Kategorie: Texte

30. Juli

Ich erzähle dir meine Wege, und du erhörst mich;
lehre mich deine Gebote.
Psalm 119,26

Vor einigen Jahren schrieb der damalige französische Premier
Dominique de Villepin in der Zeitung «Le Temps», dass
er nicht verstehe, weshalb die Welt nicht viel mehr nach
Frankreich blicke. Schliesslich hätte sein Land im Lauf der
Geschichte oft die besten politischen Lösungen gefunden.
Das fand ich lustig, denn nicht nur die Franzosen scheitern
daran, das auf allen Ebenen sich ständig ausbreitende Chaos
zurückzudrängen. Wir Menschen scheitern an der Organisation
der Welt.
Das ist nichts Neues. Psalm 119 sieht als einzigen Ausweg
die Hinwendung zu Gott. Das gilt auch für das Leben des
Einzelnen. Die Vertrautheit der Szene – ich sitze Gott zu
Füssen und erzähle, was gerade so läuft – rührt mich an.
Die Bitte, die folgt, verpflichtet. Ich will mich auf den Weg
machen und mich leiten lassen von dem, was ich gehört
habe. Die Übersetzung des geschriebenen oder gesprochenen
Wortes in eine Weisung, die von Gott kommt, besorgt
der Heilige Geist. Meine Aufgabe ist es, die Ohren zu spitzen
und mit wachem Sinn durchs Leben zu gehen, die Bibel zu
lesen, die Zeitung oder Bolderntexte. Es springt mich auch
mal eine Litfasssäule an oder ein Graffiti. Ordnet sich durch
das unverhoffte Angesprochensein etwas und Gelassenheit
stellt sich ein, ist der Geist am Werk.
Herr de Villepin verwirrte mich damals eher.

Von: Heiner Schubert

29. Juli

Jesus sprach zu den Jüngern: Meine Seele ist betrübt
bis an den Tod; bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein
Angesicht und betete.
Matthäus 26,38–39

Wie ein schwarzes Tuch liegt die Nacht über der Stadt. Wir
gehen in die Kirche. Osternacht. Die Gesichter der Männer,
Frauen, Jugendlichen und Kinder sind nicht zu erkennen.
Es ist zu dunkel in den alten Gemäuern. Da tritt der Kantor
vor und singt. Er hat eine tragende, helle Stimme. Er singt
einmal, zweimal, mehrmals: «Bleibet hier und wachet mit
mir. Wachet und betet. Wachet und betet.» Jetzt lädt er die
Gemeinde ein, mitzusingen. Keiner und keine öffnet den
Mund. Es ist, als ob niemand die Dichte dieser Worte stören
möchte. Wir hören zu.


Bleiben und wachen. An Jesu Seite. Wir sehen, wie er sich
im Garten Gethsemane auf den Boden wirft. Am Abend vor
seiner Kreuzigung betet Jesus: «Mein Vater, ist’s möglich, so
gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht, wie ich will,
sondern wie du willst!» (Vers 39). – Nicht wie ich will, sondern
wie du willst. Das ist die Lektion, die zu üben ist. Wir
bleiben an seiner Seite, solange wir können. Bleiben wach
oder schlafen manchmal auch ein wie seine Freunde. Und
wir üben. Im ringenden Beten macht Jesus Gottes Willen zu
seinem eigenen. Dann steht er auf. Er ist bereit, von seinen
Wünschen abzusehen. Er ist ganz für Gott da.

Von: Chatrina Gaudenz und Lars Syring

28. Juli

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Matthäus 6,24

Warum eigentlich nicht? Warum soll ich nicht zwei Herren
dienen können? Viele haben zurzeit mehrere Jobs, oft reicht
es gar nicht, nur einen zu haben. Ein Gehalt ist für manch
eine kaum genug zum Überleben, schon gar nicht, wenn
sie Familie hat. Warum nicht Gott und dem Mammon, was
immer das genau ist und mit Reichtum und Vermögen übersetzt
wird, dienen?
Liegt das an mir oder an denen?
Man könnte sich mit der Arbeitszeit doch absprechen.
Sonntags von 10.00 bis 11.30 Uhr Gott und werktags dem
Mammon dienen. Und samstags frei. Das ist im Grunde doch
nur eine Frage der Absprache. Da muss man ja nicht gleich
emotional werden.
Doch was in der Arbeitswelt von heute anscheinend kein
Problem mehr ist, sieht in diesen besonderen Dienstverhältnissen
anders aus.
Denn beide, Gott und der Mammon, haben etwas gemeinsam.
Den Absolutheitsanspruch.
Den Absolutheitsanspruch auf dich und auf mich. Da gibt
es keine Absprachen in Sachen Arbeitszeitregelung, da geht
es um ganz oder gar nicht. Teilzeit-Christin geht halt nicht,
obwohl wir heute so gerne alles bedienen mögen und ständig
«out of the box» denken und mega flexibel sind.
Manchmal muss man und frau sich eben doch entscheiden,
was ihr wichtig ist, woran er sein Herz hängt.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

27. Juli

Ich, ich bin der HERR, und ausser mir ist kein Heiland.
Jesaja 43,11

«Ich, ich, ich …» Die drei Geschwister umringen die Oma,
ja führen regelrecht einen Tanz um sie auf. Alle recken den
Finger hoch, oder gleich beide Hände, denn je mehr die eine
den anderen verdrängt, abdrängt, desto besser. Alle wollen –
lautstark – … ich, ich, ich!
Kinder können so erfrischend selbstbewusst sein, ihre
Bedürfnisse in die Mitte stellen, in den Vordergrund schreien.
«Ich, ich, ich …» Einfach wunderbar.
Als Jugendliche habe ich gelernt, dass der Esel sich immer
zuerst nennt, und habe aufgehört, ein «ich» an den Satzanfang
zu stellen, wenn noch jemand anderes mitgenannt wird.
Als höflicher Mensch nennt man den anderen immer zuerst.
Komisch, dass mir das zuerst einfällt, als ich die Losung
lese und zur Oberlehrerin mutiere, die Gott gerade mal eine
Lektion Anstand beibringen könnte.
Bis …, ja, bis ich die Stelle im Jesajabuch lese und einsehe,
dass es genau darum geht. Dass es eben keinen anderen gibt!
Keinen Gott ausser Gott.
Ausser Gott ist kein Heiland.
Unsere menschlich-höflichen Anstandsregeln gelten hier
nicht und wahrscheinlich vieles andere, was uns so wichtig
und richtig erscheint, auch nicht.
Ich bin’s – und sonst keiner. Eigentlich ganz einfach. Und
einfach erfrischend wunderbar.

Von: Sigrun Welke-Holtmann

26. Juli

Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem
Angesicht Gottes des HERRN.
1. Mose 3,8

Wussten Sie, dass der Vogel Strauss 2,50 m gross ist und
mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h bis zu einer halben
Stunde laufen kann? Er ist in der Lage, sich durch gezielte
Tritte gegen Löwen und Geparden zu verteidigen. Woher
also die Legende stammt, dass er bei Gefahr den Kopf in den
Sand steckt, ist eigentlich unverständlich.
Tatsächlich entspricht die Redensart von der Vogel-Strauss-
Taktik mehr unserer menschlichen Reaktion auf störende
oder überfordernde Situationen.
Am häufigsten ignoriere ich E-Mails, auf die ich reagieren
sollte. Kurz gelesen, auf später verschoben, und schon sind
sie im unteren Bereich meines Postfachs verschwunden.
Ich ignoriere auch Eingebungen, und das ist schlimmer: Bei
XY sollte ich mich dringend melden. Dies oder das sollte ich
in Ordnung bringen. Seit meiner Krebserkrankung vor ein
paar Jahren mache ich das seltener. Ich greife schneller zum
Handy, wenn ich an jemanden denke …
Vor dem Angesicht Gottes können und brauchen wir uns
nicht zu verstecken. «Ich sitze oder stehe auf, so weisst du
es; du verstehst meine Gedanken von ferne» heisst es im
Psalm 139. Er kennt unser Herz. Wir können aufhören, den
Kopf in den Sand zu stecken, und dürfen uns auf die Suche
nach neuen Wegen machen!

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Juli

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen
und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn
in eurem Herzen.
Epheser 5,19

Dona nobis pacem.
Unzählige Male ist das
gesungen worden –
gerade in den letzten
anderthalb Jahren!


Hat es etwas genützt?
Offensichtlich nicht!
Es reicht ein Blick
in die täglichen News:
da ist keine friedliche Welt.
Konflikte gibt es auch
im Kleinen, in der Familie,
in der Nachbarschaft.


Ändern wir die Blickrichtung:
Wir sollen ja einander
mit Singen ermuntern,
weiterhin an Frieden
zu glauben. Trotz allem.
Wir sollen singen, damit
wir die Hoffnung nicht
aus dem Herzen verlieren.
Dona nobis pacem.

Von: Heidi Berner

24. Juli

Er führet mich auf rechter Strasse um seines
Namens willen.
Psalm 23,3

Vor einigen Jahren hatte ich in meinen Ämtern
allerlei Widrigkeiten auszuhalten. In jener Zeit
übertrug ich Psalmen in mein Weltbild, auch Psalm 23.


Ich fühle mich geborgen, mir fehlt nichts.
Immer wieder finde ich Orte,
an denen ich mich erholen und auftanken kann.
So erneuert sich mein Leben ständig.
Überraschende und gute Wege entdecke ich,
weil ich an die Liebe glaube.
Wenn ich in Schwierigkeiten stecke,
habe ich keine Angst,
denn mein Grundvertrauen lässt mich aufrecht gehen,
gibt mir Mut und Zuversicht.
Ich erfahre die Fülle des Lebens
und muss nicht neidisch und habgierig sein.
Dafür bin ich dankbar mit allen, die das genauso erleben,
denn innerlich sind wir reich.
Davon können wir zehren, so lange wir leben.
Und nach uns kommen andere in den Genuss –
so lange sie leben.

Hinterher stelle ich dankbar fest,
dass dies genau der rechte Weg war,
mit dem Schwierigen fertigzuwerden.

