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29. Januar

Alle Völker auf Erden sollen erkennen, dass der HERR Gott ist und sonst keiner mehr! 1. Könige 8,60

Auch die Menschen im Appenzeller:innenland haben von Gott gehört. Das ist ganz schön weit weg von Israel, dem Mutterland unseres Glaubens. Aber haben wir schon erkannt, dass JHWH, der Gott, der sich Mose am brennenden Dornbusch gezeigt hat, tatsächlich auch für uns da ist? «Ich bin für dich da», so können wir diese vier hebräischen Buchstaben wohl übersetzen, die in unseren Bibeln meist mit HERR wiedergegeben sind.
Na ja. Wir verhalten uns jedenfalls selten so. Meistens rennen wir anderem hinterher. Werden wir eines Tages den Unterschied zwischen Gott und Nicht-Gott erkennen?


«Gott und Nicht-Gott», das verstehe ich nicht. Wenn ich von Gott spreche, brauche ich Bilder. Ich blättere weiter im Buch der Könige: «Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs.» (1. Könige 19, 12b). Im Flüstern entdeckt Elija Gott. Wo es laut ist, ist JHWH nicht zu finden. Elija geht Gott entgegen. Beide kommen aufeinander zu. Die Gottesbeziehung ist eine gegenseitige. Steckt darin das Geheimnis der Einzigkeit? «Höre, Israel: JHWH, unser Gott, ist einer. Und du sollst JHWH, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.» (5. Mose 6,4)

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

28. Januar

Und ich hörte eine grosse Stimme vom Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr
Gott sein.
Offenbarung 21,3

Die Hütte oder das Zelt Gottes steht unter den Menschen. Gott ist also mitten unter uns. Wenn Gott in einer Hütte oder in einem Zelt wohnt, dringen seine Geräusche nach aussen. Wenn wir gut lauschen, können wir sie hören.
Johannes, der Autor dieses Textes, hört eine grosse Stimme vom Thron her. Eine Stimme, die auch wir hören können; sie weist in die Zukunft. «Gott wird bei den Menschen wohnen. Dieser Gott wird ihr Gott sein.»
Im nächsten Vers steht, Gott werde ihre Tränen abwischen. Ein neuer Himmel und eine neue Erde werden sein. Johannes hat diese Vision in einer verzweifelten Situation. Wie gut, dass es solche Visionen gibt. Sie verwandeln Resignation in Hoffnung, passives Erdulden in aktives Eingreifen. Die grosse Stimme sagt: Schau! Öffne dich und schau oder lausche auf das, was neben dir ist! Vielleicht hörst du den Atem Gottes. Vielleicht hörst du ein Schluchzen oder ein leises Rufen nach Mitgefühl. Wenn Gott mitten unter uns wohnt, dann werden wir dieses Schluchzen, dieses Rufen nicht mehr überhören. Wenn Gott unter uns wohnt, sind wir umhüllt von seinem Atem. Dann lauschen wir nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem Herzen. Wir lauschen auf jene, die unter uns wohnen.

Von: Monika Britt

27. Januar

Gott sprach zu Salomo: Weil du weder um langes Leben bittest noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, auf das Recht zu hören, siehe, so tue ich nach deinen Worten. 1. Könige 3,11–12

König Salomo ist gerade an die Macht gekommen. Er ist noch jung und unerfahren und hat ganz schön Respekt vor seiner neuen Aufgabe, als König ein ganzes Volk zu regieren. Da erscheint ihm Gott im Traum und gibt ihm einen Wunsch frei.
Wir kennen solche Situationen aus den Märchen, da ist es meist eine Fee, die drei Wünsche freigibt. Was ist die richtige Antwort in so einem Fall? König Midas wäre beinahe verhungert, weil auf seinen Wunsch hin alles zu Gold wird, was er berührt. Worum würde ich bitten?
Salomo wünscht sich ein hörendes Herz, damit er das Volk recht richte. Eine grosse und weise Bitte!
Wie komme ich zu so einem Herzen, offen und horchend? Wie kann es in mir so still werden, dass ich nicht meinen endlosen Gedanken nachhänge, sondern wirklich hinhöre?
Es wäre mir bis jetzt nicht im Traum eingefallen, doch ja, ich werde Gott darum bitten: um Stille und Ruhe, um die Kraft zum Zuhören und um die Annahme dessen, was ist.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

