Kategorie: Texte

16. Juli

HERR, wenn ich mitten in der Angst wandle, so erquickest du mich.                                            Psalm 138,7

Sommerferien. Baden. Sonne. Bier. Gemütlich. Oder noch immer Bomben, Leid, Beklemmung, Tod und Flucht?

Jetzt, wie ich diese Zeilen schreibe, rechne ich persönlich mit dem Schlimmsten. Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Welt in Kürze drastisch auf den Kopf gestellt. Und es ist noch lange nicht vorbei. Gerade heute habe ich mit einem Mitbewohner unserer Genossenschaft ein tiefgreifendes Gespräch geführt über den Krieg in der Ukraine und die Welt in ihrem aktuellen Zustand. Er meinte, dass die Welt und ihre Menschen eine neue Art der «Denksphäre» brauchen. Weiter mit Macht und Geld bringt uns nicht weiter.

Diese Zeile dient zum Nachdenken und  Innehalten!

Ich frage mich: Wie erquickt unser HERR die Witwe in der Ukraine? Was tröstet die Mutter, welche ihren Sohn im Krieg verloren hat? Wer packt beim Wiederaufbau an? Wo ist der HERR, wenn die Mine explodiert und dem Bauern das Bein abtrennt?

Mein Gott! Warum hast du uns verlassen? Wo bist du? Genau in dieser krassen Schwachheit ist der HERR, weil er das am Kreuz auch erlebt hat. Ja, ich weiss das und kenne die Worte und die Theologie dazu. Aber ich zweifle gerade wieder einmal stark und wandle in der Angst. Und ich hoffe und bete. Amen!

Von Markus Bürki

15. Juli

Gottes Hilfe ist nahe denen, die ihn fürchten, dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.           Psalm 85,10.11

Gibt es Güte ohne Treue? Gibt es Treue ohne Güte? Mir kommen Leute in den Sinn, die zwar die Güte in Person sind, freundlich, zuvorkommend, verständnisvoll, aber mit der Treue nehmen sie es nicht so genau. Und andere sind, was die Treue angeht, sich selbst gegenüber streng und auch grundsätzlich konsequent – bis zur Unbarmherzigkeit.

Güte und Treue zeigen sich im Charakter und im Handeln des Einzelnen, und da in vielen Varianten und Schattierungen. Wer wagt es, deren Wert und Glaubwürdigkeit zu beurteilen?

Bei Gott aber, so stelle ich es mir vor, sind diese Wörter wie Gefässe, die die mangelhaften menschlichen Ausprägungen davon umfassen, würdigen und bewahren, damit sie in unseren menschlichen Gemeinschaften wirksam werden, damit «Gerechtigkeit und Friede einander küssen».

Es ist zwar möglich – und oft schon fast ein Wunder – wenn in einem Konflikt ein Waffenstillstand beschlossen und eingehalten wird. Aber ein dauerhafter Friede kann nur auf dem Fundament der Gerechtigkeit erbaut werden. In der Gegenwart erfahren wir wieder neu, wie viel Einsicht, Ehrlichkeit und Vergebungsbereitschaft es von allen Beteiligten braucht, wenn Friede gestiftet und erhalten werden soll. Und wie viel Vertrauen in Gottes «andere Gerechtigkeit».

Von Käthi Koenig

14. Juli

Er lässt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Matthäus 5,45

So sieht Jesus die Welt, die der Vater im Himmel für seine Menschen geschaffen hat: Sonne und Regen schenken Leben für alle, ohne Ansehen der Person, ohne ihr Verdienst.

Und so sieht die Welt aus, wenn «Gerechte und Ungerechte, Böse und Gute» lange Jahre in ihr Gefüge eingegriffen haben: Die Hitze steigt, an manchen Orten macht sie das Leben fast unmöglich. Und der Regen, wenn er endlich kommt, geht im Übermass nieder, überflutet und zerstört. Unheil trifft Gerechte und Ungerechte, Böse und Gute. Ohne Ansehen der Person.

Wirklich? Die Armen sind ja bekanntlich von Umweltkatastrophen mehr betroffen als die Reichen. Und vielleicht die «Gerechten» mehr als jene, die sich mit List und Einfluss Vorteile ergattern oder, wenn es nötig wird, ihr Domizil in sichereren Gegenden suchen. Vor allem die Länder im Süden tragen die Kosten, die der Reichtum der Menschen im Norden verursacht. Das Besitzerprinzip gilt zwar sehr wohl, das Verursacherprinzip hingegen kaum.

Gott, der du Sonne und Regen erfunden hast – was haben wir, Gerechte und Ungerechte, angerichtet mit unseren Glaubenssätzen, die nicht von dir kommen, nicht zu dir führen?

Von Käthi Koenig

13. Juli

Ich will einige von ihnen, die errettet sind, zu den Völkern senden, wo man nichts von mir gehört hat;   und sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkündigen.            Jesaja 66,19

Jerusalem wird zum Ort des Friedens für die eine Menschheit werden. Herrscher aller Völker werden hinauf zum Berg Zion ziehen, während Boten eines neuen Himmels und einer neuen Erde hinausgehen und in aller Welt Gottes Herrlichkeit verkünden werden.

