Kategorie: Texte

4. August

Als Hiskia den Brief gelesen hatte, ging er hinauf zum Hause des HERRN und breitete ihn aus vor dem  HERRN. 2. Könige 19,14

Was hier erzählt wird, tönt wie eine Geschichte von heute: Der übermächtige König von Assyrien bedrängt und belagert Hiskias Kleinstaat Juda und führt einen äusserst heftigen Propagandafeldzug gegen ihn: Reden von hohen Gesandten vor der Stadtmauer von Jerusalem mit harschen Anschuldigungen gegen den kleinen König, ergebnislose Verhandlungen zwischen Delegationen der beiden Länder, Attacken mit feindseligen Texten, Gotteslästerungen, Verhöhnungen, Verspottungen, Falschinformationen. Der Kommunikationskrieg gipfelt in einem Brief: «Was haben denn ihre Götter allen unseren überrannten Feinden helfen können? Nichts! So wird es auch bei euch sein. Darum vertraut dem Gott nicht, auf den euer König baut. Kommt zu uns, da werdet ihr Leben haben!»

Und was tut der in die Enge getriebene König Hiskia? Er schreit nicht zurück, er stellt sich nicht heroisch einem Duell, er glaubt nicht an die Gewalt von Waffen. Er gesteht sich ein, dass er ratlos ist und schwach. Und er geht in den Tempel – zum Beten! Er bittet um Errettung, er weiss, dass er nur noch auf Gott vertrauen kann. Und Gott lässt ihm ausrichten, dass er ihn erhört hat. Das Gebet ist seine «Waffe», und es gibt ihm Ruhe und Kraft. Assyrien erfährt, dass Jahwe nicht irgendeine Stadtgottheit ist, sondern der lebendige Gott. Dagegen kommt keine Demagogie an!

Von Hans Strub

3. August

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über  dir! Jesaja 60,1

In der beginnenden Dämmerung auf einem Hügel zu stehen und zu sehen, wie in der Stadt unten in kürzester Zeit die Lichter angehen, gibt ein seltsam ergreifendes, ja feierliches Gefühl. Die Stadt fängt richtiggehend an zu leuchten, sie wird «licht». Das geschieht jetzt mit Jerusalem, sagt Jesaja. Dann wird sichtbar, woher dieses Leuchten kommt: vom Gotteslicht. Gott wird in die Stadt einziehen und sie «übernehmen» – so, wie sie vor noch nicht so langer Zeit vom König von Babylon übernommen wurde. Aber jene Zeit ist definitiv vorbei, die damals Entführten und deren Kinder sind zurückgekehrt, zerstörte Gebiete wurden wieder aufgebaut, die Tore stehen offen. Offen für alle! Jerusalem wird zur Gottesstadt und damit zur Welt-Friedensstadt. Und alle Völker und Mächte ringsum erkennen, was da vor sich geht; sie kommen herbei von allen Enden der Erde und rühmen Gott für seine Taten. Eine grossartige Vision, nicht allein für das versprengte Volk der Juden, sondern für alle Menschen dieser Welt. Der Gegensatz zwischen dem, was hier gesagt wird, und dem, was wir in diesen Wochen und Monaten hören und erleben müssen, könnte grösser nicht sein! Und doch ist es gerade in solchen Zeiten radikal wichtig, von einem solchen Bild geflutet zu werden. Es wird zu einem realen Hoffnungsbild, das aufstehen hilft gegen alles, was niederdrückt. Jetzt.

Von Hans Strub

2. August

In Demut achte einer den andern höher als sich  selbst. Philipper 2,3

Demut. Was für ein Wort. Im Alltag nehmen wir es kaum in den Mund. Es wirkt so verstaubt. Irgendwie ältlich. In  die Jahre gekommen. Jedenfalls nicht zeitgemäss. Obwohl es wohl zurzeit nichts anderes gibt, das unserer Zeit besser bekäme als ein bisschen mehr Demut von unserer Seite. Was bedeuten würde, dass die Gesinnung des Dienens wieder wichtiger wird. Unsere innere Bereitschaft zu dienen. Und zwar deshalb, weil wir das grosse Ganze im Blick haben und uns selber als Teil dieser Ganzheit verstehen. Und weil wir genau aus diesem Grund «eines Sinnes» mit den andern sein möchten.

