Kategorie: Texte

4. März

Seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten.
Joel 4,16

Gott wird für Recht sorgen, und alle sollen es hören. Der lauteste vorstellbare Ton ist das Signal: ein Donnerschlag oder das Brüllen eines Löwen. Der Lärm soll ein heilsames Erschrecken und ein Umdenken auslösen. So sagte es der Prophet Amos in der frühen Zeit der Könige Israels (Amos 1,2). Das eigene Volk sollte lernen, sich an der Gerechtigkeit zu orientieren – und nicht am Recht des Stärkeren. In den folgenden Jahrhunderten war Jerusalem immer wieder einer anderen Nation unterworfen: Assur, Babylon, Persien, Griechenland. Das Buch Joel nimmt diese Erfahrungen auf. In einer Textcollage stellt es Zitate aus den älteren Propheten und den Psalmen zusammen. Es geht um das gleiche Thema, aber jetzt mit einer anderen Perspektive: Zwischen den Völkern und Israel soll das Recht wiederhergestellt werden. Das Unrecht, das den Israeliten angetan worden ist, kommt vor Gericht. Aber die, welche die Lektion der Propheten gelernt haben, müssen keine Angst haben. Im Vertrauen auf Gott finden sie Schutz und Geborgenheit. «Der HERR wird vom Zion her brüllen wie ein Löwe. Von Jerusalem her wird er seine Donnerstimme erheben. Dann werden Himmel und Erde erbeben. Und der HERR ist eine Zuflucht für sein Volk, eine starke Burg für die Israeliten.»

Was sagt uns der Text in der heutigen Weltlage?

Von: Andreas Egli

3. März

Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen. Sprüche 28,13

Was mir bei diesem bekannten Spruch und seinem Zweck und Sinn heute ins Auge sticht, ist das Wort «lässt». Wir sollen also Missetat und Schuld bekennen, uns ihrer bewusst sein und dann lassen, das heisst abschliessen damit.

Wer Schuld auf sich geladen hat, braucht eine Zeit, bis er diese wirklich anerkennt, sich ihrer bewusst wird und sie auch annimmt. Das bedeutet allerdings eine Veränderung des Bildes, das man von sich hat. Das Selbstbild hat Schatten bekommen, und damit ist künftig zu leben und ein Einverständnis zu finden. Nicht einfach!

Wunderbar und erlösend ist es indessen, wenn ein Schuldbeladener das Gefühl geschenkt bekommt, trotz allem angenommen zu sein, und sich an ihm das Wort bewahrheitet, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Für mich ist das die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes.

Aber «lassen»? – Ich glaube nicht, dass man Schuld einfach vergessen kann, zu wichtig scheint mir, dass wir lernen, mit der Schuld trotz allem zu leben und das veränderte Selbstbild zu akzeptieren.

Lassen kann man allerdings das ständig Darin-Wühlen, und das ist erstrebenswert.

Von: Kathrin Asper

2. März

Jesus schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Matthäus 27,46

Jesus leidet als Mensch am Kreuz, so ist er uns nahe, wenn Leid uns trifft und es uns schlecht geht. Jesus büsst für die Sünden der Menschheit und er erlebt es so, als hätte er gesündigt. Jesus stirbt als Mensch und Sünder, als einer, den Gott verlassen hat wegen seiner Sünden. Er spricht die Worte aus Psalm 22 aus, in dessen zweitem Teil es heisst: «Gott ist treu, auf seine Hilfe ist Verlass.»

Obwohl er Gott nie durch Sünden ferne war, ist Jesus als Mensch und Sünder gestorben. So gesehen, wird mir verständlich, dass er für unsere Sünden starb.

Jesu Tod öffnet uns die Türe zu Gottes Liebe und Vergebung. Zur Todesstunde Jesu zerreisst der Vorhang im Tempel. Der Vorhang teilte den Raum vom Heiligen zum Allerheiligsten. Im Allerheiligsten befand sich der Gnadenthron Gottes, Symbol der Anwesenheit Gottes.

