Kategorie: Texte

8. August

Dienet einander, ein jeder mit der Gabe,
die er empfangen hat, als die guten Haushalter
der mancherlei Gnade Gottes.
1. Petrus 4,10

Ganz ehrlich: Manchmal wünschte ich mir, die hier verwendeten
Bibelverse würden nicht der Luther-Bibel entnommen,
sondern einer Übersetzung, die den Menschen von heute
etwas mehr «aufs Maul schaut». Manchmal bin ich aber
auch verzückt ob ihrer altertümlichen Schönheit, die eine
besondere Poesie und Innigkeit vermittelt. So ergeht es mir
mit der «mancherlei Gnade Gottes».
Gnade ist für uns ja sowieso ein schwer zugänglicher Begriff
geworden, weil wir darin etwas Hierarchisches, ja Gönnerhaftes
lesen. Kein Geben und Nehmen auf Augenhöhe, sondern
eine Gabe von oben herab. So viel sympathischer wirkt
hingegen diese «mancherlei Gnade». Mit dieser simplen,
auch etwas lustig klingenden Zugabe wird dieses göttliche
Wirken auf Erden plötzlich sehr viel leichter und vielseitiger,
ja fröhlicher. Es ist ein bisschen wie ein Konfettiregen, der
vom Himmel fällt und die Menschen in ihrer Buntheit feiern
lässt und sie vereint.
Passend zum Anfang des überhaupt sehr schönen Verses
spiegelt sich in dieser mancherlei Gnade Gottes das
Mancherlei der menschlichen Gaben. Und so bekommt
diese etwas aus der Zeit gefallene Formulierung etwas sehr
Modernes. Niemand ist gleich. Alle Menschen sind einzigartig
und doch in einem göttlichen Mancherlei vereint.

Von: Esther Hürlimann

7. August

Josef blieb im Gefängnis, aber der HERR war mit ihm. 1. Mose 39,20.21

Das ist der irritierende Drehpunkt in der farbigen Erzählung,
wie Josef, nachdem er es zu hohem Ansehen gebracht hatte,
zu Unrecht eines sexuellen Übergriffs beschuldigt und deswegen
ins Gefängnis geworfen wird. Das Unrecht wird nicht
aufgedeckt. Josefs Unschuld wird nicht anerkannt, er wird
nicht freigelassen. Aber – oft kommt nach einem «Aber»
das Entscheidende – die Haft ist nicht ein Zeichen dafür,
dass Gott Josef verlassen hätte. Das Gefängnis ist im Gegenteil
der Ort, an dem Gott mit Josef ist – und wo Gott viel
mit ihm vorhat.
Wir glauben und bekennen, dass Gott mit allen ist, die
gefangen gehalten werden. Das bezeugt uns der gefangene,
gefolterte, hingerichtete Christus. Das soll uns aber nicht
dazu verführen, den Kampf gegen Folter und Willkür aufzugeben,
uns nicht für das Recht der Gefangenen und ihre
Befreiung einzusetzen. Sie sollen nicht verzweifeln müssen,
nicht am Unrecht zerbrechen, das ihnen angetan wird.
Neben der Losung steht indessen ein kurzer Text von Dietrich
Bonhoeffer. Mir kommt Nelson Mandela in den Sinn.
Oder Marie Durand in ihrem «Standhaftigkeitsturm», der
Tour de Constance. Sie stehen für das tiefe Geheimnis, dass
Gott manche nicht aus ihrer Bindung, ihrer Gefangenschaft
befreit, weil Gott – darin liegt die Irritation dieser Losung –
genau darin Erstaunliches bewirkt.