26. Januar

Du tust mir kund den Weg zum Leben. Psalm 16,11

Ich schreibe diese Zeilen eine Woche nach dem Terrorüberfall der Hamas auf den Süden Israels. Eine gespenstische Stille liegt über der Welt. Wann kommt der Vergeltungsschlag der Israeli? Hunderttausende sind auf der Flucht.
Wie viele andere habe ich morgens eine Scheu, die Nachrichten zu lesen. Die Angst vor dem Kommenden nimmt mir den Atem und lässt meinen Bauch flattern.
Gleichzeitig bereite ich mich auf eine interreligiöse Frauenkonferenz nächste Woche vor. Es soll um Gewaltprävention und um Dialog für den Frieden gehen. Wichtige Rednerinnen springen ab, sie fühlen sich in der aktuellen Situation nicht in der Lage zu diskutieren.
Ich versuche es mit täglichen Atemübungen. Und mit viel Spazierengehen. Die Natur, das Gehen tun mir gut.
«Lass uns Gehende bleiben. Wir sind nie ganz zu Hause auf dieser Welt», schreibt Dorothee Sölle. Auch wenn wir den Weg zum Leben, zum Frieden im Moment nicht sehen, wir dürfen nicht aufhören zu gehen. Und zu beten:
«So wandere mit uns, Gott,
und lehre uns das Gehen
und das Suchen
und das Finden.»
(Dorothee Sölle in: Du führst mich hinaus in Weite.)

Von: Barbara Heyse-Schaefer

25. Januar

Wohl dem Volk, das jauchzen kann! HERR, sie
werden im Licht deines Antlitzes wandeln.
Psalm 89,16

Mir geht es gut. Ich freue mich
am bunten Herbst, an Regen,
Wind und Sonnenschein
und an meinen Enkelkindern.
Wie schön wäre doch die Welt,
wenn wir uns alle freuen könnten!
Doch täglich werden wir geflutet
mit Bildern von Gewalt und Hass,
von Zerstörung, Terror, Tod.
Was ist wahr und was ist ausgeblendet?
Es bräuchte einen anderen Fokus
und ein anderes Licht, das uns den Weg
erhellt in eine friedlichere Welt.
Dieses Licht ist ja schon da – ewig.
Es ist eine Glaubenssache,
dieses ganz besondere Licht.
Möge es ins Dunkle scheinen,
auf Wege zur Versöhnung leuchten.
Möge es doch – weltweit – jene stärken,
die oft nicht im Fokus stehen,
die mit ihrer Menschlichkeit
trotzig auf die Hoffnung setzen.
Damit auch unsere Kindeskinder
sich noch am Leben freuen können.

Von: Heidi Berner

24. Januar

Jesus spricht: Siehe, ich bin bei euch
alle Tage bis an der Welt Ende.
Matthäus 28,20

Sie waren völlig verstört damals,
als sie ihn hingerichtet hatten.
Doch dann sahen sie ihn wieder,
noch und noch, hörten ihn reden.
Er tröstete sie, sagte ihnen,
sie sollen sich nicht fürchten,
er sei bei ihnen alle Tage –
bis an der Welt Ende.
Sie erzählten es weiter, setzten darauf
all ihre Hoffnung, glaubten ihm.
Auch heute noch können wir
diesem Versprechen glauben.
Wir sollten endlich aufhören,
uns immerzu zu fürchten,
wir sollen nicht resignieren,
sondern weiterhin auf das Gute
setzen, das Lebensdienliche,
selbst wenn Krieg und Terror
allgegenwärtig sind, wenn es scheint,
die Menschheit sei am Ende.
Das Christentum ist eine Protestbewegung
gegen die Resignation – das habe ich
vor vielen Jahren aufgeschnappt.
Daran halte ich mich.

Von: Heidi Berner

23. Januar

Um deines Namens willen, HERR, vergib mir meine Schuld, die da gross ist! Psalm 25,11

Die Bitte um Vergebung ist zentral im 25. Psalm. Es ist der elfte von zweiundzwanzig Versen. Um ihn dreht sich alles. Wir kennen die Vergebungsbitte vom Unservater. Dort ist sie auch zentral. Manchmal beten wir sie gedankenlos, manchmal sind wir ganz bei der Sache! «Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.» Und warum wendet sich der Beter an Gott? Weil Gott um seines Namens willen vergibt, es also seinem Wesen entspricht, barmherzig und gnädig zu sein. Das meint Heinrich Heines (ein wenig grenzwertiges) Bonmot: «Dieu me pardonnera, c’est son métier.»
Die Vergebungsbitte folgt auf die Brotbitte, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass wir auch die Schuldvergebung täglich üben sollten. Aber ist es wirklich nötig, die eigene Schuld täglich zu bekennen? Machen wir uns dann nicht schlechter, als wir sind? Ich denke, dass wir eher dazu neigen, uns zu überschätzen. Wenn wir meinen, wir können uns schadlos oder schuldlos halten. Oder wenn wir auf die Idee kommen, einmal im Jahr Gott um Vergebung zu bitten, genüge. Eine jährliche Reinigung mag für die Dentalhygiene stimmen, aber um Gottes Vergebung zu bitten, hat mehr mit Zähneputzen zu tun.
Aber bitte nicht übertreiben! Mit einer Zahnbürste im Maul lebt’s sich schlecht.