Jesu Tod eröffnet uns also den Zugang zur Gnade Gottes und seiner Barmherzigkeit.

Dem voraus herrschte drei Stunden lang tiefste Finsternis, dann bebte die Erde und Felsen barsten. Jesus schrie:  

«Es ist vollbracht» (Johannes19,30) und verschied.

Sein Leben und Sterben brachte die Menschen in ein anderes Verhältnis zu Gott, zu einem Gott, der uns nahe ist und den wir direkt als Vater ansprechen können.

Von: Kathrin Asper

1. März

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? Römer 8,31

Paulus ist ein alter Mann, als er den Römerbrief schreibt. Ob er deshalb so widersinnige Fragen stellt? Ist er müde und abgestumpft? Sieht er die Realität nicht mehr klar?

Er schreibt an «die Römer», wie wir gewöhnlich sagen. Das klingt sonntags, bei unseren Lesungen, immer grossartig und allumfassend. Es war aber eher ein überschaubarer Kreis, der den Brief, auch damals an einem Sonntag, erstmals vorgelesen bekam. Manche schätzen, es seien seinerzeit ungefähr 250 Christen und Christinnen in der Millionenstadt gewesen.

Paulus ist in seinem langen Leben mehr als genug herumgekommen. Die Widerstände gegen die Verbreitung des Evangeliums und die Widrigkeiten auf seinen Reisen passen nicht auf diese Seite: eine Giftschlange und mehr als Gegenwind, unzählige Male Hass und Hetze gegen ihn, Gefangenschaft und immer wieder Gefahr für Leib und Leben.

Er kann so fragen, weil er trotz allem alt geworden ist, weil er bewahrt wurde, sooft er den allzu frühen Tod vor Augen hatte. Er kann so trotzig sein, weil er nie genug Zeit hatte, um innerlich abzustumpfen. Er kann den wenigen Anfängerinnen und Anfängern im Glauben Mut machen, weil Gott ihn immer wieder auf den Boden seiner wunderbaren Tatsachen gestellt hat. Gefühlt «alle» mögen gegen uns sein. Der Augenschein kann diesen Gedanken geradezu aufzwingen. Aber Gott ist für uns – und für alle seine Geschöpfe. Widerstand ist zwecklos.

Von: Dörte Gebhard

29. Februar

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine grosse Belohnung hat. Hebräer 10,35

«Wir sollen alle danach hungern und dürsten, in jenen Männern und Frauen, die meinen, ihre Liebe, ihre Hoffnung, ihr Glaube seien erkaltet, im Namen Gottes Glauben, Hoffnung und Liebe wieder zu entfachen.» Diesen Gedanken von Dom Hélder Câmara stellt das Losungsbüchlein der Losung und dem Lehrtext heute an die Seite. Der ehemalige brasilianische Erzbischof war ein profilierter Vertreter der Befreiungstheologie: Sprachrohr der Bewohner:innen von Rios Elendsvierteln, Kämpfer für die Kleinbauern und die Landreform, mutige Stimme gegen die Militärdiktatur.
Wenn Dom Hélder Câmara von den theologischen Tugenden spricht, dann spricht er in eine Welt der Lieblosigkeit hinein, eine Welt geprägt von Armut und Gewalt, wo Glaube, Liebe und Hoffnung leicht erkalten können. Und er weiss: Sind Glaube, Liebe und Hoffnung erkaltet, dann können wir sie nicht selbst wieder entfachen. Wir brauchen andere, die sie in uns wieder entfachen. Die uns einen Grund zum Hoffen, Lieben und Glauben schenken. Das Vertrauen, dass eine andere Welt möglich ist – eine Welt so, wie Gott sie meint und will. Diese Welt nach dem Willen Gottes, das ist die grosse Belohnung. Im Vertrauen auf Gott können wir sie erträumen. Gemeinsam. «Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn, der Beginn einer neuen Wirklichkeit.» Werfen wir unser Vertrauen nicht weg.

