Kategorie: Texte

13. Februar

Der HERR spricht:
Entweiht nicht meinen heiligen Namen.
3. Mose 22,32

Diese Aufforderung geht weiter: «damit ich inmitten der Israeliten geheiligt werde; ich bin der HERR, der euch heiligt», und verweist auf zwei Dinge. Zum einen auf Mose am Dornbusch. Dort wurde deutlich, wie heilig der Name Gottes ist. So heilig, so unaussprechbar, dass er in der jüdischen Tradition stets mit HERR (Adonai) umschrieben wird. Weiter verweist der Text darauf, dass wir keinen Ort, keinen Platz heilig nennen, sondern nur Gott allein. Dieser Gott, der ganz Andere, soll, so die Losung, nicht durch Worte, Taten, Werke entweiht werden. Denn wir, die «Gemeinde der Heiligen», wie wir sie im Bekenntnis nennen, sind allein existent durch unsere Verbindung mit Gott, dem Allheiligen. Gott will sein Volk, das ihn heiligt, an seiner Heiligkeit Anteil haben lassen. Hier verortet sich Jesu Bitte im Vaterunser: «Dein Name werde geheiligt.» Das verweist auf die Besonderheit der Beziehung zwischen uns und Gott.
Die Gemeinde steht in geweihter, geheiligter Beziehung, wenn sie Gott die Ehre gibt. In ihr will Gott geheiligt werden. Diese Kraft der Fürsorge betont zugleich, dass sie an uns ihr heiligendes Werk vollziehen will. «Ich bin der HERR, der euch heiligt.»
Solches Wissen kann ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit auslösen, wie ein geweihter Raum, wo wir uns dem Gespräch mit jenem Allheiligen widmen können, dem wir durch die Taufe geweiht sind.

Von: Gert Rüppell

12. Februar

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl. Jeremia 29,7

Die Israeliten in der Verbannung, im fremden Land, in feindlicher Umgebung, wo ihnen das Singen vergangen ist, wie wir im 137. Psalm lesen: Das ist – hierzulande – nicht die Situation von Christinnen und Christen, aber die Erosion der Volkskirchen hat dazu geführt, dass die Umgebung zwar nicht gerade feindlich, aber doch fremd geworden ist. Die Distanz wächst, und es mag sich anbieten, sich in dieser Distanz einzurichten, Indifferenz mit Indifferenz zu beantworten. Dass dies nicht sein soll, ist wohl heute Konsens, und der gesellschaftliche Auftrag der Kirchen ist den meisten bewusst. Glaube ist politisch.
Das Prophetenwort führt aber noch weiter. Für die Israeliten war es ein neuer Gedanke: Der «Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs» sollte nun für Fremde zuständig sein, für deren Wohl sollten sie zu ihm beten. Diese Zuständigkeit Gottes über sein Volk – und jetzt über Kirche und Christentum – hinaus gilt es durchaus zu bedenken. Gott ist kein Partikulargott. Sein Wort kann der ganzen Welt den Weg weisen, auch wenn die Welt es gar nicht als solches erkennt. Martin Luther hat diesen Gedanken im «politischen Gebrauch» der göttlichen Gebote formuliert: Sie stellen eine Grundordnung für alle Menschen dar, weil Gott der Gott aller Menschen ist.

