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14. Juni

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.                       Psalm 127,1

Deutlicher kann eigentlich der Kontext nicht beschrieben werden, in den all unser Tun und Lassen einzuordnen ist. Der Psalm verweist auf unser gesamtes Sozialwesen, Familie, Haus, Arbeit. Dies alles ist wichtig und doch nichts, wenn Gott es nicht behütet, bewacht und umsorgt. Eine starke Botschaft, denke ich, in einer Zeit, in der so viele Menschen sich die Verantwortung für das eigene Tun nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Ich muss dabei an die Vereidigung der neuen deutschen Regierung denken. 2021 kam diese scheinbare «Selbstverantwortung» darin zum Ausdruck, dass mehrheitlich beim Amtseid auf die «Bezugsformel» «so wahr mir Gott helfe» verzichtet wurde. Es erinnert an so manches, was zum Kontext dieses Psalms gehört: Selbstherrlichkeit, religiöse Beziehungslosigkeit und das Bewusstsein davon, dass allein eigene Rationalität zählt.

Dies gab es wohl auch zu Salomos Zeiten. Deshalb betont der Psalm, dass all unser Tun der Verortung in der Allsorge Gottes bedarf. Der Sorge für die Schöpfung, dem Beziehungsgeflecht, von dem wir Teil sind. Auch dann, wenn sich der Mensch dieser Teilhabe nicht mehr bewusst ist. Denn dann gleicht der Mensch dem Wächter, der hütet und dem doch die Aufgabe misslingt, wenn nicht letztlich Gott, wie der gestrige Text sagte, mit Gerechtigkeit und Allsorge den Schutzrahmen stellt.

Von Gert Rüppell

13. Juni

Erhöre uns nach der wunderbaren Gerechtigkeit, Gott unser Heil (der du bist die Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer).                                         Psalm 65,6

Der heutige Text ist der Scheitelpunkt des 65. Psalms, was sehr schön deutlich wird, wenn wir den ganzen Vers lesen. Um Erhörung im Kontext der Gerechtigkeit Gottes bittet der Psalmist. Ein Ruf um Vergebung? «Wohl dem, der seine Missetat erkennt und sich zu Gott wendet.» (Verse 4–5) Jenem Gerechten also, so zeigt die zweite, hier mitzitierte Hälfte des Verses, der nicht nur Macht, Kraft und Vergebung im «Portemonnaie» seiner Gerechtigkeit hat, sondern auch die Zuversicht seiner gesamten Schöpfung darstellt. Die Fröhlichkeit, die dies auslöst, wird in wunderbaren Worten beschrieben. Sie verdeutlichen, warum der Psalmist von Heil und Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer redet. Um die Fülle des Heils zum Ausdruck zu bringen und so gegen die Missetat so recht abzugrenzen, greift er in das gesamtschöpferische Vokabular: Wasser die Fülle, feuchte Schollen, reiche Ernten, grünende Steppen, grosse Herden und saftige Kornfelder. Wer sollte da nicht jauchzen und singen und Gott, unser Heil, um Erhörung anrufen? Um uns in dieses Heil, diese seine Wohlfahrt, dieses sein Haus (Vers 5) aufnehmen zu lassen, nach all dem, was wir verbockt haben. Auf dieses Handeln, diese Gerechtigkeit Gottes, diese seine Gnade zielt ja letztlich auch unser tägliches Hoffen im Wissen um das Wirkungsfeld seiner Barmherzigkeit.

Von Gert Rüppell

12. Juni

Du sollst der Menge nicht auf dem Weg zum Bösen folgen.     2. Mose 23,2

Dazu gibt es eigentlich nichts zu sagen, und das Bild von der breiten Strasse ins Verderben, wie Jesus es gezeichnet hat, bestätigt uns darin. Unsere Losung fordert Nonkonformismus und gibt Mut zum Unbequemen, auch zur Einsamkeit. Vielleicht liegt darin aber auch eine Versuchung zur moralischen Überlegenheit, die Versuchung des gebildeten Mittelstandes gegenüber der Massenkultur, die Versuchung des ethischen Perfektionismus in den Kirchen, die beispielsweise in der Pandemiezeit über die staatlich definierten Einschränkungen hinausgingen, die Versuchung, den eigenen Weg als den einzigen Weg zum Guten zu sehen.