Von: Benedict Schubert

6. August

Voll Mitleid und Erbarmen ist der Herr. Jakobus 5,11

Gott hat viele Namen. Ganz bestimmt zählt «Buchhalterin»
nicht dazu. Gott berechnet nicht, wer wie viel Mitleid zugute
hat. Er zieht nicht Bilanz, wem wie viel Erbarmen zusteht.
Vor Gott sind wir alle gleich. Für alle ist genug da. Aber wir
führen uns dennoch oft als Buchhalter auf. Wir lassen den
einen mehr Mitgefühl zukommen als anderen – weil sie uns
sympathischer sind, vertrauter. Oder weil wir in Rechnung
stellen, dass sie uns schon mal geholfen haben oder wir noch
auf sie angewiesen sein könnten. Die Journalistin Christine
Wiedemann spricht von der «Ökonomie der Empathie». Es
gebe Richtungen, in die Empathie frei fliessen könne, und
andere, wo der Fluss blockiert sei.
Christine Wiedemann will, dass das, was gesellschaftliche
Gruppen in der Geschichte erlitten haben oder in der Gegenwart
erleiden, nicht in Konkurrenz zueinander gestellt wird.
Opferzahlen gehören nicht auf Waagschalen. Zum Beispiel
die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen
und Juden, und die Nakba, die Vertreibung der Palästinenserinnen
und Palästinenser aus ihrem Land. Gott ist voll
Mitleid und Erbarmen: Er will, was Christine Wiedemann
so beschreibt: «eine Welt, in der es keine Hierarchie von
Leiderfahrungen
mehr gibt und keinen Schmerz, der nicht
zählt».

Von: Matthias Hui

5. August

HERR, höre meine Worte, merke auf mein Seufzen!
Vernimm mein Schreien; denn ich will zu dir beten.

Psalm 5,2.3

Wie oft beten Sie? Das schweizerische Bundesamt für Statistik
wollte es vor einiger Zeit ganz genau wissen. 44,8 Prozent
gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten nicht
gebetet haben. Fast gleich viele Befragte, nämlich 43,4 Prozent,
gaben an, dass sie mindestens einmal im Monat beten,
24,1 Prozent davon täglich. Was bedeutet Ihnen das Gebet?
Wird Ihr Seufzen vernehmbar oder gar Ihr Schreien? Kann
vielleicht zumindest Gott es hören?
Vor zwanzig Jahren ist Dorothee Sölle gestorben. Sie fehlt.
Denn es gibt nicht viele Menschen wie sie, die uns weiterhin
zum Beten ermutigen. Die uns die Schönheit und
die Menschlichkeit, das Dialogische und das Politische des
Betens zeigen. Dorothee Sölle sagte: «Beten bedeutet, nicht
zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es
bedeutet, Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder.»
Für die Statistik wäre Dorothee Sölle ein klarer Fall gewesen:
Täglich (…) gott um die gabe der tränen bitten
täglich salz und scham
täglich frei werden
täglich gott
Dorthin möchte ich gerne. Und Sie?

Von: Matthias Hui

4. August

Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass
dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott;
denn Gott ist im Himmel und du auf Erden;
darum lass deiner Worte wenig sein.
Prediger 5,1

Wir wissen nicht, wer genau der Verfasser des Kohelet, des
Predigerbuchs, ist. Hier tönen seine Worte so, als ob sie aus
einem Kurs für kirchliche Mitarbeitende stammen würden.
Sie sind aber etwa ums Jahr 200 vor Christus entstanden!
Was hier und im ganzen (kurzen) Abschnitt gesagt wird,
gilt heute genauso wie damals: Entscheidend ist nicht, was
getan oder was gesagt wird – entscheidend ist, dass zunächst
gehört wird (vorangehender Vers)! Tempeldienst – wir können
ihn hier und heute ruhig als Gottesdienst verstehen –
beginnt mit einer hörenden Haltung. Das bewirkt, dass
das eigene Wort, das dann gesagt wird, mit Zurückhaltung
gesagt wird. Es geht nicht um mich, es geht um Gott! Und
um meinen Respekt vor ihm/ihr. Diesen zeige ich durch
einen bedachten, achtsamen Umgang mit der Art, wie ich
rede. Es ist geradezu rührend, wie ausführlich der Prediger
hier ist, wie genau er seine Anweisungen gibt, wie direkt er
spricht und wie eindeutig er Hören, Denken, Reden und
Handeln (rituelles Tun) in eine Reihenfolge bringt; das Reden
folgt erst an dritter Stelle! Weil der Prediger jedoch kein
Kursleiter ist, gelten seine Mahnungen schlicht allen und
jederzeit.

Von: Hans Strub

3. August

Eure Liebe ist wie der Tau, der frühmorgens vergeht!
Hosea 6,4

Hosea ist der Prophet der harten und radikalen Sätze! Er
sieht es als seinen prophetischen Auftrag, dem Volk klipp
und klar zu sagen, wo es steht und wie es sich verhält. Er tut
das hier, indem er ein Bild umdreht, das vertraut ist und das
auch in Liebesgedichten in vielen Variationen verwendet
wird, zum Beispiel: Meine Liebe ist wie der Morgentau, der
sich sanft auf dich legt. Eben gerade nicht bei euch, sagt
Hosea, er löst sich auf, verdunstet, verschwindet. So ist es mit
eurer Liebe, mit eurer Treue (die Zürcher Bibel bleibt etwas
zurückhaltender): Sie hält nicht. Sie trägt nicht. Man kann
ihr nicht vertrauen. Man kann euch nicht trauen. Ihr macht
zwar den Anschein, als ob ihr Liebe und Treue hättet, aber
wenn man genauer hinschaut, ist da nichts. Leere. Also Lieblosigkeit,
Treulosigkeit. Das «richtige Gegenteil sind Wahrhaftigkeit
und glaubwürdiges Sein und Tun!» (Verse 5–6)
Darauf kommt es an, damals am Ende des Nordstaates Israel
wie heute. Hoseas heftige Worte stellen auch uns Fragen –
aber sie geben auch Hinweise auf Antworten. Nicht wie wir
uns geben, ist recht, sondern wie wir sind. Im Verhältnis zu
Gott und im Verhältnis zueinander. Nicht flüchtiger Tau,
sondern nährendes Wasser. Nicht frommer Schein, sondern
demütiges Sein. Hosea versteht sich als Prophet, der das
sagen muss, was nicht geht. Denen, die ihn hören, kommt
es zu, die richtigen Konsequenzen zu leben.

Von: Hans Strub

2. August

Paulus schreibt: Unsre Hoffnung steht fest für euch,
weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt
ihr auch am Trost teil.
2. Korinther 1,7

Wir stehen am offenen Grab. Sie haben ihr Kind verloren.
Ihre Trauer kann man nicht messen. Erschüttert bewegen
wir uns Richtung Kirche. In der Predigt suche ich nach einem
Bild für die Hoffnung. Wie sie in der Bibel steht. Ich finde,
was ich suche, in einem Gedicht. Emily Dickinson schreibt:
«Die Hoffnung ist das Ding mit den Federn, das sich in der
Seele niedergelassen hat.»
Nach der Trauerfeier lassen wir Ballone steigen. Viele kleine
weisse Punkte, die im Blau des Himmels verschwinden. Da
beginnt überraschend ein Raunen und Staunen. Hoch oben
fliegen zwei Störche vorbei.
Ich bleibe mit den Eltern in Kontakt. So vernehme ich einige
Monate später, dass sie guter Hoffnung sind. Zwillinge sind
es, stell dir vor, wirst du sie dann taufen?
Die Hoffnung ist das Ding mit den Federn. Zwei Namen auf
der Geburtsanzeige. Und vorne ein vertrautes Bild: die beiden
fliegenden Störche am Himmel.
Im Taufgespräch haben mich die Eltern gebeten, Patin für
ihre Kinder zu werden. Das Ding mit den Federn hat sich
eingenistet. Die Hoffnung macht aus uns allen Verwandte.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. August

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte
und meine Zuversicht setze auf Gott den HERRN, dass
ich verkündige all dein Tun.
Psalm 73,28

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte. Oder im
Wortlaut der Zürcher Bibel: «Mein Glück aber ist es, Gott
nahe zu sein.» Ein schöner Satz. Eine klare Botschaft. Ganz
und gar nicht sperrig. Als ob es denn so einfach wäre. Das
mit dem Glück. Und das mit Gott. Dass dem nicht so ist, das
weiss der Psalmbeter nur allzu gut. Er kennt den stechenden
Schmerz in den Nieren, der ihn überfällt bei Bitterkeit. Wenn
es andern viel besser geht als ihm.
Mein Glück ist es, Gott nahe zu sein. Auch wenn mir Gott
manchmal sperrig erscheint. Ich kann Nähe spüren, ohne
alles zu wissen. Mein Glück hängt nicht vom Verstehen ab.
Mich zu freuen, kann eine Entscheidung sein.
Fragte man meine Mutter, wie es ihr gehe, so sagte sie stets:
«Danke, ich bin zufrieden.» Auch in Zeiten, die schwierig
waren. Und sie waren oftmals schwierig. Es war ihre Entscheidung,
zufrieden zu sein. Weil sie vom Glauben getragen
war, dass Gott in ihrer Nähe sei. Nie sprach sie davon,
es gehe ihr super. Nie: «Ich bin so glücklich, ich platze vor
Freude.» Nein, ihre Freude war leise. Beständig. «Danke,
ich bin zufrieden.» – Danke, liebe Mutter. Je länger, je mehr
beginnt sie zu wirken. Auch in meinem eigenen Leben. Diese
leise Beständigkeit.

