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9. Mai

Jesus spricht zu den Jüngern: Ich übergebe euch,
wie der Vater mir, das Reich, damit ihr in meinem Reich
an meinem Tisch esst und trinkt.
Lukas 22,29–30


Das Wort «übergeben» bedeutet eigentlich «testamentarisch
übereignen». Es ist verwandt mit dem «Neuen
Testament» (neuen Bund; das lateinische Wort «testamentum
» bedeutet in diesem Zusammenhang «Bund»), von
dem Jesus kurz zuvor bei der Einsetzung des Abendmahls
gesprochen hat (Vers 20). Die Rede vom «Neuen Testament
» geht zurück auf das Prophetenbuch Jeremia. Dort
verheisst Gott, er werde einen neuen Bund mit seinem Volk
schliessen: Er werde ihr Gott sein, und sie werden sein Volk
sein (Jeremia 31,31–34).
Es ist diese Verbundenheit, die Jesus den Seinen verheisst –
sie entspricht seiner eigenen Verbundenheit mit seinem
Abba, den wir im Unservater erstens um das Kommen seines
Reichs und zweitens um das tägliche Brot bitten. Beides –
das Himmelreich und das Essen und Trinken, das wesentlicher
Bestandteil unseres Erdendaseins ist – gehört zutiefst
zusammen. Wenn wir Abendmahl feiern und überhaupt,
wann immer wir essen und trinken, ist das Himmelreich
schon mitten unter uns gegenwärtig. Und umgekehrt gilt:
Jesus sagt kaum etwas darüber, wie es drüben im Himmelreich
einst aussehen wird. Nur dies prophezeit er: Es wird
auch dort, an seinem Tisch, zu essen und zu trinken geben.

Von: Andreas Fischer

8. Mai

Gott sprach zu Mose: Ich werde sein,
der ich sein werde. 2. Mose 3,14

«Ich werde sein, der ich sein werde» – im hebräischen
Urtext lauten diese Worte: «Ehje ascher ehje.» Man hört die
klangliche
Nähe zum Namen Gottes: JHWH. Der Name
ist eine verkürzte Form der Formel: «Ich bin, der ich sein
werde» bzw. anders übersetzt: «Ich bin der, der da ist.»
Was ist damit gemeint? Im Wesentlichen gibt es zwei
Antworten:

  1. JHWH verweigert die Auskunft über seinen Namen. Er
    bewahrt das Geheimnis seines Wesens, das im Namen enthalten
    ist. Wer Gott ist, wird die Zukunft weisen. Diesen
    Aspekt betont die Übersetzung der Losung: «Ich werde sein,
    der ich sein werde.»
  2. «Ehje ascher ehje» sagt nicht etwas über das absolute
    Sein Gottes aus, sondern über Gottes Sein in Beziehung zu
    seinen Geschöpfen, also über sein Dasein, Dabeisein, Mitsein.
    Die entsprechende Übersetzung der Formel könnte
    lauten: «Ich bin der, der da ist und immer da sein wird.»

Die beiden Antworten schliessen sich nicht aus. Im Gegenteil:
Sie gehören zusammen. Die Gottheit, die sich als «Ich
bin da» vorstellt, sagt uns damit ihre bedingungslose Nähe
zu. Doch JHWH ist nicht in der Weise da, dass ich über ihn
verfüge. «Er entzieht sich», um es mit dem Alttestamentler
Gerhard von Rad zu sagen, «dem Wunsch, Gott den eigenen
Interessen dienstbar zu machen.» JHWH ist der, als der er
sich in Freiheit erweisen wird.

Von: Andreas Fischer

7. Mai

Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot,
dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser,
denn du wirst feurige Kohlen auf sein Haupt häufen,
und der HERR wird dir’s vergelten.
Sprüche 25,21–22

Noch ein Klassiker: Beschäme deine Gegner durch Grossmut
und Güte, sodass es dir dann mental besser geht.
Nun befinden wir uns hier in der Weisheitsliteratur, irgendwann
im vierten oder dritten Jahrhundert vor Christus, final
zusammengestellt.
Das entwertet die Kernaussagen der Sammlung in den
Sprüchen in keiner Weise. Denn es geht hier gar nicht darum,
dass es dir besser geht, sondern es geht darum, dass du etwas
machst, das

  1. dem «Gegner» dient, der eventuell falsch gehandelt hat;
  2. dein Handeln dem entspricht, was im Reich Gottes selbstverständlich
    ist, und
  3. deinen Gegner zum Überdenken und Ändern seines Handelns
    bewegen könnte.