Von: Maria Moser

28. Februar

Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! Hilf mir von
allen meinen Verfolgern und rette mich.
Psalm 7,2

Einem guten Freund von mir ist vor etlichen Jahren die Flucht aus Burma gelungen, aus Myanmar, wie es offiziell heisst. Er ist Sohn eines Baptistenpfarrers. Aufgewachsen ist er im Nordwesten des Landes. Während des Studiums wurde er einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung unter Studierenden, die sich für das Ende der Militärdiktatur einsetzten. Bei den Machthabern machte er sich nicht beliebt. Zum Glück wurde er gewarnt und konnte fliehen. Seine ganze Fluchtgeschichte ist zu spannend und farbig, als dass sie hier Platz hätte; inzwischen hat er einen Schweizer Pass, lebt mit seiner Familie in Basel, ist in der Kirche engagiert. Bei allem bleibt er verbunden mit seinem Land. Ich erinnere mich, wie glücklich er war, als die Militärs wenigstens anfingen, die Macht zu teilen. Nun konnten Freundinnen und Freunde aus der Schweiz seine Heimatkirche besuchen. Es kam zu berührenden Begegnungen. Doch das Militär hielt den Machtverlust nicht lange aus und übernahm 2021 erneut die Macht. Die Lage ist finsterer denn je; Tausende haben schon ihr Leben verloren.
Den Christinnen und Christen Burmas wird es nicht schwerfallen, den heutigen Losungsvers mitzubeten. Ich erinnere heute beispielhaft an sie. Es gibt Millionen von Glaubensgeschwistern, die leider nur zu genau wissen, wer ihre Verfolger sind. Mit ihnen flehen wir um Bewahrung.

Von: Benedict Schubert

27. Februar

Wasche mich rein von meiner Missetat und
reinige mich von meiner Sünde.
Psalm 51,4

Ganz junge und ganz alte Menschen waschen sich nicht selbst, sondern geben sich dazu anderen in die Hände. Wenn diese sie mit Liebe und Behutsamkeit waschen, ist es eine Wohltat, eine Erfrischung, die bis ins Herz reicht. Umgekehrt ist es erniedrigend, wenn Kleinkinder oder alte Menschen in ihrem Dreck liegengelassen werden. Solche Verwahrlosung stinkt zum Himmel.
Unser Psalmbeter weiss: Wir sind im Blick auf den Dreck, der an unserem inneren Menschen klebt, wie kleine Kinder oder wie kraftlos gewordene Alte. Er weiss: Von mir aus kriege ich mich nicht sauber. Ich werde die Sünde nicht los, die auch zum Himmel stinkt.
Sünde ist nicht bloss ein moralischer Fehltritt. Sünde ist all das, was ich nicht aus Liebe und in Liebe tue, sage, denke, unterlasse. Sünde passiert mir öfter aus Versehen, aus Unachtsamkeit, aus Bequemlichkeit oder Müdigkeit, als dass ich sie bewusst und mutwillig täte. Ich bin wie ein Kleinkind zu ungeschickt, meine Feinmotorik der Liebe ist noch zu wenig ausgebildet. Und wie ein alter Mensch vergesse ich, was ich eigentlich hätte tun sollen, oder bin zu schwach, es zu tun. Doch deswegen bleibt die Sünde dennoch in meiner Verantwortung; sie bleibt meine Sünde – wenn Gott mich nicht reinwäscht. Er tut es liebevoll und behutsam.

Von: Benedict Schubert

26. Februar

Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr wisst, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid und wie überwältigend gross die Kraft ist, die sich als Wirkung seiner Macht und Stärke an uns, den Glaubenden, zeigt. Epheser 1,18.19