Von: Ralph Kunz

22. Januar

Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken,
regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf!
Ich, der HERR, erschaffe es.
Jesaja 45,8

Ein Wetter-Naturbild, das allen, die gärtnern oder bauern, aus dem Herzen spricht. Wenn es knochentrocken ist, geht der Blick zum Himmel, vielleicht mit dem Stossgebet «O Heiland, reiss die Himmel auf!». Zwar passt der Zeitpunkt nicht – zumindest nicht für unsere Breitengrade – aber in Israel ist der Winterregen wichtig. Fällt er aus, wächst nichts. Der Blick nach oben verbindet sich beim Propheten mit einem tapferen Beten, das er an die Wolken richtet: «Regnet Gerechtigkeit!» Aber die Gerechtigkeit kommt nicht nur von oben. Sie soll von unten mit aufwachsen. Nicht nur der Himmel, auch die Erde soll sich öffnen. Ein Kreislauf kommt in Gang und siehe, schon spriesst es! Huldrych Zwingli liebte dieses Bild. Eine seiner wichtigsten Schriften heisst «Von der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit». Und von Zwingli her gibt es eine Linie zur politischen Theologie der Gegenwart – eine Kette von Zeuginnen und Zeugen, die rufen: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!»
Ersetzt der Appell den Blick nach oben? Ich finde den letzten Satz der Losung wichtig. Es wird dasselbe Wort wie in der Schöpfungsgeschichte verwendet. «Ich, der Herr, erschaffe es.» Gilt auch für die menschliche Gerechtigkeit …

Von: Ralph Kunz

21. Januar

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten
das Böse nicht auch annehmen?
Hiob 2,10

Hiob kommt mir ganz nahe in diesem Text. Er leidet grosse Qualen. Er wird vom Satan, vom Bösen, immer mehr bedroht und will sich nicht wehren. Seine Frau sagt ihm, er solle Gott lästern und sterben. Und darauf sagt Hiob, wir sollen auch Böses annehmen. Er leistet Widerstand, will nicht aufgeben und will, so verstehe ich den Text und den Kontext, bei sich bleiben und sich am Guten festhalten. Es geht um das ganz individuelle Festhalten, Aushalten des Leidens. Der Widerstand aber gegen den Satan, das Böse, hat eine politische Dimension. Hiob zeigt mir mit seinem Widerstand, dass auch ich bei mir und meinen Werten bleiben kann. Ich muss mich weder dem, was in meinen Augen böse ist, anpassen, noch muss ich mich vor ihm verbeugen. Aber da ist noch seine Frau, die einen anderen Weg vorschlägt. Auch ihr leistet Hiob Widerstand, lässt sich nicht dreinreden. Das scheint mir auch für mich wichtig. In der Vielstimmigkeit von heute, den vielen Informationen, den Bildern, muss ich immer wieder darauf achten, bei mir zu bleiben und nicht einzuschwenken auf das, was vielleicht ein einfacherer Weg sein könnte. Und: Hiob will leben. Genau dafür können wir Widerstand leisten, nicht für uns, aber für die Menschen, deren Leben besonders gefährdet ist.

Schenke du Leben in dieser so verletzlich gewordenen Welt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Januar

Der HERR hat die Erde durch seine Kraft gemacht und den Himmel ausgebreitet durch seinen Verstand. Jeremia 10,12

das Volk Israel. Ich schreibe diesen Text etwas mehr als eine Woche nach dem Ausbruch des neusten Krieges im Nahen Osten. Die Bilder der Zerstörungen und Geiselnahmen in Israel, das Leiden der Menschen auf der Flucht aus Gaza ohne Wasser und genügend Nahrung, all die Zerstörung der Lebensgrundlagen auf beiden Seiten, wo ist die Kraft Gottes, sein Verstand? Was Jeremia den Menschen sagen will, will Gott, die Lebendige, auch uns sagen: Festhalten am Glauben an das Leben sollen wir, daran, dass Gott da ist in seiner Schöpfung. Meine Ohnmacht ist aufgehoben in dieser Kraft, und auch mir wird Kraft geschenkt werden. Aber ich muss das alles aushalten. Dabei ist es für mich von grosser Bedeutung, immer wieder an die Menschen in all den Kriegen zu denken und um Gerechtigkeit zu beten. Gerade jetzt für die israelische und die palästinensische Bevölkerung, damit sie eine Zukunft und Hoffnung erhalten. Ob dieses Aushalten mit dem Himmel zu tun hat, der durch Gottes Verstand ausgebreitet ist? Ich weiss es nicht. Ich möchte einfach versuchen, in all dem Chaos Gott um die Erneuerung seiner Kraft zu bitten. Kraft für die Menschen, Kraft für die Schöpfung und Kraft für mich.
Denn Gott hat die Erde durch seine Kraft gemacht.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud