Kategorie: Texte

3. September

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich. 5. Mose 29,28

Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen: Warum ein junger, gesunder Mensch sterben muss, warum ein Kind tot geboren wird, warum Länder kriegerisch angegriffen werden. Warum, warum, fragen wir und bekommen keine Antwort.
Das Geheimnis der Schöpfung haben wir noch immer nicht gelüftet, und das ist gut so. Warum alles wissen wollen? Viel lieber freuen wir uns doch der Grossartigkeit der Schöpfung, wie sie sich uns darbietet in ihrer Vielfalt.  «Geh aus, mein Herz, und suche Freud …» Das ist wohl die angemessene Haltung gegenüber der sich uns offenbarenden Welt, die auch unseren Kindern ewiglich versprochen bleibt.

Es gibt aber auch Hindernisse und Schranken gegenüber dem Lob des Mysteriums Gottes: Schuld, die wir vor uns verbergen und zudecken, falsche Ideologien, mangelnde Erkenntnis, Unglaube und Ereignisse, die wir anderen nicht vergeben können.
Sich dieser Dinge bewusst zu werden, so schmerzlich es ist, ist schlussendlich befreiend und bringt uns in Verbindung mit dem Gott, der uns letztlich verborgen bleibt und aus dem doch alles Leben strömt.
Das wollen wir bedenken, denn gestern war der ökumenische Tag der Schöpfung.

Von Kathrin Asper

2. September

Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden geschaffen.
Offenbarung 4,11

Durch Gottes Willen wurde alles geschaffen. Das kann ich so stehen lassen. Viel mehr aber gefällt mir die Stelle aus Genesis 1, wo es heisst: «Und die Erde war wüst und öde, Finsternis lag auf der Urflut und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.»
Dieser Geist, der alles schuf, auch Gottes Atem, ruach genannt, ist die von JHWH ausgehende Lebenskraft; sie schuf und belebte alles, Flora, Fauna und auch uns, die Menschen. Durch diesen Geist sind wir im Innersten mit Gott verbunden, sind seine Geschöpfe. Ergreifen wir diese Lebenskraft, hat unser Leben Sinn und Richtung, auch erdauern wir damit die Durststrecken und Ödnisse unseres irdischen Daseins.
Die ruach ist eng verbunden mit dem Geburtsvorgang und ist weiblich. Dieses immerwährende Leben, das von Gott ausgeht und das Ina Prätorius die «Geburtlichkeit» nannte, ist eine Vorstellung, die mich immer wieder erfreut, denn sie verbindet mich mit der ganzen Schöpfung mit allem, was lebt und sich trotz Tod stets wieder erneuert und neu gestaltet.
William Blake sagte, als er die Sonne aus dem Meer steigen sah: Ich sehe Gottes Herrlichkeit (…) die Erde ist voll von seiner Herrlichkeit.

Von Kathrin Asper

1. September

Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! Klagelieder 3,57

Die Gastkolumne stammt von Werner Kramer. Er war Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich.
Wenn ich in der Bibel oder in den Bolderntexten lese, hoffe ich, dass sich der Sinn ihrer Worte mischt mit meinen eigenen Empfindungen und ich verändert in meinen Tag gehe. Manchmal verdanke ich den Menschen der Bibel Worte, um eigene Erfahrungen auszudrücken, oder Bilder, die Eigenes spiegeln.
Gerne würde ich das heutige Wort als eigene Erfahrung nachsprechen: «Du nahtest dich mir, als ich dich anrief.» Als ich betete, fühlte ich dich mir ganz nah, wie Wärme, die mich anstrahlt. Ein zutiefst glücklicher Moment.
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich nicht selten beim Beten Gottes Nähe kaum spüre. Anderes schiesst mir durch den Kopf, oder ich schlafe ein. Oft muss ich mich schütteln und selber zu mir sagen: Fürchte dich nicht!
Manchmal fühle ich mich umgeben von Menschen, zu denen in der Bibel gesagt wird: «Fürchte dich nicht.» Da sind Hirten auf dem Feld, denen der Engel dies in der Weih- nachtsnacht zuruft, da ist der Täufling in der Kirche, dem die Pfarrerin den Taufspruch zuspricht: «Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.» In dieser Gesellschaft bin ich gerne.

