Kategorie: Texte

24. August

Ich wandle in weitem Raum; denn ich suche deine Befehle.              Psalm 119,45

«Ich wandle in weitem Raum; denn ich suche deine Befehle» – anstelle von «Ich wandle fröhlich, denn ich suche deine Befehle»: Beide Formulierungen stammen aus der Lutherbibel; die zweite von 1985, die erste von 2017. Sie suggerieren unterschiedliche Vorstellungen. Fröhlich wandern ist nur einfach schön. In weitem Raum aber kann ich ausschreiten und kann und muss auch etwas wagen. Gefahren können mir begegnen; um ihnen zu begegnen, brauche ich die Stütze von guten, von Gottes Weisungen.

Und nach denen macht sich der Beter, die Beterin auf die Suche. Fast alle 176 Verse dieses längsten Psalms sind eine solche Suche, unterbrochen durch immer wiederkehrende Liebeserklärungen an diese Weisungen, die ein Schutz vor Gefahren, Verfolgung und Bedrängnis und eine Hilfe zum erfüllten Leben sind.

Ganz zum Schluss, im allerletzten Vers, kehrt sich die Sicht um und endet in der eigentlichen Bitte: «Ich irre umher wie ein verlorenes Schaf. Suche mich, die ich zu dir gehöre! Ja, deine Gebote vergesse ich nicht.» Dies scheint mir der Kern dieses langen Gebets: Wir wollen uns finden lassen von Gott. Wie beim Versteckspiel! Wenn wir dazu nicht bereit sind, kommt es nur auf unsere eigene kleine Kraft an, und die versagt so oft in den schwierigen Zeiten unseres Lebens. Wenn wir uns aber von Gott finden lassen, sind wir gerettet und können im weiten Raum getrost ausschreiten.

Von Elisabeth Raiser

23. August

Wo der Geist des Herrn ist, da ist  Freiheit. 2. Korinther 3,17

Ohne lang nachzudenken, habe ich mich für diesen Satz des Paulus für die kurze Boldernmeditation entschieden; es ist der Lehrtext zu der schönen heutigen Losung: «Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.» (2. Mose 20,2) Er ist unser Trauspruch und hat meinen Mann und mich unser langes gemeinsames Leben hindurch begleitet. Dass Gott der Geist ist, macht es mir möglich, ihn anzurufen und ihn sozusagen in mich hereinzulassen. Der Glaube wurde und wird dadurch immer wieder zu einer inneren Beziehung; Gottes Geist ist eine ständige Kraftquelle, die Mut macht und die Freiheit, die er verheisst, immer wieder neu erkennen und leben lässt. Eine Schutzmauer gegen die Angst und ein Zuspruch im Sinn von: Erkenne deine Freiheit und nutze sie!

Der Textzusammenhang in 2. Korinther 3 ist allerdings problematisch: Paulus setzt sich hier vom Buchstaben der «steinernen Tafeln», also des Gesetzes, und von der «verhüllten Herrlichkeit» des ersten Bundes ab. «Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.» (2. Korinther 3,6b). Das glaube ich nicht – ich halte mich lieber an seine Aussage im Römerbrief (11,18): «Rühmst du dich aber (dem Sinn nach: der Freiheit von Israel), so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel dich trägt.» Ein grosser Dank an diese Wurzel!

Von Elisabeth Raiser

22. August

Bist du es nicht, HERR, unser Gott, auf den wir hoffen?          Jeremia 14,22

Über das Land ist eine Dürre hereingebrochen, es ist eine Katastrophe. Unserem Vers geht ein Schuldbekenntnis voraus, als Angebot an Gott. Darauf die Antwort: «Gibt es unter den Nichtsen der Völker solche, die regnen lassen? Oder  ist es der Himmel, der regnen lässt? Bist nicht du es, HERR, unser Gott, und hoffen wir nicht auf dich?» (Jeremia 14,22, Zürcher Bibel) Ja, Gott, wir hoffen auf dich. Und doch sind wir angesichts des grässlichen Krieges in der Ukraine auch dabei zu fragen: «Lässt du, Gott, diesen Krieg zu? Schaffst du nicht ein Ende?» Die Fragen aus dem Text sind so auch unsere Fragen. Und wir wissen keine Antworten, so wie auch im Text keine Antwort zu finden ist. Und doch: «Bist nicht du es, HERR, unser Gott, der regnen lässt?»

