Kategorie: Texte

23. Februar

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Psalm 22,2

In diesen Tagen – ich schreibe dies Mitte Oktober 2023, der Terrorangriff der Hamas auf Israel ist gerade eine Woche her, und die Bodenoffensive der israelischen Armee in den Gazestreifen steht bevor –, in diesen Tagen kann ich bei diesem Schrei des Psalmisten nur an all die unglücklichen und unschuldigen Opfer dieses schrecklichen neuerlichen Kriegs denken. Ob sie sich in ihrer Not, bei der Trauer um die getöteten oder verschleppten Verwandten und Freunde oder auf der Flucht oder im Bunker oder in ihrer Angst mit diesem Ruf an Gott wenden? Vielleicht. Wenn ich an sie denke, kann ich nicht anders, als mich in ihre Lage zu versetzen und für sie diese Klage auszusprechen. Ich denke dabei auch an Jesus Christus, der am Kreuz diese Worte ausrief. Es ist sein Ruf in Todesnot und Todesangst, in der er sich an die Seite von verzweifelten, um ihr Leben bangenden und kämpfenden Menschen stellt.
Manchmal erscheint den Verzweifelnden unerwartet ein Engel in Menschengestalt, der ihnen ein Dach über dem Kopf, eine Mahlzeit, einen helfenden Arm gibt oder sie einfach begleitet und stützt. Das sind die Momente, in denen die Zuversicht auf Gottes Hilfe die Oberhand gewinnt (vgl. die Verse 23–32). Die Engel kommen ja oft unerwartet zu uns. Wir können nur beten, dass sie die Notleidenden finden und ihnen Rettung und neue Hoffnung bringen!

Von: Elisabeth Raiser

22. Februar

Dienet dem HERRN mit Freuden,
kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken.
Psalm 100,2

Ein Vers aus dem bekannten Psalm begleitet uns auf der Entdeckungsreise zum Finden der Gründe, die uns zum Lob Gottes, der Lebendigen, ermuntern, ja zum Singen des Lobes anstacheln. Es sind die Erfahrungen von gelingenden Beziehungen, von Gesundheit, von Kraft, von Dankbarkeit, die in unserem Herzen auf der Entdeckungsreise wach werden. Wir werden uns bewusst, was gut ist. Und das, so meine ich, ist heilsam. Vielleicht sind es nur kurze Momente, die uns durchatmen lassen. Aber sie kommen wieder, denn, so sagt der Psalm, Gottes Gnade währt ewig. Wie aber bringe ich dies zusammen mit dem Schweren, dem Belastenden? Wie bringe ich das Frohlocken zusammen mit der Trauer um die Opfer der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen? Wo ist Gott in alledem?
Ich bin überzeugt, dass wir gerade diese Fragen, auch unsere Verletzlichkeit, unsere Ängste, unsere Zweifel der Lebendigen anvertrauen können. Das gehört dazu, wenn wir Gott dienen. Denn die Lebendige ist da in unserem Leben und im Leben aller Menschen und der ganzen Schöpfung. Und so können wir auf unserer Entdeckungsreise beides anschauen, das Gute und das Schwere, und die Fülle des Lebens entdecken.
Dafür danke ich dem Gott des Lebens von Herzen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Februar

Wer kann sagen: «Ich habe mein Herz geläutert
und bin rein von meiner Sünde.»
Sprüche 20,9

