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10. Januar

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Ein ganzes friedensethisches Programm ist in den vier Verben dieses kurzen Satzes zusammengefasst: Es beginnt beim Ablassen (vom Bösen), kommt zum Tun (des Guten), wird intensiver im Suchen (des Friedens) und kulminiert schliesslich im Nachjagen desselben. Ein vierschrittiges Programm, das mich vom ersten Augenblick an in die Pflicht nimmt. Und mich dann in drei weiteren Schritten zu einem Friedensaktivisten macht, der nicht wartet, sondern die Initiative ergreift, wo immer er/sie kann! Das mag nach einem atemlosen Engagement tönen – ist es aber nicht, weil es eingebettet ist in einen grösseren Zusammenhang. Da geht es um nichts Geringeres als die Befreiung zu einer neuen Welt! «Der Herr erlöst das Leben seiner Diener, und keiner wird es bereuen, der Zuflucht sucht bei ihm» (Vers 23). Gott ist es, der das Gute und den Frieden will. Sie/er weist den Weg dazu, ich brauche ihn «bloss» zu gehen … Gottes Programm mit der Welt ist nicht Zerstörung oder gar Untergang, sondern Aufbruch, Neuanfang, Zutrauen, dass es geht, auch wenn rundum so vieles dagegen zu sprechen scheint. Vertrauen in einen Gott, der Unmögliches vermag. Dies in dieser jetzigen Welt zu glauben und sich daran auszurichten, verlangt viel und gelingt oft nicht. Das «Programm», von dem in diesem Vers die Rede ist, kann mir und uns helfen, die stets nötigen «ersten Schritte» zu tun.

Von: Hans Strub

9. Januar

Der HERR wird richten der Welt Enden.
Er wird Macht geben seinem Könige.
1. Samuel 2,10

Was für ein machtvolles Wort, und doch ist es zugleich revolutionär und umstürzlerisch! Es stammt aus dem Lobgesang der Hannah. Lange hat Hannah unter ihrer Unfruchtbarkeit gelitten. Als das Wunder geschieht und sie schwanger wird, jubelt sie und verspricht, ihren Sohn, den sie Samuel nennen wird, Gott zu weihen. Ihr Lobgesang wird später eine Vorlage für Marias berühmtes Magnifikat (Lukas 1,46b–55).
In beiden Gesängen, in dem von Hannah und in dem von Maria, werden die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt: «Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke» (1. Samuel 2,4).
Von Weihnachten kommen wir her. Wir erinnern uns daran, dass Gott ganz klein und in einem Stall zur Welt gekommen ist. Die Weisen, die die Tradition später zu Königen macht, sie kommen, kommen von weit her, um diesem «Gesalbten» zu huldigen. Sie stehen später für die Enden der Erde.
Das Gericht dieses Gesalbten müssen wir nicht fürchten. Es wird ein Aufrichten sein, ein Erkennen von Richtig und Falsch, aber getragen von tiefer Liebe.

Von: Barbara Heyse-Schaefer

8. Januar

Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte. Jesaja 9,2

Ich schreibe diese Zeilen im Herbst. Gerade war ich auf dem Markt: Nie sind die Gemüsemärkte schöner, bunter, üppiger, reichhaltiger als um diese Jahreszeit.
Ernte, das ist Lebensfreude, Fülle, Dankbarkeit, satt werden. Es hat genug, es reicht durch den Winter.
Die Frauen und Männer auf den Landwirtschaftsbetrieben haben durchs Jahr hart dafür gearbeitet. Aber sie haben die Äpfel und Birnen, Salatköpfe, Kürbisse, Bohnen und Tomaten nicht gemacht. «Nur» gesät, gepflanzt, gejätet, begossen und schliesslich geerntet.
«Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte.» So sinnlich ist Gottesfreude? Gott, unsichtbar, unhörbar (fast immer), hat die Menschen mit den fünf Sinnen ausgestattet, und sinnlich sollen-dürfen-wollen wir uns vor ihm freuen. Vor ihm, unter seinen Augen. Sein liebevoller Blick ist ein Versprechen: Ich habe dich gesehen. Es hat genug für dich.
Mich irritiert das unpersönliche «man» der Luther-Übersetzung: «Vor dir freut man sich …» Es klingt so fremd nach der persönlichen Anrede («Vor dir»). Im vorangehenden Vers 1 erfahren wir aber, wer gemeint ist: «Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.» Passt doch gut ins Januarloch.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

7. Januar

Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für
ein Heil der HERR heute an euch tun wird.
2. Mose 14,13

Hier sind wir am Anfang der Geschichte, die mit der Landnahme der israelitischen Stämme im «Heiligen Land» endet. Wir wissen, dass diese Geschichte bis heute kein Ende gefunden hat. Heute ist sie nur noch eine Realität aus Krieg, Schmerz und Tod. Das «fürchtet euch nicht» erscheint doch irgendwie völlig fehl am Platz.
Ich las gerade ein Interview mit meinem Freund, der nun Probst in Jerusalem ist. Er wurde gefragt, warum er denn noch in Jerusalem bleibe. Er antwortete, indem er darauf hinwies, dass er gerade jetzt in Jerusalem an der Seite derjenigen bleiben müsse, die keine Möglichkeit haben, der Not zu entgehen. Dies sei der geschwisterlichen Solidarität geschuldet.
Fürchtet euch nicht!
Da ist es auf einmal ganz konkret und unmittelbar. Mein Freund bleibt in Jerusalem, weil er auf die Zusage Gottes vertraut, dass er immer an seiner Seite ist und er deshalb auch an der Seite der Menschen bleiben kann, die ihm anvertraut sind oder denen er einfach in Solidarität nahe sein will.
Ich finde immer noch, dass die Exodus-Geschichte nicht wirklich hilfreich ist, aber die Ansage Gottes «fürchte dich nicht» ist nicht nur hilfreich, sondern notwendig!

Von: Rolf Bielefeld

6. Januar

Da den Weisen im Traum befohlen wurde, nicht
wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf
einem andern Weg wieder in ihr Land.
Matthäus 2,12

Das fand ich schon als Kind komisch, dass da jemand im Traum eine Stimme hört, die ihm sagt, was er tun soll – und er macht es auch! Nun kennen wir alle die Geschichte, die Matthäus hier berichtet, aber an der Frage «wieso sollten wir einem Traum folgen?» kommen wir nicht vorbei.
Viele Menschen haben eine Vorstellung von ihrer Zukunft und nennen diese Vorstellung «Traum» oder «Vision». Dieser Vorstellung folgen sie, manchmal mit Erfolg, manchmal im Scheitern. Diese Vorstellung war für sie eine klare Beschreibung für ihre Karriere, ihre berufliche Entwicklung, ihren Lebensweg. Aber was, wenn der Traum nicht in Erfüllung geht, die Vision zerplatzt? Dann wäre ein alternativer Weg doch eine ziemlich gute Sache! Es fällt uns schon manches Mal schwer, uns auf Alternativen einzulassen, insbesondere wenn wir vom ursprünglichen Ziel so sehr überzeugt waren. Und doch – wenn wir uns dann darauf einlassen, entdecken wir sehr häufig, dass der neue Weg gar nicht so schlecht ist. Eigentlich ist er sogar richtig gut. Bei der Erzählung von Matthäus hat es wahrscheinlich die drei Männer vor «verschärfter» Befragung und Jesus vor dem vorzeitigen Tod bewahrt. Wenn wir uns einen offenen Verstand und ein offenes Herz bewahren, entdecken wir immer wieder neue Wege, den Glauben zu leben und Visionen real werden zu lassen.

Von: Rolf Bielefeld

5. Januar

Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen. Sacharja 8,21

Auf den Weg gehen, um an einem besonderen Ort anzukommen, wo man Gott begegnen kann – das ist in heutiger Sprache eine Pilgerreise oder eine Wallfahrt. In Jerusalem gingen die Gläubigen zum Tempel, um ihre Beziehung zu Gott wieder in Ordnung zu bringen (den HERRN freundlich zu stimmen) und von Gott eine Weisung für das Leben zu erbitten (den HERRN zu suchen). Die gewagte Aussage des Losungsverses liegt darin, wer hier spricht. Es sind in diesem Text nicht die Israeliten, sondern die Angehörigen anderer Völker, die Bewohner fremder Städte. Es sind die feindlichen Nationen, die einst mit ihren Armeen gegen Jerusalem in den Krieg zogen. Es sind die Mächte, welche das Existenzrecht des Volkes Israel in Frage stellten. Nun kommen sie in einer ganz anderen Haltung: als friedliche Wallfahrer, die gemeinsam mit Israel auf den Pilgerweg gehen. «Völker werden kommen und die Bewohner von vielen Städten. Die Bewohner der einen Stadt werden zur anderen gehen und sagen: Wir wollen wirklich gehen, um den HERRN freundlich zu stimmen und den HERRN der Heerscharen zu suchen.» Im Bibeltext erklingt eine Stimme, die einen Frieden zwischen dem Volk Israel und seinen Nachbarn für möglich hält.
Was müsste heute geschehen, damit wir dieser Hoffnung näherkommen?

Von: Andreas Egli

4. Januar

Die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und
die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.
Jesaja 60,3

Nach der grauen Morgendämmerung wird es einen hellen Sonnenaufgang geben. Das Prophetenwort spricht in eine Situation hinein, deren Stimmung man mit «grau in grau» beschreiben kann. Zwar war ein Teil der Juden aus der Verbannung nach Jerusalem zurückgekehrt, aber viele lebten immer noch zerstreut in anderen Ländern. Zwar standen wieder Häuser in der Stadt, aber für den Bau einer Stadtmauer fehlte die Kraft. Zwar hatte man angefangen, einen neuen Tempel zu bauen, aber die Arbeiten gingen nicht recht vorwärts. In einer Zeit der dunklen Schatten redet das Prophetenwort die Stadt Jerusalem an und stellt ihr ein ganz anderes Bild vor Augen: Die Stadt wird einen klaren Sonnenaufgang erleben, weil das Licht von Gott selbst kommt. Die Menschen werden lernen, auf Gottes Weisung zu hören und ihr Zusammenleben so zu gestalten, dass es von Recht und Gerechtigkeit geprägt ist. Diese Hoffnung wird nicht auf Jerusalem und nicht auf Israel beschränkt sein. Das Losungswort öffnet die Türe weit für alle Völker. Sie werden sich auf den Weg machen zum Licht, das Gott der Stadt Jerusalem schenkt. Sie werden den neuen Tag miterleben, der für alle beginnt.
«Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann.» (Lied 795)

Von: Andreas Egli

3. Januar

Bileam sprach: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN. 4. Mose 22,18

Geld ist nicht alles, die Treue zu Gott und seinem Wort ist mehr. Bileam nimmt allerdings den Mund etwas voll.
Später folgt die bekannte Geschichte von Bileams wunderbarem Esel. Bileam folgte nicht Gottes Wort und ging hin zu Balak, der Israel vernichten und Bileam dafür einspannen wollte.
Doch der Esel sieht den Engel auf dem Weg, dies drei Mal, und er versucht, auf ihn zuzugehen und Bileam vom Weg abzubringen, doch jedes Mal schlägt Bileam den Esel, bis der Esel in die Knie geht und zu ihm spricht, er habe ihm doch ein Leben lang gedient. Da endlich nimmt Bileam den Engel wahr und ändert seinen Weg und seinen Sinn und folgt Gottes Wort.
Heute sagen wir, wir würden unserem Bauchgefühl folgen. Hier ist es das Tier in uns, das mehr weiss als unser ach so kluger Kopf!
Wie ich dies schreibe, tobt der Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Ach, wären da nur Esel auf beiden Seiten, die den Engel Gottes sähen und zur Umkehr riefen! Denn tief im Innern, so will man zumindest glauben, weiss man doch, dass dieser Krieg unselig ist und die Bevölkerung hüben und drüben unsäglich leidet.

Von: Kathrin Asper

2. Januar

Da kam eine arme Witwe. Sie warf zwei kleine
Kupfermünzen hinein.
Markus 12,42

Da sitzt Jesus tatsächlich im Tempel und schaut zu, was in den Opferstock hineingetan wird. Das ist ein sehr befremdliches Bild, und ich bin nicht wenig schockiert.
Aber eben, wie so vieles in der Bibel kann man es auch anders verstehen!
Die Witwe hat alles gegeben, was sie hatte, und Jesus sagt von ihr zu den Jüngern: «Diese arme Witwe hat mehr gegeben als alle andern. Die haben nur von ihrem Überfluss gegeben, sie hat alles gegeben, was sie selbst dringend zum Leben gebraucht hätte.»
Das ist das zweitletzte Gleichnis vor der Passion. Im letzten geht es um das Salböl (14,3–9), das ein Jahresgehalt wert ist.
Beide Geschichten nehmen voraus, was Jesus am Schluss selber tut: nämlich die völlige Hingabe an Gottes Willen.
So gesehen scheint mir Jesu Sitzen und Beobachten im Tempel wie eine Einstimmung auf das, was ihm bevorsteht.
Auch beten wir: «Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.»
Wie schwer fällt es uns doch, uns selber in Gottes Willen hineinzugeben, ihn anzunehmen und nicht daran zu verzweifeln.

Von: Kathrin Asper

1. Januar

Hüte dich und bleibe still; fürchte dich nicht
und dein Herz sei unverzagt.
Jesaja 7,4

Das ist leichter gesagt als getan, wenn wie in diesem Fall eine Armee vor den Toren der Stadt steht und sie einzunehmen droht. Aber Jesaja macht Achas, dem König von Jerusalem, Mut: «Das sind nur rauchende Holzscheite; die können dir nichts anhaben!» Mit seinem Büblein an der Hand trifft er den König beim Teich, der die Stadt mit Wasser versorgt. Gott hat Jesaja aufgefordert, den Bub zum Treffen mit dem König mitzunehmen. Das Kind an der Hand verstärkt die Botschaft, dass die Stadt eine Zukunft hat. Auch der Ort des Treffens ist gut gewählt. Wasser ist das alte Symbol für das Leben. Vieles spricht in dieser Situation gegen die Hoffnung und für die Angst und darum lässt Gott nicht nur Jesaja sprechen, sondern unterstützt das, was er sagt, mit starken Bildern.
Vieles spricht auch heute gegen die Hoffnung und für das Verzagen. Dem Verzagen stehen nicht nur Gottes Zusagen aus der Bibel entgegen, sondern auch die konkreten Taten vieler, die von Hoffnung getragen sind. Wir sehen sie überall, wo Menschen sich dafür einsetzen, dass die Welt eine Zukunft hat. So lädt uns Jesaja ein zum Trotz. Seine Worte werden zu Vorsätzen, die uns das neue Jahr weit machen. «Trotz» kommt von «trutzig», wehrhaft. Unsere Welt braucht dringend die eigensinnige und robuste Hoffnung der Glaubenden.

Von: Heiner Schubert