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7. Februar

Der HERR züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Psalm 118,18

«Take 6» ist ein Vokalensemble von virtuosen afroamerikanischen Sängern; ihre grosse Zeit hatten sie in den 1990er-Jahren. Auf einer ihrer CDs haben sie eine Art moderne Version von Psalm 118 aufgenommen: «Sunday’s on the way» (Das lässt sich im Internet leicht finden und anhören). Mit viel Witz singt «Take 6» von einer Party, die die bösen Geister organisieren, weil es ihnen gelungen ist, die Hinrichtung von Jesus zu organisieren. Nur der Teufel ist ein bisschen unruhig, weil er nicht vergessen kann, dass da von Auferstehung die Rede gewesen ist. Besorgt telefoniert er immer wieder mit einem seiner Diener, die am Grab Wache stehen. Der meldet jedes Mal zurück, der Chef solle sich entspannen, es sei alles unter Kontrolle, bis – Schock! Schrecken! – das Grab eben doch leer ist: Resurrection Power – die Kraft der Auferstehung. Im Refrain heisst es: It may seem like Friday night, but Sunday’s on the way! – Es mag nach Freitag aussehen, aber der Sonntag ist am Kommen!
Psalm 118 ist ein Sonntags- und Osterpsalm. Doch er weiss: Das Übel, das uns «umschwirrt wie Bienen», die Zumutungen, die wir als «Züchtigung» erleben, werden uns nicht erspart. Jede, jeder von uns kennt Karfreitagszeiten, doch das soll uns nicht fertigmachen: Der Sonntag ist am Kommen – Sunday’s on the way!

Von: Benedict Schubert

6. Februar

Der HERR spricht: Ihr sollt mir ein Königreich
von Priestern und ein heiliges Volk sein.
2. Mose 19,6

Die markante Friedenskirche in Bern steht hoch über den Häusern auf dem Veielihubel, dem Veilchenhügel. Die Zahl der Mitglieder der reformierten Kirche im Stadtviertel erodiert, die Institution Kirche kann das Gebäude nicht mehr halten, es geht an ein Stadtkloster über. Ihren Namen erhielt die Kirche vor hundert Jahren zum Gedenken an den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg. Über dem Portal steht gross das Jesajazitat «Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein». Der Veielihubel ist fast ein wenig der lokale Berg Sinai.
Am Sinai offenbarte sich Gott Mose in einer dichten Wolke, in Rauch und Feuer. Mose solle die Menschen in Gottes Namen wissen lassen, dass sie ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk seien. Das war aber kein Beginn eines kultischen Hokuspokus, gerade nicht die Begründung einer neuen Religion in Verehrung irgendwelcher Götter. Gott offenbarte sich als befreiender Gott, der die Menschen aus der Not und Unterdrückung herausführt. Gott offenbarte die Zehn Gebote für das Zusammenleben, als «heiliges Volk».
Deshalb ist das, was bleibt vom Sinai – und vom Veielihubel –, weder Zeremonie noch Gebäude und schon gar nicht Religionszugehörigkeit oder Kirchenmitgliedschaft. Es ist die Erinnerung an Gott und sein «An-Gebot» eines freien, guten Lebens in Sorge und Liebe füreinander.

Von: Matthias Hui

5. Februar

Wir glauben doch, dass wir durch die Gnade des
Herrn Jesus gerettet werden.
Apostelgeschichte 15,11

Wir. Welches Wir ist gemeint? In der Apostelgeschichte geht es um die Frage, ob es eine exklusive Gruppe ist, die «gerettet» wird, die Beschnittenen mit Anschluss an das jüdische Volk. Oder gilt die frohe Botschaft der Liebe und der Befreiung, ausgehend vom Gott der Juden, allen Menschen, die sie nötig haben? Gott «hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht», er gewinnt «aus allen Völkern ein Volk». Diesen Glauben verkündigen die Apostel. Ihr Wir ist inklusiv. Es ist ein neues Wir.
Vom «neuen Wir» spricht heutzutage die Eidgenössische Migrationskommission. In einer von Migration geprägten Gesellschaft könne es keine exklusive Leitkultur geben, der sich alle unterzuordnen hätten. Die Schweiz oder auch Deutschland seien Migrationsgesellschaften, Migration sei Normalität, ihre Vielfalt alltägliche Realität. Das erfordere ein vielstimmiges Wir-Gefühl, das möglichst vielen Menschen Anerkennung und Zugehörigkeit ermögliche.
Schon in der Apostelgeschichte ging der Streit über die Frage, ob es eine einheitliche Leitkultur für alle brauche. Die Apostel lehnten das ab – unter Berufung auf Moses und die Propheten. Deshalb: Wer heute die «christliche Leitkultur» oder die «jüdisch-christliche Leitkultur» gegen die anderen durchsetzen möchte, muss eines wissen: Diese Leitkultur ist gegen Leitkulturen. Sie schafft ein neues Wir.

Von: Matthias Hui

4. Februar

Er ist nahe, der mich gerecht spricht;
wer will mit mir rechten?
Jesaja 50,8

«Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!» So geht dieser Vers aus dem dritten Gottesknechtlied weiter. Der Prophet, der hier spricht, ist herausgefordert von Kritik und Widerstand gegen das, was er vorbringt. Er verteidigt sich, indem er sein Vertrauen zu Gott in den Vordergrund stellt: Wer könnte es wagen, dem entgegenzutreten, was Gott sagt? Und es ist Gott, der durch mich redet. Wer mich angreifen will, soll nur kommen – er wird erfahren, dass Gottes Kraft und Macht stets grösser ist. Denn Gott gibt die Vollmacht, so zu euch zu reden! Reden zu müssen … Der «Gottesknecht» hier weiss, dass Gott auf seiner Seite steht, dass Gott ihm die Zunge aufgetan hat und das Ohr, und dass er vor seinem Auftrag nicht zurückgewichen ist (Verse 4–5). Das Vertrauen in Gottes Dasein macht ihn stark; gibt ihm den Boden unter die Füsse, den er braucht, um den Angriffen standzuhalten. Wer in sich den Auftrag spürt, seine Überzeugung deutlich zum Ausdruck zu bringen, muss mit Anfeindungen rechnen und darauf eingestellt sein. Dass sie an ihnen nicht zerbrechen, darauf dürfen sie sich verlassen. Wie hier: Gott selbst lässt mir Kraft zukommen dann, wenn ich sie brauche. Gott selbst lässt mich gerade hinstehen und stützt mich, jederzeit und überall!

Von: Hans Strub

3. Februar

Ich will dich mit meinen Augen leiten. Psalm 32,8

«Wohl dem, dessen Missetat vergeben, dessen Sünde getilgt ist.» Mit diesem Glückwunsch (Makarismus) beginnt der zweite altkirchliche Busspsalm, eine Art Lehrverse zur Umkehr, zur Busse. Und mittendrin ein überraschendes Wort, ein Gotteswort: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Gott
will leiten, Gott will den Weg zur Busse zeigen, Gott will
also, dass Fehler, die ich begangen habe, weggelegt werden
können. Vergeben werden können. Die Vergebung ist Gottes
Wille – und Gottes Möglichkeit. Der Weg zu ihr ist das Gebet (Vers 6). Im Gebet gehen mir Zusammenhänge auf, werde ich mir bewusst, was geschehen ist, denn da muss ich nicht nach Ausreden suchen, weshalb mir dies und jenes «passiert» ist.
Im Gebet verändert sich meine Sicht auf die Geschehnisse, es «gehen mir die Augen auf», wie der Volksmund sagt. Das passiert aber nicht «einfach so» – was sich wirklich ereignet, ist: Ich sehe das, was war, mit «anderen» Augen, und diese Augen sind Gottes Augen.
Gott leitet meinen Weg, indem er/sie mich diesen Weg mit seinen/ihren Augen sehen lehrt. Im Psalm beginnt der Vers 8 so: «Ich will dich lehren und dir den Weg weisen, den du gehen sollst, ich will dir raten.» Und dann folgt der Satz von heute: «Ich will dich mit meinen Augen leiten.» Der Ort, wo dieser Sichtwandel zustande kommt, ist das Gebet – indem ich mich auftue und Gott Raum gebe für ihr/sein Wirken.

Von: Hans Strub

2. Februar

Als Jesus das Volk sah, ging er auf einen Berg. Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie. Matthäus 5,1–2

Er geht auf den Berg und lehrt uns. Und manchmal hören wir zu. Salz der Erde. Licht der Welt. Manchmal verstehen wir deutlich und klar, dass es mit uns zu tun haben könnte. Dass wir uns nicht davonstehlen dürfen. Dass Hören und Handeln zusammenhängen. Es jedenfalls sollten.
Wir sehen beim Hören Boote vor uns. Voller Menschen auf der Flucht. Und schauen weg. Damit die Bilder uns nicht verschlingen. Von Menschen, die verschlungen werden.
Er geht auf den Berg und lehrt uns. Zweitausend Jahre später beendet ein Bundesrat seine Neujahrsrede so: «In einer Heimat zu leben, die es uns ermöglicht, an die Ziele der Bergpredigt zu glauben, ist Hoffnung und Verpflichtung zugleich. Dass wir diesen Traum bisher nicht erreichten, ist daher nicht unsere Resignation, sondern unser Ansporn.»
(Moritz Leuenberger, Träume und Traktanden, Limmat Verlag 2000)
Er geht auf den Berg und lehrt uns. Bis heute. Das soll unser Ansporn sein. Auch dann, wenn Zahlen einen Rechtsrutsch belegen. Dann erst recht. Nur jetzt keinesfalls die Hoffnung verlieren. Hören wir zu. Um handeln zu können.

Von: Ruth Näf Bernhard

1. Februar

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Psalm 14,2

Und was findet er da?
Er findet Menschen, die am Suchen sind. Menschen, die sich um Antworten bemühen. Sie wollen dem Leben einen Sinn abgewinnen. Sie wollen wissen und verstehen. Und von anderen verstanden werden.
Er findet Menschen, die glauben, die Antworten zu kennen. Weil sie Gott an ihrer Seite wissen. Mag sein, sie halten sich für klug. Weil sie ihren Weg klar vor sich sehen. Und es verstehen. Das mit dem Leben. Und das mit dem Sinn.
Er findet Menschen, die sich hinterfragen. Sie fragen nach Gott. Und sie stossen dabei stets auf weitere Fragen. Und sie möchten von diesen Fragen erzählen. Und andere davon überzeugen, dass Gott hinter all diesen Fragen steckt. Dass er, anstatt im Himmel zu wohnen, sich in den Fragen auf Erden versteckt.
Und er findet Menschen, ganz gewiss, die daran glauben, dass Gott sich der Menschenkinder erbarmt. Ob sie nun zu diesen oder jenen gehören. Und dass auch nicht eines verloren geht.

Von: Ruth Näf Bernhard

Mittelteil Januar / Februar

Was spriesst denn da?


Im Frühling 2022 liess ich beim Stützpfosten unseres Balkons
vom Gärtner eine Glyzinie pflanzen – nach Absprache mit
den Nachbarinnen und der Verwaltung. Ich spannte Schnüre
zum Balkongeländer hinauf, band die ersten Triebe daran
fest, um ihnen den Weg nach oben zu erleichtern, und goss
die Pflanze in den ersten Wochen regelmässig.
Sie gedieh. Schon im ersten Sommer guckte sie vier Meter
ab Boden über unser Balkongeländer. Wir bahnten ihren
Aufstieg mit weiteren Schnüren.
Nun hat sie im zweiten Sommer bereits den zweiten und
dritten Balkon erreicht, und wir überlegen, ob und wie wir
uns weiter zuwachsen lassen wollen. Für nächstes Jahr hoffen
wir auf die ersten Blüten.
Was mich immer neu fasziniert: Wenn die Verhältnisse stimmen
– Erde, Wasser, Luft, Licht –, dann wächst meine Glyzinie
– oder irgendeine Pflanze – unwiderstehlich. Diese
Kraft! Natürlich stellen Pflanzen unterschiedliche Ansprüche
an ihren Standort, und manchmal erwächst dem, was
ich gepflanzt habe, auch unliebsame Konkurrenz. Aber
dass diese alte Erde, von uns Menschen ausgebeutet und
geschunden, immer noch Grün hervorbringt, lässt mich
staunen und danken.
Und es macht Hoffnung.
Denn die gleiche Schöpferkraft, die es auf dieser Erde spriessen und grünen lässt, wirkt auch am Kommen der neuen Schöpfung. Sie beginnt im Verborgenen – hat längst begonnen! Ihr Kommen wird in der Bibel mit dem verglichen, was wir kennen: mit Werden und Vergehen, mit Wachsen und Reifen in der Natur.
Denn wie der Regen und der Schnee herabkommen vom Himmel und nicht dorthin zurückkehren, sondern die Erde tränken und sie fruchtbar machen und sie zum Spriessen bringen und Samen geben dem, der sät, und Brot dem, der isst, so ist mein Wort, das aus meinem Mund hervorgeht. Nicht ohne Erfolg kehrt es zu mir zurück, sondern es vollbringt, was mir gefällt, und lässt gelingen, wozu ich es gesandt habe. (Jesaja 55,10.11)
Wenn in der Offenbarung das «neue Jerusalem» von oben herabkommt, heisst das wohl nicht, dass es fixfertig vom Himmel fällt, sondern dass es eine andere, eine «himmlische» Qualität hat.
In den Gleichnissen hat Jesus oft Bilder aus der Natur benützt. Kurz vor seiner Passion hat er über sich selbst gesagt: Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh. 12,24)
Wir feiern Erntedank, schauen zurück auf das Gute, das uns gegeben wurde – dass wir alles bekommen haben, was wir zum Leben brauchen. Und wir fassen Hoffnung im eigenen Alt- und Älterwerden in einer Welt, in der sich die Katastrophen- und Schreckensmeldungen zu jagen scheinen. Gottes neue Welt wächst im Verborgenen und ab und zu sichtbar: Seht, ich schaffe Neues, schon spriesst es, erkennt ihr es nicht? (Jesaja 43,9)