Wer tut sich nicht schwer mit der Frage nach der Sünde? Unser Text kommt aus einer Reihe von Sprüchen, die wohltun, weil sie den Alltag ansprechen und doch darüber hinausweisen: «Es ehrt einen Mann, dem Streit fern zu bleiben, jeder Tor aber fängt Streit an.» (Sprüche 20,3)
Etwas alltäglich, etwas locker, so kommen die beiden Sätze daher. Und beide handeln vom Leben, meinem Leben und dem Leben in der Gesellschaft. Beide Sätze sollen mir helfen, mein Leben so zu gestalten, dass ich achtsam mit meinem Herzen umgehen kann. Und sie sollen aufzeigen, dass genau diese Achtsamkeit für das Zusammenleben der Menschen gut ist. Ich weiss nicht, wie genau das geht, sein Herz zu läutern. Aber ich kann nachdenken, stille sein, mir Fragen stellen lassen von Menschen, die mit mir auf dem Weg sind. Und dann kann ich mein Verhalten ändern. Ich muss Konflikten nicht aus dem Weg gehen, kann aber aus dem Nachdenken heraus diese so gestalten, dass kein Streit entsteht. Das ist vielleicht das, was wir alle beitragen können, gerade in dieser schwierigen Zeit, wo Menschen sich wieder bekriegen. Was genau Sünde ist, ist damit nicht geklärt. Und das ist gut so, denn gerade dieses Wort ist eines, das belastet und mich einknicken lässt.

Schenke du uns die Kraft, nachzudenken und uns ganz am Leben zu orientieren.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Februar

Der HERR sprach zu Elia: Ich will übrig lassen
siebentausend in Israel, alle Knie, die sich nicht
gebeugt haben vor Baal.
1. Könige 19,18

Ort des Geschehens ist der Berg Horeb. Elia steht, wo Moses Jahre zuvor die Zehn Gebote empfangen hat, und als Gott sich weder im Sturm noch im Beben noch im Feuer verlauten lässt, hört Elia «die Stimme verschwebenden Schweigens» (Martin Buber). Danach redet Gott Tacheles mit seinem Propheten. Er beschliesst, einen heiligen Rest am Leben zu lassen. Wer weiter Baal anbetet, findet keine Gnade. Das ist echt gruselig! Unter interreligiösem Dialog stellen wir uns etwas anderes vor. Aber mit Blick auf die Geschichte war das Orakel nur konsequent. Bevor Elia zum Horeb kam, machte Gott auf einem anderen Berg mit den Baalspriestern kurzen Prozess. Elia macht die Schmutzarbeit für Gott. Wenn das alles wäre, was wir über Gott und seinen Propheten wüssten, wäre es höchste Zeit, aufzustehen und die Knie durchzustrecken. Doch Gott sei Dank bleibt es nicht beim Gemetzel. Die Geschichte geht weiter und die Religionspolitik Gottes ändert sich. Spätestens bei Jona, dem mürrischen Antipoden zu Elias, wird es offenbar. Ihm wird beschieden, er soll Ninive eine Gnadenfrist verkünden. Am Ende beugt sich Gottes Macht und neigt sich allen Menschen zu. Und wir? Wir sangen: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!»

Von: Ralph Kunz

19. Februar

Gross und wunderbar sind deine Werke, Herr,
allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker.
Offenbarung 15,3

Ist Gott ein König? Demokratiesensible Zeitgenossinnen und Zeitgenossen bekommen Gänsehaut. Monarchische Metaphern sind doch aus der Zeit gefallen! Wirklich?
Ein Blick in die Zeitung und sie schauen uns an: Könige noch und noch, meistens alte weisse Männer. Das Modell «König» ist nicht aus der Zeit gefallen, schön wär’s! Und schön wär’s, sagt auch der eingefleischte Demokrat, wenn es einen König der Völker gäbe, der gerecht und wahrhaftig regieren würde. Leider sehen wir nicht viel davon, leider bleibt die Wunschherrschaft im Konjunktiv. Oder vielleicht besser ein Optativ? So lese ich jedenfalls diese Losung aus der Offenbarung am Ende der Bibel. «Ach, wenn es doch nur käme, dieses Reich des Friedens!»
Johannes, der Seher, schaut Dinge, die wir uns nicht wünschen – wir nennen sie «apokalyptisch» und fürchten, wenn wir Zeitung lesen, dass die Apokalypse begonnen hat. Aber der Seher sieht auch Dinge, von denen wir uns sehnlichst wünschen, dass sie in die Zeit fallen. Dazu gehört die Königsherrschaft Christi. Auch sie ist schon gekommen und soll noch kommen. Sie ist im Anbruch und wir sind mittendrin. Indikativ und Optativ. Es gibt Leute, die sagen, der Konjunktiv sei nicht zu überwinden.
Wirklich?

Von: Ralph Kunz

18. Februar

Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter
und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen,
ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
Matthäus 25,21

Drei Knechten wird je ein unterschiedlich grosser Geldbetrag anvertraut, «jedem nach seinen Kräften» – so das Gleichnis. Damit sollen sie während der Abwesenheit des Herrn arbeiten. Knecht eins und zwei verdoppeln den Betrag und werden vom Herrn dafür gelobt – siehe oben. Der dritte Knecht verlocht das Geld, gibt es dem Meister vollständig (mit Erde dran) zurück und meint, er sei fein raus. Ist er nicht. Als «faul und bös» wird er getadelt und bestraft.
Ich blicke auf den vor mir liegenden Tag als «anvertrautes Gut». Was ist heute dran? Worauf lasse ich mich ein? Wem begegne ich? Wer hilft mir? Wem helfe ich? Wo bedarf es der Geduld? Gibt es Neues zu entdecken? Was muss sein heute, und was darf ich getrost beiseitelassen?
«Anvertraut» – da liegt Vertrauen drin. Mir wird das Leben zugetraut und zugemutet. Es anzunehmen, ist nicht ohne Risiko. Aber Verweigerung bringt mich nicht weiter.
Wie werde ich am Abend auf den Tag zurückschauen? Vielleicht mit diesem Abendlied von Günter Balmers:
Ein Tag ist vorüber, ein Tag meiner Zeit,
geliehene Stunden, begrenzt und doch weit
für Wünsche und Wagnis, für Handeln und Sein.
Hab Dank für den Tag, Herr, hab Dank, er war dein.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Februar

So seid nun geduldig, Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Jakobus 5,7

Winterspaziergang. In tiefen Lagen bleibt der Schnee klimawandelbedingt aus. Eintönig braun breiten sich die Felder vor mir aus. Sehnsucht nach dem Grün des Frühlings und dem Gold des Sommers steigt in mir auf. Je mehr wir etwas erwarten, desto ungeduldiger und ungehaltener werden wir. Die Zeit dehnt sich, und wir können fast nicht glauben, dass das so sehnsüchtig Erwartete eintritt, denke ich mir beim Anblick der nackten Ackerscholle.
Jakobus stellt seinen Zeitgenoss:innen, die auf das Kommen des Herrn warten, einen Bauern als Beispiel vor Augen. Er vertraut darauf: Der Frühregen und der Spätregen werden kommen, und dann ist die Zeit der Ernte da.
Es ist mehr als Geduld, die uns das Warten abverlangt. Es braucht auch Vertrauen. Das Vertrauen, dass der Regen kommt – er kommt nicht immer. Das Vertrauen, dass die Saat aufgeht und die Erde kostbare Frucht hervorbringt –
manchmal bleibt die Ernte aus. Es gehört zur Grunderfahrung von Bauern und Bäuerinnen, dass sie sich auf den Feldern mühen, es aber nicht in der Hand haben, dass ihre Anstrengungen Frucht bringen. Es ist eine Grunderfahrung, die wir heute gerne verdrängen: Wir haben nicht alles in der Hand und unter Kontrolle. Glaube heisst, sich dieser Grunderfahrung zu stellen. Und zu vertrauen.

Von: Maria Moser

16. Februar

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen,
auf dass wir klug werden.
Psalm 90,12

Wovon ist hier eigentlich die Rede und was ist die Bitte des Beters an Gott? «Bedenken, dass ich sterben muss» – ich bin sterblich, habe eine begrenzte Lebenszeit und kenne nicht das Mass der mir zugedachten Tage. Seit meinem ersten Atemzug gilt: Ich muss sterben! Es kann morgen sein oder erst in fünfzig Jahren. So oder so: Ich werde nichts mitnehmen, werde nackt davongehen, wie ich einst gekommen bin. Wird mich das klug machen, dass ich nichts mitnehmen werde, weise im Umgang mit den Dingen, dem Geld, dem Besitz, der Gier nach Ansehen und Geltung? Vielleicht könnte anderen fehlen, was ich viel zu viel habe, verwahre, verwalte, horte und staple?
In seiner unnachahmlichen und launigen Weise formuliert es der Dichter Joseph von Eichendorff:
Schnapp Austern, Dukaten, musst dennoch sterben!
Dann tafeln die Maden und lachen die Erben.

