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10. März

Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt und habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen. Jesaja 51,16

Eben noch wurde Jerusalem angeklagt, seinen Gott vergessen und sich an Menschen orientiert, sterbliche Menschen gefürchtet zu haben. Und plötzlich dreht die Gottesrede. Keine Schelte, keine Drohung, sondern Zuwendung: «Ich habe dich unter dem Schatten meiner Hände geborgen» – ein wunderschönes, geradezu liebevolles Sprachbild, eine Liebeserklärung an Menschen, die sich sehr ambivalent verhalten. Eine wundersame Wendung: Gott ist ein Gott, der schützt und birgt. Gott ist es, der aufrichten kann, der Fehlverhalten nicht anrechnet, der vergibt, der neue Anfänge möglich macht, der Leben will, nicht Tod! Und der das bedingungslos macht. Wo man eine Forderung erwarten könnte, kommt dieses «Du bist mein Volk»! Die Menschen in der Stadt sind die, die Gott zu seinen Boten machen will: «Ich habe mein Wort in deinen Mund gelegt.» Alle sind gemeint, wie sie auch sind! Und seit Jesus hören und wissen wir: Das «alle» gilt weltweit. Bis zu uns. Wir hier, die wir diesen alten Text von Gott lesen, sind mitgemeint. Wir sind mitbeschützt, ebenfalls geborgen im Schatten von Gottes Hand. Alle. Jederzeit, heute und morgen. Der Gott, dem wir hier begegnen, will Zukunft für die Welt. Was zu Zion gesagt wurde, ist zu uns gesagt. Wir dürfen (und können) es sehr persönlich nehmen. Wenn Gott «alle» sagt, meint er auch mich, so, wie ich bin!

Von Hans Strub

9. März

Wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken.
Epheser 2,10

«Sein Gebilde sind wir» lautet die präzise Übersetzung des ersten Versteils: Gott steht betont am Anfang, und der Ausdruck «Gebilde» spielt die Metaphorik der Schöpfung ein, um die es hier geht. Der Autor des Epheserbriefs ist inspiriert von der Vorstellung, dass Gott im Ursprung, ehe er Adam und Eva schuf, einen Urmenschen bildete. Er war vollkommen, von «unversehrter Heiligkeit» (H. Schlier).In diesen Ursprung kehren wir «in Christus» zurück.

In diesem Ursprung – in der «Vor-Zeitlichkeit» (G. Sellin) – sind auch die «guten Werke» schon vobereitet. So lautet die Fortsetzung des Verses, die einen originalen Gedanken des Autors zur Sprache bringt: Die guten Werke hat Gott «zuvor bereitet, dass wir in ihnen wandeln». Es gibt also nichts zu leisten, nichts zu erreichen. Es gilt zurückzukehren in jenes ursprüngliche Gutsein, wo die «guten Werke» Teil meiner Natur, meines Wesens sind, gleich meinem Atem, meinen Augen, meinen Händen und Füssen. (E. F. Scott)

Meister Eckehart sagt: Nicht durch Zufügen, sondern durch Abtun wird Gott in der Seele gefunden. Deshalb heisst es: Die Herrlichkeit wird enthüllt werden. Gott ist nämlich zuinnerst in der Seele, und das Wirken des Geschöpfes kann hierzu nur beitragen durch Reinigung und Bereitung.
Von Andreas Fischer

8. März

Einen andern Grund kann niemand legen ausser dem,
der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

1. Korinther 3,11

Der frühere St. Galler Kirchenratspräsident Dölf Weder beginnt eine Predigt über den heutigen Lehrtext – die Präambel der St. Galler Kantonalkirche – mit der Frage: «Welches ist das wirkliche Fundament Ihres Lebens?» Als mögliche Antworten vermutet er: Familie, finanzielle Absicherung, Sich-auf-sich-selber-Verlassen.

Die Antwort, die Paulus gibt, lautet: Jesus Christus. Die Antwort ist nur scheinbar «fundamentalistisch». Denn das Fundament trägt nicht. Der Christus, der das Fundament bilden soll, ist der gekreuzigte. Und dies, sagt Paulus, ist ein «Skandal» (1. Korinther 1,23). Das griechische Wort skandalon  bedeutet: «Falle». Wer in die Falle tappt, stürzt ab, seine Seele befindet sich im freien Fall. Ebendiese Fallenden, schreibt der zeitgenössische deutsche Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert in seinen «Korinthischen Brocken», sind gemäss Paulus die «Berufenen» (vgl. 1,24).