Von: Ruth Näf Bernhard

31. Juli

Jesus spricht zu Nikodemus: Wundere dich nicht,
dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren
werden.
Johannes 3,7

Die Auslegung eines einzelnen Bibelverses ist Faszination
und Herausforderung zugleich. Indem wir den Kontext ausblenden,
können wir uns dafür umso mehr auf dessen Essenz
konzentrieren und der geheimnisvollen Wucht eines einzelnen
Satzes nachgehen. Wir befinden uns hier in einem
Dialog. Jesus hat seinem Gesprächspartner das Wesen seiner
Philosophie erklärt. Dieser reagiert irritiert oder sogar
kritisch. Worauf Jesus so gar nicht «Jesus-like» antwortet:
Hey, hast du dir schon mal überlegt, all das, was du bisher
geglaubt hast, über den Haufen zu werfen und aus einer
komplett neuen Perspektive zu betrachten?
Was Jesus da zu Nikodemus sagt, spricht mich mitsamt seinem
Tonfall an. Unserer Welt täte es aktuell sehr gut, wir
würden einander alarmierter zureden. Wenn ich etwa an
den Klimawandel denke, so wünschte ich mir, Politik und
Wissenschaft würden vermehrt in Imperativen reden und
ihre Stimmen deutlicher erheben – ohne die Hoffnungs-
losigkeit zu triggern. Wie das gehen könnte, zeigt uns Jesus. Im
Bild der neuen Geburt zeigt er uns eine Chance. Kein «Nach
euch die Sintflut!». Kein Heraufbeschwören einer Endzeitstimmung.
Kein panischer Appell zu Aktivismus, sondern einfach:
Ihr müsst euch selbst verändern. Nur wenn wir an eine
stetige Erneuerung unserer selbst glauben und daran Tag für
Tag arbeiten, werden wir neue Wege einschlagen. Dort, wo
es nottut.

Von: Esther Hürlimann

30. Juli

Ich erzähle dir meine Wege, und du erhörst mich;
lehre mich deine Gebote.
Psalm 119,26

Vor einigen Jahren schrieb der damalige französische Premier
Dominique de Villepin in der Zeitung «Le Temps», dass
er nicht verstehe, weshalb die Welt nicht viel mehr nach
Frankreich blicke. Schliesslich hätte sein Land im Lauf der
Geschichte oft die besten politischen Lösungen gefunden.
Das fand ich lustig, denn nicht nur die Franzosen scheitern
daran, das auf allen Ebenen sich ständig ausbreitende Chaos
zurückzudrängen. Wir Menschen scheitern an der Organisation
der Welt.
Das ist nichts Neues. Psalm 119 sieht als einzigen Ausweg
die Hinwendung zu Gott. Das gilt auch für das Leben des
Einzelnen. Die Vertrautheit der Szene – ich sitze Gott zu
Füssen und erzähle, was gerade so läuft – rührt mich an.
Die Bitte, die folgt, verpflichtet. Ich will mich auf den Weg
machen und mich leiten lassen von dem, was ich gehört
habe. Die Übersetzung des geschriebenen oder gesprochenen
Wortes in eine Weisung, die von Gott kommt, besorgt
der Heilige Geist. Meine Aufgabe ist es, die Ohren zu spitzen
und mit wachem Sinn durchs Leben zu gehen, die Bibel zu
lesen, die Zeitung oder Bolderntexte. Es springt mich auch
mal eine Litfasssäule an oder ein Graffiti. Ordnet sich durch
das unverhoffte Angesprochensein etwas und Gelassenheit
stellt sich ein, ist der Geist am Werk.
Herr de Villepin verwirrte mich damals eher.

Von: Heiner Schubert