Kategorie: Texte

14. August

Wer ist dem HERRN gleich, unserem Gott, der hoch droben thront, der tief hinunterschaut auf Himmel und Erde! Der aus dem Staub den Geringen  aufrichtet. Psalm 113,5

Zwei Linien zeichnet der Psalmist. Jene des Throninhabers, der so hoch  über  dem  Normalmenschen  ist,  dass er sogar noch auf den Himmel hinabschaut. Hier kommt mir die Geschichte vom Turmbau zu Babel in Erinnerung (1. Mose 11). Der Mensch will hoch hinaus in den Himmel und trotzdem muss Gott «herabsteigen», um sich ein Bild von dieser menschlichen Höhe machen zu können. Ähnliche Dimensionen weist dieser Psalm auf. Jahwe thront in seiner Majestät so hoch, dass er tief hinunterschauen muss, um die «Grosstaten» der Menschen wahrzunehmen. Und zugleich betont der Psalm die andere Seite dieses Erhabenen, seine diakonische Gabe, würden wir möglichweise sagen, die den im Staub Liegenden, den unter die Räuber Gefallenen, den Geringen im gesellschaftlichen Wertekanon aufrichtet. Dieses Oben-unten-Verhältnis ist meines Erachtens die Botschaft, die der Psalmist zusprechen will: Wie hoch ihr zu thronen meint, nie seid ihr so hoch wie Jahwe. Schaut wie dieser hinunter, dorthin, wo die im Staub Liegenden sich befinden. Sie aufzurichten, ist euer gottgemässes Tun. So kennzeichnet sich aus der Perspektive von oben eine Ökonomie des Lebens, der Ertüchtigung für die da unten. Wir sind nie gottgleich, aber wir können unseren Blickwinkel so ausrichten, dass wir jene sehen, denen Gott aufhilft.

Von Gert Rüppell

13. August

Der Knecht Gottes sprach: Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg  ich nicht vor Schmach und Speichel.                      Jesaja 50,6

Zwei Umstände begleiten mein Nachdenken über diesen Text. Ich schreibe am Tag der orthodoxen Ostern – in der Nacht haben Raketenwerfer weiterhin Tod, Feuer und Zerstörung in der Ostukraine und darüber hinaus verbreitet. Zugleich radikalisiert der Text meine Verunsicherung, wie ich mit all den Diskussionen um schwere Waffen, Angriffskrieg und Aug’ um Auge mit den Gefühlen umgehen soll, die meinen grundsätzlichen Pazifismus in jüngster Zeit so sehr verunsichern. Die Losung ist klar: «Mein Angesicht verbarg ich nicht.» Gilt also «klare Kante»? Gilt also angesichts eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges, sich dennoch allem feindlichen Gerede mit der Botschaft der Versöhnung, des Dialogs entgegenzustellen, zumindest in den Diskussionen, in denen es eben doch um das Prinzip Aug’ um Auge geht? Wenn es stimmt, was ich neulich von einer Freundin hörte, dass wir in Krisensituationen dem Evangelium keinen Deut abhandeln können, indem wir auf die Sonderbedingungen verweisen, in denen wir uns befinden, dann bleibt eben doch für mich bei diesem Text ein Verweis auf die Ungeheuerlichkeit, die der biblische Anspruch für mich darstellt. Und somit auch ohnmächtige Stille …

Von Gert Rüppell

12. August

Der HERR schafft Recht den Unterdrückten, den Hungrigen gibt er Brot.          Psalm 146,7

Eine reichlich kühne Behauptung angesichts der weltweiten Unterdrückung und der Millionen Hungernden! Ob das zur Zeit des Psalmdichters anders war? Die damaligen Weltmächte waren ja nicht gerade zimperlich im Umgang mit ihren Untertanen, und von einer zuverlässigen und flächendeckenden Nahrungsmittelversorgung konnte wohl auch keine Rede sein. Unterdrückte und Hungernde waren eine Realität, die der Psalmdichter kannte – darum spricht er ja von ihnen.