Dass «Fürchte dich nicht!» auch in den wenig bekannten Klageliedern des Alten Testaments steht, wusste ich nicht, bis es mir als Losungswort zufiel. Und mit ihm die Situation des durch die Babylonier zerstörten Jerusalem und des Tempels.

«Ach, wie liegt sie einsam da, die Stadt, einst reich an Volk, nun einer Witwe gleich!» «Draussen raubt das Schwert die Kinder, im Haus ist es wie tot.» «Ach, wie färbt das Gold sich schwarz, die Steine des Heiligtums liegen herum an allen Strassenenden.» Tod, Zerstörung, Gefangenschaft, Ausrottung – die nie endende Geschichte des Krieges. Von der Zerstörung Jerusalems bis zu Mariupol in der Ostukraine, dem Erdboden gleich gemacht. Tote in den Strassen, Massengräber, die Zivilbevölkerung vertrieben oder deportiert.
«Wasser flutete über mein Haupt, ich sagte, ich bin vom Leben abgeschnitten.» Hört das denn nie auf? Bleiben uns nur Klagelieder?
«Ich rief deinen Namen, Herr, von tief unten aus der Grube.» Was nützt das? Nach der Erfahrung dessen, der das Klagelied anstimmte: «Am Tag, da ich dich rief, hast du dich genaht, du sprachst: Fürchte dich nicht.»
Ja: «Er kann, er will, er wird in Not, vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen.»

Was sollte ich mich fürchten?

Von Werner Kramer

31. August

Gott kann machen, dass alle Gnade unter euch  reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten  Werk. 2. Korinther 9,8

Reichtum ist bei Paulus kein Selbstzweck. Er befähigt zum guten Werk. Der Apostel predigt die Grosszügigkeit und scheint doch allzu gut zu wissen, was ihr im Weg steht: die tiefsitzende Angst, zu kurz zu kommen. Deshalb will er den Geiz bei der Wurzel packen und stellt der Furcht das Vertrauen auf Gottes Gnade entgegen.

Freilich lässt sich Freigiebigkeit nicht verordnen: «Jeder aber gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang.» Es geht hier nicht um einen Wettbewerb der Wohltätigkeit, der in der Logik des Gebens und Nehmens gefangen bleibt, sondern um eine neue Selbstverständlichkeit der Güte, die keinen Gegenwert erwartet. Sie ist Gottesdienst im wahrsten Sinn des Wortes, weil sich «zum Evangelium von Christus bekennt», wer gibt.

Im Gottesdienst gehören Fürbitte, Segen und Kollekte zusammen. Und eine Spende an ein Hilfswerk zu dieser Morgenandacht? Nicht aus dem schlechten Gewissen heraus, privilegiert zu sein, sondern in der gelassenen Gewissheit, von Gott immer wieder reich beschenkt zu werden. Täglich eingeübte Dankbarkeit ist die wirksamste Medizin gegen den Geiz und der beste Antrieb zum Handeln.

Von Felix Reich

30. August

Als Mose seine Hand über das Meer reckte, liess es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind.   2. Mose 14,21

Ich stehe am Strand. Die Wellen geben den glitzernden Sand frei, die schwarz schillernden, mit Muscheln übersäten Felsen, um sie sogleich wieder zu verschlucken. Barfuss im Sand stehen, sich umspülen lassen. Ich spüre, wie ich einsinke. Die Wellen rütteln an mir. Ich halte stand. Den Wind im Gesicht, das Salz auf der Zunge, nichts als die Brandung im Ohr. Manchmal denke ich, Gott wohnt im Meer.

