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8. April

David sprach zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN.
Nathan sprach: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen;
du wirst nicht sterben.
2. Samuel 12,13

Wir kennen die Geschichte: König David, ein Schwerenöter, wie er im Buche steht, sieht der Frau seines Feldherrn Uria beim Baden zu, und schon sinnt er darauf, wie er die schöne Bathseba von der Badewanne ins Bett verfrachten und ihren Ehemann als Rivalen ausschalten könnte. David hat Glück: Uria ist mit seinen Männern auf einem Feldzug, und der Tod im Gefecht lässt sich arrangieren: Uria wird an die vorderste Front versetzt und fällt im Kampf. Das Kalkül geht auf: Nun kann David Bathseba in seinen Palast bringen und sie zu seiner Frau machen.

Ich habe diese Story immer mit Wut im Bauch gelesen. Bathseba ist einfach ein Objekt in einer Geschichte, wo es um die Rivalität zwischen Männern geht. So kam es mir vor, und so kann man die Geschichte lesen. Man kann sie aber auch als Ermahnung an die Herrschenden lesen, auch sie müssen sich an Regeln halten und dürfen nicht nach Willkür regieren. Der Prophet Nathan macht David klar, dass er sich nicht an die Regeln gehalten und nicht den Schwächeren geschützt hat. Was mir wichtig geworden ist an der Geschichte: König David ist ein Mann der Macht. Aber er lernt, dass auch die Mächtigen Fehler machen. Er gibt zu, dass er gesündigt und für den eigenen Vorteil das Leben eines anderen aufs Spiel gesetzt hat.

Von Reinhild Traitler

7. April

Daran erkennen wir, dass wir aus der Wahrheit sind, und können vor ihm unser Herz überzeugen, dass, wenn uns unser Herz verdammt, Gott grösser ist als unser Herz und erkennt alle Dinge.
1. Johannes 3,19–20

Gott – grösser als unser Herz? Was stelle ich mir darunter vor? Ist unser Herz, metaphorisch gesprochen, nicht das Zentrum unseres guten Wollens und Wirkens? Kommt nicht alles Gute von Herzen, vom Herzen – oder bilden wir uns das nur ein? Kann auch Böses vom Herzen kommen? Überhaupt, was ist dieses Herz? Der Verstärker unserer Wünsche? Auch der falschen, schädlichen, zerstörerischen Wünsche? Oder aber der Ort unserer Einsichten? Im Herzen blitzt Erkenntnis auf. Das Wort Gottes will nicht allein gehört, sondern auch getan werden: Es bewahrheitet sich, wenn es wirklich wird (Vers 22).

Das Wort wird wirklich, indem es Grundlage des Handelns wird. Das gelingt nicht immer. Oft lieben wir nur mit falschen Worten und hochtrabender Rede. Und sind traurig, dass es uns nicht besser gelingt. Da brauchen wir dann ein Wort, grösser als unser Herz, ein Wort, das hineinhören kann in unser Wollen, das versteht, wie wir es meinten, auch wenn es nicht gelungen ist. Da braucht es einen Zuspruch, wenn uns unser Herz «verdammt»: Wir müssen uns nicht erlösen. Gott ist grösser als unser Herz, als unser Scheitern, als das Böse, das auch im Herzen ist: Gottes Herz erkennt alle Dinge. Und nimmt  sie  an.

Von Reinhild Traitler

6. April

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!         
Römer 11,33

Erfahrungen des Göttlichen: kein Reichtum, den ich auf meinem Privatkonto verbuchen kann. Gott, so scheint mir immer wieder, ist nur grosses Geheimnis. Das Göttliche ist alles und nichts, ganz gewaltig und ganz fein, sehr konkret und absolut unbeschreiblich. Es berührt und es fehlt. «Die Anhänger der verschiedensten Religionen werden angezogen von diesem X im Herzen der Welt, dem sie Namen wie Allah, Urmutter, der Ewige, Nirwana, das Unerforschliche gegeben haben.» So Dorothee Sölle. Paulus versucht hier, dem Geheimnis des Gottes Israels auf die Spur zu kommen. Ich kann es nicht haben, beweisen, begreifen, ergreifen. Das Göttliche bleibt unerforschlich. Ich kann daran glauben, dass hinter dem Horizont noch etwas kommt. Ich kann mit anderen zusammen ein Stück Hoffnung aufrechterhalten, dass gutes Leben für alle möglich ist. Ich kann versuchen, offen zu bleiben für Liebe, die mir entgegenkommt, mit der ich gar nicht rechnen konnte. Diese Liebe ist dann vielleicht Erfahrung des Göttlichen. Auf meiner eigenen Expedition in rutschigem Gelände.

