Kategorie: Texte

3. Februar

Ich will dich mit meinen Augen leiten. Psalm 32,8

«Wohl dem, dessen Missetat vergeben, dessen Sünde getilgt ist.» Mit diesem Glückwunsch (Makarismus) beginnt der zweite altkirchliche Busspsalm, eine Art Lehrverse zur Umkehr, zur Busse. Und mittendrin ein überraschendes Wort, ein Gotteswort: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Gott
will leiten, Gott will den Weg zur Busse zeigen, Gott will
also, dass Fehler, die ich begangen habe, weggelegt werden
können. Vergeben werden können. Die Vergebung ist Gottes
Wille – und Gottes Möglichkeit. Der Weg zu ihr ist das Gebet (Vers 6). Im Gebet gehen mir Zusammenhänge auf, werde ich mir bewusst, was geschehen ist, denn da muss ich nicht nach Ausreden suchen, weshalb mir dies und jenes «passiert» ist.
Im Gebet verändert sich meine Sicht auf die Geschehnisse, es «gehen mir die Augen auf», wie der Volksmund sagt. Das passiert aber nicht «einfach so» – was sich wirklich ereignet, ist: Ich sehe das, was war, mit «anderen» Augen, und diese Augen sind Gottes Augen.
Gott leitet meinen Weg, indem er/sie mich diesen Weg mit seinen/ihren Augen sehen lehrt. Im Psalm beginnt der Vers 8 so: «Ich will dich lehren und dir den Weg weisen, den du gehen sollst, ich will dir raten.» Und dann folgt der Satz von heute: «Ich will dich mit meinen Augen leiten.» Der Ort, wo dieser Sichtwandel zustande kommt, ist das Gebet – indem ich mich auftue und Gott Raum gebe für ihr/sein Wirken.

Von: Hans Strub

2. Februar

Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie. Matthäus 5,1–2

Er geht auf den Berg und lehrt uns. Und manchmal hören wir zu. Salz der Erde. Licht der Welt. Manchmal verstehen wir deutlich und klar, dass es mit uns zu tun haben könnte. Dass wir uns nicht davonstehlen dürfen. Dass Hören und Handeln zusammenhängen. Es jedenfalls sollten.
Wir sehen beim Hören Boote vor uns. Voller Menschen auf der Flucht. Und schauen weg. Damit die Bilder uns nicht verschlingen. Von Menschen, die verschlungen werden.
Er geht auf den Berg und lehrt uns. Zweitausend Jahre später beendet ein Bundesrat seine Neujahrsrede so: «In einer Heimat zu leben, die es uns ermöglicht, an die Ziele der Bergpredigt zu glauben, ist Hoffnung und Verpflichtung zugleich. Dass wir diesen Traum bisher nicht erreichten, ist daher nicht unsere Resignation, sondern unser Ansporn.»
(Moritz Leuenberger, Träume und Traktanden, Limmat Verlag 2000)
Er geht auf den Berg und lehrt uns. Bis heute. Das soll unser Ansporn sein. Auch dann, wenn Zahlen einen Rechtsrutsch belegen. Dann erst recht. Nur jetzt keinesfalls die Hoffnung verlieren. Hören wir zu. Um handeln zu können.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Februar

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Psalm 14,2

Und was findet er da?
Er findet Menschen, die am Suchen sind. Menschen, die sich um Antworten bemühen. Sie wollen dem Leben einen Sinn abgewinnen. Sie wollen wissen und verstehen. Und von anderen verstanden werden.
Er findet Menschen, die glauben, die Antworten zu kennen. Weil sie Gott an ihrer Seite wissen. Mag sein, sie halten sich für klug. Weil sie ihren Weg klar vor sich sehen. Und es verstehen. Das mit dem Leben. Und das mit dem Sinn.
Er findet Menschen, die sich hinterfragen. Sie fragen nach Gott. Und sie stossen dabei stets auf weitere Fragen. Und sie möchten von diesen Fragen erzählen. Und andere davon überzeugen, dass Gott hinter all diesen Fragen steckt. Dass er, anstatt im Himmel zu wohnen, sich in den Fragen auf Erden versteckt.
Und er findet Menschen, ganz gewiss, die daran glauben, dass Gott sich der Menschenkinder erbarmt. Ob sie nun zu diesen oder jenen gehören. Und dass auch nicht eines verloren geht.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Januar

Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Lukas 1,46–47

Kunstvoll verdichtet Lukas im Magnificat, worum es im Evangelium geht. Zuerst beschreibt Maria ihre persönliche Situation und hebt an zum reinen Gotteslob. Doch bei sich selbst bleibt sie nicht stehen und nimmt sogleich das Kollektiv in den Blick. Noch vor der Geburt Jesu formulieren Elisabeth und Maria das erste christliche Glaubensbekenntnis.
Maria erzählt von einem Gott, der barmherzig ist und sich auf die Seite der Schwachen und Ausgestossenen stellt, der die Hungrigen sättigen und die Kranken heilen will. Von einem Gott aber auch, der die Macht der Mächtigen bricht, den Hochmut bekämpft und die Gier der Reichen anprangert. Und von einem Gott, der die von seinem Geist erfüllten Menschen dazu anstiften will, selbst die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Unten und Oben auszugleichen und das Unrecht zu bekämpfen, Gemeinschaft zu stiften, wo Spaltung und Einsamkeit herrschen.
Es sind die roten Fäden des Glaubens, die im Magnificat zusammenlaufen und miteinander verknüpft werden: der Trost, den Jesus zuspricht, und die Nachfolge, zu der seine frohe Botschaft aufruft.

Von: Felix Reich

30. Januar

Da brachten Männer einen Gelähmten auf einer
Trage herbei. Sie wollten ihn in das Haus bringen und vor Jesus niederlegen.
Lukas 5,18

Wenn ich die Stelle lese, sehe ich die Bilder von Kees de Kort. Oft sass ich als Kind im Flur, wo das bis zur Decke reichende Regal mit den Bilderbüchern stand, und blätterte mich durch biblische Geschichten. Ich sehe, wie die Freunde den Gelähmten durch das Dach zu Jesus hinunterlassen. Wie der Geheilte aufsteht, seine Matte nimmt und geht. Die Geschichte handelt vom Wunder der Heilung, von dem ich schon als Kind wusste, dass es sich selten so einstellt wie im Bilderbuch.
Wunder, die ich erlebe, sind flüchtig. Momente, in denen in einem Menschen eine aufrichtende Kraft spürbar wird mitten in der Angst, eine lichtvolle Begegnung möglich wird im Meer des Vergessens, die im Herzen aufbewahrt bleibt, obwohl das Gedächtnis längst nichts mehr festzuhalten vermag.
Vielleicht lässt sich die Erzählung vom Geheilten ja auch vor dem Hintergrund solch kleiner Wunder lesen: Ich nehme sie wahr im Wissen, dass sie keine dauerhafte Linderung bringen, und dennoch in der Hoffnung, dass sie noch leuchten, wenn die Verzweiflung alles verdunkelt. Und so will ich nach dem nächsten Wundermoment den Mut finden zu sagen: «Unglaubliches haben wir heute gesehen.» (Lukas 5,26)

Von: Felix Reich

29. Januar

Alle Völker auf Erden sollen erkennen, dass der HERR Gott ist und sonst keiner mehr! 1. Könige 8,60

Auch die Menschen im Appenzeller:innenland haben von Gott gehört. Das ist ganz schön weit weg von Israel, dem Mutterland unseres Glaubens. Aber haben wir schon erkannt, dass JHWH, der Gott, der sich Mose am brennenden Dornbusch gezeigt hat, tatsächlich auch für uns da ist? «Ich bin für dich da», so können wir diese vier hebräischen Buchstaben wohl übersetzen, die in unseren Bibeln meist mit HERR wiedergegeben sind.
Na ja. Wir verhalten uns jedenfalls selten so. Meistens rennen wir anderem hinterher. Werden wir eines Tages den Unterschied zwischen Gott und Nicht-Gott erkennen?


«Gott und Nicht-Gott», das verstehe ich nicht. Wenn ich von Gott spreche, brauche ich Bilder. Ich blättere weiter im Buch der Könige: «Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs.» (1. Könige 19, 12b). Im Flüstern entdeckt Elija Gott. Wo es laut ist, ist JHWH nicht zu finden. Elija geht Gott entgegen. Beide kommen aufeinander zu. Die Gottesbeziehung ist eine gegenseitige. Steckt darin das Geheimnis der Einzigkeit? «Höre, Israel: JHWH, unser Gott, ist einer. Und du sollst JHWH, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.» (5. Mose 6,4)

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

28. Januar

Und ich hörte eine grosse Stimme vom Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr
Gott sein.
Offenbarung 21,3

Die Hütte oder das Zelt Gottes steht unter den Menschen. Gott ist also mitten unter uns. Wenn Gott in einer Hütte oder in einem Zelt wohnt, dringen seine Geräusche nach aussen. Wenn wir gut lauschen, können wir sie hören.
Johannes, der Autor dieses Textes, hört eine grosse Stimme vom Thron her. Eine Stimme, die auch wir hören können; sie weist in die Zukunft. «Gott wird bei den Menschen wohnen. Dieser Gott wird ihr Gott sein.»
Im nächsten Vers steht, Gott werde ihre Tränen abwischen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde werden sein. Johannes hat diese Vision in einer verzweifelten Situation. Wie gut, dass es solche Visionen gibt. Sie verwandeln Resignation in Hoffnung, passives Erdulden in aktives Eingreifen. Die grosse Stimme sagt: Schau! Öffne dich und schau oder lausche auf das, was neben dir ist! Vielleicht hörst du den Atem Gottes. Vielleicht hörst du ein Schluchzen oder ein leises Rufen nach Mitgefühl. Wenn Gott mitten unter uns wohnt, dann werden wir dieses Schluchzen, dieses Rufen nicht mehr überhören. Wenn Gott unter uns wohnt, sind wir umhüllt von seinem Atem. Dann lauschen wir nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herzen. Wir lauschen auf jene, die unter uns wohnen.

Von: Monika Britt

27. Januar

Gott sprach zu Salomo: Weil du weder um langes Leben bittest noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, siehe, so tue ich nach deinen Worten. 1. Könige 3,11–12

König Salomo ist gerade an die Macht gekommen. Er ist noch jung und unerfahren und hat ganz schön Respekt vor seiner neuen Aufgabe, als König ein ganzes Volk zu regieren. Da erscheint ihm Gott im Traum und gibt ihm einen Wunsch frei.
Wir kennen solche Situationen aus den Märchen, da ist es meist eine Fee, die drei Wünsche freigibt. Was ist die richtige Antwort in so einem Fall? König Midas wäre beinahe verhungert, weil auf seinen Wunsch hin alles zu Gold wird, was er berührt. Worum würde ich bitten?
Salomo wünscht sich ein hörendes Herz, damit er das Volk recht richte. Eine grosse und weise Bitte!
Wie komme ich zu so einem Herzen, offen und horchend? Wie kann es in mir so still werden, dass ich nicht meinen endlosen Gedanken nachhänge, sondern wirklich hinhöre?
Es wäre mir bis jetzt nicht im Traum eingefallen, doch ja, ich werde Gott darum bitten: um Stille und Ruhe, um die Kraft zum Zuhören und um die Annahme dessen, was ist.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Januar

Du tust mir kund den Weg zum Leben. Psalm 16,11

Ich schreibe diese Zeilen eine Woche nach dem Terrorüberfall der Hamas auf den Süden Israels. Eine gespenstische Stille liegt über der Welt. Wann kommt der Vergeltungsschlag der Israeli? Hunderttausende sind auf der Flucht.
Wie viele andere habe ich morgens eine Scheu, die Nachrichten zu lesen. Die Angst vor dem Kommenden nimmt mir den Atem und lässt meinen Bauch flattern.
Gleichzeitig bereite ich mich auf eine interreligiöse Frauenkonferenz nächste Woche vor. Es soll um Gewaltprävention und um Dialog für den Frieden gehen. Wichtige Rednerinnen springen ab, sie fühlen sich in der aktuellen Situation nicht in der Lage zu diskutieren.
Ich versuche es mit täglichen Atemübungen. Und mit viel Spazierengehen. Die Natur, das Gehen tun mir gut.
«Lass uns Gehende bleiben. Wir sind nie ganz zu Hause auf dieser Welt», schreibt Dorothee Sölle. Auch wenn wir den Weg zum Leben, zum Frieden im Moment nicht sehen, wir dürfen nicht aufhören zu gehen. Und zu beten:
«So wandere mit uns, Gott,
und lehre uns das Gehen
und das Suchen
und das Finden.»
(Dorothee Sölle in: Du führst mich hinaus in Weite.)

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Januar

Wohl dem Volk, das jauchzen kann! HERR, sie
werden im Licht deines Antlitzes wandeln.
Psalm 89,16

Mir geht es gut. Ich freue mich
am bunten Herbst, an Regen,
Wind und Sonnenschein
und an meinen Enkelkindern.
Wie schön wäre doch die Welt,
wenn wir uns alle freuen könnten!
Doch täglich werden wir geflutet
mit Bildern von Gewalt und Hass,
von Zerstörung, Terror, Tod.
Was ist wahr und was ist ausgeblendet?
Es bräuchte einen anderen Fokus
und ein anderes Licht, das uns den Weg
erhellt in eine friedlichere Welt.
Dieses Licht ist ja schon da – ewig.
Es ist eine Glaubenssache,
dieses ganz besondere Licht.
Möge es ins Dunkle scheinen,
auf Wege zur Versöhnung leuchten.
Möge es doch – weltweit – jene stärken,
die oft nicht im Fokus stehen,
die mit ihrer Menschlichkeit
trotzig auf die Hoffnung setzen.
Damit auch unsere Kindeskinder
sich noch am Leben freuen können.

Von: Heidi Berner