Dagegen steht die Warnung «Richtet nicht!». So müssen wir den Widerspruch aushalten: Wir suchen danach, was das Gute, was Gottes Wille ist, sollen uns mit Überzeugung dafür einsetzen, müssen uns aber zugleich fragen lassen, ob diese Überzeugung richtig ist und richtig bleibt, ob sie Raum lässt für die Barmherzigkeit, die untrennbar mit dem Weg zum Guten verbunden ist. Der Lehrtext weist die Antwort: wahrhaftig sein in der Liebe.

Das ist der Liebe freundlich Amt, dass sie zurecht bringt, nicht  verdammt.

(Viktor Fr. von Strauss und Torney, 1843, RG 802)

Von Andreas Marti

11. Juni

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.                           Jesaja 2,2.4

In der Friedensbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre, mitten im Kalten Krieg, war Jesajas Vision einer Welt ohne Krieg ein wichtiges Bild, zusammen mit dem Motiv «Schwerter zu Pflugscharen» – als Bronzestatue vor dem UNO-Sitz, ausgerechnet ein Geschenk der Sowjetunion, und als Aufnäher auf den Jacken der Jugendlichen (oder in der DDR durch ein ausgeschnittenes Loch ersetzt, weil das Zitat verboten war). Friedensforschung, Friedenserziehung, Konfliktlösungsstrategien hatten in der Diskussion Konjunktur.

In den Tagen, in denen ich dies jetzt schreibe, herrscht Krieg in der Ukraine, und der berechtigte Protest gegen Putins Aggression nimmt bisweilen schrille und selbst kriegerische Töne an. Immerhin schliessen westliche Politiker und Politikerinnen eine militärische Antwort aus und versuchen, den mühsamen Weg der Konfliktentschärfung offenzuhalten, auch wenn sie sich des Erfolgs nicht sicher sein können. Frieden ist ein Prozess, ein Weg, dessen Schritte nicht schon im von vornherein feststehen.

«Kein Volk wird mehr lernen, Krieg zu führen», und es ist ja nicht das russische Volk, welches das Schwert erhoben hat. Schon ein kleiner Schritt auf Jesajas «Utopie» hin, auf diesen Zustand, der noch «ohne Ort» ist, aber die Richtung auf das weist, was durch den Willen Gottes verheissen ist?

Von Andfreas Marti

10. Juni

Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel.               Epheser 4,26–27

Kennen Sie diese Kooperationsspiele, die manchmal zur Stärkung eines Teams eingesetzt werden? Meine Klasse hat ein solches gespielt, als wir zu Besuch beim Schulsozialarbeiter waren. Alle erhielten ein Stück Holz mit einer Rille drin, und dieses Stück Holz hielten die Jugendlichen vor sich hin und mussten damit zusammen eine lange Bahn bilden, auf der eine Murmel durch den Raum bewegt werden sollte. Zuerst klappte es nicht. Erst als alle ruhiger waren, ging es plötzlich gut. Ich habe auch mitgemacht, und es war eindrücklich, dieses Zusammenspiel am eigenen Leib zu erfahren. Ich war nicht mehr nur «eigener Leib», ich war plötzlich Teil eines grossen Leibes, so, wie das Paulus als Bild für die Gemeinde beschreibt. Gleich im Vers davor heisst es: «… denn wir sind ja untereinander Glieder.» Und es ist klar, dass dieser Leib nicht funktionieren kann, wenn jemand seiner Wut Raum lässt.

Oder doch? Dann fällt die Murmel zwar runter. Und alle müssen sich neu aufstellen, neu sortieren. Solange klar ist, dass man die Murmel von hier nach da transportieren muss und dass das nur zusammen geht, ist so ein Ausbruch aber verkraftbar. Vielleicht stärkt er die Gruppe sogar.

Aber: Ist mir eigentlich klar, welche Murmel gerade von wo nach wo transportiert werden soll und mit wem ich dabei zusammenhänge?

Von Katharina Metzger

9. Juni

Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir  hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.                 1. Mose 4,7

Jetzt kommt mir wegen des Worts «fromm» gerade Frau Frommherz in den Sinn. Sie hiess tatsächlich so. Als ich in der Primarschule war, musste ich zu ihr in die Logopädie. In frühen Morgenstunden sassen wir nebeneinander im dämmrigen Schulzimmer – aus irgendeinem  Grund  schaltete  sie nicht unbedingt das Licht an – und machten seltsame Übungen. Mein Einsatz war mässig, immer hatte ich nicht genug geübt. Da sagte sie mir – und das ist mir   geblieben:

«Weisst du, ich mache jeden Tag zwei Dinge: Ich meditiere und ich mache ein Tänzchen für mich selbst. Und du solltest das so mit deinen Übungen halten.» Und obwohl die Übungen natürlich immer noch seltsam waren und nicht so spassig wie ein Tänzchen, konnte ich mir danach eine mir wohltuende Disziplin angewöhnen.

Die obigen Worte sagt Gott zu Kain, der wütend ist, weil Gott sein Opfer nicht gesehen hat, dafür das seines Bruders Abel. Ich verstehe Kain. Ich will auch gesehen werden. Erkannt. Anerkannt. Bewundert! Und dadurch wissen, wer ich bin. Aber jetzt kommt plötzlich das Bild von Frau Frommherz dazwischen, die alleine in einer Wohnung lebte, die nur aus einem grossen Zimmer bestand, und jeden Tag ein Tänzchen für sich tanzte. Ungesehen, unbewundert, tanzend.

8. Juni

Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.    1. Samuel 2,7

Vielleicht kommen Ihnen diese Sätze bekannt vor. Und auch die folgenden: «Er hebt auf die Dürftigen aus dem Staub und erhöht die Armen aus der Asche.» (Vers 6) Oder der vorangehende Satz: «Die satt waren, müssen um Brot dienen und die Hunger litten, hungert nicht mehr.»

Immer wieder beeindrucken mich diese Worte aus dem Lied der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel: Da singt eine Frau ein Willkommenslied für ihr Neugeborenes, und was wünscht diese Mutter ihrem Kind? Weder Reichtum, Ruhm, Erfolg und Macht, weder Klugheit noch Bewunderung! Auch nicht spirituelle Höhenflüge und Erleuchtungen. Sie bittet um den grossen Ausgleich. Niemand soll zu viel und niemand zu wenig haben. Genüge schafft ausgleichende Gerechtigkeit: Das Leben, das Gott uns geschenkt hat, will geteilt werden. Nahrung und Gotteslob. Wir geben alle von dem, was jeder und jede von uns empfangen hat, und wir empfangen von allen, den Lebenden und den Toten, was wir brauchen. Nicht aus dem Horten und Festhalten wächst das gute Leben, sondern aus allem, was wir miteinander teilen – Wissen und Poesie ebenso wie Essen und Trinken und… Oder die Erinnerung an alte Verheissungen, so wie Maria sich daran erinnert.

Und all das zum Lob Gottes und zur Freude von uns allen!

Von Reinhild Traiter

7. Juni

Wer mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.           Johannes 12, 26

Der Vers erscheint mir wie eine Kürzestfassung christlicher Lehre. Es geht um das rechte Verständnis der Lehre Jesu. Der Diener, der Jesus folgen soll, trägt also nicht den Picknickkorb und den Klappstuhl, sondern ist jederzeit in der Nähe seines Herrn und versucht, den Willen des Herrn zu tun, noch ehe der ihn kundgetan hat. Nein, Dienst ist hier nicht das symbiotische Verschmelzen des Dieners mit den Wünschen des Herrn. Vielmehr ist es das Eingehen auf die verschiedenen Bedürfnisse der unterschiedlichen Menschen, die zu Jesus gekommen sind, weil sie sich von ihm etwas erhoffen: die Achtsamkeit dem Leben und den Respekt den Andersartigen gegenüber, auch dort, wo man keinen Gewinn daraus ziehen kann.

Und es geht um Dankbarkeit für das Leben, auch dann, wenn nicht alles gelungen scheint und wir an vielen Versäumnissen und Unvollkommenheiten leiden. Gott selbst muss ja manchmal üben und es nochmal versuchen. Und die Nachfolge, von der Jesus spricht, ist vielleicht eine Einübung, die Möglichkeiten wahrzunehmen.

Gott, lass mich dein Diener sein oder deine Dienerin! Ich will nicht unterwürfig sein, sondern dankbar für das Leben in deiner Nähe und mit dir.

Ist das vielleicht das «ewige Leben»?

Von Reinhild Traitler

6. Juni

Der HERR erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken.       1. Chronik 28,9

Manchmal verausgaben wir uns Tag und Nacht, um die Welt zu bewahren, zu verändern, zu retten. Und manchmal laufen wir Gefahr, mit engagierter Betriebsamkeit gut dastehen zu wollen – vor uns und vor den anderen. Oder sogar vor Gott. Dabei nehmen auch wir andere Menschen nicht immer für voll und grenzen sie aus. Oder wir müssen merken, dass wir mit unseren so «progressiven», aber festgefahrenen Gedanken Kinder unserer Zeit sind. Und auch mit unserem eigenen Schubladen-, Geld- und Sicherheitsdenken zerstörerische Entwicklungen in Gang halten.

Viele Menschen können nicht «machen» und handeln, wie sie wollen. Ihr Trachten nach einer guten Welt kann genauso stark – und vielleicht genauso wirksam – sein wie das von stets Aktiven. Ältere Menschen, die nicht mehr viel Kraft haben. Menschen mit einer Beeinträchtigung, die sie einschränkt. Menschen, die jeden Tag ums Überleben kämpfen – in einem Armenviertel, in einem Spital, in einem Gefängnis. Andere wollen nicht immer «machen». Menschen, die in kontemplativen Klöstern leben. Stille Künstler*innen. Menschen, die ihren kleinen Acker bestellen.

Der Pfingstmontag ist der Moment für eine Unterbrechung: Was tragen wir im Herzen? Wonach trachten wir? Und was können wir damit machen?

Von Matthias Hui

5. Juni, Pfingsten

Wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin.    Römer 8,23–24

So wie die Welt jetzt, an Pfingsten, ist, kann sie nicht bleiben. Beziehungsweise: Wenn sie so bleibt, wie sie ist, geht sie unter in Krieg und Hass und ökologischem Verderben. Woher kommt Rettung? Woher kommt Hoffnung? Naiver Optimismus, dass die autoritären Herrscher dieser Welt durch Einsicht und Kooperation das Feld räumen, dass An-die-Wand-Drücken durch Aufrüstung zu stabilem Frieden führt oder dass wir mit Autos, die mit elektrischer statt mit fossiler Energie betrieben sind, locker die Kurve kriegen, ist fehl am Platz. Es wäre ein Setzen auf den alten Geist des Immer-Mehr, der Konkurrenz, der Ausbeutung von Menschen und der Schöpfung mit Gewalt.

Pfingsten erzählt von einem anderen Geist. Einem Geist und einer Sehnsucht, die schon in den Herzen jener Einlass gefunden haben, die sich innerlich und äusserlich vom alten System verabschiedet haben. Paulus macht diese Erfahrung. Er ringt um Worte und appelliert an die Geduld: «Die Hoffnung, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?» In den Rissen dieser Welt ist Erlösung, ist Befreiung von Krieg und Herrschaft plötzlich schon da. Dort atmet die seufzende Schöpfung und lebt.

Von Matthias Hui