Der israelische AphoristikerElazar Benyoetz sagt deshalb: Gottes Wege sind unerforschlich, nicht aber der Weg zu ihm.

Von Matthias Hui

5. April

Sie stimmten den Lobpreis an und dankten dem HERRN:
Denn er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewiglich.

Esra 3,11

Wir hören am Radio ein Konzert der 75-jährigen Rocksängerin und Poetin Patti Smith. Mein Sohn fragt bei einem Liedtitel nach: «Was heisst mercy auf Deutsch?» Ich: «Barmherzigkeit». «Und was ist denn Barmherzigkeit?

Das Wort kommt in unserem Alltag kaum vor, es ist geheimnisvoll, klingt auf Deutsch noch altmodischer als im Englischen. Es steht für eine Haltung und für aktive Gesten bedingungsloser Zuwendung, extrem menschlich und Eigenschaft Gottes zugleich.

Ein deutscher Theologe beantwortete kürzlich die Frage, ob Seenotretter*innen barmherzig handeln, brutal abgeklärt: «Die Barmherzigkeit nimmt einseitig für Menschen in Not Stellung, das stimmt. Aber es gibt auch die Gerechtigkeit, und die kann nicht einfach dem Herzen folgen, sondern muss nach Regeln fragen. Die Kirche kann barmherzig sein, der Staat darf das nicht.» Die Antwort verstört mich.

Patti  Smith  spricht   in  einem Schlaflied  anders,  in Bildern,  von der Barmherzigkeit: Dein Vater wartet auf dich / Um dich in seine heilenden Hände zu hüllen / Während der Nachthimmel weint. Ihre Definition: Barmherzigkeit ist der heilende Wind / der flüstert, wenn du schläfst.

Von Matthias Hui

4. April

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.
Psalm 23,2–3

Gott gibt Leben und will Leben behüten – das ist die Kürzestfassung des berühmten Psalms 23. Er sieht mein «finsteres Tal», aber er bewahrt mich und gibt Nahrung und Ruhe. Und er lässt Recht zukommen im Streitfall (er salbt und füllt den Becher). Zu ihm, zu ihr kann ich in jeder Hinsicht und unter buchstäblich allen Umständen Vertrauen haben

Das ist, was meine Seele nährt! Was sie braucht, um ruhig zu sein, um sich aufbauen zu können, aufzuladen mit Hoffnung, mit Zuversicht, mit Glauben an eine Zukunft im Frieden – Osterwünsche, Weihnachtswünsche, Sehnsüchte von Millionen! Das Vertrauen in Gott macht die Seele munter («quickig»). Sie wird lebendig, lebensfroh, lebensmutig. So bestimmt sie das Ergehen des Körpers mit. Das Leben wird leichter, sich auftürmende Hindernisse verlieren einen Teil ihres Angstpotentials. Und mein «Ton», mit dem ich mit anderen kommuniziere, wird anders, freundlicher, nachsichtiger, liebevoller, aber auch gewinnender, zutrauensförderlich. Die Erquickung meiner Seele ist die Folge der erlebten Führung durch Gott. Voraussetzung ist, dass ich dieser Führung vertraue, dass ich ihr Kraft und Orientierung zutraue, dass ich mich auf sie einlasse und dass ich ihr mich hoffnungsvoll anschmiege.
Von Hans Strub

3. April

Der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum grossen Volk machen.
1. Mose 21, 17–18

Hagar ist die Zweitfrau von Abraham, die Nebenfrau, ja, eigentlich die Unterfrau. Sara, seine Erstfrau, hat sie ihm «gegeben», damit er endlich den so ersehnten Erben erhält. Als dann auf wundersame Weise Sara selber schwanger wird, sind plötzlich zwei Nachkommen da. Da ist eine zu viel! Hagar wird in die Wüste vertrieben, der Kindsvater schweigt dazu …
Die mitgegebenen Lebensmittel sind rasch aufgezehrt, der sichere Tod durch Verdursten naht. Da schaltet sich Gottes Stimme ein, vernommen als Engelsruf. Hagar wird gerettet, vor ihr zeigt sich ein Brunnen, aus dem sie und ihr kleiner Sohn Ismael trinken können. Gott will ihr Leben, nicht ihren Tod!
Gott setzt dieser Familientragödie ein unerwartetes Ende: Er verstösst Hagar nicht. Vor Gott ist sie keine «Unterfrau», sondern eine Frau mit den gleichen Mutterrechten wie die viel ältere Sara. Er will, dass sie leben kann. Mehr noch: Er macht auch sie zu einer Stammesmutter; ihrem Sohn wird ein Volk verheissen. Gott hat andere Massstäbe, er schenkt und schützt Leben, er unterscheidet nicht nach Herkunft und Stellung! Das fordert auch heute heraus, uns hier, meine Haltung, mein Handeln!