Von: Andreas Marti

11. Februar

Mein Geist soll unter euch bleiben.
Fürchtet euch nicht!
Haggai 2,5

Gott spricht vom Geist – grammatikalisch – in der dritten Person. Soll das eine Art Vorstufe zur Trinität sein? Gilt nicht vielmehr das johanneische «Gott ist Geist», der Geist ist Gott selber? Da kommt die Person-Vorstellung an ihre Grenze, wird vielleicht gar untauglich, weil sie zu nahe an menschlichen Begriffen liegt. Freilich ist auch «Gott» schon bildhafte Rede, aber anders geht es nicht. Unsere Sprache erreicht jene Dimension der Wirklichkeit, die wir «Gott» nennen, schlechterdings nicht. Diese Wirklichkeit umgreift, erfüllt, durchdringt alles, was ist. «Geist» bedeutet die Gegenwart Gottes. Sie bleibt unter uns, auch in Zeiten, wo wir sie nicht wahrnehmen. Sie ist trotzdem da und wirkt. Das können wir uns sagen lassen als Mittel gegen die Furcht, gegen die Existenzangst.
Als Christinnen und Christen sehen wir in Christus eine besondere, eine konkrete Weise der Gegenwart Gottes. Wenn er in der johanneischen Abschiedsrede den Geist ankündigt, der an die Stelle seiner leiblichen Anwesenheit tritt, bekommt dieser Geist noch einmal eine klarere Bedeutung, ist die Gegenwart Christi unter uns. Jesu Verheissung «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt» gibt dem alttestamentlichen Prophetenwort eine neue Füllung, schärft seine Kontur und lässt es in neuem Licht erscheinen.

Von: Andreas Marti

10. Februar

Maria sprach: «Er hat grosse Dinge an mir getan, der
da mächtig ist und dessen Name heilig ist.»
Lukas 1,49

Maria, unverhofft schwanger geworden, besucht ihre Verwandte Elisabeth. Beide erkennen ihre Schwangerschaft als wunderbares Zeichen Gottes, des Herrn. Und Maria singt ihr Lob auf den Herrn.
Als wir unsere Tochter, unser erstes Kind, bekamen, schickte uns eine Bekannte ein Gedicht ihres Vaters, des Mundartdichters Ernst Däster:
’s isch es Wunder so-n-es Chindli
lisli het mis Härz mirs gseit:
Himmelspflänzli uf der Ärde
gwachse-n-us der Ewigkeit
Wir bekamen ein «Himmelspflänzchen», ein Wunder. Keine Retterin, keine Erlöserin. Das war in unserem Umfeld auch nicht nötig. Wir bekamen ein Kind, das überall willkommen war, das in Frieden aufwachsen durfte und darf. Dieses Kind ist nicht mehr wegzudenken von uns, es schenkt uns Licht und Freude.
Zur gleichen Zeit wie Jesus sind auch andere Kinder geboren, solche, die ihm zu Freunden werden, und solche, die ihm zu Feinden werden. Sind sie – und wir alle – nicht ursprünglich auch «Himmelspflänzchen» gewesen?

Von: Katharina Metzger

9. Februar

Allen Völkern muss im Namen des Christus verkündet werden: «Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.» Fangt in Jerusalem an! Lukas 24,47

Die Worte aus dem Lukasevangelium lese ich heute, am Tag vor Allerheiligen, im geheizten Zimmer, im Licht meiner Schreibtischlampe, eine Tasse Kaffee mit Milchschaum neben mir. In unserer Küche steht eine geschnitzte Kürbislaterne, aus dem Kürbisfleisch werden wir Suppe und Kürbiswaffeln machen. Kinder werden an unserer Türe läuten, und unsere Kinder werden auch ein wenig herumziehen, an fremde Türen klopfen und dort Süssigkeiten erhalten. Ich freue mich auf diesen Abend. Zuvor muss ich mit meiner Tochter noch zum Arzt, und ich weiss, dass sie dort gut behandelt wird. Ich darf für mich und meine Familie auf Freundlichkeit und Sicherheit zählen.
Umkehr? Änderung des Lebens? Vergebung der Schuld?
Die Worte aus dem Lukasevangelium lese ich heute, an einem Tag, an dem die Medien über die Uno-Resolution schreiben, die Israel zu einer «humanitären Waffenruhe» auffordert. Die Bilder aus dem bombardierten Gazastreifen, die ich gestern Abend im Fernsehen gesehen habe, sind verstörend. Ebenso die Bilder der 230 leeren Betten, die auf einem Platz in Jerusalem aufgestellt waren und an die verschleppten Geiseln erinnern.
Umkehr? Änderung des Lebens? Vergebung der Schuld?

