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14. September

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt
sich der HERR über die, die ihn fürchten.
Psalm 103,13

Wer von Gott spricht, muss es in Bildern tun. Vater ist ein
Bild, Mutter ist ein anderes. Kraft, Licht, Fundament sind
weitere. Der Mensch, der die heutigen Psalmworte betet,
spricht von Gott als Vater. Ein Vater, der bezogen ist und
gegenwärtig; einer, der sich der Kinder annimmt und sie tröstet.
War der Mensch, der diese Worte betet, zunächst einmal
verzweifelt? Verloren in einer Welt, die zum Verrücktwerden
ist? Erfuhr er dann Trost? Ein Trost, dem eine Wahrheit
zugrunde liegt? Ein Trost, der aus der Tiefe kommt? Ein Trost,
der eine neue Sicht auf die Welt ermöglicht?


Wer sich erbarmt, ist in den Gedärmen aufgewühlt, so der
hebräische Wortsinn. Da geht ihm etwas sehr nahe. Näher als
sonst. Auch das Wort für Mutterschoss klingt an. Die weibliche
Seite Gottes schwingt also mit. Wir ruhen aus in Gottes
Erbarmen. Ziehen uns wie in Gottes Mutterschoss zurück,
werden – befristet – wieder Kind. Ein bisschen Wärme in der
kalten Welt. So ist auch die Gottesfurcht keine Angst. Eher
ehrfürchtiges, besser: achtsames Verweilen in Gottes Gegenwart.
Wir kommen wieder zu Kräften, tanken auf. Dann,
genährt, gehen wir unseren Weg weiter. Mutig und fröhlich.

Von: Chatrina Gaudenz / Lars Syring

13. September

Ich will dich in der Gemeinde rühmen, HERR.
Psalm 22,23

Restorative Justice – wiederherstellende Gerechtigkeit –,
weltweit bekannt wurde dieser Begriff durch Erzbischof
Desmond Tutu und die Wahrheits- und Versöhnungskommission
nach dem Fall des Apartheitsregimes in Südafrika.
Nicht die Durchsetzung einer Rechtsnorm oder die Strafe für
ein Verbrechen stehen im Mittelpunkt wiederherstellender
Gerechtigkeit, sondern die Opfer eines Unrechts und ihre
Geschichte. Ihnen soll zugehört werden und für sie soll es
Wiedergutmachung geben. So wendet sich der Blick von
der Vergangenheit auf die Zukunft und die Wiederherstellung
der Gemeinschaft, die durch das Verbrechen zerbrochen
wurde. Geheilte Gemeinschaft verspricht Leben für
alle zusammen.
Desmond Tutu konnte einleuchtend erklären, wie sich die
Praxis wiederherstellender Gerechtigkeit auf das afrikanische
Menschenbild der Ubuntu-Philosophie bezieht. «Ich
bin, weil wir sind» – Ubuntu, das sind nicht einzelne Individuen
im Wettbewerb miteinander, sondern alle miteinander
beteiligt am Aufbau der Gemeinschaft.
So führt im Psalm 22 die Bewegung aus Isolation und Verfolgung
zur Hoffnung auf erneuerte Gemeinschaft: «Ich will
dich in der Gemeinde rühmen, Herr.»

Von: Barbara und Martin Robra

12. September

Der HERR spricht: Ihr habt gesehen, wie ich euch
getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir
gebracht.
2. Mose 19,4

Zwischen Chandolin und Saint-Luc schwebt ein Steinadler
am blauen Himmel. Ohne seine Schwingen zu bewegen,
kreist er ganz ruhig im Aufwind. Lange beobachten wir den
König der Lüfte – schön und erhaben. Wie wäre es, in sicherer
Höhe zu fliegen wie dieser majestätische Vogel? Anders
als Braunbär, Wolf oder Luchs überlebten die Adler in der
Schweiz die brutale Verfolgung durch die Menschen und
haben sich wieder in den Alpen und im Jura ausgebreitet.
Gott spricht zum Volk, als die Flüchtlinge aus Ägypten den
Berg Sinai in der Wüste erreichen. Hier findet der Weg in die
Freiheit sein Ziel in der Begegnung mit Gott und der Gabe
der Tora mit den Zehn Geboten. Daran erinnert sich die
jüdische Gemeinschaft Tag für Tag und bekennt im Gebet
voreinander: «Höre Israel: Der Herr, unser Gott, ist der einzige
Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem
Herzen bleiben und du sollst sie deinen Kindern einschärfen.
» (5. Mose 6,5–7)

Gott ist auf dem Weg mit dir. Gott trägt dich auf Adlerflügeln
und will dir auch heute begegnen.

Von: Barbara und Martin Robra

11. September

Besser ist es, beim HERRN Zuflucht zu suchen,
als Menschen zu vertrauen.
Psalm 118,8

Ein grosses Danklied wird hier gesungen, wohl anlässlich
eines Festes für Jahwe, den Gott des Lebens, der Gnade,
der Rettung, des Lichts. Diesem Gott wird hier gesungen,
denn auf ihn ist Verlass. Bei ihm ist Sicherheit, Schutz, Trost,
Gerechtigkeit. Bei ihm ist Zuflucht in schwerer Zeit – viel
mehr, als man sie bei einem Menschen oder gar bei einem
Fürsten (Vers 9) finden könnte. Es stimmt für mich, dass ich
in belasteten Zeiten, vor schwierigen Gesprächen, bei einem
Unglück bete. Im Gebet finde ich ein Stück Ruhe. Zuflucht
zu Gott. Zugleich stelle ich aber fest, dass ich in solcher Zeit
auch die Nähe von Menschen suche. Vielleicht nicht zuerst
das Gespräch oder das gemeinsame Weinen, sondern die
Ruhe. Den Schutzraum des gemeinsamen Schweigens. Ist
das Ausdruck des Zweifels am Zufluchtsort Gott? Oder trägt
Gott in solchen Augenblicken das Gesicht und das einfühlsame
Herz des Menschen, an den ich mich anlehne? Das
kann kein Entweder-oder sein, vielmehr ein Sowohl-als-auch.
Ich darf mich gerne an andere Menschen wenden oder für
sie da sein in der Not. Denn ich weiss, dass Gott gewissermassen
dahinter oder daneben steht – und mitträgt. Als Gott
des Lebens für das Leben!
Danke, Gott, dass du zu jeder Zeit offene Arme hast für alle,
die dich brauchen.

Von: Hans Strub

10. September

Gott hat mich wachsen lassen in dem Lande
meines Elends.
1. Mose 41,52

Josef hat mit Asenat in Ägypten einen zweiten Sohn gezeugt.
Er gibt ihm den Namen Efraim, was so viel heisst wie «Gott
hat mich fruchtbar gemacht». Der seinerzeit ausgesetzte
Sohn und Bruder der israelitischen Grossfamilie von Jakob
macht beim Pharao eine kometenhafte Karriere und wird
zum Wesir über das ganze Land eingesetzt. Deshalb dankt er
seinem (israelitischen!) Gott, dem er trotz allem treu geblieben
ist und dem er im Auf und Ab seines Lebens weiter treu
bleiben wird. Die Josef-Legende führt diesen Satz aber gleich
anschliessend nochmals weiter aus: Josef hat in den sieben
Jahren mit reichen Ernten grosse Mengen Korn gespeichert.
Dann aber kommen die «mageren Jahre» und bringen
eine Hungersnot übers Land, ja über die ganze Region der
Levante. In Ägypten aber liegt Korn, und dafür kommen
Menschen von überall herbei – auch aus Israel und auch
die Grossfamilie Jakobs! Die Legende berichtet daraufhin
vom Zusammentreffen der Brüder, bei dem sie Josef nicht
erkennen. Gott hat, so macht die Legende deutlich, in jeder
Situation unerwartete Möglichkeiten, Leben zu ermöglichen
und Leben zu schenken. Und er kann angetanes und erlittenes
Unrecht vergeben. Die lange Josef-Geschichte zeigt
das in mehreren «Schlaufen». Sie nimmt uns Heutige beim
Lesen und Hören mit und verstärkt so die Gewissheit, dass
dieser Gott auch bei uns und jetzt wirkt.

Von: Hans Strub

9. September

Er gedenkt ewiglich an seinen Bund, an das Wort,
das er verheissen hat für tausend Geschlechter.
Psalm 105,8

Mit «Er» ist «Adonai Elohenu» gemeint, der Ewige, unser
Gott. So wird das Mysterium im vorhergehenden Vers 7
genannt, entsprechend dem Schma Israel, dem jüdischen
Glaubensbekenntnis (5. Mose 6,4). Die heutige Losung bringt
Grundsätzliches zur Sprache. Der Ewige wird ewiglich seines
Bundes gedenken, heisst es da. Das erinnert, erstens, an die
Verheissung Gottes nach Verebben der Sintflut: «Wenn der
Bogen in den Wolken erscheint, dann will ich mich meines
Bundes erinnern, der zwischen mir und euch besteht und
allen Lebewesen. Und nie wieder wird das Wasser zur Sintflut
werden.» (nach 1. Mose 9,14–17) Es erinnert, zweitens, an
das in Ägypten versklavte Volk. Dort, am Anfang des Exodus,
heisst es: «Gott hörte ihr Seufzen, und Gott gedachte seines
Bundes. Und Gott nahm sich ihrer an.» (nach 2. Mose 2,24–25)
Weiter: Der Ewige hat sein Wort, das einst die Welt erschaffen
hat, für tausend Geschlechter – und das heisst: unbegrenzt
– verheissen. Mit (im hebräischen Urtext) demselben
Wort heisst es im Psalter: «Am Tag erweist (bzw. verheisst)
der Ewige seine Gnade, und des Nachts ist sein Lied bei mir.»
(Psalm 42,9) Das Gedenken Gottes gilt also in ökologischer
und sozialer Hinsicht, und es gilt bei Tag und bei Nacht,
allezeit. Gott, im Fluge unserer Zeiten: Gedenke unser!
Richte deinen Regenbogen auf!

Von: Andreas Fischer

8. September

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und
die Sünde, die uns umstrickt.
Hebräer 12,1

Die Metaphorik des heutigen Lehrtextes entstammt der Welt
des Sports. Die «Wolke» meint eine grosse Menschenmenge.
Die «Zeugen» – Zuschauerinnen, Anhänger, Fans – feuern
uns, die Läuferinnen und Läufer, an. Wir legen alle Last ab,
insbesondere die «Sünde», die wie ein an der Haut klebendes
Kleid beim Rennen stört. Es gilt, federleicht zu werden.
Wobei: Die «Zeugen» sind nicht bloss Zuschauende. Sie
sind selber am Wettkampf beteiligt beziehungsweise waren
es – wie der entrückte Henoch, die Prostituierte Rahab und
alle anderen, «derer die Welt nicht würdig war» (vgl. Hebräer
11). Sie sind schon angekommen. Sie haben das Ziel
schon erreicht.
Und auch die «Wolke» ist vermutlich mehr als einfach nur
eine Fankurve. Die Wolke ist Zeichen der Anwesenheit Gottes.
Sie ist gleichsam göttliches Zelt. Sie umhüllt den Sinai,
den heiligen Berg (2. Mose 24,16). Sie wirft ihren Schatten
auf Elija, Mose und Jesus in der Verklärung auf dem Berg
Tabor (Markus 9,7). Der grosse pietistische Theologe Johann
Albrecht Bengel (1687–1752) spricht von einer «heiligen,
durchsichtigen Wolke». Wolken, sagt er, ziehen aufwärts.
«So steigt hier mit heiliger Behändigkeit eine Wolke von
Zeugen empor.» Die Wolke von Zeugen gibt Protektion
und Support. Und sie weist selber die Richtung, den Weg,
der zum Ziel führt. Es gilt, federleicht, eins mit ihr zu werden.

Von: Andreas Fischer

7. September

Bleibe bei dem, was du gelernt hast
und was dir anvertraut ist.
2. Timotheus 3,14

Hier hat ein Autor in der Nachfolge von Paulus den Versuch
gemacht, die Gemeinde auf das bisher Gelernte zu verpflichten.
Das versucht er im Hinblick auf das nahende Ende und
die Wiederkunft Christi.
Nun wissen wir heute, dass dies nicht so schnell funktioniert
hat. Die Erde dreht sich immer noch und der Versuch,
Menschen auf «die eine Wahrheit» zu verpflichten, wird
täglich neu unternommen. Manchmal hat das Erfolg, häufig
jedoch nicht.
Würden wir immer dem einmal Gelernten und Vertrauten
folgen, ohne zu lernen und Veränderungen zuzulassen,
wären wir erstarrt. Das ist eine Vorstellung, die mir sehr
schwerfällt. Unser Verständnis von Nachfolge und auch
unsere Vorstellung von Gott verändert sich im Laufe unseres
Lebens. Dies ist abhängig von unseren Lebenserfahrungen
und unserer Lebenssituation. In der Zeit der sich bildenden
Gemeinden im 1. Jh. war die Selbstversicherung, auf
dem richtigen Weg und beieinander zu sein, überlebensnotwendig.
In unserer heutigen Welt ist es dies nicht mehr, aber
doch sehr hilfreich. Es ist auch stärkend, sich zu vergewissern;
doch wessen vergewissern wir uns heute? Doch nicht,
ob wir «richtig» glauben, sondern eher, ob wir noch mit
anderen auf dem gleichen Weg sind und den gleichen Kompass
verwenden! Ich nenne das: «Herausfinden, ob wir noch
im Windschatten des Heiligen Geistes segeln».

Von: Rolf Bielefeld

6. September

Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet
wahrhaftig und recht, schafft Frieden in euren Toren.
Sacharja 8,16

Der interessante Aspekt hier ist die Entstehungszeit – nämlich
nach dem babylonischen Exil. Der Autor hat offensichtlich
noch die Erzählungen aus der Exilzeit im Ohr und natürlich
auch die Erzählungen, die zum Exil geführt haben. Dies sind
sicherlich sowohl theologische als auch politische Geschichten.
Unser Autor leitet daraus etwas sehr Wichtiges ab:
«Seid ehrlich und wahrhaftig zueinander und bewahrt den
Frieden!»
Hat sich denn die Welt seit dem 6. Jh. v. Chr. tatsächlich
grundlegend gewandelt? Nun, technologisch ganz sicher,
gesellschaftspolitisch hängt es davon ab, in welche Gesellschaft
wir schauen. In den grossen Zügen wechseln sich seit
jeher Krieg, grosses Elend, Vertreibung, Flucht und Neuanfang
auf unserem Planeten ab. Die Opfer sind nach wie vor
überwiegend die breite Masse der einflusslosen Menschen,
die versuchen, ihren Alltag zu bewältigen.
Hier greift nun die Weisheit unseres Autors: Wenn wir uns
nicht um eine grundlegende Veränderung auf allen Ebenen
unseres Zusammenlebens im Kleinen und im Grossen bemühen,
gehen wir zugrunde. Diese Gewissheit immer wieder
zu verbreiten, ist unsere Lebensaufgabe als Glaubende. Wir
leben aus der Zusage unseres Gottes «des neuen Himmels
und der neuen Erde» heraus – dann lasst sie uns auch aktiv
weitergeben.

Von: Rolf Bielefeld

5. September

Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und
deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn
ich erlöse dich!
Jesaja 44,22

Plötzlich wird es für das Volk Israel leicht, neu anzufangen.
Propheten wie Jesaja hatten seinerzeit die Zustände
kritisiert,
die von Unrecht geprägt waren. Später halfen ihre
Worte, den Untergang des eigenen Staates zu verarbeiten.
Dass Jerusalem von den Babyloniern erobert wurde, bedeutete
nicht, der Gott Israels habe versagt. Vielmehr sollte das
Volk anfangen, seine eigene Verantwortung zu erkennen.
Im zweiten Teil des Jesajabuchs sind die Worte eines neuen
Propheten zu hören, der in der Zeit des babylonischen Exils
wirkte. Er spricht davon, dass Gott die Schuld vergibt und
dem Volk einen neuen Anfang ermöglicht. Als Bild nimmt er
eine Wolke, die am Morgen rasch vom Himmel verschwindet,
wenn die Sonne aufgeht. Genauso leicht fällt es Gott,
die Fehler des Volkes wegzuwischen. Die Beziehung zu Gott,
die zum Erbe von Israel gehört, wird wiederhergestellt.
«Weggewischt
habe ich deine Verbrechen wie Gewölk und
wie eine Wolke deine Sünden. Kehre zu mir zurück, denn
ich habe dich für mich freigekauft.» Israel kam in seiner
Geschichte auf einem harten Weg zur Erkenntnis, dass Gott
Sünden vergibt. Durch Jesus Christus sind auch Menschen
aus anderen Völkern dazu gelangt, an den Gott zu glauben,
der «barmherzig und gnädig» ist.

Von: Andreas Egli