Von Hans Strub

2. April

Gott liess das Volk einen Umweg machen,
den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer.
2. Mose 13,18

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Durch eine Wüste. Damit es anders weitergeht.
Wenn mein Mann auf einer Wanderung sagt: «Wir könnten doch hier eine Abkürzung nehmen», sage ich: «Nur das bitte nicht!» Die Erfahrung hat uns nämlich gelehrt, dass wir mit sämtlichen Abkürzungen oft länger und gefährlicher unterwegs waren, als wir es ohne sie gewesen wären. Daher ist es für uns ein geflügeltes Wort: Abkürzung? Nein, bitte nicht!
Wege brauchen ihre Zeit. Manchmal länger, als uns lieb ist. Wo die Wege zu kurz sind für unser Leben, da lässt uns Gott einen Umweg machen. Wir haben nicht damit gerechnet. Das haben wir nicht eingeplant. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Später vielleicht. Umwege liegen immer quer, uns steil im Weg. Niemand hat es sich gewünscht. Man weiss ja nicht, wie lange es dauert. Und trotzdem ist es ein Geschenk. Weil sonst die Zeit nicht reichen würde, zu lernen, was zu lernen ist. Umwege werden uns zugemutet. Und geschenkt. Doch das verstehen wir erst Jahre später. Manchmal. Viele, viele Jahre später. Wenn wir dann beim Schilfmeer sind.

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Einen Weg durch die Wüste. Damit es anders weitergeht. Damit es mit uns weitergeht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. April

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Psalm 51,17

Ein neuer Tag. Ein neuer Morgen. Neues darf werden. Hier und heute.
Mit Gottes Hilfe.

Du. Tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.

Du. Tue meine Ohren auf, dass ich die Nöte und Schreie vernehme. Und auch das Lachen und Jauchzen höre.

Du. Tue meine Augen auf, dass ich das Elend und Unheil erkenne. Und auch das Schöne und Gute sehe.

Du. Tue meine Nase auf, dass ich rechtzeitig Unrecht wittere. Und auch den Duft der Versöhnung rieche.

Du. Tue meine Hände auf, dass ich zupacken kann am richtigen Ort. Und auch das empfangen, was mir zufällt.

Du. Tue mein Herz auf, ich bitte dich, dass genug Platz ist für die Freude. Für alles Helle. Hier und heute.

Du. Lass es mich lassen. Dass du es tust. Dass du mich auftust. Wenn ich es nicht kann. Wo ich es nicht kann.

Gott, lass mich dich tun. Amen.

Von Ruth Näf Bernhard

Mittelteil März / April

Passionslieder – fremd im Wort, nah in der Musik

Unser Autor Andreas Marti war Mitglied der «Kleinen Gesangbuchkommission», die von 1984 bis 1998 das neue Reformierte Gesangbuch geschaffen hat. Er geht hier auf die darin enthaltenen Passionslieder ein.

Als der Entwurf zum Reformierten Gesangbuch zu Ende beraten war, führten wir in der «Kleinen Gesangbuchkommission», der Fachkommission, die Schlussabstimmungen über die einzelnen Teilkapitel durch. Ich habe dem Passionskapitel meine Zustimmung verweigert, wohl wissend, dass wir es angesichts des dürftigen Angebots an brauchbaren neueren Passionsliedern nicht wesentlich besser hätten machen können.

Die traditionellen Lieder liegen mit ihrem Verständnis der Passion weitgehend auf der Linie der Sühneopfertheorie: Gott zürnt wegen der Sünde der Menschen und muss durch ein Opfer besänftigt werden, ein Opfer, das die Menschen bringen müssten, das sie aber wegen der «Erbsünde» (über dieses höchst problematische Konstrukt wäre separat zu diskutieren) nicht bringen können. Nur Gott selber ist dazu imstande. So gibt Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch sein Blut zum Lösegeld.

Diese Theorie hat vielleicht den Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit geholfen, ihre Angst vor dem ewigen Verlorensein im Zaum zu halten. Dass sie aber fast die einzige Art war, wie die Passionsberichte der Evangelien verstanden wurden, hat diese eingeengt und sie der Weite ihrer Bedeutungen beraubt. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu standen ja vor der Aufgabe, Leiden und Tod ihres Meisters irgendwie zu verstehen, dem zunächst Sinnlosen im Licht der Erfahrungen von Ostern einen Sinn zu geben. Es lag nahe, dazu Gedanken aus den überlieferten Schriften, unserem Alten Testament, heranzuziehen. Ein solches Deutungsmuster bieten die Lieder vom Gottesknecht im Buch des «Zweiten Jesaja» (Jes 40–55). Der Gottesknecht leidet stellvertretend für das Volk. Dazu kommen aus der Tora, dem mosaischen Gesetz, Vorstellungen über die sühnende Kraft des Opfers, und beides zusammen führt in der Folgezeit zur beschriebenen Sühneopfertheorie.

Einen etwas anderen Ansatz finden wir im «Christushymnus» des Philipperbriefs, der von der Selbsterniedrigung des Gottessohnes spricht. Dort erscheint der Tod am Kreuz als letzte Konsequenz der Menschwerdung Gottes: Gott kommt bis in die dunkelsten und schlimmsten Orte des Menschenlebens. Seine Nähe gilt auch und gerade da, wo Menschen von allen Menschen verlassen und von allen Lebensmöglichkeiten abgeschnitten sind. Gott ist solidarisch mit den Schwächsten, mit den Menschen in Unglück und Not.

Auch wenn wir weitere biblische Gedanken anführen würden, kämen wir doch nicht zu einer eindeutigen und erschöpfenden Deutung. Die Bibel selbst versucht es mit unterschiedlichen Ansätzen, und dabei bleiben Leerstellen, die für einen unaufhörlichen Prozess des Verstehens offen sind, ein Verstehen, in welches wir mit unserer Existenz mit hineingenommen werden, ohne dass wir alles ausformulieren können. Im Grunde lässt sich alles zurückführen und verdichten auf ein pro nobis, auf die Überzeugung, dass all das «für uns» geschehen ist, was immer es im Einzelnen bedeuten mag. Vielleicht ist es diese Art des Verstehens, welche beispielsweise Bachs Passionen nach beinahe 300 Jahren immer noch aktuell hält. Die Musik löst sich von den barocken Texten und führt uns auf die Ebene des offenen «für uns», das wir nicht weiter definieren müssen.

Aber nun zurück zum Gesangbuch. Das vielleicht bekannteste Passionslied ist Paul Gerhardts O Haupt voll Blut und Wunde (RG 445). Es geht zurück auf einen mittelalterlichen Meditationstext, in welchem der Beter nacheinander die Körperteile des Gekreuzigten betrachtet, von den Füssen bis zum Kopf. Obschon auch für dieses Lied die Sühneopfertheorie den Hintergrund bildet, ist der Schlüssel zum Verständnis hier doch ein anderer: «Ich» stehe vor dem Kreuz und schaue den Gekreuzigten an, und dieses Hinblicken bekommt seine entscheidende Bedeutung im Angesicht des eigenen Todes, wie es die letzten beiden Strophen beschreiben: Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod, und lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Dieses Hinschauen schafft die Verbindung des Sterbenden mit demjenigen, der in seinem Sterben den Tod besiegt hat – eine Interpretation, welche die Passionsgeschichte tief in die eigene Existenz einfügt, bei der aber manche problematischen Elemente der Tradition und viel barocke Emphase ausgeblendet werden müssen.

Interessanterweise hat Martin Luther kein eigentliches Passionslied gedichtet. Vielmehr hat er im Osterlied Christ lag in Todesbanden (RG 464) Passion und Ostern integriert. Das eine ist nicht ohne das andere zu denken. Von der compassio, dem emotionalen Anteilnehmen am Leiden Christi, hielt Luther bekanntlich nicht viel. Ihm geht es um das klare Glaubenserkenntnis, dass Gott alles für uns tut und dafür sogar seinen Sohn in den Tod gehen lässt. Das ist freilich zunächst auch wieder das Muster der Sühneopfertheorie, aber Ziel des Gedankens ist die «Rechtfertigung aus Gnade» – dass wir vor Gott ohne eigene Leistung gerecht sind. Das blosse «für uns» konkretisiert sich in einem ebenso knappen «allein aus Gnade».

Das kurze «für uns» prägt die mittelalterliche Passionsweise Ehre sei dir Christe (RG 435) und auch das als Kinderlied gedachte Wir danken dir, Herr Jesu Christ (RG 439), während das 17. Jahrhundert dann die Sühneopfertheorie breit ausformuliert. Christian Fürchtegott Gellert, der bedeutendste Kirchenliedautor des Aufklärungszeitalters im 18. Jahrhundert, legt seinem Lied Du gingst, o Heiland, hin für uns zu leiden (RG 448) ebenfalls die klassische Sühnetheorie zugrunde, ändert dann aber von der zweiten Strophe an die Blickrichtung, und zwar auf die Einheit der Jüngerinnen und Jünger Jesu im gemeinschaftlichen Mahl, auf den Frieden und auf die Liebe: Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen. Neben die klassische Interpretation tritt eine Art «Vorbildchristologie», von der traditionellen Theologie als oberflächlich abgetan, aber im Ruf zur Nachfolge biblisch begründet: Das Leiden soll nicht Hass erzeugen, sondern die Liebe bewahren, wie Gellert es in seinem anderen Passionslied schreibt, Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken (RG 449), oder im Lied Liebe, du ans Kreuz für uns erhöhte» (RG 450), wie wir es beim Herrnhuter Karl Bernhard Garve lesen.

Von den neueren Liedern steht Was ihr dem geringsten Menschen tut (RG 457) in dieser Vorbildtradition, aber im umgekehrten Sinne: Im leidenden Mitmenschen begegnet uns der leidende Christus. Gottes Solidarität ruft uns zur Nachfolge in unserer Solidarität mit den Schwachen und Leidenden. Andere Lieder verbinden – wie Luther – Passion und Ostern und besingen die Überwindung des Todes: Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt (RG 456), Du schöner Lebensbaum des Paradieses (RG 454) und Holz auf Jesu Schulter (RG 453). Das «Hinsehen», das in Gerhardts Lied so wichtig ist, begegnet uns wieder in Seht hin, er ist allein im Garten (RG 452). Es ruft uns dazu auf, nicht wegzusehen: So, wie wir auf die Passion Jesu schauen, sollen wir uns auch dem Leiden unserer Zeit stellen. Zum Sehen kommt das Hören: Auf die knapp gefasste Passionserzählung reduziert ist Hört das Lied der finstern Nacht (RG 455). Das Passionsgedenken wird auf die fast unkommentierte Erzählung zurückgeführt und bleibt in dem Sinne bedeutungsoffen, wie es oben angedeutet wurde. Einzig der Schlusssatz gibt eine Interpretation des «für uns»: … reisst durch seinen Tod uns aus Nacht und Not.

Von Andreas Marti

31. März

Ihr wart wie ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerissen wird;
dennoch seid ihr nicht umgekehrt zu mir, spricht der HERR.
Amos 4,11

«Denn siehe, der die Berge formt und die Winde schafft, der seine Gedanken den Sterblichen offenbart; der die Morgenröte macht und die Finsternis; der über die Höhen der Erde schreitet, der HERR, der HERR der Heerscharen ist sein Name», heisst es in Vers 13.
Gott führt die Grösse seiner Schöpfung vor Augen, Berge und Wind, und alles was unter seinen Füssen liegt; Gott gewährt seinen Geschöpfen Einblick in seine geheimen Gedanken. Gott verdirbt und Gott rettet das brennende Brandscheit aus dem Feuer. Und trotz alledem bekehrt sich das Volk nicht zu Gott. Aus jedem Vers spricht die Trauer über das treulose Volk und die Sehnsucht nach Versöhnung und Liebe. Diese Liebe kann auch Gott nicht einfach herbeizwingen oder in die Herzen hineinzaubern. Liebe ist eine geheimnisvolle Verbindung, die langsam wächst, allen Träumen von der «Liebe auf den ersten Blick» zum Trotz. Sie muss im Alltag erprobt und immer wieder neu versucht werden. Sie muss der je anderen Person ihr Anderssein zugestehen und trotzdem ein Mass an Übereinstimmung finden, die das Zusammensein erstrebenswert macht. All das ist ein arbeitsreicher Prozess: Auch Gott muss sich darum mühen und immer wieder das Brandscheit aus dem Feuer holen. Und die Liebe noch einmal versuchen!

Von Reinhild Traitler