Von: Heidi Berner

23. Juli

Wer aus Gott geboren ist, den bewahrt er
und der Böse tastet ihn nicht an.
1. Johannes 5,18

Ich lese in der Wochenendbeilage der Zeitung einen Artikel
über gute Taten. Offensichtlich fühlte sich die Autorin
bemüssigt, etwas Spirituelles zum Thema beizusteuern.
Unter dem Titel «Karma» belehrt sie mich, dass ich durch
gute Taten auf meinem transzendenten Konto Punkte sammeln
könne. Je mehr Punkte, desto höher der Schutz vor
bösen Einflüssen. Wow! Es fehlte nur noch der Hinweis, dass
man sich Sonderpunkte holen kann, wenn für Auslagen im
Zusammenhang mit guten Taten eine Cumulus-Karte verwendet
wird. Ich habe die Zeitung zum Altpapier getan, weil
solide Abfallentsorgung gutes Karma macht! Spotte ich? Ich
bekenne mich schuldig! Aber mir ist auch klar, dass die heutige
Losung säkularen Mitmenschen genauso esoterisch vorkommen
muss wie mir das Karma-Konto (dessen Punktestand
durch den Spott ins Minus gerutscht ist …). Wie kann
man aus Gott geboren werden? Wie muss man sich das
vorstellen? Und warum bringt mir eine solche Geburt Schutz
vor dem Bösen? Vielleicht ist das die entscheidende Pointe
des Gottvertrauens. Gott ist mir als Gebärerin meiner Seele
näher als die Vorstellung, für die Ewigkeit zu punkten. Meine
Beilage zum sonntäglichen Wochenanfang – fragen Sie sich:
Bin ich aus Gott geboren? Antworten Sie mit einem kräftigen
Ja. Wer glaubt, wird bewahrt.

Von: Ralph Kunz

22. Juli

Das ist der HERR, auf den wir hofften; lasst uns
jubeln und fröhlich sein über sein Heil.
Jesaja 25,9

Der heutigen Losung gehen sechs Wörter voraus: «Zu der
Zeit wird man sagen.» Das ist zweimal wichtig für das Verständnis:
Erstens geht es um die Zukunft und zweitens um
die Sprechenden. Der Prophet stellt sich vor, es kommt der
Tag, an dem eine Gruppe sagen wird: «Jetzt ist eingetreten,
was wir uns erhofft haben, heute ist es wahr geworden,
was uns prophezeit wurde.» Das ist schon ein starkes Stück
und ziemlich dreist. Eigentlich prophezeit der Prophet die
Erfüllung seiner Prophetie! Warum aber bleibt er so allgemein?
Wer ist «man»? Jetzt wird’s noch dreister. Im Gesicht
des Propheten sind es alle Völker, die so reden. Alle sind zu
einem Mahl von «reinem Wein und fetten Speisen» eingeladen
– ein Graus für gesundheitsbewusste Diät-Freaks.
Aber zur dreisten Prophetie passt das feiste Menü. Geladen
sind alle Menschen, also alle Ethnien und Kulturen– auch
diejenigen, die altertümlich «Heiden» genannt werden. Sie
feiern an dieser Multikulti-Party zusammen mit Israel, als
ein Volk, weil die «Hülle, mit der alle Völker verhüllt sind»,
von ihnen weggenommen sein wird. Was sagen wir heute zu
dieser dreist-feisten Vision? Glauben wir daran? Wir warten
auf ihre Erfüllung.
Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Hebräer 11,1

Von: Ralph Kunz

21. Juli

Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und
Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte:
«Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig»,
da erfüllte die Herrlichkeit des HERRN das Haus Gottes.
2. Chronik 5,13.14

Es ist die Zeit der Vollendung. Samuel versammelt das Volk,
mit viel Aufwand wird die Lade in das grosse Tempelweihefest
getragen. Da stimmen alle Instrumente und die Stimmen
der Menschen in das grosse Lob Gottes, der Lebendigen,
ein. Die Zürcher Bibel schreibt, dass sie mit einer Stimme
gesungen haben.
Die grosse Vollendung – wo feiern wir heute die Ankunft
an einem grossen Ziel? Und vor allem: Wo feiern wir gemeinsam,
dass wir angekommen sind, und gedenken mit einer
Stimme der Lebendigen und ihrer Zuwendung?
Wer sehnte sich nicht danach, gemeinsam den Frieden zu
feiern? Das Volk war auf dem Weg aus der Gefangenschaft
unterwegs und ist auf dem Weg geblieben, immer auch mit
Rückschlägen und Zweifeln. Es ist angekommen und feiert
die Lebendige, die immer mit ihrer Zuwendung mit den Menschen
unterwegs war. Und sie ist es auch heute; auf dem Weg
von uns allen zum Frieden. Lassen wir uns nicht abbringen
vom Ziel und bitten wir die Lebendige, mit uns zu sein, damit
die Menschen bald den gerechten Frieden feiern können.
Stärke du unser Vertrauen in den Weg und lass uns das Ziel
nicht aus den Augen verlieren.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud