Kategorie: Texte

10. Juli

Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen
vor dem HERRN, der uns gemacht hat.
Psalm 95,6

Weder niederknien noch verbeugen gehört zu den bei Reformierten
gebräuchlichen Ritualen oder liturgischen Bewegungen.
Schon gar nicht niederwerfen. Dennoch kennen wir
Ehrfurcht vor dem Schöpfer ebenso wie Dankbarkeit fürs
Begleitet- und Bewahrtwerden. Persönlich bringe ich das im
Gebet zum Ausdruck. Ich verbeuge mich gewissermassen
innerlich – ohne dass es jemand sieht. Gibt es konkrete Hindernisse,
die mich am äusseren Ausdruck hindern, oder ist es
schlicht meine Gewohnheit, weil ich es nicht anders gelernt
und eingeübt habe? Denn eigentlich möchte ich mich nie
und nirgends dafür schämen, dass ich Ehrfurcht und Dankbarkeit
empfinde. Im Gegenteil, diese unmittelbare Beziehung
zum Schöpfer ist mir wichtig. Ich bin mir täglich sehr
bewusst, wie stark mein Leben davon bestimmt ist. Wenn
ich nun den ganzen Psalm lese, nehme ich mir vor, das auch
zu zeigen. Zum Mindesten davon zu reden, im kleinen Kreis
oder allenfalls gar öffentlich. Die «angeborene» protestantische
Innengläubigkeit taugt wenig, um auch andere dafür
zu gewinnen, ihre eigene Geschöpflichkeit wahrzunehmen
und sie auszudrücken. Und um das uralte Gotteslob, dem
hier Sprache verliehen wird, in meiner Sprache von heute
weiterzusagen. So, wie es in Vers 1 heisst: Kommt, lasst uns
dem Herrn jubeln und jauchzen, dem Fels unserer Hilfe!

Von: Hans Strub

9. Juli

Paulus schreibt: Ist bei euch Ermahnung in Christus,
ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist
herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine
Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes
seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

Philipper 2,1–2

In Christus, der Liebe, dem Geist (hebräisch weiblich: Ruach,
Geistkraft) klingt die göttliche Trinität an, in der Barmherzigkeit
das göttliche Erbarmen (hebräisch: Rachamim, was
mit Rechem, Mutterschoss, verwandt ist). Ermahnung (besser:
Zuspruch), Trost, Gemeinschaft, herzliche Liebe – all
dies strömt aus der Gottheit in einen, wie die Marburger
Neutestamentlerin Angela Standhartinger schön schreibt,
umgreifenden Beziehungsraum.
Auch die Freude, dieser zentrale Begriff des Philipperbriefs,
ist göttlichen Ursprungs: «Als Geschenk Gottes gibt sie
Anteil an der himmlischen Welt.» Und wenn Paulus die
Gemeinde auffordert, seine Freude vollkommen zu machen,
«macht er sie, die Gemeinde, zu Gottes Mitarbeiterin»
(Standhartinger).
Die Freude des Paulus wird vervollkommnet durch das, was
Ernst Lohmeyer (1890–1946) »Einseelenhaftigkeit« nennt:
Diese «repräsentiert die Eigentümlichkeit urchristlichen
Gemeinschaftsgefühls. Denn ‹die gleiche Liebe› kennt
grundsätzlich nicht die monadische Bestimmtheit des Ichs.
In ihr gibt es nur ein ‹Zusammen der Seelen›.»

Von: Andreas Fischer

8. Juli

Werdet nicht träge, sondern tut es denen gleich, die
durch Glauben und Geduld die Verheissungen erben.

Hebräer 6,12

Aller Anfang, sagt der spanische Mönch und Mystiker Johannes
vom Kreuz (1542–1591), ist süss: «Wenn sich ein Mensch
dem Dienst Gottes zuwendet, verwöhnt ihn Gott, wie es
eine liebevolle Mutter mit ihrem Kind macht.» Doch dann
lässt die Mutter das Kind «von ihrem Arm herab und stellt
es auf die eigenen Füsse». Statt süsser Milch gibt es fortan
«Brot mit Rinde» zu essen.
Das ist der Eintritt in jenen Bereich, den Johannes vom Kreuz
die «dunkle Nacht» nennt. Wer an dieser Pforte stehenbleibt,
ist, in der Sprache des Hebräerbriefs, «träge» geworden,
stumpf, faul.
Es gilt weiterzugehen, immer weiter.
Das meint der Hebräerbrief mit seiner typischen Konzeption
von Glauben und Geduld. Unterwegs vollzieht sich ein
Prozess der Befreiung von Gier und Anhaften an Reichtum,
Ehre, Anerkennung, Genuss. Die Nacht, sagt Johannes vom
Kreuz, führt «viel sicherer als die Mittagsglut» in die eigene
Tiefe, die nichts anderes ist als die Tiefe Gottes. In der Sprache
des Hebräerbriefs: Der Wüstenweg führt ins verheissene
Land, das die Seele einst erben wird, wenn sie – geläutert,
gereinigt, befreit und geheilt – heimkehrt.

Von: Andreas Fischer

7. Juli

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben
unsern Schuldigern.
Matthäus 6,12

Zum Vaterunser ist doch schon alles gesagt – nur eben nicht
von jedem!
Aber manchmal muss man einfach noch einmal neu anfangen.
Es ist das globale Gebet der Christenheit, das alle spätestens
am Rhythmus erkennen und hinter das sich alle
versammeln – ob sie es nun inhaltlich teilen oder nicht.
Es ist so etwas wie unser aller Banner.
Nun tun wir mal so, als sei unser heutiger Textausschnitt
die zentrale Aussage, die wir so verstehen könnten:
«Nimm uns an, mit all den Ungereimtheiten, die unser
Leben ausmachen, mit all den Widersprüchen und all den
Berg- und Talfahrten. Nimm uns an mit unseren grossen und
kleinen Unzulänglichkeiten, unseren kleinen und grossen
Lebensgeheimnissen. Lass uns deiner Zuwendung immer
sicher sein! All das werden wir dann auch unserer Mitschöpfung
entgegenbringen!»
Dies oder so etwas Ähnliches sagen/glauben wir als Christen
seit gut 2000 Jahren und erleben auch genauso lange, dass
wir unsere Seite der Abmachung nur sehr eingeschränkt einhalten.
Darum hat das Vaterunser sehr viel von einer grossen
Vergewisserung; wir können uns trotz allem immer wieder
vertrauensvoll an Gott wenden.

Von: Rolf Bielefeld

6. Juli

Zachäus begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre.
Lukas 19,3

Nun möchte eigentlich jeder irgendetwas ganz besonders
dringend zu irgendeinem Zeitpunkt – oder nicht?
Die einen möchten berühmt und/oder wohlhabend
werden, die anderen möchten gesund werden oder bleiben
und wieder andere möchten politisch erfolgreich sein.
Diese Liste liesse sich beliebig verlängern. Manchmal ist da
der ganz dringende Wunsch, einen Menschen zu sehen, die
Liebste/den Liebsten, weil eine grosse Sehnsucht da ist. Den
Geschäftspartner, weil dringende Entscheidungen anstehen.
Die Ärztin, weil die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind.
Jemandem begegnen zu wollen, um ihn/sie einfach nur
kennenzulernen und herauszufinden, wie er/sie tickt, setzt
Neugierde für andere Menschen und Selbstbewusstsein voraus.
Beide Dinge finde ich sehr gut und sie sind mir sehr vertraut.
Mir hat dies, insbesondere in meiner Zeit als Jugendlicher
und junger Erwachsener, zu vielen interessanten und
sehr tief gehenden Begegnungen und auch Einsichten verholfen.
Sich nicht abhalten lassen von der Meinung anderer Menschen
oder der aktuellen «political correctness» und die
direkte Begegnung suchen erweist sich ganz oft als sehr
fruchtbar. Es hat etwas vom Gehen ins Unbekannte. Sich
auf den Glauben einlassen ist auch ein Weg mit Unbekannten
– aber mit vielen Gefährten und einem tragenden Gott.