Walk your talk ermutigt Dölf Weder uns Christenmenschen gegen Ende seiner Predigt mit einem amerikanischen Slogan: Lebe, was du vertrittst!  Ich schreibe diesen Text unterwegs nach St. Gallen, wo ich Dölf treffe. Ich werde ihn fragen, was Walk your talk unter den genannten «skandalösen» Bedingungen zu bedeuten hat.

Von Andreas Fischer

7. März

Richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung naht.
Lukas 21,28

Es gibt so unfassbar grosse Worte, die mich entweder sofort abhängen oder auf eine Gedankenreise schicken – dazu gehört «Erlösung»! Nun, heute lassen wir uns nicht abhängen.
Wir haben uns so an den liturgischen Satz «erlöse uns von dem Bösen» gewöhnt, dass er eigentlich kaum noch eine Bedeutung hat.
Erlöst werden bedeutet ja eigentlich befreit werden. Die einen möchten von Schulden befreit werden, die anderen von ihrem schlechten Gewissen, die Dritten vom Partner oder von der Partnerin.

Als Glaubende gilt unsere Bitte um Befreiung in erster Linie der Befreiung von den Handlungen und Vorstellungen, die uns daran hindern, dem Wohl der Schöpfung als Ganzes und unseren Mitmenschen als Teil davon zu dienen. Aber wovon sollen wir denn nun befreit werden? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir nur darum bitten können, die Lethargie loszuwerden, die Bequemlichkeit zu überwinden, Energie freizumachen. Denn wir wissen genau, dass wir auf den Zustand einer versöhnten Schöpfung hinleben sollen. Es sind die individuellen und kollektiven Schritte, die so wahnsinnig schwer sind. Aber es wird sie keiner gehen, wenn wir nicht anfangen und weitergehen – als Einzelne und als Gesellschaft. Das ist Erlösung!

Von Rolf Bielefeld

6. März

Der HERR ist seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt!
Habakuk 2,20

«Sei still und tu was man dir sagt», das hat wahrscheinlich jede/r schon einmal in seiner/ihrer Kindheit gehört. Dieser Satz könnte auch von dem das Übel ankündigenden Gerichtspropheten Habakuk stammen.
Irgendwie passt das gerade in unsere Zeit, mit den vielen – manchmal sich widersprechenden – Ankündigungen. Der grösste Teil der Bevölkerung folgt, Gott sei Dank, den vernünftigen Ankündigungen der Regierenden in der grassierenden Pandemie. Aber eine sehr laute Minderheit macht das Leben dann doch kompliziert
Das ist der Moment, wo ich mich nach Stille sehne; nach einem Moment, wo alles stillsteht und alle nachdenken. Dann haben alle eine vernünftige Entscheidung getroffen und verhalten sich so, dass es für alle das beste Ergebnis gibt. Eine sehr schöne Vision und doch so weit weg von unseren täglichen Erfahrungen. Aber es lässt mich verstehen, warum Habakuk Gott in «seinem heiligen Tempel» sieht und sich Stille um ihn herum wünscht. Das Anhalten und Stillwerden ist einfach eine gute Voraussetzung, um zuhören zu können und gute Entscheidungen zu treffen.

Von Rolf Bielefeld

5. März

Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.
Psalm 65,9

Beim Gottesdienst im Tempel von Jerusalem wurde der biblische Gott gefeiert. Auf dem Berg Zion konnten die Israeliten Vergebung finden. Dort dankten sie Gott dafür, dass er dem Land Regen und Fruchtbarkeit geschenkt hatte. Der Psalm ist ein Abbild dieses Gottesdienstes. Man könnte denken, er habe einen verengten Blick, der nur das eigene Land sieht. Aber der mittlere Teil des Psalms öffnet die Perspektive weit, sodass die ganze Welt miteinbezogen wird. Es geht um den Gott, der die Schöpfung begründet hat, der das Chaos in die Schranken weist, der die Erde zu einem «Lebenshaus» macht. Zu ihm finden auch «die Enden der Erde» Vertrauen. An der Freude über ihn haben auch all jene Anteil, die weit weg wohnen: ganz im Osten, wo die Morgendämmerung aufgeht, und ganz im Westen, wo die Abenddämmerung am längsten zu sehen ist. «Die an den Enden der Erde wohnen, haben Ehrfurcht vor deinen Zeichen. Du machst, dass die Orte jubeln, wo der Morgen und der Abend herkommen.»

Die wohnen in den fernsten Reichen am Auf- und Niedergang,
die preisen deine Wunderzeichen  mit Furcht und Jubelklang.

(RG 40,4)

Von Andreas Egli

4. März

Auf dich, HERR, sehen meine Augen; ich traue auf dich,
gib mich nicht in den Tod dahin.

Psalm 141,8

In einer religiösen Not bittet der Psalmsänger um Hilfe. In der damaligen Zeit wurde es modern, die griechische Kultur und ihre Lebensweise zu übernehmen. Aber der Beter will dem biblischen Glauben treu bleiben, der ihm überliefert worden ist. Er redet von sich als Mensch, wie es die hebräische Bibel tut – da gehört der Körper dazu. Mit seiner Stimme ruft er zu Gott, und  Gott soll ihn hören. Seine offenen Hände hebt er beim Beten in die Höhe.
Die Bitten im mittleren Teil kommen aus der Angst: Schlechte Freunde könnten ihn dazu verleiten, etwas Falsches zu denken, zu reden und schliesslich zu tun. Deshalb bittet er, vor seinem Mund soll Gott eine Wache einrichten. Vor der Türe seiner Lippen soll Gott wachen. Dass sein Herz sich zu schlechten Gedanken neigt, soll Gott nicht zulassen. Dagegen ist er froh um gute Freunde, mit denen er seinen Glauben teilt. Sie machen ihn darauf aufmerksam, wenn er auf einem falschen Weg ist. Wie wohlriechendes Öl für den Kopf ist es, wenn ein Gerechter ihn korrigiert.
Im dritten Teil geht es wieder um den Bezug zu Gott. Die Augen des Beters sind auf Gott gerichtet. Seine Kehle  ist in Sicherheit, Gott wird sein Leben nicht ausgiessen. «Ja, zu dir, HERR, sind meine Augen ausgerichtet. Bei dir finde ich Schutz. Giesse meine Kehle nicht aus.»

Von Andreas Egli

3. März

Gott sende seine Güte und Treue.
Psalm 57,4

Auch wenn sich das psychotherapeutische Gespräch vom seelsorgerlichen Gespräch unterscheidet, werde ich als Psychotherapeutin am Ende einer Behandlung ab und an um einen Segen gebeten, etwas, das an sich unabdingbar zum seelsorgerlichen Gespräch gehört. Dem komme ich gerne nach, entweder mit einem Gedicht von Hilde Domin oder dem Psalm 23, begleitet von guten Wünschen für den weiteren Lebensweg, der Bitte um Segen und Wohlbefinden.

«Gott sende seine Güte und Treue», bittet David im Psalm, in dem es durchwegs um die Bedrohung seines Lebens durch Feinde geht. Wir wünschen uns alle, dass jemand bei uns sei, wenn es uns schlecht geht, dass wir im «Schatten seiner Flügel» geborgen sein mögen und die Treue und Güte Gottes tief empfinden dürfen.

Wenn es um äussere Feinde geht, raten wir heute zu Selbstbesinnung auf eigene Anteile am Konflikt, ermuntern zum Gespräch mit dem Angreifer, setzen auf Diplomatie und Kompromiss. Damit jemand aber auf den Feind zugehen kann, braucht er in der Tiefe das Gefühl, angenommen und sicher geortet zu sein in Gottes Güte und Treue.

Begegnung mit dem Feind setzt voraus, dass ich an mich glaube und vertraue, das heisst daran glaube, dass Gott bei mir ist. Nicht dass ich gewinne im Konflikt, ich kann auch scheitern, wichtig ist indes, dass ich weiterhin vertraue und an Gottes Güte und Treue glaube.

Von Kathrin Asper

2. März

Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.
Lukas 11,28

Und was steht vorher? Jesus berichtet von einem bösen Geist, der aus seinem Haus auszog. Da er aber keine geeignete Bleibe fand, beschloss er, zurückzugehen, und nahm gleich noch sieben andere böse Geister mit. Sie kommen zum Haus, das nun geschmückt und gesäubert ist. Die Geister gehen hinein und es wird alles schlimmer als je zuvor. Da war man also nicht wachsam und jubelte, den Unruhestifter losgeworden zu sein. So geht es nicht, wir müssen immer wachsam sein und, wenn unsere inneren negativen Stimmen wieder laut werden, in Distanz zu ihnen gehen, ihnen antworten und die Türe weisen.
Nach dieser Stelle ruft eine Frau und preist die Mutter Jesu, die ihn geboren und genährt hat, und nennt sie selig. Und was sagt Jesus darauf? Nicht dass er etwa auf seine Mutter stolz ist, noch zeigt er Freude. Er wirkt distanziert und sagt: «Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.» Das tönt wie bei der Hochzeit in Kana, als er seiner Mutter entgegenwirft: «Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?» (Joh. 2,4). Sie aber steht zu ihrem Sohn.
Aber vielleicht ist es ja anders: Erinnern wir uns an das Magnificat, da wird doch vollumfänglich deutlich, wie sehr Maria das Wort Gottes in sich aufnimmt und in ihrem Herzen bewahrt hat (Lukas 1,46–58). Es ist nicht auszuschliessen, dass der Sohn mit diesen kühl wirkenden Worten auf die Glaubenskraft seiner Mutter hinweisen will. In dubio pro reo.

Von Kathrin Asper

Mittelteil

Der glückliche Abschluss eines grossen Projekts

von Elisabeth Wyss-Jenny

Von 2012 bis 2019 wurde als Projekt des Klosters Kappel am Albis der Text  des Alten und des Neuen Testaments durch 32 Kalligrafinnen und Kalligrafen auf handgeschöpftes Papier geschrieben, mit kalligrafischen Bildseiten bereichert und zuletzt in vier Bände gebunden. Am 13. März 2022 findet nun in der Klosterkirche die Abschlussfeier statt, coronabedingt um ein Jahr verschoben.

Als theologische Mitarbeiterin im Kloster Kappel hatte ich mir immer wieder überlegt, welches ein Projekt sich an diesem Ort realisieren liesse, das dem Sinn und Geist des Hauses gerecht würde. Und plötzlich war sie da, die Idee: Mit einer kalligrafischen Abschrift die Zürcher Bibel zu würdigen, die 2007 nach langer, intensiver Übersetzungszeit neu erschienen war. 500 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks sollte zum Reformationsjubiläum 2019 eine individuelle und einmalige Bibelausgabe entstehen, Buchstabe für Buchstabe von Hand abgeschrieben. Neben dem Text jeweils nach 16 Seiten mit einer kalligrafischen Seite bereichert. Ein Werk, das dem reformatorischen Leitsatz sola scriptura einen neuen Akzent zu geben imstande wäre.

Wenn der Buchdruck die Erfindung war, welche der Reformation Schub gegeben hatte, so hatte er doch auch die individuellen kalligrafischen Bibelabschriften verdrängt, die vor allem in den Klöstern erstellt worden waren. 500 Jahre später wieder eine individuelle Abschrift in Langsamkeit zu schaffen – die Idee fand bei den Verantwortlichen schnell Anklang. Während des Jahres 2011 wurde sie weiter bearbeitet. Details wie Schriftart und -grösse sowie -farbe, Papierbeschaffenheit, Schreibwerkzeug und dazu passende Tinte wurden geklärt, sodass am 26. Februar 2012 an einer Vernissage die ersten Seiten und das Konzept präsentiert werden konnten. Das Projekt mit dem Namen «Kein Jota soll verlorengehen» fand sogleich Interesse bei einer grossen Anzahl von potentiellen Mitschreibenden sowie in der Presse. Zum Mitschreiben eingeladen waren Frauen und Männer mit kalligrafischer Vorbildung. Interessierten wurde auch ein einführender Kurs angeboten.

In der ehemaligen Schatzkammer des Klosters

Ein geeigneter Raum für das Scriptorium war bald gefunden: die ehemalige Schatzkammer des Klosters, ein gefangener Raum hinter dem ehemaligen Schlafraum der Mönche. Ein ausgeliehenes Leuchtpult und ein umgebautes Stehpult bildeten die neue Einrichtung. Später kamen ein weiteres geschenktes Leuchtpult und ein portables Modell dazu, sodass bis zu vier Arbeitsplätze möglich waren. Da der Raum gegen die Nordostseite lag, blieb er auch im Sommer angenehm kühl und verströmte eine gute Atmosphäre, die zu Stille und Konzentration einlud. Wenn der Raum für einmal nicht zugänglich war, konnte mit dem portablen Modell auf einen anderen Raum ausgewichen werden.

Wer kam, um zu schreiben, zog sich – manchmal gleich im Anschluss an das Morgengebet – ins Scriptorium zurück und blieb bis zum Mittagsgebet dort. Nach dem gemeinsamen Mittagessen konnte dann der zweite Teil der Seite in Angriff genommen werden. Ziel war es, an einem Tag eine ganze Seite zu erstellen und pro Zeile möglichst achtzig Zeichen unterzubringen. Meistens gelang das den Schreibenden mühelos.

In den Jahren 2012–2019 wurden so 1039 Schreibtage im Hause absolviert, vielmals als Einzeltage, zuweilen aber auch in mehrtägigem Aufenthalt. Einkehrtage von unschätzbarem Wert, wie Schreibende sagten.

Zu zwei Gelegenheiten wurde das Scriptorium temporär verlegt: vom 26. bis
30. März 2014 in den Chorraum des Grossmünsters, an den Platz, an dem Zwingli mit seinen Mitübersetzern die Prophezey installiert hatte, die ursprüngliche Übersetzungswerkstatt der Zürcher Bibel. Das Interesse der vielen Besuchenden im Grossmünster war gross und die Aktion für die Schreibenden ein Erlebnis.

Die zweite Aktion betraf zwei ganze Schreibwochen anlässlich der «Weltausstellung Reformation» in Wittenberg im Sommer 2017. Unmittelbar neben einer nachgebauten Gutenbergpresse, wo die Errungenschaft des Buchdrucks gefeiert wurde, schrieben eine Kalligrafin und ein Kalligraf ungerührt in Langsamkeit und mit gestochener Schrift am Buch der Sprüche, vielmals unterbrochen und bewundert in ihrem Handwerk.

Mehr als dreissig Fässli Tinte sind durch Dutzende von Federn gelaufen, dreimal musste Papier in der Basler Papiermühle von Hand geschöpft werden, damit alle Buchstaben aufs Papier gebracht werden konnten. Und der Super-Gau hat sich nicht eingestellt: Kein Tintenfässli hat sich über geschriebene Seiten ergossen, der Boden des Scriptoriums jedoch muss aufgefrischt werden …

Wie beim Zürcher Drucker Froschauer im 16. Jahrhundert entstand zuerst das Neue Testament, einbändig, fertiggestellt 2015 mit 445 Seiten. Als im Februar 2015 die Abschrift beendet war, war es keine Frage, auch das Alte Testament in Angriff zu nehmen. Am 19. Februar 2015 wurden die ersten Worte vom Buch Genesis aufs Papier gebracht. Im Ganzen sind es drei Bände mit 1566 Seiten.

Niemals kam in der Leitung die Angst auf, das Projekt könnte an zu wenig Schreibenden scheitern. Immer wieder meldeten sich neue Interessierte. Der letzte konnte gerade noch vor dem coronabedingten Unterbruch seine erste und einzige Seite schreiben. 32 hochqualifizierte Freiwillige brachten das Werk gemeinsam zustande. Selbst als die letzten Seiten im Homeoffice geschrieben werden mussten, war der Einsatz ungebrochen. Es entstanden während dieser Jahre neue Beziehungen, viele wertvolle Bekanntschaften, die über das Projekt hinaus Bestand haben. Das erfüllt uns mit grosser Dankbarkeit.

«Ihr kopiert das doch?»

Seit Projektbeginn war klar, dass die Abschrift ein Unikat bleiben sollte. Dennoch setzte sich mit der Zeit die Einsicht durch, dass das Werk für alle frei zugänglich sein sollte. Nach dem Vorbild der Froschauerbibel von 1531, die im Grossmünster ausgestellt ist, sollte diese Abschrift in einer digitalisierten Form auf einem Touchscreen einsehbar sein. Das Digitalisierungszentrum der Zentralbibliothek Zürich übernahm die Aufgabe gerne. Es war schön, zu erleben, wie sich der Leiter jedes Mal über eine neue Lieferung von 300 und mehr Seiten freute. Stolz zeigte er die Seiten jeweils, wenn sich interessierte Gäste in seiner Abteilung der Zentralbibliothek aufhielten. Er bewältigte mit seinen Mitarbeitenden alle Tücken einer solch grossen Aufgabe. Zum Schluss übernahm er es auch, die kalligrafischen Seiten, die in der abschliessenden Ausstellung gezeigt werden sollen, zu drucken und in die Rahmen einzulegen.

So können im Rahmen des Festtages auch viele der einmaligen kalligrafischen Bildseiten in den Räumen des Klosters Kappel angesehen und sogar erworben werden. Und am Touchscreen bleibt Zeit, einen geliebten Bibelvers zu suchen oder einen neuen zu entdecken, wie es die Leserinnen und Leser der Bolderntexte täglich tun.

Festtag zur Vollendung der Kappeler Bibel am 13. März 2022
10.30 Uhr Gottesdienst in der Klosterkirche Kappel. Anschliessend Apéro im Amtshaus.
14.30 Uhr «Wunderwerk Bibel». Vortrag von Konrad Schmid, Professor für Altes Testament an der Universität Zürich
Die Ausstellung der Kalligrafien im Kloster Kappel ist ab 27. Februar 2022 zu sehen.