Von: Dorothee Degen-Zimmermann

31. Januar

Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Lukas 1,46–47

Kunstvoll verdichtet Lukas im Magnificat, worum es im Evangelium geht. Zuerst beschreibt Maria ihre persönliche Situation und hebt an zum reinen Gotteslob. Doch bei sich selbst bleibt sie nicht stehen und nimmt sogleich das Kollektiv in den Blick. Noch vor der Geburt Jesu formulieren Elisabeth und Maria das erste christliche Glaubensbekenntnis.
Maria erzählt von einem Gott, der barmherzig ist und sich auf die Seite der Schwachen und Ausgestossenen stellt, der die Hungrigen sättigen und die Kranken heilen will. Von einem Gott aber auch, der die Macht der Mächtigen bricht, den Hochmut bekämpft und die Gier der Reichen anprangert. Und von einem Gott, der die von seinem Geist erfüllten Menschen dazu anstiften will, selbst die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Unten und Oben auszugleichen und das Unrecht zu bekämpfen, Gemeinschaft zu stiften, wo Spaltung und Einsamkeit herrschen.
Es sind die roten Fäden des Glaubens, die im Magnificat zusammenlaufen und miteinander verknüpft werden: der Trost, den Jesus zuspricht, und die Nachfolge, zu der seine frohe Botschaft aufruft.

Von: Felix Reich

30. Januar

Da brachten Männer einen Gelähmten auf einer
Trage herbei. Sie wollten ihn in das Haus bringen und vor Jesus niederlegen.
Lukas 5,18

Wenn ich die Stelle lese, sehe ich die Bilder von Kees de Kort. Oft sass ich als Kind im Flur, wo das bis zur Decke reichende Regal mit den Bilderbüchern stand, und blätterte mich durch biblische Geschichten. Ich sehe, wie die Freunde den Gelähmten durch das Dach zu Jesus hinunterlassen. Wie der Geheilte aufsteht, seine Matte nimmt und geht. Die Geschichte handelt vom Wunder der Heilung, von dem ich schon als Kind wusste, dass es sich selten so einstellt wie im Bilderbuch.
Wunder, die ich erlebe, sind flüchtig. Momente, in denen in einem Menschen eine aufrichtende Kraft spürbar wird mitten in der Angst, eine lichtvolle Begegnung möglich wird im Meer des Vergessens, die im Herzen aufbewahrt bleibt, obwohl das Gedächtnis längst nichts mehr festzuhalten vermag.
Vielleicht lässt sich die Erzählung vom Geheilten ja auch vor dem Hintergrund solch kleiner Wunder lesen: Ich nehme sie wahr im Wissen, dass sie keine dauerhafte Linderung bringen, und dennoch in der Hoffnung, dass sie noch leuchten, wenn die Verzweiflung alles verdunkelt. Und so will ich nach dem nächsten Wundermoment den Mut finden zu sagen: «Unglaubliches haben wir heute gesehen.» (Lukas 5,26)

Von: Felix Reich