Von: Rolf Bielefeld

5. Juli

Ich, der HERR, wandle mich nicht. Maleachi 3,6

Das Prophetenwort ist eine Diskussion zwischen Gott und
seinem Volk. Konkret geht es um den Zehnten – Bauern
sollen einen Zehntel ihres Ertrags in den Tempel bringen. Im
Hintergrund steht die grundsätzliche Frage, welchen Sinn
die Gebote haben. Gott hat den Anfang gemacht, indem
er den Menschen seinen Segen gibt – Leben im Überfluss.
Als dankbare Antwort sollen die Menschen ein wenig von
diesem Reichtum an Gott zurückgeben – oder an Mitmenschen
weitergeben. Was ist, wenn der Kreislauf von Segen
und Dankbarkeit ins Stocken geraten ist? Gott wirbt dafür,
dass das Volk zu ihm zurückkehrt. Denn er bleibt dabei, dass
er seinen Segen geben will. «Denn ich, der HERR, habe mich
nicht geändert.» – Gott: «Seit den Tagen eurer Väter seid ihr
von meinen Regeln abgewichen und habt sie nicht gehalten.
Kehrt zurück zu mir, und ich kehre zurück zu euch.» – Volk:
«Wie sollen wir zurückkehren?» – Gott: «Darf ein Mensch
Gott betrügen? Ja, ihr betrügt mich.» – Volk: «Womit haben
wir dich betrogen?» – Gott: «Der Zehnte und die Abgabe.
Mit einem Fluch seid ihr verflucht. Und ihr betrügt mich,
das ganze Volk.»
«Bringt den ganzen Zehnten ins Schatzhaus, dann wird
Nahrung in meinem Haus sein. Und prüft mich doch damit,
ob ich nicht die Fenster des Himmels für euch öffne und für
euch Segen ausschütte bis zum Überfluss.»

Von: Andreas Egli

4. Juli

Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden;
denn er verlässt sich auf dich.
Jesaja 26,3

In schwierigen Zeiten stimmt der Text schon ein Siegeslied
an. Er entwirft ein Hoffnungsbild, das der Stadt Jerusalem
Frieden und Sicherheit verspricht. Sichtbare Merkmale
des Friedens sind die Bauwerke, mit denen die Stadt gegen
äussere Feinde abgesichert sein wird: Stadtmauern, Befestigungsanlagen,
Stadttore. «An jenem Tag wird man dieses
Lied singen im Land Juda: Wir haben eine starke Stadt.
Zur Rettung stellt er die Mauern und den Festungswall hin.
Öffnet die Tore! Dann wird die gerechte Nation einziehen,
welche die Treue bewahrt.» (Verse 1–2) Aber es gibt auch
eine unsichtbare Seite, von welcher der Friede ebenso sehr
abhängt. Was sind die Gedanken, welche die Menschen in
ihrem Inneren formen? Haben sie eine gute und bewährte
Grundlage? Was ist das Vertrauen, das den Menschen einen
letzten Halt gibt? Verlässt es sich darauf, dass Gott treu
ist? «Wer festen Sinn hat, dem bewahrst du Frieden. Frieden,
denn auf dich vertraut er. Vertraut auf den HERRN für
immer. Denn Jah, der HERR, ist ein ewiger Fels.» (Verse 3–4)
Das gleiche Hoffnungsbild erscheint wieder im letzten Buch
der Bibel. Das «neue Jerusalem» ist der Ort, an dem Gott mit
seinem Frieden gegenwärtig ist (Offenbarung 21). Menschen,
deren Vertrauen erschüttert ist, sollen durch diese Hoffnung
gestärkt werden.

Von: Andreas Egli

3. Juli

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht,
was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103,2

