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20. Januar

Der HERR hat die Erde durch seine Kraft gemacht und den Himmel ausgebreitet durch seinen Verstand. Jeremia 10,12

das Volk Israel. Ich schreibe diesen Text etwas mehr als eine Woche nach dem Ausbruch des neusten Krieges im Nahen Osten. Die Bilder der Zerstörungen und Geiselnahmen in Israel, das Leiden der Menschen auf der Flucht aus Gaza ohne Wasser und genügend Nahrung, all die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf beiden Seiten, wo ist die Kraft Gottes, sein Verstand? Was Jeremia den Menschen sagen will, will Gott, die Lebendige, auch uns sagen: Festhalten am Glauben an das Leben sollen wir, daran, dass Gott da ist in seiner Schöpfung. Meine Ohnmacht ist aufgehoben in dieser Kraft, und auch mir wird Kraft geschenkt werden. Aber ich muss das alles aushalten. Dabei ist es für mich von grosser Bedeutung, immer wieder an die Menschen in all den Kriegen zu denken und um Gerechtigkeit zu beten. Gerade jetzt für die israelische und die palästinensische Bevölkerung, damit sie eine Zukunft und Hoffnung erhalten. Ob dieses Aushalten mit dem Himmel zu tun hat, der durch Gottes Verstand ausgebreitet ist? Ich weiss es nicht. Ich möchte einfach versuchen, in all dem Chaos Gott um die Erneuerung seiner Kraft zu bitten. Kraft für die Menschen, Kraft für die Schöpfung und Kraft für mich.
Denn Gott hat die Erde durch seine Kraft gemacht.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

19. Januar

Wir haben nichts in die Welt gebracht; darum können wir auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns damit begnügen. 1. Timotheus 6, 7–8

Nichts haben wir in die Welt gebracht.
Nichts von dem, was wir von Anfang an zum Leben brauchten. Andere haben für uns das Nötigste oder sogar das Beste zusammengetragen. Entweder konnten sie sehr grosszügig sein oder sie gaben sogar mehr als die Hälfte von dem, was sie selbst gut hätten gebrauchen können.
Nichts werden wir einst hinausbringen.
Nichts vom Aufgehäuften, nichts vom Verlorenen.
Nichts können wir ganz am Schluss aus der Welt schaffen. Wir hinterlassen alles, Grandioses und Unfug, Fertiges und Offenes. Andere leben gerne weiter mit unseren klugen Ideen und allem, was wir nicht nur gut gemeint, sondern richtig gut gemacht haben. Ebenso erben sie aber auch die Folgen unseres Fussabdrucks und unseren Müll, der erfahrungsgemäss nur langsam verrottet.
Timotheus verzweifelt darüber nicht. Er empfiehlt angesichts dieser Wahrheiten vergnügte Genügsamkeit.
Genug ist ihm zufolge, das Notwendigste zu haben und zu merken, dass Gott seine Gaben obendrein immer im Überfluss schenkt, nachzulesen in Psalm 23.
Für den Pessimisten ist das Glas halb leer.
Für den Optimisten ist es halb voll.
Für den Psalmisten läuft das Glas regelmässig über.

Von: Dörte Gebhard

18. Januar

Jesus spricht: Ihr könnt nicht Gott dienen und
dem Mammon.
Matthäus 6,24

Gläubiger oder Glaubende? Kredit oder Credo? Runde Münzen auf dem Tresen oder runde Hostien bei der Eucharistie? Die Reden von teuer und billig, vom Lösegeld und von Preisen allgemein sind einander fast zum Verwechseln ähnlich. Einerseits geht es um die Bank, andererseits um die Kirche. Daher gibt es seit der Erfindung des Geldes den Verdacht, man könne nicht nur Gott und dem Mammon dienen, sondern beides gleichzeitig erledigen.
Jesus widerspricht diesem Ansinnen entschieden.
So kommt die Alternative ans Licht: Wenn wir Gott dienen, können wir zugleich den Mammon beherrschen und benutzen, über ihn verfügen und ihn uns untertan machen.
Im Neuen Testament scheuen sich die Evangelisten nicht vor extremen Beispielen, was man alles mit Geld machen kann, wenn man es nicht anbetet.
Es gibt die originelle Aufforderung: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon! (Lukas 16,9)
Meine persönliche Lieblingsstelle steht aber im 8. Kapitel bei Lukas. Unter den Frauen, die Jesus folgen, ist Johanna, die Frau des Chuza, eines Verwalters des Herodes. Auch sie «dient mit ihrer Habe». Woher hat sie das Geld? Vermutlich von ihrem Mann. Wie ist er dazu gekommen? Wohl nicht nur durch moralisch einwandfreies Tun. Selbst wenn das Geld auf problematische Weise aufgehäuft wurde, kann man es beherrschen, fröhlich und gut ausgeben.

Von: Dörte Gebhard

17. Januar

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen;
ich komme zu euch.
Johannes 14,18

Johannes geht zurück an den Ursprung der Welt bei seinem Text und macht damit deutlich, wie wichtig und zentral Jesus ist. Das Evangelium des Johannes enthält auch die «Ich-bin-Worte» von Jesus, und wir lesen, dass Jesus ganz Mensch und ganz Gott ist. In meiner Bibel ist beim Evangelium nach Johannes besonders viel mit dem Leuchtstift markiert.
Wer Jesus liebt, wird von Jesus und Gott geliebt und beide nehmen dann in dir Wohnung, und der Vater wird den Helfenden senden, der uns unterstützt, bis Jesus wiederkommt. Gemeint ist der Heilige Geist. Ja, das Evangelium nach Johannes hat auch viel Frommes zu bieten, finde ich.
Auf einen Punkt gebracht vielleicht nur so viel, «ihr sollt einander lieben!» Zu vereinfacht? Wohl schon, darum lohnt es sich wirklich, dieses ganze Evangelium einmal oder auch mehrmals zu lesen. Wer lieber Bilder schaut, kann unter www.dasbibelprojekt.ch kurze gezeichnete Zusammenfassungen fast aller biblischen Bücher schauen und hören, das lohnt sich auch sehr!
Wir werden nicht verlassen, wir bleiben nicht allein, das verspricht Johannes und das hat uns auch Jesus versprochen. Glauben wir das und nehmen somit all den Reichtum der biblischen Schrift an? Amen!

Von: Markus Bürki

16. Januar

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein!
Jesaja 43,1

Jesaja ist Prophet und er hat es nicht einfach. Das Volk entfernt sich von Gott, ist korrupt und betreibt Götzendienst. Jesaja (sein Name bedeutet «Gott ist Rettung») mahnt die Menschen und versucht sie wieder auf die Spur von Gott zu bringen. Im Text kommt dann viel Hoffnung auf, dass das neue Jerusalem und damit alle Bundesversprechen erfüllt werden und es an vielen Stellen um «den Retter» geht, der da kommen wird und das Volk von seiner Schuld befreien wird. Jesus ist für uns Christinnen und Christen mit «dem Retter» gemeint, und dieser erfüllt über 300 Prophezeiungen in der Bibel! In Jesaja werden sogar der Tod und die Auferstehung Jesu vorhergesagt. Theologisch anspruchsvoll. In all dem sollen wir uns nicht fürchten. Wir wurden bei unserem Namen gerufen, und wir gehören zu Gott und damit auch zum «Retter», also zum geglaubten Christus. Der Kreis schliesst sich, alles wird gut, das neue Jerusalem und die neue Schöpfung können kommen.
Nun schreiben wir das Jahr 2024. Wo ist die Gerechtigkeit und die grosse Hoffnung, die Jesaja herbeischreibt? Wo sind die Völker, die nicht mehr korrupt sind und keinen Götzendienst mehr betreiben? Wo sind eigentlich die heutigen Prophetinnen und Propheten? Und … lassen wir uns bei unserem Namen rufen von unserem Gott? Amen!

Von: Markus Bürki

15. Januar

Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Römer 8,15

Die Kinder Gottes sind frei. Wir sind nicht länger Knechte oder Mägde irgendwelcher Menschen oder Mächte. Als Kinder Gottes nehmen wir mutig unseren Weg unter die Füsse. Zunächst so wie ein kleines Kind, das laufen lernt. Vorsichtig setzt es einen Fuss vor den anderen. Zaghaft, behutsam. Gelegentlich hält es sich fest. Wartet. Guckt, in welche Richtung es weitergehen kann. Und dann wieder los. Immer mit Blick auf das Gegenüber wackelt es den offenen Armen entgegen. Zu den Händen, die da sind, wenn es fällt.


Sorglose Kinder mag’s geben. Sorglose Erwachsene kenne ich nicht. Mit wem ich auch spreche, schon bald stosse ich auf Unbill, auf Kummer und Last: Werde ich es schaffen? Werde ich es überstehen? Ich weiss es nicht. Unter einem Geist der Knechtschaft verstehe ich einen Geist, der gefangen ist in der Sorge. «Sorget euch nicht um euer Leben. Sorget euch um Gottes Reich. Der Rest wird sich ergeben.» In seiner Predigt auf dem Berg stülpt Jesus die Reihenfolge der Sorgen um. Die Alltagssorge ist nicht die Mitte des Lebens, sondern der, der durch die Worte der Bibel zu mir spricht. Ich kann ihn Abba, Vater, nennen oder auch Imma, Mutter.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

14. Januar

So spricht der HERR: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde. Jesaja 56,1

Das sind grosse Worte. Wie sollen wir das leben? Recht, Gerechtigkeit und Heil. Das sagt sich so leicht. Aber wie kriegen wir das hin? So ganz konkret? Im Grossen und im Kleinen? Ich spüre erste Anflüge von Überforderung.
Und dann ahne ich, dass ich das ja nicht allein tun muss. Das Heil Gottes ist nahe. Es kommt. Und seine Gerechtigkeit offenbart sich. Da zeigt sich etwas. Und ich vertraue darauf, dass sich so auch zeigt, wie ich mich für die Gerechtigkeit einsetzen kann. Weil mir der Detaillierungsgrad des Gesetzes ein bisschen zu gross ist, halte ich mich an das Doppelgebot der Liebe. Das ist schwierig genug.