Darauf hofft der Prophet mitten in der apokalyptischen Wirklichkeit von Krieg und Gewalt, die ihn umgibt. Später wird ein anderer seinen Traum von dem neuen Himmel und der neuen Erde weiterträumen und die Zukunft Gottes im Heute ansagen: der Seher Johannes. Die Vision vom neuen Jerusalem gab vielen Hoffnung und Trost in einer Gegenwart voll bitterer Not und Gewalt.

Wo sind heute die Boten, die Frieden verkündigen auf den Strassen und Plätzen der Hauptstädte dieser Welt? Wer wird die Waffen zum Schweigen bringen, damit wieder Raum für das Leben wird? Wird die Menschheit aufhören, den Krieg zu lernen und dafür Schritte zum Frieden einüben? Wenn das geschieht, wird die Vision vom neuen Himmel und von der neuen Erde Wirklichkeit, auch unter uns.

Von Barbara und Martin Robra

12. Juli

Der HERR ist meine Kraft.                                Habakuk 3,19

Habakuk erlebt, wie die Chaldäer die Assyrer überrennen und selbst die Herrschaft übernehmen. Geschichte – das heisst für Habakuk: Reiche steigen auf, bis sie unter dem Druck einer neuen Macht zusammenbrechen. Ein Reich folgt dem anderen mit immer weiter entwickelter Kriegstechnik und neuen Waffen: Assyrer, Chaldäer, Perser, Seleukiden, Römer … und heute?

Doch Habakuk lernt, in allem Chaos und Leid Spuren der Gegenwart und heilenden Schöpferkraft Gottes zu entdecken. Ohne Wenn und Aber erklärt er am Ende seines Buches: «Der Herr ist meine Kraft.»

Eines Tages, Gott, werden wir deiner Liebe gewiss sein und deine Herrlichkeit schauen. Eines Tages werden Frieden und Gerechtigkeit sich umarmen. Eines Tages wird das Leben über den Tod triumphieren. Denn in der Mitte der Nacht hat dein neuer Tag schon begonnen.

Herr, du bist unsere Kraft. Lass uns Boten deiner neuen Welt sein. Amen.

Von Barbara und Martin Robra

11. Juli

HERR, du bist meine Stärke und Kraft und meine Zuflucht in der Not!                                Jeremia 16,19

Die Verse 19–21 hören sich an wie der Zwischenruf eines Menschen, der mit seinem Bekenntnis die Rede des Propheten vom kommenden Unheil unterbricht. Trotz allem, was dieser Gott dem Volk an Schlimmem vorhersagt, weil es sich von ihm abgewendet hat und Zuflucht bei «nichtigen Göttern» gesucht hat – trotz allem vertraue ich dir und setze alle meine Hoffnung in dich, unseren Gott, meinen Gott. Mitten in eine laute und zornige Rede hinein erhebt sich eine Stimme und sagt dieses bedingungslose Bekenntnis. Mitten in eine hochgradig gespannte Situation hinein drückt jemand sein Vertrauen in Gott aus. Es ist bloss eine kurze Unterbrechung, aber sie gibt auch Gelegenheit zum Atemholen. Das ist an dieser Stelle mehr als nötig, denn das Urteil Gottes über sein Volk scheint definitiv beschlossen. Wir wis- sen aus der Fortsetzung der Geschichte, dass es neue Möglichkeiten geben wird (siehe gestern!). Die Unterbrechung aber – im vorliegenden Text wohl ein späterer Einschub – verschafft einen Moment Luft. Was heute für Sitzungen oder Reden als wichtiger Tipp ausgegeben wird, wird hier vor gut zweieinhalbtausend Jahren bereits angewandt. Und kann auch dazu führen, einen neuen Gedanken zu fassen und dem, was in immer neue Beschimpfungen führt, etwas Druck wegzunehmen. Das kann Glauben bewirken …

Von Hans Strub

10. Juli

Siehe, wie der Ton in des Töpfers  Hand, so seid auch ihr in meiner Hand.                  Jeremia 18,6

Sie ist wirklich mehr als sprechend und eingängig, diese sogenannte Zeichenhandlung der Propheten im Auftrag von Gott: So wie es für jeden Töpfer selbstverständlich ist, dass er aus einem missratenen Gefäss ein neues, besseres macht, so müsste es Gott eigentlich auch machen mit seinem Volk, das sich von ihm abwendet. Er lässt Jeremia auch sagen: Kann ich mit euch nicht verfahren wie dieser Töpfer, Haus Israel? Dann folgt die unheilvolle Drohung im heutigen Satz. Dieser Satz scheint nun über der ganzen Zukunft Israels zu hängen, und da wir solche Gottesworte auch für uns gelten lassen, sähen wir uns ständig diesem Gott ausgeliefert, der mit uns machen kann, was ihm beliebt. Aber zu ihrem und zu unse- rem Zutrauen in Gott endet die Rede des Jeremia, resp. die Rede Gottes, hier nicht. Vielmehr heisst es kurze Zeit später (Vers 8): Kehrt aber jenes Volk, über das ich geredet habe, zurück von seiner Bosheit, so bereue ich das Unheil, das ich ihnen anzutun geplant habe. So ist Gott: klar und eindeutig – aber er lässt die berühmte «zweite Chance». Diese kann oft und oft zur dritten, vierten oder x-ten werden – Gott lässt die Menschen nicht und nie fallen. Damals nicht und heute nicht! Dieses stets erneuerte Zutrauen in Gottes Barmherzigkeit und Nachsicht ermöglicht Leben, für das Volk damals, für uns heute, für mich persönlich zu jeder Zeit. Denn Gott hat Zutrauen in seine Menschen, in uns!

Von Hans Strub

9. Juli

Jesus spricht: Wen da dürstet, der komme zu  mir und trinke!                                                                    Johannes 7,37

Der zeitgenössische Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann bezeichnet in seinem Kommentar zur Stelle Religion als «Gespür eines Durstes, der nie aufhören wird».

In diesem Zusammenhang sei auf ein Detail im Lehrtext hingewiesen: Man kann den Punkt auch an einer anderen Stelle setzen. Dann heisst es: «Wenn jemand Durst hat, komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt.» Wenn man den Punkt so setzt, entsteht eine überraschende Parallele: «Wer an mich glaubt» ist dann gleichgesetzt mit «Wer Durst hat». Das heisst: Die Glaubenden sind die Dürstenden!

Das ist nicht das übliche Bild, das man vom Glaubenden hat als dem, der etwas besitzt, irgendeine Gewissheit, dass Jesus ihn erlöst hat, dass er errettet ist, dass er nach seinem Tod ins Ewige Leben eintreten wird. Nicht das ist der Glaubende, sondern der, dessen Durst nie aufhören wird. Der weiss, dass er arm ist, angewiesen auf Christus, der seinen Durst löscht, angewiesen auf den göttlichen Geist, die Ruach, die uns Leben einhaucht, Atemzug für Atemzug.

Der Glaubende ist, so gesehen, der, welcher den Durst zulässt und ihm folgt, hin zur Quelle.

Von Andreas Fischer

8. Juli

Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden;  denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.                                                Galater 6,9

Albert Schweitzer stellt in aller Schärfe fest: Zwischen   der «Rechtfertigung allein aus Glauben» des Apostels   Paulus – d. h. der Botschaft vom bedingungslosen Geliebtsein von uns Menschenkindern mit all unseren Abgründen – und seiner Ethik gebe es eine «Schlucht». Und da sei keine Brücke, die die eine Seite mit der anderen verbinde. – Der heutige Lehrtext scheint diese Analyse zu bestätigen: Was hat der ethische Gemeinplatz, man solle «Gutes tun», mit der paulinischen Durchbruchserfahrung zu tun, dass Gottes Zuneigung gilt, immer, überall, absolut unabhängig von unseren Leistungen und Verdiensten?

Vielleicht sind es ja verschiedene Bewusstseinsebenen, die bei Paulus nah beieinander waren: Nach ekstatischen Augenblicken sank er wieder auf niedrigere Niveaus. – Indessen scheint mir eine andere Überlegung ebenfalls bedenkenswert zu sein: So wie das bedingungslose Geliebtsein allen Menschenkindern gilt, betrifft uns auch die Ethik unterschiedslos. Der deutsche Neutestamentler Michael Wolter schreibt nicht ohne Humor: «Gutes tun tut jeder menschlichen Gemeinschaft gut, nicht nur der christlichen.» Es gäbe sie also doch, die Brücke über die Schlucht – für uns alle!

Von Andreas Fischer

7. Juli

In deiner Hand, HERR, steht es, jedermann gross und stark zu machen.                                       1. Chronik 29,12

Hier geht es um den sehr teuren Tempelbau und Davids Dankbarkeit.

Die Mittelbeschaffung für den Tempelbau und seine Errichtung ist mit grosser Wahrscheinlichkeit durch die Arbeit der einfachen Bevölkerung geschehen. Die von David ausgedrückte Dankbarkeit Gott gegenüber muss wohl eher verstanden werden als Davids Dankbarkeit gegenüber den Wohlhabenden aus den Versen davor. Denn die haben ihm sein Projekt finanziert aus ihren Reichtümern.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der Chronist hier auf dem falschen Weg ist und eine sehr einfache Lösung gewählt hat.

Es Gott zu überlassen, wer als gross und stark gesehen wird, ist schon interessant. Die Zuschreibung von Grösse, Stärke und Einfluss ist immer abhängig von dem Mass an Grösse, Stärke und Einfluss, die jeder Einzelne jemand anderem zubilligt.

Der Chronist sieht David als dankbar und bescheiden, aber auch als machtvoll und durchsetzungsstark.

Macht in der realpolitischen Welt durchsetzen hat eigentlich immer mit mehr oder weniger rationalen Zielen zu tun. Dies können wir uns bei dem Überfall Russlands auf die Ukraine anschauen. Auch hier wird Gott instrumentalisiert und den eigenen Zielen zugeordnet. Also – prüfe den Chronisten auf seine Ziele, bevor du vertraust!

Von Rolf Bielefeld