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18. April, Ostermontag

Lass deine Augen offen stehen über diesem Haus Nacht und Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast: Da soll mein Name sein.
1. Könige 8,29

Dass Gott präsent sei an einem Ort…
Ich kenne Orte, an denen ich so etwas ahne: Wo eine ganz eigene Ruhe in mich einströmt. Wo ich mich umgeben fühle von denen, die ihre sehnsüchtigen Bitten oder ihr Glück dorthin brachten und von dem Du, an das sie sich wandten. Wo manches, was ich mit mir trage, auf einmal relativ wird.

Salomon baut ein Haus. Einen Ort von Gottes Nähe. Ausdruck für diese Nähe: Sein Name soll da sein. Eine eigenartige Vorstellung. Im biblischen Denken ist der Name mehr als Schall und Rauch. In meinen Namen bin ich hineingewachsen. In ihm verdichtet sich meine Geschichte. Es «tüpft» mich, wenn mein Name fällt. In seinen Namen ist Gott hineingewachsen, in ihm ist er da – das ist die Vorstellung.

Was ist Gottes Name? Gott? Im Judentum ist eine grosse Scheu da, ihn auszusprechen. Nur einmal im Jahr – am Jom Kippur-Tag – tut es der Hohepriester. Stattdessen werden Ersatzworte benutzt, die eine Eigenschaft beschreiben: die Ewige, der Barmherzige, die Heilige, der HERR, die Gewaltige, der Ort, der Name. Mich rührt diese Scheu! Sie gesteht ein, dass Gott nicht in Worte zu fassen ist.
Und Ostern? Wie soll ich diesen Gott in Worte fassen?
Von Ulrike Müller

17. April, Ostern

Der Auferstandene spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Johannes 20,21

«Friede sei mit euch!» «Friede sei mit dir!» Warum spricht mich diese Zusage so an?
Mir ist, als habe sie schon mein Innerstes erreicht, bevor ich recht überlegen kann.
Und ich gebe ihr gern Platz. Weil ich merke, wie sehr ich diesen Frieden brauche und wo er mir fehlt. Und mit den Worten scheint schon Friede bei mir angekommen zu sein.

Lasse ich mich da einlullen? Als wäre es so leicht, dass einer Frieden zusagt – und er ist da! Es ist doch kein Friede! Das ist doch Augenwischerei. Wird es je Frieden geben in der Welt? In mir? Es sieht nicht so aus. Und auf einmal muss ich an Menschen denken, die Kathedralen gebaut haben. Nie haben sie diese fertig gesehen. Da gestaltete einer einen Altar, malte ausdrucksvolle Szenen, ein anderer legte das Mosaik am Boden, aber in das fertige Haus konnten sie nicht hineingehen, um das gemeinsame Werk zu betrachten. Und doch stand es eines Tages da.

Könnte das Auferstehungsglauben sein: Eben nicht dem recht geben, was vor Augen ist und realistisch zu sein scheint? Nichts als unverrückbar hinnehmen und Oster-verwegen über mein determiniertes Denken springen?
Von Ulrike Müller

16. April, Karsamstag

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein vergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
2. Timotheus 1,10

Das Evangelium von Jesus Christus ist nicht allein ein Evangelium der Stärke, sondern auch der Schwäche: Jesus ist am Kreuz gestorben.
Heute ist Karsamstag: Tag der Grabesruhe. Der Tod am Kreuz war die Todesart für Verbrecher, also gescheiterte Existenzen. Die Kreuzigung sah aus wie das klägliche Scheitern eines selbsternannten Heilands. In Wahrheit aber war es ein zentrales Ereignis der heilvollen Geschichte Gottes mit uns  Menschen. Gottes Handeln vollzieht sich oft unsichtbar, in der Verkleidung des Schwachen, des Kleinen, des Misslungenen. Denken wir an die Gleichnisse, die Jesus erzählt hat: den verborgenen Schatz im Acker, die zufällig entdeckte Perle oder das winzige Senfkorn, welches dann plötzlich zu einem grossen Baum heranwächst.