Von: Katharina Metzger

8. Februar

Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Klagelieder 3,26

Gäbe es in der Bibel Ironie, würden wir diesen Text aufs Erste vielleicht mit einem leicht hämischen Grinsen lesen. Was soll denn daran «köstlich» sein, geduldig und hoffend auf Hilfe zu warten!? Will uns da jemand auf den Arm nehmen?
So bleibt ein Stirnrunzeln, und ich drehe und wende den Satz in mir, um einen Sinn darin zu erkennen. Doch wie so oft in der Bibel erschliesst sich dieser Sinn mir erst, wenn ich von mir wegdenke und -fühle. Verbinde ich für mich persönlich das Wort «köstlich» doch mit Genuss und Sinnesfreude, das allem gilt, was sich mir gegenwärtig und konkret manifestiert, gehören Geduld und Hoffnung hingegen in eine ganz andere Sphäre.
Sind wir dazu aufgefordert, geduldig und hoffnungsvoll zu sein, gleicht das eher einem Vakuum. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen und ganz allein mit unserem Selbstvertrauen, bis etwas konkret wird, worauf wir warten oder sogar bangen. In der Geduld und Hoffnung begegnen wir auf intensive Weise uns selbst – mit allen Wunden und Wünschen; mit all unseren Stärken und Schwächen. So betrachtet, lese ich diesen kurzen Vers plötzlich als eine Ermunterung, mich selbst in der Schwebe des Ungewissen und Abwartens auszukosten und in meiner inneren Leere ganz ohne Ablenkung und Bewertung etwas zu schwelgen. Das nehme ich mir für heute vor.

Von: Esther Hürlimann

7. Februar

Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Psalm 118,18

«Take 6» ist ein Vokalensemble von virtuosen afroamerikanischen Sängern; ihre grosse Zeit hatten sie in den 1990er-Jahren. Auf einer ihrer CDs haben sie eine Art moderne Version von Psalm 118 aufgenommen: «Sunday’s on the way» (Das lässt sich im Internet leicht finden und anhören). Mit viel Witz singt «Take 6» von einer Party, die die bösen Geister organisieren, weil es ihnen gelungen ist, die Hinrichtung von Jesus zu organisieren. Nur der Teufel ist ein bisschen unruhig, weil er nicht vergessen kann, dass da von Auferstehung die Rede gewesen ist. Besorgt telefoniert er immer wieder mit einem seiner Diener, die am Grab Wache stehen. Der meldet jedes Mal zurück, der Chef solle sich entspannen, es sei alles unter Kontrolle, bis – Schock! Schrecken! – das Grab eben doch leer ist: Resurrection Power – die Kraft der Auferstehung. Im Refrain heisst es: It may seem like Friday night, but Sunday’s on the way! – Es mag nach Freitag aussehen, aber der Sonntag ist am Kommen!
Psalm 118 ist ein Sonntags- und Osterpsalm. Doch er weiss: Das Übel, das uns «umschwirrt wie Bienen», die Zumutungen, die wir als «Züchtigung» erleben, werden uns nicht erspart. Jede, jeder von uns kennt Karfreitagszeiten, doch das soll uns nicht fertigmachen: Der Sonntag ist am Kommen – Sunday’s on the way!

Von: Benedict Schubert

6. Februar

Der HERR spricht: Ihr sollt mir ein Königreich
von Priestern und ein heiliges Volk sein.
2. Mose 19,6

Die markante Friedenskirche in Bern steht hoch über den Häusern auf dem Veielihubel, dem Veilchenhügel. Die Zahl der Mitglieder der reformierten Kirche im Stadtviertel erodiert, die Institution Kirche kann das Gebäude nicht mehr halten, es geht an ein Stadtkloster über. Ihren Namen erhielt die Kirche vor hundert Jahren zum Gedenken an den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg. Über dem Portal steht gross das Jesajazitat «Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein». Der Veielihubel ist fast ein wenig der lokale Berg Sinai.
Am Sinai offenbarte sich Gott Mose in einer dichten Wolke, in Rauch und Feuer. Mose solle die Menschen in Gottes Namen wissen lassen, dass sie ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk seien. Das war aber kein Beginn eines kultischen Hokuspokus, gerade nicht die Begründung einer neuen Religion in Verehrung irgendwelcher Götter. Gott offenbarte sich als befreiender Gott, der die Menschen aus der Not und Unterdrückung herausführt. Gott offenbarte die Zehn Gebote für das Zusammenleben, als «heiliges Volk».
Deshalb ist das, was bleibt vom Sinai – und vom Veielihubel –, weder Zeremonie noch Gebäude und schon gar nicht Religionszugehörigkeit oder Kirchenmitgliedschaft. Es ist die Erinnerung an Gott und sein «An-Gebot» eines freien, guten Lebens in Sorge und Liebe füreinander.

Von: Matthias Hui

5. Februar

Wir glauben doch, dass wir durch die Gnade des
Herrn Jesus gerettet werden.
Apostelgeschichte 15,11

Wir. Welches Wir ist gemeint? In der Apostelgeschichte geht es um die Frage, ob es eine exklusive Gruppe ist, die «gerettet» wird, die Beschnittenen mit Anschluss an das jüdische Volk. Oder gilt die frohe Botschaft der Liebe und der Befreiung, ausgehend vom Gott der Juden, allen Menschen, die sie nötig haben? Gott «hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht», er gewinnt «aus allen Völkern ein Volk». Diesen Glauben verkündigen die Apostel. Ihr Wir ist inklusiv. Es ist ein neues Wir.
Vom «neuen Wir» spricht heutzutage die Eidgenössische Migrationskommission. In einer von Migration geprägten Gesellschaft könne es keine exklusive Leitkultur geben, der sich alle unterzuordnen hätten. Die Schweiz oder auch Deutschland seien Migrationsgesellschaften, Migration sei Normalität, ihre Vielfalt alltägliche Realität. Das erfordere ein vielstimmiges Wir-Gefühl, das möglichst vielen Menschen Anerkennung und Zugehörigkeit ermögliche.
Schon in der Apostelgeschichte ging der Streit über die Frage, ob es eine einheitliche Leitkultur für alle brauche. Die Apostel lehnten das ab – unter Berufung auf Moses und die Propheten. Deshalb: Wer heute die «christliche Leitkultur» oder die «jüdisch-christliche Leitkultur» gegen die anderen durchsetzen möchte, muss eines wissen: Diese Leitkultur ist gegen Leitkulturen. Sie schafft ein neues Wir.

Von: Matthias Hui

4. Februar

Er ist nahe, der mich gerecht spricht;
wer will mit mir rechten?
Jesaja 50,8

«Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!» So geht dieser Vers aus dem dritten Gottesknechtlied weiter. Der Prophet, der hier spricht, ist herausgefordert von Kritik und Widerstand gegen das, was er vorbringt. Er verteidigt sich, indem er sein Vertrauen zu Gott in den Vordergrund stellt: Wer könnte es wagen, dem entgegenzutreten, was Gott sagt? Und es ist Gott, der durch mich redet. Wer mich angreifen will, soll nur kommen – er wird erfahren, dass Gottes Kraft und Macht stets grösser ist. Denn Gott gibt die Vollmacht, so zu euch zu reden! Reden zu müssen … Der «Gottesknecht» hier weiss, dass Gott auf seiner Seite steht, dass Gott ihm die Zunge aufgetan hat und das Ohr, und dass er vor seinem Auftrag nicht zurückgewichen ist (Verse 4–5). Das Vertrauen in Gottes Dasein macht ihn stark; gibt ihm den Boden unter die Füsse, den er braucht, um den Angriffen standzuhalten. Wer in sich den Auftrag spürt, seine Überzeugung deutlich zum Ausdruck zu bringen, muss mit Anfeindungen rechnen und darauf eingestellt sein. Dass sie an ihnen nicht zerbrechen, darauf dürfen sie sich verlassen. Wie hier: Gott selbst lässt mir Kraft zukommen dann, wenn ich sie brauche. Gott selbst lässt mich gerade hinstehen und stützt mich, jederzeit und überall!

Von: Hans Strub