«Bedenken, dass ich sterben muss» lässt mich ganz selbstverständlich begreifen: Ich bin begrenzt, als Sterblicher gemacht und geschaffen. Ich bin wertvoll, obwohl ich vieles nicht kann. Und: Ich bin trotzdem geliebt von Gott. Welch eine Freiheit, dass ich dies denken und annehmen kann.

Von: Carsten Marx

15. Februar

So bitten wir nun an Christi statt:
Lasst euch versöhnen mit Gott!
2. Korinther 5,20

Lasst euch versöhnen mit Gott! Das ist eine Bitte, das ist keine Forderung, das ist kein Befehl. Gott kommt und lädt uns an seinen Tisch. Im Abendmahl wird Versöhnung spürbar, sichtbar. Da stehen wir mit all den Scherben und Brüchen und werden entlastet und von Gott mit strahlenden, freundlichen Augen eingeladen. Da stehen wir – und Gott reicht uns die Hand und sagt: Es ist alles wieder in Ordnung. Du darfst weiterleben, getrost und unverzagt. Und wenn du scheiterst, dann darfst du neu anfangen. Da stehen wir und reichen uns die Hände am Abendmahlstisch, um uns miteinander zu versöhnen. Ja, wir sind gebeten von Gott, uns miteinander zu versöhnen zu lassen in der Gemeinde. Wir sind gebeten, hinauszugehen mit offenen Händen und anderen die Hände zu reichen.
Wir sind gebeten von Gott, einander neu in die Augen zu sehen, uns neu in den Arm zu nehmen. Wir sind gebeten von Gott, miteinander am Tisch zu sitzen und ein neues Kapitel aufzuschlagen: mit unseren Partnern, mit Kindern und Eltern, mit Nachbarn und Freunden. Aber auch mit den Fremden und denen, die nicht zu uns gehören. Auch mit denen, die anstrengend sind oder die uns nerven.
Nicht nur heute sind wir von Gott gebeten, auch morgen genauso und immer wieder.

Von: Carsten Marx

14. Februar

Was bin ich? Was ist mein Volk, dass wir freiwillig so viel zu geben vermochten? Von dir ist alles gekommen, und von deiner Hand haben wir dir’s gegeben. 1. Chronik 29,14

Es ist David, der hier voller Staunen darüber ist, dass er und seine Stammesfürsten beim Bau des Tempels so viel Ressourcen aus eigenen Mitteln zur Verfügung stellen. Ähnliches gilt für Kirchenbauten, die an vielen Orten dieser Welt aus den Mitteln der oft armen Gemeinde erstellt werden und Wunderbares zustande bringen. Auch dort, wie im Losungstext für den Tempelbau betont, gibt das Volk, die Gemeinde freiwillig, denn das Werk ist Ausdruck des Dankes für das, was im Leben empfangen wurde und nun in Teilen zurückfliesst in diesen Bau, zum Lob Gottes und zur Versammlung seiner Gemeinde. David betont, dass wir Empfänger von Gaben aus Gottes Hand sind. Beim Betrachten unserer Fähigkeiten, unserer Kreativität, unserer finanziellen Möglichkeiten, unseres Lebensstandards – jedes Mal gilt, wie es in dem bekannten Lied zum Ausdruck kommt: «Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, oh Gott, von dir, drum dankt ihm, dankt.» Dieser Dank drückt sich in der freiwilligen Weitergabe des Empfangenen aus. Dass dabei so viel herauskommt, mag uns ebenso erstaunen wie David. Doch letztlich verweist es nur auf die Grosszügigkeit, mit der Gott uns die verschiedenen Gaben aus seiner Hand, zum Teilen mit unseren Mitmenschen, in unsere Hände gelegt hat.

Von: Gert Rüppell