Kategorie: Texte

25. Juli

Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!                                          Lukas 17,5

Stärke uns den Glauben,

dass es nicht um Dogmen geht,

nicht um das Fürwahrhalten v

on Ereignissen, die den

Naturgesetzen und der Vernunft

offensichtlich widersprechen,

dass es nicht um das Jenseits

geht, sondern um das Leben

im Diesseits, hier und jetzt

auf diesem fragilen Planeten,

auf dem einige wieder einmal

in Gedanken den Atomkrieg

durchspielen, bis zum bitteren Ende.

Stärke uns den Glauben

an andere Gedankenspiele,

in denen es um Frieden

und Versöhnung geht

und um Gerechtigkeit,

an Visionen vom guten Willen

der allermeisten Menschen.

Stärke uns den Glauben

an die Liebe, die – wider alle Vernunft –

Hass und Angst überwindet.

Stärke uns den Glauben.

Von Heidi Berner

24. Juli

Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben  mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum  wird sie fest bleiben.        Psalm 46,5–6

Lustig – so nehme ich an,

ist kein Wort, das häufig

im Buch der Bücher auftritt.

Zusammen mit den Brünnlein

ergibt sich eine heitere Note,

die mich richtig fröhlich stimmt.

Aber, o Schreck –

in anderen Versionen der Verse

ist nichts mit Brünnlein,

nichts mit fein lustig.

Wie schön also, dass gerade

diese Übersetzung

in den Losungen steht!

Wie sehr braucht die Welt

gerade jetzt freundliche Orte,

wo Brünnlein sprudeln, wo

diese Lebenskraft, die

wir Gott nennen, wohnt.

Wie sehr wünsche ich mir,

dass sie auch dort einzieht,

wo fertig lustig ist.

Ja – dort erst recht.

Von Heidi Berner

23. Juli

Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht;  denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.  Josua 1,9

Hollywood hat in den letzten Jahren einige apokalyptische Filme in die Kinos gebracht. Eine Szene gehört dazu: Vor der Endzeitschlacht sammelt der Präsident oder General (meistens ein weisser Mann) seine Truppen und spricht ein Wort der Ermutigung. Dann geht’s in den Kampf. Natürlich siegen die Guten. Die Rede ist wichtig. Sie appelliert an den Mut und die Entschlossenheit, erinnert an vergangene Siege und macht Hoffnung, die Schlacht zu gewinnen.

Das erste Kapitel in Josua passt in dieses Schema. Josua übernimmt die Stafette: Moses ist gestorben, Israel steht am Jordan, das gelobte Land ist in Sicht. Auch in säkularen Ermutigungspredigten läuft es darauf hinaus, dass man sich «nicht graut und entsetzt». Josua nennt aber einen Grund dafür: «Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.» Der Führer Israels verspricht, dass Gott ein «Im-anu-El», auf Deutsch ein «Mit-uns-Gott» ist. Gott war in Ägypten, am Schilfmeer und wird den Israeliten auch bei der Landnahme beistehen.

Was im Blockbuster Heldentum ist, hat in der Rede von Josua eine Glaubensdimension. Es hört sich ähnlich an und ist doch etwas anderes. Vielleicht ist das die Tragödie des biblischen Storytellings? Dass es so überzeugend ist und von weltlichen, imperialen und kolonialen Herrschaften   gerne kopiert wird.

Von Ralph Kunz

22. Juli

Gelobet sei der HERR, der seinem Volk Israel Ruhe gegeben hat, wie er es zugesagt hat.     1. Könige 8,56

Ein paar Flugstunden von hier tobt der Krieg. Ich schreibe diesen Text am 30. April und hoffe, es herrsche in drei Monaten (wenigstens) Waffenruhe. Ich muss daran denken, wenn ich die Losung lese. Zu gross ist der Kontrast zum Tempelweihgebet des Salomo.

In der Geschichte Israels steht die Einweihung des ersten Tempels (ca. 1000 v. Chr.) am Anfang einer rund vierhundertjährigen Blütezeit. Im Windschatten der lokalen Grossmächte konnte Israel dank Davids militärischer Erfolge seine Macht festigen. «Ruhe» hat in erster Linie die Bedeutung von Frieden. Aber das Wort meint mehr als allein die Abwesenheit von Krieg. Hier wird eine Art «Landeskirche» eingerichtet. Im Gebet übernimmt der König eine priesterliche Funktion. Salomon segnet die Gemeinde und installiert gewissermassen eine ständige Leitung zwischen Tempel und Himmel. Was unten gebetet wird, soll oben gehört werden. Wenn man vom Exodus her bis zu dieser feierlichen Einweihung liest, entsteht tatsächlich der Eindruck, dass die Israeliten endlich zur Ruhe gekommen sind. Allerdings sollte sie nicht ewig dauern. Zweihundert Jahre später holten sich die Syrier das Nordreich zurück. Aber wie wertvoll waren diese Jahre! Muss einem der Krieg auf den Leib rücken, um für einen 80-jährigen Frieden dankbar zu sein? Merken wir erst bei einer schweren Krankheit, welches Geschenk die Gesundheit ist?

Von Ralph Kunz

21. Juli

Du wirst an deine Wege denken und dich schämen, wenn ich dir alles vergeben werde, was du getan hast, spricht Gott der HERR.                      Hesekiel 16,61.63

Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen: Nie mehr soll eine Sintflut über das Land kommen. Dieser Bund ist ewig und wurde gebrochen. Gott aber erinnert sich an den Bund und wird einen ewigen Bund in Kraft setzen (Vers 60). Dann wird sich das Volk Gedanken machen über seinen Weg und wird sich schämen.

Es sind zwei Dinge, die mich in unserem Text ansprechen: Die Lebendige lässt dem Volk sagen, es werde über seinen Weg nachdenken. In sich gehen, nachdenken, entdecken, was schiefgelaufen ist. Ist das nicht ein Nachdenken, das weiterhilft, das ermutigt, aus Fehlern zu lernen? Ich habe  es nicht so mit der Scham, viel mehr mit dem Nachdenken. Das Zweite: Gott lässt nicht nach. Er setzt sein Vertrauen in das Volk und wird einen ewigen Bund in Kraft setzen. Auf die Lebendige ist Verlass, ohne Wenn und Aber. Auch die Töchter und Schwestern sind in diesen Bund eingeschlossen. Das heisst nichts weniger, als dass der Bund für alle gilt. Lange haben wir in der ökumenischen Bewegung vom Bund für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung gesprochen. Wenn ich über den Weg seit den achtziger Jahren nachdenke, dann wurde es leise um diesen Bund, nicht aber um die Themen. Der ewige Bund Gottes hat Bestand.

Dafür danken wird dir – gerade heute!

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juli

Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort.                                        Psalm 119,114

In so vielen Situationen des Lebens hoffen wir auf ein Wort. Wenn etwas schiefläuft, hoffen wir auf einen Zuspruch: «Es kommt schon gut.» Wenn wir etwas ausprobieren, hoffen wir, dass jemand sagt: «Nur weiter so, ist o.k.» Beim heutigen Text aus dem längsten Psalm der Bibel wird nicht ganz klar, auf welches Wort der Schreiber hofft. Ich meine, es geht darum, dass Übeltäter von ihm weichen sollen (Vers 115) und dass er Gottes Weisung liebhat (Vers 113). Hoffen auf das Wort der Lebendigen, hoffen auf ein Zeichen, auf einen Wegweiser, so könnte ich den Vers verstehen. Denn es steht fest, dass Gott Schutz und Schild ist.

Wer weiss, vielleicht ging es dem Schreiber des Verses ähnlich wie uns heute: In den Wirren des Krieges hoffen wir auf ein Wort der Ermutigung und der Kraft für die leidenden Menschen. Es muss in dieser Situation nicht ein Wort sein. Es kann Zuwendung und ganz konkrete Hilfe sein. Und ich hoffe für mich auf viele Zeichen, die mein Vertrauen in das Bei-unsSein Gottes stärken, die Vertrauen in das Leben wiederherstellen, wenn alles wankt. Selber erlebe ich die Lebendige weniger als Schutz und Schild, eher als zuverlässige Begleiterin, die mich an der Hand nimmt, wenn ich sie brauche, die mir Kraft schenkt und mein Herz öffnet für die Menschen.

Danke, dass dein Wort stärkt.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

19. Juli

Der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stiess Petrus in die Seite  und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.           Apostelgeschichte 12,7

Seit Frühling dieses Jahres gibt es in Zürich ein neues Gefängnis. Derzeit hat es 124 Plätze für vorläufig Festgenommene. Während der Polizeihaft treffen die Strafverfolgungsbehörden in der Schweiz während höchstens 48 Stunden die notwendigen Abklärungen, um den Tatverdacht und die weiteren Haftgründe zu erhärten oder zu entkräften. Ergibt sich dann, dass die Haftgründe nicht oder nicht mehr bestehen, so wird die betreffende Person freigelassen. Auch in diesem System passieren Fehler, aber es herrschen Recht und Gesetz. Gewürdigt wird diese menschliche Errungenschaft sehr selten.

Sie ist aber so gross, dass Petrus nicht einmal davon träumte. Er war auch vorläufig festgenommen worden. Alsbald sollte er dem Volk vorgeführt werden. Ihn erwartete kein korrektes und gerechtes Verfahren, sondern nach den unmenschlichen und willkürlich-populistischen Massstäben des Herodes die Todesstrafe. Aber Petrus ist in Gottes Hand, schon bevor der lichtvolle Engel kommt. Denn als unschuldig Eingekerkerter und Angeketteter kann er tief und fest schlafen. Jedenfalls muss er zu seiner Befreiung erst gerüttelt und geweckt werden. Dieses Vertrauen schenke Gott uns allen, ob wir gefangen sind oder frei.