War denn auch die Hilfe real? Eher ist der Psalmvers ein trotziges Aufbegehren gegen diese Realität, die nicht Gottes Willen entspricht. Wir können natürlich sagen, dass «Gott keine Hände hat als unsere Hände» und er deshalb durch unser Wirken Unterdrückung und Hunger wegschafft. Wohl können wir da und dort etwas erreichen, aber in der Absolutheit des Psalmverses ist es eine hoffnungslose Überfor- derung. Es bleibt die kühne Behauptung, das Aufbegehren, der Protest, der Glaube als «ein trotzig und verzagt Ding». Dieser Glaube ist Osterglaube. Die harte Realität wird von Gott her durchbrochen, auch wenn wir nicht richtig erfassen können, wie das geschieht. In dieses Geschehen sind wir mit hineingenommen: Christus «ruft uns jetzt alle zur Auferstehung auf Erden, zum Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren». (Kurt Marti, Reformiertes Gesangbuch Nr. 487).

Von Andreas Marti

11. August

Liebet den HERRN, alle seine Heiligen.    Psalm 31,24

Heilige – in der reformierten Kirche, in der ich 46 Jahre Organist war, sind an Decken und Wänden und in den Fenstern zahlreiche Heilige zu bewundern, ein Erbe des Mittelalters. Dagegen gibt es in der neuen katholischen Nachbarkirche gerade einmal zwei Heilige: die Mutter Gottes und (nur im Foyer) den heiligen Josef, nach dem die Kirche benannt ist. In der Liturgie ist es genau umgekehrt: kaum Heilige in der reformierten Liturgie, aber Heilige, Apostel und «alle, die vor Gott Gnade gefunden haben», im eucharistischen Gebet. Bekanntlich haben die beiden Vorgänger des jetzigen Papstes eine grosse Zahl von Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen. Man mag das vielleicht belächeln, aber in jedem Fall sind damit Werte verbunden, die von den jeweiligen Männern und Frauen gelebt worden sind, und vielleicht hilft die grosse Zahl, der Formel im Hochgebet näherzukommen:

«Alle, die vor dir Gnade gefunden haben.» Oder anders gesagt: alle, die auf diesen gnädigen Gott vertrauen. Angesprochen in unserem Losungswort sind nicht besonders ausgezeichnete und moralisch vollkommene Menschen, es sind auch nicht die «im höheren Chor» Vollendeten, es ist die ganze Gemeinde, die «ein heiliges Volk» ist. Wir bekennen die «Gemeinschaft der Heiligen» im Credo, über die Generationen hinweg und auch über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg, so schwer das manchmal auch fallen mag: die Gemeinschaft, die sich vereint weiss in der Liebe Gottes.

Von Andreas Marti

10. August

Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen! Matthäus 8,26

Mein Partner und ich sprechen über die Geschichte «Die Stillung des Seesturms», woraus der obige Vers stammt.

Ich: «Das ist so eine richtige Jesus-Superman-Geschichte. Damit kann ich nichts anfangen! – Klar hat man Angst, wenn man in einen Sturm gerät.»

Er: «Es ist eben eine typische Wundergeschichte, die hat eine eigene Dramatik.»

Ich: «Aber was soll ich denn daraus mitnehmen? Da schläft einer in grösster Gefahr, bemerkt die Angst um ihn herum nicht, steht auf, bändigt mal schnell den Wind und sagt den anderen auch noch, sie seien Angsthasen.»

Er: «Ich sehe in dieser Geschichte anderes, viele Urbilder mit symbolischem Gehalt: Sturm, drohendes Wasser, eine bedrohte Gemeinschaft. Jesus ist da, auch wenn er nicht gerade verfügbar ist. Wichtig ist die Verbindung, das Vertrauen zu ihm. Das darf nicht verloren gehen.»

