein schlangenartiges Wesen mit Menschenkopf,
spitzen Ohren, grossen Augen quer durch das ganze
Bild an einem Hochhaus vorbei. Aus den unzähligen
Fenstern schauen Menschen, quellen heraus, ja springen heraus
und halten sich am Schwanz des Wesens fest. So erging
es einem ganzen Volk. Die Hitler-Propaganda hat Land und
Menschen in den Abgrund geführt und Millionen zu Opfern
gemacht.
Gerüchte werden von Neidern erfunden, von Dummen
verbreitet und von Idioten geglaubt, heisst es. Hüten wir uns
davor und halten wir unsere Klatschsucht im Zaum. Übrigens:
Es lohnt sich, Webers Lithografie auf Google zu suchen.

Von: Kathrin Asper

1. September

Du hast dich müde gemacht mit der Menge
deiner Pläne.
Jesaja 47,13

Heute ist der Ökumenische Tag der Schöpfung. Wir gedenken
der Wunder des Lebens und der Schöpfung durch die
Allmächtige. Der Mensch kraxelt erdgeschichtlich erst seit
extrem kurzer Zeit auf dem Planeten herum. Je nach Quelle
irgendwo zwischen 300 000 und 700 000 Jahren. Ich bin
kein Fan des Kreationismus, gemäss dem die Welt erst 6000
bis maximal 12 000 Jahre alt ist. Spannend ist ja die Tatsache,
in welch kurzer Zeit wir als Menschheit den Planeten an den
Rand gedrängt haben. Alle Kurven zeigen heute steil nach
oben. Energie- und Ressourcenverbrauch, CO2-Ausstoss,
Bevölkerungswachstum, Anzahl Waffen …
Einige nimmermüde Klimaaktivistinnen (nicht nur die
Klimakleber)
geben nicht auf, sich gegen die Grossen der
Welt zu stemmen und ein anderes Wirtschafts- und Lebenssystem
zu finden und zu fördern. Sie opfern sich beinahe auf,
um eine Handvoll anderer davon zu überzeugen, doch bitte
nicht ganz alles kaputt zu machen, sondern etwas für die
kommenden Generationen dazulassen. Bis heute vergeblich,
Wachstum ist gottgleich und ein Ausweg kaum sichtbar.
Das macht müde. Die Menge unserer Pläne für eine lebenswerte
Zukunft nimmt zu. Aber nützen sie etwas? Was
brauchten wir wirklich, um wieder in den paradiesischen
Urzustand zu gelangen?
Weniger Pläne und mehr Stille. Gebet und Dankbarkeit.
Amen!

Von: Markus Bürki

31. August

Unser tägliches Brot gib uns heute. Matthäus 6,11

Genug zu essen zu haben, ist keine Selbstverständlichkeit.
Daran erinnert mich der Vers gleich doppelt. Die Bitte gilt
es jeden Tag zu erneuern. Allein am heutigen Tag, im Jetzt,
genug zum Leben zu haben, scheint genug. Mein Privileg
ist, dass in meiner Bitte Dankbarkeit liegt, weil das tägliche
Brot mein Alltag ist. Ich muss nicht hungrig schlafen
gehen. Eigentlich müsste ich für das tägliche Brot der Anderen
beten.
Es gibt einen Diskurs, der das tägliche Brot zuoberst auf die
Prioritätenliste setzt und ein Recht auf Nahrung postuliert.
Was einleuchtend klingt, kippt für mich allzu oft in einen
utilitaristischen Zynismus. Autoritäre Regierungsformen, die
wirtschaftlich erfolgreich sind, werden damit gerechtfertigt,
dass sie im Kampf gegen den Hunger halt nicht auch noch
auf Minderheiten und Dissidenten Rücksicht nehmen können.
Das tägliche Brot sei wichtiger als die Meinungsfreiheit,
die Menschenrechte werden relativiert.
Ich bin überzeugt, dass sich das Evangelium gegen eine Hitparade
der Menschenrechte wendet. Beim Brot, von dem
das Unservater spricht, denke ich nicht allein ans Essen. Mir
kommt das Brot des Lebens in den Sinn, das beim Abendmahl
geteilt wird. Es umfasst für mich all das, was der Mensch
braucht. Dazu gehört Nahrung, ja, aber ebenso zählen dazu
die Würde und die Freiheit.

Von: Felix Reich

30. August

HERR, verdirb dein Volk und dein Erbe nicht,
das du durch deine grosse Kraft erlöst hast!
5. Mose 9,26

Von der Masse ist nichts zu erwarten. Keine Einsicht, keine
Reue, keine Umkehr. Gott muss feststellen, «dass dieses Volk
ein halsstarriges Volk ist» (5. Mose 9,13). Von der verdienten
Strafe kann es nur verschont werden, wenn Mose sich vor
Gott niederwirft wie vor einem König und in der Demutsgeste
vierzig Tage ohne Essen und Trinken verharrt, um Gottes
«Zorn und Grimm» (5. Mose 9,19) zu besänftigen.
Halsstarrig ist die Menschheit geblieben. Obwohl die Zeichen
der Zerstörung sichtbar sind, Gletscher sich zurückziehen
und Extremwettersituationen zunehmen, ist die grüne
Wende kaum mehr als ein Wahlkampfslogan. Ungerechtigkeiten,
die zum Himmel schreien, scheinen zementiert.
Regimes bauen auf Repression, obschon klar ist, dass Angst
eine so schlechte wie fragile Regierungsform ist. Der Mensch
braucht keinen Gott, der ihn zerstört. Das erledigt er selbst.
In Christus ist Gott selbst zum Fürbitter geworden, der die
Spirale der Gewalt durchbrochen hat. Er wollte den Zorn
und Grimm der Menschen besänftigen, blieb hartnäckig
in seiner Liebe. Ich fürchte nicht die Strafe Gottes. Angst
machen mir die Menschen. Und so bete ich, dass Gott den
Willen stärkt, von der Selbstzerstörung abzulassen, und die
Kraft verleiht für das trotzige Festhalten an der Hoffnung.

Von: Felix Reich

29. August

Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt,
was dir hilft, und dich leitet auf dem Wege, den
du gehst.
Jesaja 48,17

Ein schöner Satz. Vielleicht der Inbegriff dessen, was es
bedeutet, behütet zu sein und getrost durch das Leben zu
gehen. Da ist eine unsichtbare Kraft, die mich spüren lässt,
was ich brauche, und mir den Weg leuchtet, wenn ich nicht
mehr weiterweiss.
Im Kontext des prophetischen Textes lesen sich die Zeilen
allerdings weniger als Zuspruch denn als Mahnung. Es ist
nicht so, dass Gott auf dem Weg beschützend und unterstützend
hinterhergeht. Er gibt die Richtung vor und hat
den Anspruch voranzugehen. Ausserdem wimmelt es in der
Folge von Menschen, denen der Prophet vorwirft, die falsche
Abzweigung genommen zu haben. Sie werden «keinen
Frieden» (Jesaja 48,22) finden. Nun kippt der Satz vom Trost
in die Bevormundung. Warum brauche ich einen Gott, der
mich lehrt, was mir hilft? Muss ich das nicht selbst wissen?
Es sind die falschen Fragen.
Die Mahnung richtet sich nicht an ein Individuum, in den
Blick nimmt der Prophet ein Kollektiv. Und eine Gemeinschaft
muss sich tatsächlich auf eine Lehre einigen, welche
die Richtung vorgibt. Wer auf Gott hört, findet einen Weg,
auf dem die Schwachen gestützt werden und niemand unter
die Räder kommt.

Von: Felix Reich

28. August

Jesus spricht: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von
mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Matthäus 11,29

Eigentlich habe ich immer gehadert mit diesem Joch, das so
zwingend und schwer auf einem liegt und das ich dennoch
fast freudig auf mich nehmen soll. Als Lernprojekt sozusagen.
Thema: Sanftmut und Demut üben.
Und ich konnte diesem Bild lange nichts abgewinnen.
Also lieber die Losung statt den Lehrtext dieses Tages nehmen?
Nein! Stattdessen den ungeliebten Text mitnehmen in
meinen Alltag – und ihn immer mal wieder anderen anbieten.
Was meinst du?
«Unter ein Joch passen immer zwei Ochsen und zu zweit
ist man weniger allein!» Und: «Unter einem Joch bist du nach
vorne ausgerichtet, du kannst dich gar nicht umdrehen, du
hast also eine Orientierung.» Die Antworten eines Freundes
faszinieren mich und erschliessen mir dieses Bild neu, geben
ihm eine neue Farbe. Ich muss schmunzeln, weil ich merke,
wie auf einmal meine Abwehr gegen das Joch schmilzt und
es zu einer wirklichen Alternative wird zu den Lasten, die ich
mit mir herumtrage, unter denen ich mich ganz allein und
auch orientierungslos fühle und es vielleicht auch bin. Mein
Joch, unter das ich mich oft sogar freiwillig begebe, das mir –
mühselig und beladen – eben keine Möglichkeit zur Ruhe für
meine Seele bietet. Sanftmut und Demut könnten vielleicht
doch noch ein Thema für mich sein.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

27. August

Der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen
Werken deiner Hände.
5. Mose 2,7

Eine grosse Rückschau steht am Anfang des 5. Buches Mose.
Mose selbst werden diese Worte in den Mund gelegt am
Scheidepunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen
Wüste und gelobtem Land. Und dann dieser Satz.
Nicht nur die grossen Taten sind Gottes Werk, nicht nur das
Wunder am Schilfmeer, Manna und Wachteln, die selbstgeschriebenen
Steintafeln, sein Segen liegt nicht nur auf Mose,
Aaron, Mirijam oder den grossen und einflussreichen Führerinnen
und Führern, er liegt in allen Werken deiner Hände.
Deiner Hände!
Und auch meiner.
Gott mitten unter uns, in uns wirksam, handfühlig.
Und der Satz ist noch nicht zu Ende, Mose legt noch nach:
«Er hat dein Wandern durch diese grosse Wüste auf sein
Herz genommen.» (5. Mose 2,7)
Am Scheidepunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft
und nach dem Durchqueren der Wüsten und Durststrecken
unserer Zeit – und wir haben wahrlich genug davon – brauchen
wir genau solchen Zuspruch, ist es wichtig, Vergangenheit
aus Gottes Sicht auf uns zu deuten und damit Zukunft
zu eröffnen.
Der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner
Hände. Er hat dein Wandern durch diese grosse Wüste
auf sein Herz genommen.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

26. August

Gutes zu tun und mit anderen zu teilen vergesst nicht;
denn solche Opfer gefallen Gott.
Hebräer 13,16

Vor einem Jahr begann die 11. Vollversammlung des Ökumenischen
Rates der Kirchen. «A Call to Act Together» ist
die Botschaft überschrieben, die von Karlsruhe aus in die
Welt ging. Prof. Dr. Ioan Sauca, damals amtierender Generalsekretär,
hat sie hier vor wenigen Tagen mit eindringlichen
Worten erneut vor Augen gestellt: Es genügt nicht, als
Kirchen und Christenmenschen (nur) zusammenzubleiben,
gemeinsam zu beten und miteinander unterwegs zu sein:
Now it’s time to act together! «Gutes zu tun und mit anderen
zu teilen vergesst nicht» ermahnt und ermutigt der Schluss
des Hebräerbriefes. Darin konkretisiert sich der Dreiklang
Glaube – Hoffnung – Liebe, der in den vorangehenden Kapiteln
entfaltet wird. «Denn wir haben hier keine bleibende
Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.» (Vers 14). Es ist
ein Pilgerweg der Gerechtigkeit, der Versöhnung und der
Einheit, auf den der Hebräerbrief uns sendet.
Wir bitten Gott, uns bei der Umwandlung unserer Bekenntnisse
und Verpflichtungen in Taten zu unterstützen. Wir verpflichten
uns, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten
… Denn in Christus wird alles neu werden. Seine
Liebe, die allen Menschen gilt, auch den schwächsten, den
geringsten und den verloren gegangenen, und die für alle
Menschen offen ist, drängt uns (2. Korinther 5,14) und stärkt
uns auf diesem Weg. (aus der Botschaft der 11. VV des ÖRK)

Von: Annegret Brauch