Und so fragen wir heute: «Bist nicht du es, Gott, die Lebendige, die Frieden schenkt?» Wir hören nicht auf zu hoffen, wir bleiben dran und hoffen weiter, Tag für Tag, auf Frieden in der Welt. Wir hoffen, dass Gott ihn schenkt, und wir hoffen, dass die Menschen zur Vernunft kommen. Aber Antworten auf die Fragen nach Gottes Handeln oder Hinweise gibt es im Moment keine. Nur etwas gibt es: Die Lebendige lässt uns nicht allein, auch nicht mit unseren Fragen. Also fragen wir weiter und hoffen wir weiter, das ist jetzt genau unsere Aufgabe.

Schenke uns die Kraft, Hoffende zu  bleiben.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. August

Haltet mich nicht auf, denn der HERR hat Gnade zu meiner Reise gegeben.      1. Mose 24,56

Gewiss, Gott hat die Reise seines Dieners gelingen lassen, denn er kehrt mit Rebekka zu Abraham und seinem Sohn Isaak zurück. Rebekka wird Isaaks Frau werden. Rebekkas Familie wollte sie noch zehn Tage bei sich behalten. Da bittet der Diener darum, nicht aufgehalten zu werden. Er ist so glücklich, dass er das Ziel seiner Reise zur Zufriedenheit Abrahams erreichen konnte, und will nichts anbrennen lassen.

Nicht aufgehalten werden, zielstrebig sein, wer möchte das nicht! In unserer berührenden Geschichte wird die Zielstrebigkeit deutlich mit der Gnade der Lebendigen begründet. Der Diener hatte es Abraham so versprochen und seine Reise auch gut geplant.

Unsere Zielstrebigkeit ist oft mit Zielen verknüpft, die mit den Vorgesetzten vereinbart sind. Wir bekommen dafür sogar schriftlich Anerkennung – oder eben nicht. Bei der Lebendigen ist das nicht anders. Aber da ist noch etwas: Gott hat die Reise gelingen lassen. Der Diener war nicht allein, die Lebendige war mit ihm. Bei unseren Zielvorgaben und deren Auswertung sind wir es, die Ziele setzen oder gesetzt bekommen. Und wir sind dankbar, wenn wir sie erreichen, auch etwas stolz, durchaus, auch wir wollen nicht aufgehalten werden. Und wie oft atmen wir durch, wenn es gelingt. Ob wir auch daran denken, dass die Lebendige unsere Reisen gelingen lässt?

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. August

Gott spricht: Ich will für Israel wie der Tau  sein, dass es blüht wie eine Lilie.                 Hosea 14,6

Blumen spielen in der Bibel eine zwiespältige Rolle. Sie fungieren einerseits als Sinnbilder der Vergänglichkeit. Ihre Botschaft könnte dann so lauten: «Heute blühen wir und morgen schon sind wir verdorrt.» Wie besingt es das Kinderlied? Roti Rösli im Garte, Maieriisli im Wald, wänn de Wind chunnt goge blase, denn verwelked sie  bald.

Blumen sind aber auch Sinnbilder für das Schöne. Der Prophet spricht zwar nicht von Rosen, sondern von Lilien. Aber die sind beinahe so schön wie Rosen. «Lilien auf dem Feld» sind auch für Jesus von Nazareth Zeugen für die Pracht der Schöpfung. «Salomons Seide» hat im Vergleich zu Lilien nicht einmal den Hauch einer Chance!

Hat sich Jesus für sein floristisches Gleichnis von Hosea inspirieren lassen? Die Losung zitiert aus einer Rede des Propheten, in der Gott sich zu seinem Volk bekennt. Gott bringt Israel zum Blühen, ist wie der Tau, ein köstliches Nass, das die Blüten aufgehen lässt. Wenn man beide Gleichnisse zusammenschaut, spürt man einerseits den Schmerz des Verwelkens, wenn die Lüfte des Todes dreinwehn, aber man freut sich andererseits über die verschwenderische Liebe, die am Morgen aufblüht. Was wiegt mehr?

Ich schlage vor, dass wir uns heute für den Tau entscheiden!

Von Ralph Kunz

19. August

Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich.          Psalm 63,9

Jüngere Menschen benutzen für «entspannen» ein Wort, das ich in meiner Jugend nicht kannte. Sie «hängen ab». Kennen Sie nicht? Easy! Das ist wie «chillen» oder «relaxen»! Man nimmt es locker. Ob der Psalmist seine Gottesbeziehung auch so entspannt sieht?

Wohl kaum! Er hängt nicht, er hängt sich rein und ran. Das Sich-an-Gott-Hängen der Seele ist Ausdruck einer existenziellen Anhänglichkeit, die eine innigste Verbindung sucht. Es ist ein Bild des Vertrauens. Mit Hängematten-Gelassenheit hat das wenig gemein. Und doch ist eine Vertrautheit in diesen Worten, die frei und froh macht. Der Psalmist stellt seinen Hang zu Gott in den Zusammenhang der Seele mit Gott. «Deine rechte Hand hält mich» drückt aus, dass die Seele des Beters «entspannt» sein darf. Unter «Seele» darf man sich nicht den ätherischen Silberschleier in uns vorstellen, der unsterblich und edel vor sich hinwabert. Die Seele ist nicht Geistleib, sondern der nimmersatte Schlund, das Saugorgan des Lebens, der luftgierige Hals, der nach Luft schnappt. Wie muss man sich eine Seele vorstellen, die sich Gott anhängt?

Ich stelle es mir so vor: Wenn meine Seele an Gott hängt und von Gott gehalten wird, ist sie ganz bei sich selbst und doch nicht allein. Mit einem anderen Wort: Sie ist glücklich!

Von Ralph Kunz

18. August

So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und  Gott, was Gottes ist!    Lukas 20,25

Nun nehme ich nicht an, dass Sie als Boldern-Leser:in blinden Staatsgehorsam pflegen und dem, was Gott will, gleichgültig gegenüberstehen. Auch nicht, dass für Sie Gott und Welt total getrennte Bereiche sind und Religion sich aufs Innere und die Sorge um die Seele beschränkt. Im Gegenteil! Aber was ist Gottes Sache und was die von Politikern:innen?

Während ich diese Zeilen schreibe, tobt der Krieg in der Ukraine – und ich muss manche meiner bisherigen Einsichten überdenken.

Was ist die Rolle der Ewigen in meinen Überlegungen? Will sie nicht Frieden? Bedeutet dies, die Menschen in der Ukraine nicht mit Waffen zu unterstützen, sondern mit Gebeten und Mitgefühl? Aber: Einem Aggressor keinen Einhalt gebieten?! Also doch Waffen? Wir können in dieser Situation keine weisse Weste behalten. Es gibt aber auch keinen gerechten Krieg. Mancher Slogan bei den Ostermärschen klang für mich auf einmal arg naiv.

Nein, es sind keine getrennten Bereiche. Und ich möchte sie zusammenhalten und nicht aufhören, weiter zu denken und die Ewige zu fragen, was zu einem Ende des Krieges und zu einem gerechten, nicht naiven Frieden führt.

Von Ulrike Müller

17. August

Seid nicht träge in dem, was ihr tun  sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.      Römer 12,11

Komm, hänge nicht so abgeschlafft herum! Kannst du dich denn nicht mal wieder für etwas so richtig begeistern?!

Hilft Ihnen, hilft mir das? Es macht mich eher müde. Und klingt so hilflos.