Die bekannte Kirchenkantate Johann Sebastian Bachs von
1723 beginnt im Eingangschor mit unserer heutigen Losung.
Bachs Kantate, deren Dichter unbekannt ist, bezieht sich
auf die Heilung des Taubstummen und ist ein Lob auf das
beständige Wirken Gottes.
«Count your blessings», sagt der Engländer, wenn eine
Situation schwierig und traurig ist. Das hilft. Sich zu erinnern,
was gut lief, ist auch eine wichtige Regel in der Traumatherapie
und der Psychotherapie. So sollen wir uns zum Beispiel
abends erinnern, was schön, gut und lustig war an diesem
Tag. Vielleicht das Rotkehlchen, das ich auf dem Weg zur
Bahn sah, der Witz, den mein Kollege erzählte, oder die tröstende
Zuwendung einer Freundin. Das soll man sich bildlich
in Erinnerung rufen, sich die Atmosphäre deutlich machen,
die Gerüche, den Klang – und das mehrmals. Wie die neuere
Hirnforschung aufzeigt, hilft das, neue Bahnungen im Gehirn
zu eröffnen, auf Grund deren wir vermehrt positiv denken
können. Und wer breite «Strassen» im Gehirn hat, die negative,
abwertende Gedanken erzeugen, der hat neue Bahnungen
nötig. Sich plastisch an gute Situationen zu erinnern, hilft
dabei. Was ist das anderes, als die heutige Losung aussagt?
Allerdings: Diese ist an den HERRN gerichtet. Sie schliesst
die Transzendenz ein. Erinnern wir uns an Gutes, so holen
wir ein Teilchen des Reichs Gottes in unser profanes Dasein.

Von: Kathrin Asper

2. Juli

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen,
das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die
Propheten.
Matthäus 7,12

Die goldene Regel für menschliches Miteinander heisst, dass
wir Gutes mit Gutem vergelten sollen.
«Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem
andern zu», so habe ich es von meiner Mutter gelernt und
später erfahren, dass das Zitat von Erich Fromm stammt.
Wie hat dies doch Jesus auf den Punkt gebracht, kurz und
prägnant und eigentlich so einfach!
Und doch sind wir oft träge und verschieben manches auf
morgen oder übermorgen und dann vergessen wir es gar.
Es ist eine praktische Minimalethik, die auf Wechselseitigkeit
beruht. Eigentlich ganz klar.
Aber ist es auch klar, dass wir das Gute, das wir für andere
tun, auch für uns tun sollten? Ist es mitnichten! Wie viele
Menschen gehen schlecht und lieblos mit sich selbst um,
gönnen sich wenig bis nichts, wissen besser über ihre
Beschränkungen Bescheid als über ihre guten Seiten.
Ich habe mich oft gefragt, warum dies so ist. Weit über
pathologisches und neurotisches Verhalten hinaus ist diese
Haltung weit verbreitet und gründet wahrscheinlich auch
in der Erziehung, wo Nichtstun ungut war, sich selber loben
verpönt und sich herausstreichen ganz und gar nicht gutgeheissen
wurde.
Lernen wir also, uns selber auch Gutes zu tun, und verschieben
wir es nicht auf morgen.

Von: Kathrin Asper

1. Juli

HERR, dir habe ich meine Sache befohlen. Jeremia 11,20

Jeremia ist ein unbequemer Zeitgenosse. Er mischt sich lautstark
in die Macht- und Religionspolitik des Reiches ein,
verneint die militärische Option als Weg zu Frieden und
Gerechtigkeit; er stört die öffentliche Ordnung. Kein Wunder,
dass er zum Schweigen gebracht werden soll; einflussreiche
Leute seiner Heimatstadt trachten ihm nach dem Leben.
Im Zentrum seiner Klage darüber (Verse 18–23) steht der
Vers: «Aber du, HERR Zebaoth, du gerechter Richter, der
du Nieren und Herz prüfst, lass mich deine Rache an ihnen
sehen; denn dir habe ich meine Sache befohlen.»

Nieren und Herz sind in biblischer Vorstellung der Sitz von
Fühlen und Denken der Menschen. Bei «Herz und Nieren»
geht es ans «Eingemachte» (vgl. z. B. auch Psalm 26,2). Der
ganze Mensch bis ins geheimste Innerste wird «durchleuchtet
» von Gottes prüfendem Blick. Es ist Gottes Sache, Rache
zu üben, wie immer diese dann aussehen wird. Von Jeremia
ist diese Unterscheidung zu lernen: «Dir, Gott, habe ich
meine Sache befohlen.»

Ich lerne, diesen Satz nachzusprechen – manchmal mit dem
Mut der Verzweiflung, manchmal getröstet … – er stärkt
mein Gottvertrauen.
Wie fühlt es sich für Sie an, diesen Satz nachzusprechen?

Von: Annegret Brauch