Das sind grosse Worte, ohne Frage, und unser Raum, sie zu kommentieren, ist klein. In einem Buch mit Aphorismen des österreichisch-israelischen Autors Elazar Benyoëtz las ich kürzlich: «Die Augen täglich in einen heiligen Text tauchen, ein Wort bedenken, eins beherzigen, eins in Erinnerung behalten. Das ist genug gelesen.» Gott spricht. Diesen Satz bedenke ich heute. Wahre das Recht. Diese Worte beherzige ich heute. Mein Heil ist nahe. Dieses Versprechen behalte ich in Erinnerung. Das genügt mir für heute. Genug gelesen, genug geschrieben.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

13. Januar

Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Psalm 39,6

Eine Handbreit – das war eines der kleinsten Längenmasse. Flussschiffer und Seeleute wünschen einander noch heute stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel – gerade genug, um nicht auf Grund zu laufen. Sinkt der Pegel darunter, geht nichts mehr.
Deine Kraft und Energie sind am Nullpunkt. Du bist tief gefallen. Wegen einer Depression oder eines Schicksalsschlags bist du wie gefangen in einem schwarzen Loch und kommst aus eigenen Kräften nicht mehr heraus. In solcher Lage wirst du dieses Gebet eines verzweifelten Menschen verstehen: Herr, wessen soll ich mich trösten? (Vers 8a).
Eine Handbreit Hoffnung bleibt, wo Gott die Kraft für eine Antwort gibt, die Gott selbst ist und die sich nur in der Zwiesprache des Gebets erschliesst: Ich hoffe auf dich (Vers 8b).
Gott, wir bitten dich um diese kleine Handbreit Hoffnung, wenn wir selbst und andere in dieser Welt sie am nötigsten brauchen, wenn uns die Kräfte schwinden in Verzweiflung, Angst und Not.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Januar

Ich bin ein Gast auf Erden. Psalm 119,19

Warum nur bricht die Losung nach dem halben Vers ab und macht aus dem Semikolon einen Punkt? «Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir», lautet der ganze Vers nach der Lutherbibel. Die Wahl des Lehrtextes (2. Korinther 5,1) und – mehr noch – des beigefügten dritten Textes: «Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewgen Heimat zu», legen eine Antwort nahe. Die Herausgeber der Losungen dachten bei der Auswahl dieses Begleittextes wohl an eine Trauerfeier … Das aber wird dem Psalm 119 nicht gerecht. Und obwohl das Lied von Georg Thurmair heute oft bei Beerdigungen gesungen wird, schrieb er es 1935, um katholische Jugendliche gegen den Druck der antikirchlichen Nazipropaganda zu stärken.
Psalm 119 ist ein vielgestaltiger Lobpreis der Tora, der Weisungen Gottes als befreiendes und Leben schenkendes Wort. Die Tora führt auf den Weg der Gerechtigkeit. Sie ist Schutz und Schirm auch für die Fremden, für Migrantinnen und Migranten, für Menschen auf der Flucht. So übersetzt die Zürcher Bibel näher am hebräischen Text: «Ein Fremder bin ich auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir.»
Weil der Psalm so viel über Gottes Weisungen und Gebote zu sagen hat, ist er der längste der Psalmen – doch es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, um ihn ganz zu lesen.

Von: Barbara und Martin Robra

11. Januar

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Jesaja 48,10

Gott hat seinem Volk Befreiung geschenkt – und nicht alle wollen diese! Die Zeit im «Glutofen des Elends» ist vorbei, ruft er ihnen durch den Propheten zu. Ich habe euch die Möglichkeit verschafft, dass ihr aus dem Exil zurückkehren könnt – nutzt sie! Nur: Nach drei Generationen im Land, in das man sie gezwungen hat, haben sich einige darin eingerichtet. Das Flüchtlingslager ist zum «Normalfall» geworden, jedenfalls für etliche der dort Geborenen. Der Bezug zur Heimat der Eltern und Vorfahren kann verlorengehen, wenn man so lange an einer Rückkehr gehindert wird. Und jetzt sollen sie plötzlich gehen. In eine ungewisse Zukunft aus einer einigermassen organisierten Gegenwart …
Jeder Aufbruch ist schwierig, in die eine wie in die andere Richtung, nach vorne oder zurück. Es braucht Zutrauen, dass es richtig ist, etwas Bekanntes zu verlassen. Jesaja muss viel Überzeugungskraft aufbringen, um mit seiner Botschaft anzukommen. Obwohl es Gott ist, der/die diese politische Möglichkeit aufgetan hat. Gott muss dafür werben, dass die Menschen ihre Befreiung annehmen! Das Vertrauen der Menschen in Gott ist nicht überwältigend. Das von etlichen selbst erschaffene kleine Glück wiegt stärker. Das ist eine deutliche Anfrage auch an uns, an mich: Wie sehr bin ich bereit, mich auf Gott wirklich einzulassen? Wie sehr bin ich bereit, genau hinzuschauen, welcher Weg für mich wirklich in die Befreiung führt?

Von: Hans Strub