Wenn nun aber die Übersetzung der BigS den Sinn besser trifft? «Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück; lasst euch von der Geistkraft entzünden und setzt euch für die Lebendige ein.» Dann bin ich eingeladen, eine ganz andere Perspektive einzunehmen. Nämlich die, als brenne schon längst ein Feuer in mir. Und zwar dort, wo ich wenig von mir weiss. Wie wenn die Ewige sich in diesem unendlichen Raum zuinnerst in mir zeigt. Mich dort anrühren will, etwas anfachen.

Und Paulus, der subtile Beobachter des Lebens, sieht bei Menschen um sich herum, wie sie – statt in diesen offenen Raum hineinzulauschen und zu hoffen – «drunten» halten, was da aufbrechen will; es nicht wahrhaben wollen.

Warum? Weil es doch nicht so einfach ist. Weil es nicht passt zu dem, wie man sich selbst zu sehen gelernt hat. Weil man gefangen ist in abgekühlten Idealen.

Aber wenn doch der Funke schon da ist …

Von Ulrike Müller

16. August

Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen  Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.         Matthäus 5,15

Licht, Leuchten, Leuchtfeuer. Ich wohne mit meiner Familie seit vielen Jahren für einige Wochen als Urlaubsseelsorger neben dem alten Leuchtturm auf der Nordseeinsel Wangerooge – auch heute, am 16. August. Früher diente dieser alte Leuchtturm als Seezeichen. Durch sein Lichtsignal wies er den Seeleuten auf den Schiffen ihren Weg. Die Lichtsignale ermöglichten die Navigation und das Umfahren gefährlicher Stellen im Gewässer. Die Seeleute waren angewiesen auf solche Zeichen, die in bedrohlichen Situationen Rettung bedeuten konnten.

Ohne Licht kann kein Mensch leben, ohne Licht wächst keine Pflanze, gedeiht keine Blume. Licht brauchen wir, wie die Luft zum Atmen. Ohne Licht kein Leben, ohne Licht ist nur Finsternis.

Ein Leuchtturm steht auf einem erhobenen Platz. Je höher der Leuchtturm, desto weiter reicht sein Licht, desto mehr Seeleute können es wahrnehmen.

Es gibt Menschen, die verbergen ihre Lichter und Leuchtfeuer. Sie sind vielleicht zu bescheiden oder erkennen nicht, dass sie Licht bedeuten für ihre Umgebung, so, wie sie sind. Der Blick aus der Urlaubsseelsorger-Wohnung sagt mir: Wir brauchen Lichtträger mit ganz viel Glauben, Liebe und Hoffnung. Wir brauchen Lichtträger dringender denn je.

Von Carsten Marx

15. August

Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte des HERRN ist  erhöht; die Rechte des HERRN behält den Sieg!      Psalm 118,15.16

Hört Gott mein Gebet? Diese Frage stellt sich wohl jeder betende Mensch irgendwann einmal. Diese Frage ist akut. Gebetet wird viel auf der Welt. Als Dank. Als Klage. Als Lob. Als Bitte. Aus Verzweiflung. Aus Glück. Für andere. Für mich. Mit Worten. Mit Gesang. Im Schweigen. Doch hört uns jemand zu, wenn wir beten? Und: Werden unsere Gebete auch erhört?

Im Psalm 118 kommt uns ein grosser Optimismus entgegen. Ich nenne es Hoffnung. Ja, Gott hört uns, sagt der Psalm. Und nicht nur das: Gott greift sogar zu unseren Gunsten ein. Gott rettet. Aus Not und Dunkelheit befreit Gott.

Im Leben gibt es nicht nur schöne Tage. Wir erfahren Widerstand. Für viele Menschen ist das Leben oftmals ein regelrechter Kampf. Dennoch: Gott rettet. Gott hilft. Und wir können von dieser Hilfe und Rettung singen. Hier im Psalm hat das jemand erfahren, und wir können versuchen, dieser Glaubens- und Gotteserfahrung zu vertrauen. Da ist jemand, der seinen Glauben, seinen Gott genau so versteht, dass er unser Gebet hört, dass Gott uns erhört. Wir brauchen dieses Gefühl gerade in Krisenzeiten.

Von Carsten Marx