Also wohl doch kein Klassiker, sondern eher eine Aufforderung,
den üblichen Kreislauf von Unterdrückung, Gewalt
und Beschwichtigung zu durchbrechen. Im Grossen gelingt
dies nur sehr selten, wie uns die Vielzahl von Konflikten und
Kriegen zeigen.
Wenn wir dem Liebesgebot unseres Glaubens Bedeutung
beimessen, wird es wohl nicht ohne unsere Versuche gehen,
in unserem Umfeld wahrhaftig und gewaltfrei zu leben. Dieses
Beispiel wird unser Gott dann wohl segnen.

Von: Rolf Bielefeld

6. Mai

Als mir angst war, rief ich den HERRN an und schrie zu
meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme.
Psalm 18,7

Irgendwie ist das doch ein klassisches Muster: Da ist einer in
Schwierigkeiten und bettelt um Hilfe!
Klassisch ginge jetzt das persönliche Prüfprogramm im
Berliner Nahverkehr los:
– Der wievielte ist das jetzt in den letzten 20 Minuten?
– Hat er eine neue Masche?
– Wie gross ist wohl seine Not tatsächlich?
– Tritt er aggressiv auf?
– Ist von meinen täglichen 4 × 50 Cent noch einer übrig?
Nun ist der Psalmbeter definitiv nicht in der Berliner
S- oder U-Bahn unterwegs, aber er steckt mit ziemlicher
Sicherheit auch in Schwierigkeiten. Welches Prüfprogramm
ist ihm wohl begegnet? Wenn Passanten seine Schwierigkeiten
bemerkt haben, vielleicht ein ähnliches wie meines. Aber
das scheint hier keine Rolle zu spielen.
Unserem Beter geht es um Lob und Vertrauen in Gott.
Seine Welt ist die des immer wieder in Kriege verstrickten
Volkes zur Zeit Davids. Wer zettelt nun Kriege an? Der Mann
und die Frau auf der Strasse eher nicht. Es sind in der Regel
die politisch Verantwortlichen in ihren jeweiligen Gesellschaften.
Die Lage der Menschen in diesen Kriegszeiten hat
sich allerdings nicht wirklich geändert. Sie leben in der realen
Bedrohung ihres Lebens und meistens bleibt ihnen nur die
Hoffnung auf Hilfe und Besserung. Glaubende haben dann
noch einen Trumpf: die Lebenszusage Gottes.

Von: Rolf Bielefeld

5. Mai

Ich will die Sünde jenes Landes wegnehmen
an einem einzigen Tag.
Sacharja 3,9

Nach einer sehr schwierigen Zeit gibt es einen neuen Anfang.
Kann man ihm trauen? Das Buch des Propheten Sacharja
gehört in die Zeit nach dem babylonischen Exil. Ein Teil der
Juden ist wieder in die Heimat zurückgekehrt. Sie haben
angefangen, an der Stelle des zerstörten Tempels wieder ein
Gotteshaus aufzubauen. Aber wird das Vorhaben gelingen?
Oder trägt das Land immer noch die Schuld, die zur Verbannung
geführt hat? Sind die Priester immer noch befleckt
durch das Versagen, das ihnen die Propheten vorgeworfen
haben? Die Visionen des Propheten Sacharja machen Mut.
Im Kapitel 3 geht es um den Hohepriester Jehoschua, der
in sein Amt eingesetzt wird. Er soll sein schmutziges Kleid
ausziehen, zum Anziehen bekommt er ein neues Festkleid
und einen schönen Turban. Mit einem anderen Bild beginnt
der Losungsvers. Vor Jehoschua liegt ein Stein, auf dem Gott
selbst etwas Wichtiges eingraviert hat: sieben Augen. Gott
ist nahe, und er hat Augen für sein Volk. «Ja, siehe, der Stein,
den ich vor Jehoschua hingelegt habe: auf einem einzigen
Stein sind sieben Augen. Siehe, ich graviere seine Gravierung
ein. Spruch vom HERRN der Heere.» Und wenn es noch eine
Schuld gab, die das Land von Gott trennte – Gott entfernt
diese Schuld. «Und ich entferne die Schuld jenes Landes an
einem einzigen Tag.»

Von: Andreas Egli

4. Mai

Meine Zunge soll singen von deinem Wort;
denn alle deine Gebote sind gerecht.
Psalm 119,172

Im Psalm 119 steht jeder Satz für sich, sodass man einzeln
darüber meditieren kann. Immer geht es um das göttliche
Wort, das in Israel gehört und in der Thora schriftlich festgehalten
wurde. Wie ist es, als glaubender Mensch mit diesem
Wort zu leben? Der Psalm ist wie ein bunt gewobener
Teppich, dieselben Stichworte kommen immer wieder vor.
Trotz seiner Länge hat der Psalm eine klare Gliederung. Acht
Verse bilden jeweils eine Strophe, denn sie beginnen mit
dem gleichen Buchstaben des hebräischen Alphabets. Die
Strophen bestehen oft aus zwei Hälften. So haben die Verse
169 bis 172 ein gemeinsames Thema. Auf das göttliche Wort
gibt der Mensch seine Antwort – aber in ganz unterschiedlicher
Weise: mit einem Klageruf, mit einer flehenden Bitte,
mit einem sprudelnden Lob, mit einem Lied. «Singen wird
meine Zunge von deinem Wort, denn alle deine Gebote sind
gerecht.» Das hebräische Wort am Anfang des Losungsverses
kann verschiedene Bedeutungen haben. Eher selten,
aber an wichtigen Stellen wird es mit «singen» übersetzt.
Geläufiger ist die Bedeutung «antworten». Der Gedanke
ist: Das göttliche Wort kommt zu seiner Wirkung, wenn der
Mensch darauf reagiert. Und wenn er dabei seine eigenen
Sprechwerkzeuge braucht: in einem Gebet, in einem Dialog,
in einem Wechselgesang.

Von: Andreas Egli

3. Mai

Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig,
der HERR, euer Gott.
3. Mose 19,2

Heilig und Heiligkeit sind Wörter, die wir heute kaum mehr
benutzen, allenfalls versprechen wir etwas hoch und heilig
oder sagen, etwas ist mir heilig, und meinen bedeutsam.
Trotzdem: Es gibt einen heiligen Raum neben unserem
profanen.
In unserer heutigen Losung begegnen sich die
beiden Sphären, genauer: Mensch und Gott.
Wo und wie nehmen wir denn Heiliges wahr? Wir nehmen
es gefühlsmässig wahr, wenn wir von etwas ergriffen sind.
Dieses Etwas ist dann vergleichbar einem Fenster in Ewiges,
ein Fenster in unserem profanen Alltag. Das Etwas weist
über sich selbst hinaus und wird so zum Symbol. So kann
zum Beispiel eine brennende Kerze zum Symbol werden,
wenn wir uns ergreifen, anrühren lassen von etwas, das über
uns hinausgeht und auf Transzendenz hindeutet. Die Natur
ihrerseits kann in Momenten des Einklangs mit ihr als Schöpfung
erfahren werden und uns mit dem Schöpfer verbinden.
Ich denke nicht, dass wir heilig sind, aber ich bin mir sicher,
dass wir Zugang haben zum Heiligen. Heiliges scheint auf
uns nieder, wenn wir ergriffen werden und angerührt sind.
So treffen sich profane Welt und heilige Sphäre.
Der Mensch, in der Bibel auch Wurm oder Made genannt
(Hiob 25,4–6), wird durch die Berührung mit dem Heiligen
geadelt, verwandelt.

Von: Kathrin Asper

2. Mai

Jesus spricht: Ich bin nicht gekommen, Gerechte
zu rufen, sondern Sünder.
Markus 2,17

Wir erinnern uns: Jesus war zusammen mit vielen Menschen
am See Genezareth. Im Vorbeigehen ruft er dem Zöllner Levi
zu, er solle ihm folgen. Dieser lässt alles stehen und liegen,
folgt ihm nach und lädt zu einem grossen Festessen ein. Die
Pharisäer sind empört, dass Jesus mit diesem Gesindel isst.
Jesus antwortet ihnen mit dem heutigen Bibelvers, dessen
erster Teil lautet: «Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt,
sondern die Kranken.»


Wenn wir in Not sind, schlechten Lebenswandel führen,
Böses tun, Schuld auf uns laden, dann brauchen wir Hilfe.
Jesus ruft die Sünder zur Busse, also zur Umkehr.
Und was ist Umkehr? Um Busse zu tun, muss ich mir
innewerden, dass ich auf dem Holzweg bin, Ungutes getan
habe, einen schlechten Lebenswandel führe. Und trotz
dieser Einsicht gelingt uns die Umkehr nicht. Wir lassen
nicht alles stehen und liegen wie Levi, sondern verharren oft
weiter im Unguten.


Ja, was braucht es denn? Wir müssen offen werden für das
Wort Gottes, für das, was uns helfen will. Wir müssen die
Gnade akzeptieren, akzeptieren, dass wir gemeint sind, oder
wie es Paul Tillich formulierte: «akzeptieren, dass wir akzeptiert
sind».

Von: Kathrin Asper

Mittelteil Mai / Juni

Boldern – ein Ort der Begegnung und Inspiration
Die Verantwortlichen der Stiftung stellen sich vor


Madeleine Strub-Jaccoud, Präsidentin
Mit Boldern verbindet mich eine lange Geschichte. Seit 2014
versuche ich nun, diesen einmaligen Ort mit all seinen Chancen
in eine gute Zukunft zu führen. Boldern soll als Ort
der Begegnung, der Auseinandersetzung und der Hoffnung
weiterentwickelt werden. Mich fasziniert und motiviert die
Gratwanderung, gesellschaftspolitische, ethische, theologische
und ökologische Themen lebendig zu halten und
gleichzeitig Boldern so zu positionieren, dass die finanzielle
Basis gesichert ist. Dazu dienen in naher Zukunft die Mieteinnahmen
aus der Wohnüberbauung. Als Präsidentin des
Stiftungsrats und des Vorstands des Fördervereins trage ich
gerne die Verantwortung.


Urs Häfliger, Vizepräsident
Ich bin im Jahr 1959 im Zürcher Oberland geboren und aufgewachsen.
Seit 1985 wohne ich im Bezirk Meilen. Ich bin
seit über 30 Jahren verheiratet und habe einen erwachsenen
Sohn. Ich bin seit eh in der Finanz- und KMU-Branche tätig.
Seit meiner Jugend und bis heute engagiere ich mich in
diversen Vereinen und Institutionen (sozial, beruflich, gesellschaftlich,
kirchlich, sportlich). Für mich verpflichtet wirtschaftlicher Erfolg zu nachhaltigen
persönlichen Investitionen in unsere Gesellschaft. Das heisst,
das Wohl der Menschen steht für mich im Mittelpunkt. Dies
motiviert mich sehr, für Boldern aktiv tätig zu sein und das
heutige Boldern auch in eine erfolgreiche Zukunft zu begleiten.


Giampaolo Fabris, Quästor
Als nun pensionierter Banker bin ich im Stiftungsrat für
die Finanzen verantwortlich und vertrete den Stiftungsrat
auch im Verwaltungsrat des Hotels. Mit dieser Funktion als
«Hotelier» erfülle ich mir einen Kindheitstraum.
Es ist es mir auch ein Anliegen, dass Boldern mittels Seminarbetrieb
und Veranstaltungen weiterhin ein Ort der Begegnung
und der Diskussion über soziokulturelle Entwicklungen
bleibt. Die wichtigste Ressource dafür ist die Entwicklung
des Areals. Wenn wir dies auch finanziell geschickt machen,
bleibt Boldern ein geistiger Strahlpunkt.


Dominic Lüthi, Stiftungsratsmitglied
Ich bin Vater von zwei Kindern und Unternehmer. 2008
habe ich eine regionale Bierbrauerei mitbegründet, seit 2013
präsidiere ich das Unternehmerforum Zürichsee und schon
viele Jahre setze ich mich beruflich für Diversität in Verwaltungsräten
und Stiftungsräten ein. Boldern mit seiner Gastronomie und dem Seminarhotel
empfinde ich als einzigartigen Ort der Begegnung mit einer
immensen Geschichte. Weil mir das Aufblühen und der
Austausch von Menschen an diesem Ort am Herzen liegen,
engagiere ich mich seit 2015 als Vorstandsmitglied und jetzt
als Stiftungsrat für Boldern. Meine Hauptaufgaben sind die
Kommunikation, die sozialen Medien und die wirtschaftliche
Vernetzung von Boldern in der Region.


Annette Konrad, Stiftungsratsmitglied
Ich wohne in Herrliberg, bin verheiratet und Mutter zweier
erwachsener Kinder. Seit 2019 arbeite ich als Juristin in der
Führungsmannschaft von Boldern mit, um den Ort Boldern
mit seiner langen Geschichte für die Zukunft zu erhalten.
Ich setze mich dafür ein, dass Boldern als Ort an einmalig
schöner Aussichtslage durch ein gut funktionierendes Hotel
mit einladendem Restaurationsbetrieb und Infrastruktur für
sinnstiftende Veranstaltungen für ein vielseitiges Publikum
attraktiv wird, so dass alle Besuchenden sagen: «Der Weg
nach Boldern hat sich gelohnt.»


Daniel Walser, Stiftungsratsmitglied
Ich bin seit 2001 verheiratet und habe einen Sohn. Seit
2020 bin ich im heutigen Stiftungsrat. Als Baukommissionspräsident
bin ich verantwortlich für die Wohnüberbauung,
welche 60 Wohnungen umfasst. Boldern als Ort mit gesellschaftlichen
und sozialen Themen inspiriert und fasziniert
mich. Verantwortungsvoll zur Entwicklung beizutragen, um
so einen Mehrwert für künftige Generationen zu schaffen,
erfüllt mich mit Stolz.


Dominique Meier, Geschäftsleiterin
Seit mehr als drei Jahren darf ich Teil des Boldern-Teams sein
und jeden Tag aufs Neue die Vielfalt Bolderns erleben.
Mit der Planung und Umsetzung der Wohnüberbauung,
der Weiterentwicklung von «Boldern inspiriert» und
der Gründung der Stiftung wird ein neues Kapitel in der
Geschichte Bolderns aufgeschlagen. Es freut mich sehr, dass
ich Teil dieses Kapitels sein darf und die Geschichte Bolderns
aktiv in der Rolle der Geschäftsleiterin mitgestalten kann.

1. Mai

Wie gross sind Gottes Zeichen und wie mächtig
seine Wunder! Sein Reich ist ein ewiges Reich, und
seine Herrschaft währet für und für.
Daniel 3,33

«Reich» – ein belastetes Wort und zugleich ein Schlüsselwort
in vielen biblischen Büchern. Die Kirchengeschichte
kennt eine «Zweireichelehre» von weltlicher und geistlicher
Herrschaft gegenüber dem «Regnum Christi», der um-
fassenden Herrschaft Christi zur Rechten Gottes.
Das erste Konzept wurde, wohl entgegen der Absicht
Luthers, manchmal als Begründung für politische Abstinenz
der Kirche herangezogen; das zweite, vor allem in der
reformierten Tradition zu Hause, behauptet die Relevanz
des Glaubens für alle Lebensbereiche, private wie öffentliche.
Dass dies nicht in eine durchaus menschengemachte
repressive Theokratie degenerieren darf, versteht sich von
selbst. Hingegen ist festzuhalten, dass eine politische Abstinenz
der Kirche im Interesse derer liegt, die in der herrschenden
Situation auf Kosten anderer profitieren. Rückzug auf
den individuellen, privaten Glauben, wie oft aus der Politik
einer bestimmten Richtung gefordert wird, führt lediglich zu
einer irrelevanten Wohlfühl-Dienstleistungsinstitution, die
den Namen Kirche nicht verdient. Schweigen heisst nicht
Neutralität, sondern implizite Parteinahme für jene, die an
den Schalthebeln sitzen. Wir sind aufgerufen und ermächtigt,
«Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Reich Gottes»
zu sein.

Von: Andreas Marti