Ganz langsam lese ich den Text und dann noch einmal, buchstabiere die einzelnen Satzglieder nach und lasse sie auf mich wirken: «leuchtende Augen des Herzens», «zur Hoffnung berufen», «mit grosser Kraft begabt», «getragen von Gottes machtvoller Stärke».
Vor meinem inneren Auge entsteht ein leuchtend buntes Bild voll sprühender Energie und Kraft: glühendes Rot und zartes Pink, leuchtendes Orange und sattes Gelb, sanftes Grün und tiefes Blauviolett. Es erinnert mich an Bilder der libanesisch-US-amerikanischen Künstlerin Etel Adnan. Eines ihrer Bilder heisst «Aufleuchten». Es spiegelt ihre «Liebe zur Welt», die ihr Antrieb zum Malen und für ihr lebenslanges Engagement für Frieden und Versöhnung war.
In diesen Tagen fällt es nicht leicht, an der Hoffnung festzuhalten, die überwältigende Kraft Gottes an uns, den Glaubenden, wirksam zu sehen. Und doch vertraue ich auf den Segen, der mir und allen in jedem Gottesdienst neu zugesprochen wird: «Der HERR segne dich und behüte dich; die EWIGE lasse ihr Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der EWIGE hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.» (4. Mose 6,24 ff.)

Von: Annegret Brauch

25. Februar

Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du
zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern
einschärfen und davon reden.
5. Mose 6,6–7

Heute, am Sonntag Reminiscere, dem zweiten Sonntag der Passionszeit, sind uns Verse aufgeschlagen, die zum Kernstück des jüdischen Glaubens gehören. Das «Schma Jisrael» (hebräisch für «Höre, Israel», 5. Mose 6,4–9) ist das Zentrum des täglichen Gebets:
«Höre Israel, der EWIGE ist unser G*tt, der EWIGE ist einzig. Du sollst den Ewigen, deinen G*tt, lieben mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deiner ganzen Kraft. Diese Worte, die ich dir heute befehle, seien in deinem Herzen, schärfe sie deinen Kindern ein und sprich davon, wenn du in deinem Haus sitzest, und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst, und wenn du aufstehst. Binde sie zum Zeichen an deine Hand, sie seien zum Stirnschmuck zwischen deinen Augen. Schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und deiner Tore.»
Mich berühren diese Worte, die existentielle Tiefe der Gottesbeziehung, die darin zum Ausdruck kommt: Sie durchdringt und erfüllt das ganze Leben – auch über den Tod hinaus. – Durch wie viele Schrecken, Angst und Not haben diese Worte jüdische Glaubensgeschwister getragen? – und tragen weiter …
«Reminiscere – Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.» (Psalm 25,6)

Von: Annegret Brauch

24. Februar

Paulus schreibt: Ich weiss aber:
Wenn ich zu euch komme, werde ich mit dem
vollen Segen Christi kommen.
Römer 15,29

«Von euch aus will ich dann nach Spanien ziehen», so heisst es direkt davor. Dazu wird es nicht kommen: Paulus gelangt zwar nach Rom in die dortige Gemeinde und predigt dort. Aber er kam als Gefangener nach Rom und sollte dort vor ein kaiserliches Gericht gestellt werden. Die historische Forschung geht davon aus, dass er im Zuge der Christenverfolgung um das Jahr 60 n. Chr. den Märtyrertod gestorben ist. Seine in unserem heutigen Vers ausgesprochene Hoffnung, dass er die römische Gemeinde mit dem vollen Segen Christi besuchen würde, hat sich anders erfüllt, als Paulus es ursprünglich wohl gemeint hat.
Lag der Segen vielleicht in seinem Märtyrertod? Er wurde und wird ja als Märtyrer verehrt, und das Zeugnis der Märtyrer hatte eine sehr weit reichende Wirkung! Für den Glauben zu sterben, ist bewundernswert und eine sehr grosse Sache! Mir erscheint sie auch unheimlich, weil sie im Lauf der Geschichte so oft missbraucht wurde und zu Gewalt und grausamen Kriegen geführt hat. Denken wir nur an die Kreuzzüge. Dennoch glaube ich an den Segen, von dem Paulus spricht. Wer weiss, ob wir im Norden Europas sonst je von Jesus gehört hätten. Das ist eine andere lange Geschichte mit vielen guten, aber auch schrecklichen Zügen. Aber: Mich erfüllt grosse Dankbarkeit dafür, dass ich Jesus und seine Botschaft kennenlernen durfte. Ein Segen!

Von: Elisabeth Raiser