Demütig sein. Damit wir uns richtig verstehen, wollen wir es «dienmütig» nennen. Darauf bedacht, zu erkennen, womit ich dem andern dienen könnte. Nicht unterwürfig. Sondern aus Überzeugung. Denn soll unsere Liebe dem Leben dienen, so geht es um das Leben von uns allen. Und nicht nur um das eigene Wohl. Um den Nächsten zu lieben wie sich selbst, muss man ihn zuweilen höher achten. Ein gutes Stück höher als sich selbst. Damit wieder alles im Gleichgewicht ist.

Manchmal braucht es andere Wörter als jene, die wir im Alltag brauchen. Heute ist mir so eines zugefallen. Direkt vom Himmel ins Herz. Ich werde versuchen, mich in Demut zu üben. Nicht unterwürfig. Sondern aus Überzeugung.

Von Ruth Näf Bernhard

1. August

Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.       Jesaja 57,19

Friede in der Ferne. Und Friede in der Nähe. Wer sehnt sich nicht danach. Je weiter weg der Friede ist, desto mehr rückt er ins Zentrum. Und um jenen Frieden, der am allerweitesten weg ist, können wir nur noch bitten. Wir bitten um Frieden, der Leben verheisst. Wo mit Frieden kaum mehr zu rechnen ist, wollen wir wenigstens hoffen dürfen. Wir hoffen auf Frieden, der Wunden heilt.

In Meister Eckharts Reden der Unterweisung lese ich: «So viel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel ausser Gott, wie du ausser Frieden bist. So viel in Gott, so viel in Frieden. Wie viel du in Gott bist, wie auch, ob dem nicht so sei, das erkenne daran, ob du Frieden oder Unfrieden hast.»

Unfrieden ist nicht nur in der Ferne. Er findet ganz in der Nähe statt. Je näher er ist, desto weiter weg würden wir ihn schicken wollen. Doch Unfriede lässt sich nicht auslagern. Wie viel ich in Gott bin und wie viel eben nicht, das ist die Frage, die sich mir stellt. Mir ganz persönlich. Und auch da weiss ich mir oft nicht anders zu helfen als mit Beten und Hoffen. Ich bitte um Frieden, der Leben verheisst. Und hoffe auf Frieden, der Wunden heilt.

Von Ruth Näf Bernhard

31. Juli

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist  nahe; denn es ist hier kein Helfer.                       Psalm 22,12

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Mein Herz klopft automatisch schneller, wenn ich irgendwo im Haus ein unbekanntes Geräusch wahrnehme. Die Angst kommt unangemeldet und ungebeten. Ich vermute, dass sie ein Überbleibsel der vielen Bombennächte ist, denen ich als Kleinkind im kriegsgebeutelten Berlin ausgesetzt war.

Das Fiese an der Angst: Sie ist ein schnelles Gefühl, das mich einfach überfällt. Das wollte ich mir nicht gefallen lassen, und so habe ich begonnen, Strategien gegen die Angst zu sammeln.

Die bei Weitem effektivste und auch am einfachsten anwendbare ist: das Gebet! In der spirituellen Praxis der Christinnen und Christen spielt es eine herausragende Rolle. Es kommt als Dank- und Bittgebet, als Lobpreis, aber auch als Stossgebet, als inniger Austausch, als Gebet ohne Worte, in dem wir uns immer mehr Gottes Führung überlassen.

Wenn ich bete, werde ich meistens ruhig. Oder zumindest ruhiger. Dann schwindet das verzweifelte Gefühl, dass ich alleingelassen bin und kein Helfer, keine Helferin in Sicht ist. Ich glaube, ich bin nie allein, aber oft verstelle ich mir selbst die Sicht auf Gottes helfende Hand, auf die Botschaft die Gott uns, mir, senden will. Die versteckt sich nicht im Knarren im Gebälk, sondern in der Begegnung mit der Lebendigen und ihrer lebendig machenden Liebe.

Von Reinhild Traitler

30. Juli

Jesus sprach zu Pilatus: Ich bin dazu geboren  und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine  Stimme. Johannes 18,37

Meistens verwechseln wir das Wahre mit dem Richtigen. Das Wort «richtig» hängt ja mit dem Recht zusammen. Das Recht ist ein hohes Gut und wir dürfen es nicht kleinreden.

Aber das Wahre zielt in eine andere Richtung. Vielleicht könnte man sagen, es sucht die innere Entsprechung eines äusseren Geschehens. Jesus wirkt Wunder, heilt Kranke und schenkt Lahmen das, was sie sich schon immer gewünscht haben, das Gehen, Hüpfen, Laufen, das Schweben und Schreiten!

Ich habe früher oft ethnische Tänze getanzt und habe immer diesen magischen Moment geliebt, wo es begann, in mir zu tanzen. Die Schritte kamen von selbst, und jede Bewegung versetzte mich in Euphorie, auch wenn mein Tanzen einem Ballett wahrlich keine Ehre gemacht hätte. Aber es gab diese Augenblicke der Übereinstimmung, die Schritte erzählten meine Geschichte auf eine ganz andere Art, mein ganzer Körper war plötzlich ein Instrument, das Musik spielte, seine eigene Musik.

Wahrheit: eine grösstmögliche Annäherung an das in uns schlummernde Urbild, das göttliche Bild.

Von Reinhild Traitler

29. Juli

Der Gerechten Pfad glänzt wie das Licht am Morgen, das immer heller leuchtet bis zum vollen Tag. Sprüche 4,18

Eine glanzvolle Laufbahn ist den «Gerechten» verheissen. Sie sind Vorbilder in der Tradition der biblischen Weisheitsschriften. Der Gerechte geht den Weg der Tora in Freude und Treue, sie ist ihm Orientierung, ja Lebenssinn. Was die Bibel als eine Lichtgestalt darstellt, kommt mir eher verdächtig vor: Sind das nicht Blender? Religiöse Streber? Selbstgerechte, die glauben, keine Fehler zu machen?

Selbstgerechte, das sind die, die wissen, dass sie auf der richtigen Seite sind. Wie ich das ja auch weiss. Aber Ironie beiseite: Mir ist es unheimlich, dass das jetzt plötzlich keine Gültigkeit mehr haben soll, was ich seit meiner Kindheit gelernt habe, manchmal durch Beschämungen und Blamagen. Nämlich, dass ich in Konflikten die Frage nach den Erfahrungen und Gründen der Gegenseite stelle und zu verstehen versuche. Das bedeutet nicht unendliche Verständnisbereitschaft, auch nicht, dass es keine Kriterien für «gerechte Gerechtigkeit» gibt. Ich empöre mich über das Unrecht, das in der Ukraine geschieht – und gleichzeitig ist mir die gegenwärtige allgemeine Einigkeit über Gute und Böse suspekt.

Wo ist da der Weg von Gottes Gerechtigkeit, der herauszuführen vermag aus Gewalt und Gegengewalt, hin zu Verzeihung und Versöhnung?

Von Käthi Koenig

28. Juli

Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.       Jona 2,9

Ganz unten ist er, noch tiefer als tief. Im Bauch eines Fisches tief unten im Meer.

Ganz unten ist er und doch gerade dort gerettet. Vor den Wellen, dem Untergang, dem Ersticken, vor sich selbst.

Und das weiss er auch.

Eigentlich hatte er es sich ganz anders vorgestellt. Wollte einfach mal «nein» sagen. «Vielen Dank, lieber Gott, aber diesen Job nehme ich mal nicht an. Man muss ja nicht immer ‹hier› schreien.» Ich kann ihn gut verstehen.