Ich: «Sag das mal den Menschen, die tatsächlich vom Meer überrollt werden und ertrinken. Da ist kein Jesus, der ihnen hilft.»

Er: «Aber eine solche Geschichte lässt uns Menschen vielleicht überhaupt erst etwas wagen.»

Ich: «Ja, für uns, die wir nicht an Leib und Leben bedroht sind und gerade gemütlich in der Stube sitzen, mag das eine Mutgeschichte sein. Aber wenn du keine andere Wahl hast, als dein Leben aufs Spiel zu setzen?»

Von Katharina Metzger

9. August

Philippus fragte den Kämmerer: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen   und sich zu ihm zu setzen.                                                                        Apostelgeschichte 8,30–31

Eine gleichzeitig realistisch und doch etwas konstruiert wirkende Bekehrungsgeschichte lese ich da: Der Kämmerer, also der Schatzmeister der äthiopischen Königin, ist unterwegs zurück in seine Heimat. Er war in Jerusalem zum Beten. Nun liest er gerade in den Schriften des Propheten Jesaja. Da trifft er auf den Diakon Philippus, der sich als der richtige Mann zur richtigen Zeit erweist. Wer ist dieser leidende, sich aufopfernde «Gottesknecht», von dem Jesaja schreibt, will der Kämmerer wissen. Philippus antwortet mit dem Evangelium. Bei der nächsten Wasserstelle will sich der Kämmerer taufen lassen und zieht danach «voll Freude seines Weges».

Der Kämmerer: einer aus einem fremden Land, unterwegs auf einer wohl staubigen Strasse, in alte Schriften vertieft. Allein, obwohl er doch ein hoher Beamter ist. In theologischen Texten lesend, obwohl er doch als Schatzmeister eher mit Zahlen vertraut ist. Vom Beten kommend und nicht von Geschäften. Ein Durstiger? Ein Suchender?

Und da kommt diese Wasserstelle, in die er mit Philippus steigt: Wie gerne würde ich lesen, was er alles beim Eintauchen zurücklässt, was alles von ihm abgewaschen wird und was ihn so sehr mit Freude erfüllt!

Von Katharina Metzger

8. August

Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe  bleibt,der bleibt in Gott und Gott in ihm.       1. Johannes 4,16

In der Liebe bleiben. Verbunden bleiben mit Gott und den Menschen.

Darauf verzichten, sich zu rächen und Böses mit Bösem zu vergelten, Nörgelei mit Nörgelei, neue Möglichkeiten mit Misstrauen und Skepsis mit Skepsis.

In der Liebe bleiben: sich freuen über jedes Stück blauen Himmel und über das Sternenmeer bei Nacht.

Dankbar sein für das Alltägliche einer warmen Mahlzeit: Voller Freude teilen, was wir haben.

Gott teilt seine Schöpfung mit uns. Indem er teilt, teilt er sich mit.

In der Liebe bleiben: langsam, geduldig in Gottes Bild hineinwachsen.

Gutes tun.

Verbunden bleiben mit allem Lebendigen.

Du sagst: Verbunden bleiben in der Liebe. Das heisst: Verbunden bleiben mit Gott.

Von Reinhild Traitler

7. August

Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost!        Daniel, 10,19

Trost stammt aus der gleichen sprachlichen Wurzel wie Treue. Es bezeichnet einen längerdauernden Prozess, eine geduldige Erwartung der Zukunft. «Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden», heisst es im 1. Johannesbrief (Kap 3,2). Der Satz enthält die Zuversicht, dass dieses noch nicht Sichtbare noch erscheinen wird.

Die Zusicherung, dass wir noch am Werden sind, ein work in progress, finde ich tröstlich. Eine Zukunft ist mir zugesagt. Ich kann aus Vertrauen einfach leben und voller Zuversicht jedem neuen Tag entgegenblicken. Was ich sein werde, bestimme nicht (nur) ich selber. Unter vielen Möglichkeiten schält es sich mit Gottes Hilfe langsam heraus; oft ist es mir selbst unbewusst. Immer wieder staune ich, was ich alles geschenkt bekommen habe; freue mich über Menschen, die mit mir auf dem Weg waren und sind; bin glücklich, wenn der Tag freundlich ist; und hoffe, dass es ein Tag des Friedens werde.

Schritt für Schritt gehe ich, gehen wir, im Vertrauen, dass Gott es gut meint mit mir, mit uns allen. Dass Gott nicht ohne Trost und Hilfe lassen wird, was er geschaffen hat.

Von Reinhild Traitler

6. August

Denk daran, wie du die Botschaft empfangen und  gehört hast, bewahre sie und kehre um!    Offenbarung 3,3

«Jetzt müssen wir umkehren, das wird sonst gefährlich.» Ich erinnere mich, wie mein Vater den Abbruch einer Wanderung über Alpweiden begründete. Schwarze Gewitterwolken waren im Anzug. Schade. Wir mussten unser Ziel, einen Gipfel, aufgeben. Zurück auf demselben Pfad an den Ausgangspunkt unten im Tal.

Wenn in der Bibel vom Umkehren die Rede ist, ist die Katastrophe da, der eingeschlagene Weg führte an den Abgrund oder schon darüber hinaus. In höchster Not und Gefahr ist der mögliche Anfang einer neuen Route sichtbar.

Die jüdische Religionsphilosophin Margarete Susman sprach oft von Umkehr. Die waghalsige Umkehr zu Gott, und das ist die Teschuwa, ist keine Rückkehr unter das sichere Dach, wo man immer war. No return. Susman sprach nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten und zerstörten Illusionen von Umkehr. Und nach dem Zweiten Weltkrieg erst recht. Die alte Ordnung liegt in Trümmern. Alles, wirklich alles, muss bis ins Innerste umgeschaffen, neugestaltet, revolutioniert werden. Das ist die Botschaft.

Als wir in den 1970er-Jahren als Familie am Wandern waren, war für mich als Schweizer Bub die Welt völlig in Ordnung. So sehe ich sie heute nicht mehr. Es donnert und blitzt. Die Welt steht in Flammen, die Erde ist überhitzt. Jetzt müssen wir umkehren.

Von Matthias Hui

5. August

Mit meinem Gott kann ich über Mauern  springen. Psalm 18,30

Der fröhliche Vers wurde 1989 während der friedlichen Revolution in der DDR oft zitiert. Mit dem Mauerfall schien in Europa Krieg überwunden. Der kalte war weg,  der heisse in weiter Ferne, und die Angst vor dem Atomkrieg verflog. Aber dann verpassten es die Mächtigen, gemeinsam Hand anzulegen beim Bau eines gemeinsamen Hauses, dem Plan für Europa, der ursprünglich aus Russland kam. Kapitalistische Strukturen wurden von Westen her über den Kontinent gezogen, und damit florierten neben funkelnden Verheissungen und funktionierenden Geschäften auch Ungleichheit und Korruption.

Und der Krieg wurde bald wieder Realität: in Ex-Jugoslawien, in Tschetschenien, in Georgien – oder mit europäischer Beihilfe und mit Wegsehen im Irak, in Afghanistan,  in Syrien und anderswo. Wir wollten das alles aber nicht als Kapitel europäischer Geschichte verstehen.

Jetzt geht es nicht mehr anders. Wir sehen die Zerstörung und den Tod in der Ukraine. Wir sehen die Repression und die Diktatur in Russland. Wir sehen die Aufrüstung im Westen. Wir begegnen den geflüchteten Menschen.

Hat die – biblische – Vision des gerechten Friedens ausgedient? Hat der Pazifismus versagt? Kaum. Solche Konzepte wurden gar nie ausprobiert auf unserem Kontinent.

Fromme Wünsche – wie es jener einst war, dass die Mauer fallen könnte?

Von Matthias Hui