Mir kommt ein Lied der «Einstürzenden Neubauten» in den Sinn: «Und umgekehrt, wenn du bist, wild, und laut und tosend deine Brandung, in deine Wellenberge lausch ich, und aus den höchsten Wellen, aus den Brechern, brechen dann die tausend Stimmen, meine, die von gestern, die ich nicht kannte, die sonst flüstern, und alle anderen auch, und mittendrin der Nazarener; immer wieder die famosen, fünf letzten Worte: Warum hast du mich verlassen? Ich halt dagegen, brüll jede Welle einzeln an: Bleibst du jetzt hier?»

Es gibt Momente, in denen das Meer zurückweicht wie bei Mose. Die Wellen holen Atem und legen den Urgrund des Vertrauens frei jenseits der Worte. In der flüchtigen, unverhofften Euphorie beim Musikhören. Oder in der Getrostheit, gefunden worden zu sein.

Von Felix Reich

29. August

Mach dich auf, Gott, und führe deine Sache. Psalm 74,22

Die Schlacht ist verloren. Die Heiligtümer liegen in Trümmern, der Feind triumphiert und erniedrigt die Besiegten. Der Psalm erzählt von einer Niederlage und der Schmach danach. Ich wünschte, die Bilder, die beim Lesen der Verse in mir aufsteigen, wären mir fremd. Altes Testament eben und deshalb ganz weit weg. Doch ich kenne die Bilder nur allzu gut. Die Bilder von zerbombten Kirchen, brennenden Moscheen, zerschossenen Tempeln, zerstörten Synagogen. Und all die Städte und Dörfer in Trümmern, Menschen auf der Flucht, der Gewalt ausgeliefert. Wie der Psalmist frage ich mich, warum Gott das alles zulässt. Weshalb er seine Hand zurückzieht, statt sie schützend über die Opfer zu halten und die Angreifer zurückzuschlagen.

«Steh auf, Gott, führe deinen Streit.» So übersetzt die Zürcher Bibel die Tageslosung und spitzt sie zu. Ich bete dafür, dass Gott uns die Kraft gibt, aufzustehen gegen das Unrecht und die Gewalt und dabei hilft, den Frieden zu erstreiten. Aber halt: Kann ich überhaupt sicher sein, was Gottes Sache ist? Es ist doch seine Sache. Vielleicht steckt auch diese Warnung im Psalm: dass viele Kirchen und Moscheen brannten und brennen, gerade weil die Menschen meinten, Gottes Plan zu kennen und seinen Streit selbst führen zu müssen. Auch in seiner Ambivalenz ist der Psalm aktueller, als mir lieb ist.

Von Felix Reich

28. August

Paulus schreibt: Betet für uns, auf dass  Gott uns eine Tür für das Wort auftue.     Kolosser 4,3

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein interessierter Blick, der nicht an der Oberfläche bleibt, sondern mehr möchte. Mehr sehen, durchschauen, ein  Bild zusammensetzen – Farben, Formen. Nicht einfach nur gedankenlos drüberschauen, sondern sich öffnen. Die Augen sind das Tor zu Seele, so sagt man. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein offenes Ohr, das die Hintergrundmusik nicht überhört, sondern lauschen kann. Einzelne Töne unterscheidet. Unser Ohr – Hammer, Amboss, Steigbügel –, so fein und aufeinander abgestimmt, dass selbst das Wachsen des Grases ihnen nicht entgeht. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort?

Ein weites Herz, das weiss, dass es nicht aus sich heraus schlägt, sondern mit jeder Kontraktion die frohe Botschaft des Lebens und der Befreiung rotlebendig bis in den entlegensten Winkel des Körpers pumpt. Unablässig, immer wieder. Eine Tür für das Wort?

Was könnte sie sein, die Tür für das Wort? Du und Ich

Wir könnten es sein?

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. August

Du, HERR, wollest deine Barmherzigkeit nicht von mir wenden; lass deine Güte und Treue allewege mich behüten.        Psalm 40,12

Nicht die Gottlosen oder die Anderen sind es, sondern die eigenen bösen Taten, die den Beter, die Beterin gegen Ende des 40. Psalms ereilen. «Meine Fehler holen mich ein, ich kann sie nicht mehr überblicken. Zahlreicher als die Haare auf dem Kopf sind sie – mein Herz verzagt.» (BigS)

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, sagt der Volksmund. Hier ist Selbsterkenntnis eine Voraussetzung, ein Hauptgrund für das Gebet.

Und so schreien er und sie nicht nach Gerechtigkeit, sondern behaften Gott bei seiner Barmherzigkeit, Güte und Treue – Zuverlässigkeit, so übersetzt es die Bibel in gerechter Sprache, es ist, so finde ich, genau das richtige Wort dafür.

Der Beter sucht Gottes befreiendes Handeln, das die Last, auch die Last der eigenen Sünden, der eigenen Verfehlungen, von den Schultern nehmen kann. Die Beterin sucht etwas, auf das sie sich verlassen kann, auch wenn sie selbst den Überblick verloren hat und sich vielleicht sogar verlassen fühlt. Ein Gegenüber, das nicht nachträgt, sondern mitträgt.

Du, Lebendige, verschliess doch dein Erbarmen nicht  vor mir! Deine Treue, deine Zuverlässigkeit mögen mich allzeit behüten.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. August

Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit  Psalmen,  Lobgesängen  und  geistlichen  Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Kolosser 3,16

Als es nach langen Monaten der Pandemie wieder erlaubt war, im Gottesdienst (mit Maske) zu singen, traten mir beim ersten Lied die Tränen in die Augen. Ich weiss nicht mehr, welches Lied wir gesungen haben, aber ich erinnere mich, dass mich meine Reaktion überraschte: Ich war gleichermassen ergriffen, bewegt, froh und dankbar. Das gemeinsame Singen nach so langer Zeit hatte etwas von Nachhausekommen, das Vertraute, das ich schmerzlich vermisst hatte, war wieder da. Seither singe ich aus vollem Herzen, so gut ich kann, mit oder ohne Tränen in den Augen und freue mich über die tröstende und stärkende Kraft des gemeinsamen Singens, das uns als ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringt.

Um die heilsam-heilende Wirkung des gemeinsamen Singens wussten auch die frühen Gemeinden. Ja, es gab auch in Kolossä Streit und Unstimmigkeiten darüber, wie das Leben von Christenmenschen auszusehen hat; was gelten soll und was nicht; wie der «richtige» Weg ist; wie streng oder grosszügig die Weisungen auszulegen sind. Es gab und gibt eben nicht die eine richtige Weise. Aber es gibt Einen, der trotz und in allen Unterschieden Verbindung und Gemeinschaft stiftet: Christus. Darum «lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen» – und singt, singt gemeinsam!

Von Annegret Brauch

25. August

Ich will zu Gott rufen, und der HERR wird mir  helfen. Psalm 55,17

Was für ein Vertrauen kommt in diesem Vers zum Ausdruck! Es wächst in Bedrängnis und Angst; es versiegt nicht, trotz Anfeindung und Verrat der Freunde; es wird stark im Mut und im Wagnis, das Leben der EWIGEN in die Arme zu werfen. Der Psalmbeter, die Psalmbeterin kennt die Schrecken, die Menschen einander zufügen können, kennt die Verzweiflung und das Grauen in Todesangst, das Entsetzen über Lüge und Verrat. Er und sie rufen und klagen, flehen um Rettung, ringen mit sich und mit Gott – und sie halten stand, auf wundersame Weise: «Ich aber will zu Gott rufen, und der HERR wird mir helfen.»

In einer für sie schwierigen und bedrängenden Lebenslage schrieb Hilde Domin diesen Vers in ihr Tagebuch: Ich setzte den Fuss in die Luft, und sie trug.

Da ist es wieder dieses wundersame Vertrauen, das, fragil und doch kräftig, angefochten und doch stark, Menschen in Not und Bedrängnis zuwächst und sie trägt.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen. (Dietrich Bonhoeffer)

Von Annegret Brauch