Von Dörte Gebhard

30. August

Als Mose seine Hand über das Meer reckte, liess es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind.                                                       2. Mose 14,21

Ich stehe am Strand. Die Wellen geben den glitzernden Sand frei, die schwarz schillernden, mit Muscheln übersäten Felsen, um sie sogleich wieder zu verschlucken. Barfuss im Sand stehen, sich umspülen lassen. Ich spüre, wie ich einsinke. Die Wellen rütteln an mir. Ich halte stand. Den Wind im Gesicht, das Salz auf der Zunge, nichts als die Brandung im Ohr. Manchmal denke ich, Gott wohnt im Meer.

Mir kommt ein Lied der «Einstürzenden Neubauten» in den Sinn: «Und umgekehrt, wenn du bist, wild, und laut und tosend deine Brandung, in deine Wellenberge lausch ich, und aus den höchsten Wellen, aus den Brechern, brechen dann die tausend Stimmen, meine, die von gestern, die ich nicht kannte, die sonst flüstern, und alle anderen auch, und mittendrin der Nazarener; immer wieder die famosen, fünf letzten Worte: Warum hast du mich verlassen? Ich halt dagegen, brüll jede Welle einzeln an: Bleibst du jetzt hier?»

Es gibt Momente, in denen das Meer zurückweicht wie bei Mose. Die Wellen holen Atem und legen den Urgrund des Vertrauens frei jenseits der Worte. In der flüchtigen, unverhofften Euphorie beim Musikhören. Oder in der Getrostheit, gefunden worden zu sein. Sie lassen sich nicht festhalten, aber sie umspülen mich wie Wellen des Glücks.

Von Felix Reich

18. Juli

Jeremia sprach: Mich jammert von Herzen, dass die Tochter meines Volkes so zerschlagen ist. Ist denn keine Salbe in Gilead oder ist kein Arzt  da? Jeremia 8, 21.22

Um Jeremia und die Seinen herrschen Elend und Verzweiflung. Er hat nicht genug Tränen, um alle Erschlagenen zu beweinen. Der Prophet braucht keinen Fernseher und keinen Liveticker für die Bilder von Leid und Not. Er sieht alles mit dem Herzen. Er würde wohl sagen: leider sehr gut. Aber er verzweifelt in diesem Moment nicht, obwohl gerade er dafür anfällig ist. Er ruft gegen seine Hoffnungslosigkeit Gott an – als Arzt und Apotheker.

Die «Salbe von Gilead» ist seit Jahrtausenden berühmt und war damals wohl jedem Kind bekannt. Sie wurde und wird aus dem Baumharz der Balsampappel hergestellt und hilft gegen Ekzeme, Sonnenbrände, Arthritis, Sehnenscheidenentzündungen und viele weitere Leiden. Die Knospen enthalten Salicin, das auch «organisches Aspirin» genannt wird.

Es braucht ein Heilmittel und einen, der es bringt. Zuerst denkt Jeremia an Symptombekämpfung, an Schmerzlinderung. Im zweiten Schritt braucht es einen Arzt, der die weitere Therapie übernimmt. Im grossen, geschichtlichen Rückblick erkennt man, dass Gott als Arzt und Apotheker bis heute gefragt und gebraucht wird, jedoch nicht wegen der zu befürchtenden Risiken und Nebenwirkungen, sondern damit Glaube, Liebe und Hoffnung unter uns nicht sterben.

Von Dörte Gebhard

17. Juli

HERR, behüte meinen Mund und bewahre meine Lippen!                                                                 Psalm 141,3

Gestern habe ich Ihnen von einer «neuen Denksphäre» berichtet. Die Welt und wir Menschen brauchen eine gänzlich neue Art des Denkens und Handelns. Weg mit Macht und Gier, her mit Liebe, Aufrichtigkeit und Glauben.

Vielleicht sogar weg mit Religion im altbekannten Sinne? Beim Konzept «Gott 9.0» von Marion und Werner Küstenmacher geht es um das Durchlaufen von neun Stufen. Die Stufen haben je eigene Farben und verdeutlichen die letzten 100 000 Jahre der Menschheit. Es geht um Gottesbilder, Krisen und Chancen auf dem Weg in die Zukunft – ich präzisiere gerne: auf dem Weg zurück ins Paradies. Eine multireligiöse und multispirituelle Geistkraft, welche alles Bisherige vereint? Kann das ein Weg sein?

Der Psalm 141 trägt die Überschrift «Bitte um Bewahrung». Wir brauchen in der Tat eine Bewahrung unserer Existenz! Wenn der HERR meinen Mund behütet und ich meine Lippen, so haben wir im Zusammenspiel bereits viel Frieden gestiftet. Der Mund ist oft Ausgangspunkt von Unheil; bleibt er einmal mehr zu, können die Lippen einmal mehr schweigen.

HERR, behüte und bewahre uns samt unseren Mündern und Lippen.

Lesen Sie die Bibel doch einmal mit der «multispirituellen Lesebrille», es lohnt sich! Amen!

Von Markus Bürki