Gott hat einen Plan mit uns Menschen. Er will uns unvergängliches Leben schenken. Im Glauben sollen wir dieses Geschenk annehmen. Zu Ostern feiern wir Christinnen und Christen die Freude über das Leben gegen alle Macht und Gewalt des Todes. Hoffentlich können wir ganz viele Menschen mit unserer Osterfreude anstecken und begeistern. Es ist wieder an der Zeit.
Von Carsten Marx

15. April, Karfreitag

Jesus Christus erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.  
Philipper 2,8

Gehorsam – ich mag dieses Wort überhaupt nicht. Wenn ich gehorsam sein soll, dann werde ich misstrauisch. Vielleicht will mich jemand instrumentalisieren?
Jesus war nicht misstrauisch, sondern hatte volles Vertrauen zu seinem Vater, darum gehorchte er ihm. Es war ein Gehorsam ohne Wenn und Aber. Bis zum letzten Atemzug war er gehorsam, bis zum Tod am Kreuz.

Nach dem Bericht des Markusevangeliums stirbt Jesus am Kreuz von Gott verlassen. Er ruft «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Die Frage bleibt am Karfreitag zunächst unbeantwortet. Das Karfreitagsgeschehen wirft weitere Fragen auf. Für mich bleibt, dass der grausame Tod  Jesu am Kreuz ein Zeichen dafür ist, dass  Gott den Menschen im Leiden ganz nah ist. Zwischen Gott und den Menschen soll es keine Hindernisse geben. Das Kreuz symbolisiert das ganz genau. Das Kreuz verbindet Himmel und Erde. Das Bild vom Kreuz ist lebendig. Es ist nicht das Bild des Scheiterns und der Katastrophe. Gottes Weg in die Welt ist nicht gescheitert. Es ist ein Weg der Befreiung und der Erlösung. Lebendig ist die Kraft der Liebe. Lebendig ist das Kreuz, das Jesu Nachfolger tragen. In der ganzen Welt gibt es die Zeichen dafür. Die Liebe kommt nach unten und mischt sich ein.
Von Carsten Marx

14. April

Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwören
und sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke.

Jesaja 45,23–24

Ich möchte diesen Text einmal umdrehen und von der zweiten Hälfte her lesen: «Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke» ist die Aussage derjenigen, deren Knie sich beugen, als ein deutliches Zeichen des Sich-klein-Machens vor der Grösse eines anderen. Der andere ist hier «JAHWE», der uns auffordert, die eigene Grösse nicht zu überschätzen in dem Wissen, woher Gerechtigkeit, Anteilhabe an den Gütern der Schöpfung und je eigene Stärke und Macht kommen. Das letztlich verweist uns auf unsere Möglichkeiten.
Das Abendmahl, dessen wir am heutigen Gründonnerstag besonders gedenken, verweist für mich auf Ressourcenteilung und Möglichkeiten. Brot und Wein werden, ausgehend von Jesus, mit allen geteilt, auch mit Judas. Diese Gleichheit aller ist die Basis unserer Stärke, aus der heraus wir leben können. Einer Stärke in Gemeinschaft von Christen und, darüber hinaus, aller Geschöpfe Gottes. Das heute erinnerte, eingesetzte Mahl ist die Basis dieses Grundwissens um gerechtes Teilen, Enpowerment . Aus dieser Gerechtigkeit erwächst die Stärke, die in den Schwachen mächtig ist. Es ist Stärke, die sich willig vor Gott klein macht im Wissen, dass allein in diesem HERRN unsere eigene Stärke ruht.
Von Gert Rüppell