Aber in dieser Hinsicht lässt Gott nicht mit sich handeln, das merkt auch Jona ganz schön schnell und ganz schön tief. Ganz unten im Bauch des Fisches betet er. Und es wird ihm klar, dass er sich nicht mehr an das Nichtige halten will. Denn Gott eine Absage zu erteilen, heisst gleichzeitig, sich von der Gnade abzukapseln, sich die Lebensader   förmlich selber abzudrücken.

«Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem Herrn.» So endet sein Gebet – und der Fisch spuckt ihn aus.

Ein neues Leben – ein ganz neuer Jona? Ja und nein, ja,   er nimmt den Job und seinen Gott ernst und doch fällt es ihm auch schwer und er fällt immer wieder auch hinter sich zurück. Ich kann ihn gut verstehen. Vielleicht sollte ich die Tageslosung heute zur Erinnerung personalisieren:

Wenn ich mich an das Nichtige halte, verlasse ich meine Gnade.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Juli

Einer unter den Aussätzigen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein  Angesicht zu Jesu Füssen und dankte ihm.                  Lukas 17,15-16

Einer von zehn und dann auch noch ein Fremder! Einer, der nicht von hier und nicht einer von uns ist – einer, der nicht dazugehört.

Und der? Der macht auch noch alles richtig!

Er wendet sich in seiner Not an Jesus – o. k., das hat er sich sicherlich von den anderen neun abgeschaut. Wie er sieht, dass er geheilt ist, läuft er aber nicht den anderen hinterher, sondern dreht einfach um. Macht auf dem Absatz kehrt und kann gar nicht mehr an sich halten.

Die anderen werden den Kopf geschüttelt haben. «Jetzt ist er übergeschnappt.» «Das gehört sich echt nicht!»

Aber das stört ihn nicht. Für ihn hat sich etwas erschlossen, aufgeschlossen. Eine Erkenntnis, die sein Leben verändert, aus der Bahn geworfen hat. Und er hat den Zusammenhang nicht nur erkannt, sondern ist auch bereit, sein Leben darauf einzustellen – umzustellen. Egal, wo er herkommt. Er dreht um, auch wenn neun andere – also die grosse Mehrheit, die meinungsbestimmende Masse – in die andere Richtung läuft und sich sicher ist, dass das die richtige Richtung ist. Er weiss jetzt, wo er dazugehört.

Manchmal hätte ich gerne den Mut dieses Fremden.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Juli

Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!   Jesaja 12,4

Als das fromme Gretchen dem Dr. Faust die berühmte Frage nach der Religion stellt, gibt dieser die ausweichende Antwort: «Nenn es dann, wie du willst, nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut.»

Ist der Name, die genaue Bezeichnung für Gott und Glaube, unwichtig, «Schall und Rauch»?

Anders sieht es das Märchen «Rumpelstilzchen», wo die Müllerstochter innerhalb von drei Tagen den Namen des Männchens herausfinden muss, das ihr geholfen hat. Als ihr dies gelingt, kann sie mit dem Aussprechen des Namens das grausame Versprechen aufheben, ihm ihr erstes Kind zu geben. Denn im Namen liegt ein grosses Potential.

Auch Gott enthüllt in seinem Namen sein Wesen. In seinem Namen lässt Gott sich von seinem Volk finden und bindet sich an den Rufer. Daher soll der Name nicht missbraucht werden. Dennoch: Der Name «Ich bin, der ich bin» ist eine Aussage, die die Auskunft über Gottes Sein verweigert. Wer Gott wirklich ist, wird man an seinem Tun erkennen.

Was sind eigentlich Gottes Werke an mir und in mir, die ich anderen kundtun soll? Wo hat Gott mich verändert?

Gottes Sein und mit ihm auch mein Sein sind im Werden.

Von Barbra Heyse-Schaefer