13. April

Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Micha 5,3

Der heutige Losungstext stammt von jenem kleinen Propheten, der, zeitgleich mit Jesaja, auch der «Amos des Südreichs» genannt wird. Ähnlich wie dieser klagt er die Korruption und das soziale Fehlverhalten der herrschenden Eliten an. Ihrer religiösen Selbstsicherheit setzt er die Prophetie der Zerstörung Zions (Jerusalems) entgegen. «Was kann uns schon passieren, wir haben das Heil doch in unserer Mitte?» (3,11)
Micha prophezeit die Vernichtung des Tempelberges und die Ankunft einer neuen Zeit am Ende der Tage. Es ist dies die Zeit der Fürsorge für die Geschundenen, Behinderten, Entrechteten, in der er «in der Kraft des HERRN auftreten und ihr Hirt sein wird», wie die Einheitsübersetzung diesen Text wiedergibt. Dann werden sie, die Opfer des Unrechts, in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.

Der Text  zieht mich in seinen Bann, ist er doch für den Karmittwoch, der altkirchlich dem Gedenken an den Verrat des Judas gewidmet war, eine spannende Verbindung von Schuld und Sühne. Gott greift ein, trotz oder gerade wegen allen  Fehlverhaltens der Menschen. Auf seine Gnade, so mag ich es lesen, verweist uns dieser Mittwoch vor dem Osterfest.

Von Gert Rüppell

12. April

Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis
und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes.

Kolosser 1,12

Von der Finsternis ins Licht, post tenebras lux, –  so hat man in Calvins Genf das Selbstverständnis der Reformation formuliert. Die barocke Theologie vertraute auf die vom Heiligen Geist erleuchtete Vernunft, und bekanntlich nennt man die Zeit der Aufklärung im Französischen les lumières. Das ist alles nicht die Lesart des
1. Jahrhunderts. Dennoch ist der Lehrtext mit seiner Nachwirkung eine Herausforderung für ein modernes Glaubensverständnis, das Vernunft und Glauben zusammendenken muss.

Die «vernünftigste Vernunft» ist jene, die auch über sich selbst nachdenkt. Dabei erkennt sie ihre Bedingtheit durch die menschliche Natur und rechnet damit, dass es eine Wirklichkeit ausserhalb der erkennbaren gibt, auch wenn sie nicht zu definieren ist. Die Religionen nennen diese Wirklichkeit «Gott» und versuchen, sie in Begriffe, Rituale und Erfahrungen zu fassen. Die recht verstandene Vernunft blendet sie nicht aus, sondern hat die Aufgabe, die  Religion daran zu hindern, sie in scheinbar eindeutige Formeln einzuschliessen. So bleibt der Raum jenseits des rational Fassbaren offen, die Vernunft behält die Erkenntnis ihrer Grenzen und bleibt auch sich selbst gegenüber vernünftig.

Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein‘ neuen Schein.
Es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht, Kyrieleis.

(RG 392,4)

Von Andreas Marti

11. April

Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!
Psalm 31,25

«Harren» – das Wort begegnet uns immer wieder in den Psalmen, aber kaum je im Alltag. Wir sagen «warten», aber das wirkt passiv; wir sagen «hoffen», auch ein gut biblisches Wort, aber umgangssprachlich recht unbestimmt. Es gibt aber noch das Wort «ausharren», meist im Zusammenhang von schwierigen, vielleicht aussichtslosen Situationen. Diesen Hintergrund hören wir im Psalmwort mit, dazu aber auch die Gewissheit, dass eine solche Situation nicht endgültig, nicht das Letzte sein soll, dass da einer ist, der etwas Anderes, Besseres für uns und für die Welt vorgesehen hat. Daraus erwachsen Kraft zum Handeln, Offenheit und Lebensfreude, auch gegen allen Anschein.

In meinen Ohren klingen Passagen mit dem gesungenen «Harren»: Etwa Mendelssohns 42. Psalm, wo das Harre auf Gott mit Kraft und Wucht die Klage und die Ungewissheit hinwegfegt, oder Heinrich Kaminskis 130. Psalm, wo sich die Sopranstimme schwerelos und engelsgleich mit den Worten Ich harre des Herrn über den Chorklang aufschwingt. Was der Verstand nur mit Mühe zusammenbringt – das irdische Leben mit seinen Widersprüchen und Mühen und jenes Grössere, für das wir keine angemessenen Worte haben –, kann uns in der Musik als Ahnung aufscheinen. So wird christlich e Existenz sub spezie aeternitatis,  im Angesicht der Ewigkeit, spürbar, wird Quelle für Mut und Zuversicht, für ein «getrostes und unverzagtes» Leben.

Von Andreas Marti

10. April

Wir warten aber auf das, was unsere wunderbare Hoffnung ist: auf das Erscheinen der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns zu erlösen von aller Ungerechtigkeit.
Titus 2,13–14

Ich schreibe am heimischen Stubentisch, aber heute Morgen war ich noch im Emmental, wo wir einige Neujahrstage verbracht hatten. Es hatte leicht geschneit, und wir gingen mit den Kindern und zwei Schlitten den Hügel hoch. Die Sonne schien, und meine Tochter machte mit ihrem Handy Fotos ohne Ende: verschneite Tannen, prächtige Höfe, sie selbst mit Mütze und Winterjacke. Mein Sohn lag im Schnee und sagte: «Ich bin irgendwie so glücklich.» Ich war es auch. Die Herrlichkeit des grossen Gottes? Sah sie für mich heute so aus?Unten neben unserem Ferienhaus war eine Holzbeige, in die hinein unsere Vermieter ein Adventsfenster gebaut hatten, darin eine schöne Krippe.

Und auf der Holzbeige lag ein Stechpalmenzweig. Warum? Zufall? Vielleicht eine vergessene Weihnachtsdekoration? Auf alle Fälle erinnerte er mich daran, dass der nächste Palmsonntag bald wieder kommen wird. Wir werden Palmzweige binden. Ich werde den Frühling riechen und mir ab und zu die Hände an den Stechpalmen stechen. Und ich werde mich fragen: Warten wir auf etwas? Wovon sollen wir erlöst werden? Und wo ist die Herrlichkeit schon sichtbar?

Von Katharina Metzger

9. April

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. Römer 14,17

Wieder einmal bin ich überrascht, wie ich den obigen Vers in seinem Zusammenhang lese. Ich hatte zuerst gedacht, Paulus skizziere da ein asketisches Himmelreich, das einen etwas brav-trostlosen Gegensatz zur Hölle bildet, wo richtig was los ist. So wie in einigen Witzen, die ich noch aus meiner Kindheit im Kopf habe.
Das Kapitel 14 des Römerbriefs erstaunt mich nun mit unerwarteter Aktualität: Paulus wirbt für Toleranz in Ernährungsfragen! Natürlich geht es bei ihm nicht um die richtige Zusammenstellung einer gesunden Nahrung, sondern darum, ob gewisse Speisen und deren Verzehr unrein seien. Paulus gibt da eine Antwort, die sowohl befreiend ist, als auch von jedem Menschen Selbstverantwortung fordert: Nichts sei unrein, aber niemand solle etwas gegen sein Gewissen essen und auch niemanden dazu zwingen.

Ich verstehe es so: Das Reich Gottes ist nicht durch das Einhalten von Speisevorschriften zu gewinnen, aber wenn diese zu meiner persönlichen Überzeugung von einem gottgefälligen Leben gehören, dann soll ich daran festhalten.
Heute sind Ernährungsfragen wieder sehr aktuell. Für viele Leute hat das «Reich Gottes» wenig Bedeutung, wohl aber die Bewahrung der Schöpfung. Wie auch immer – Paulus’ Aufruf zum bewussten Umgang mit Speisen gilt uns allen!

Von Katharina Metzger