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8. September

Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel
dienten ihm.
Markus 1,12–13

Der Geist, die ruach, ist eine «überwältigende Macht, die den von ihm Befallenen anderswohin treibt» (E. Schweizer). Anderswohin: hinaus aus der Zivilisation, der Konvention, hinaus aus der Ordnung, hinein in die Wüste. Diese steht für Unort, Tohuwabohu, Chaos. Dort draussen, «anderswo», treiben sich dem Alltagbewusstsein fremde Wesen umher, Strausse, Schakale, struppige Böcke (Jes 13,21 f.). Die Engel, der Satan. Anders als im Matthäusevangelium (4,11) erfolgt ihr Auftritt nicht gestaffelt, dass zuerst der Satan Jesus versucht und danach die Engel ihm dienen. Nein, diese magisch-mythischen Gestalten sind alle gleichzeitig und gemeinsam gegenwärtig. Der Weg führt nicht aus Hölle und Fegefeuer hinein in den Reigen seliger Geister. Vielmehr führt der Weg durch die Wüste als Chaos-Ort hinein in die Wüste als den Ort, wo all diese Illusionen verschwinden. Wo der Horizont unendlich wird. Im granum sinapis (Senfkorn), einem mittelalterlichen mystischen Text heisst es:

Sie liegt so breit, / unmessbar weit. / Die Wüste hat / nicht Zeit noch Statt. … Lass Ort, lass Zeit, / auch Bild lass weit! / Geh ohne Weg / den schmalen Steg! / So stösst du auf der Wüste Spur.

Von Andreas Fischer

7. September

Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Matthäus 18,20

Natürlich ist er mitten unter uns! Die Kraft/Energie, der Geist/Gott – wie immer wir ihn/sie/es nennen. Sie ist das, was uns in Beziehung hält und uns immer wieder neu die Liebe suchen und erfahren lässt. Das Wissen um die verbindende und heilende Kraft der Liebe ist wohl so alt wie die Menschheit. Ihre Durchsetzung als Wirk- und Gestaltungsprinzip harrt allerdings immer noch ihrer Anerkennung und Durchsetzung.
Es sind nicht nur der «Russisches-Grossreich-Irrsinn» des Herrn Putin und die vielen kleinen und grossen Kriege auf der Welt, die dies bestätigen.
Es ist der alltägliche Streit mit den alltäglichen Verletzungen zwischen alltäglichen Menschen. Es fällt uns nach wie vor schwer, das ganz Besondere in jedem anderen Menschen zu sehen und wertzuschätzen.
Oder in der Mindestanforderung: den anderen einfach so sein lassen, wie er/sie nun einmal ist.
Das ist nicht einfach, bedeutet es doch, dass nicht ich der Massstab aller Dinge bin. Wenn ich meine Umgebung wohlwollend und wertschätzend betrachte, kann ich wachsen und geschehen lassen. Und selber kann ich auch wachsen und so sein, wie ich bin.
Da ist die Liebe dann tatsächlich mitten unter uns – oder nenn es auch Gott.

Von Rolf Bielefeld

6. September

Bei dir, Herr, unser Gott, ist Barmherzigkeit und Vergebung. Daniel 9,9

Das Buch Daniel ist sozusagen die Apokalypse der hebräischen Bibel, die Gelehrten streiten sich darum, ob der Text nun im 6. oder im 2. Jh. v. Chr. geschrieben worden ist. Lassen wir sie streiten und überlegen lieber mal, was so eine Apokalypse ausmacht und was Gott damit zu tun hat.

Viele von uns sind von Francis Ford Coppolas Apocalypse Now und Roland Emmerichs The Day After Tomorrow geprägt und haben damit klare Bilder einer Apokalypse vor Augen. Da im Buch Daniel der Untergang des judäischen Weltreichs verkündet wird, gab es auch hier klare Vorstellungen.
Was hat nun Gott mit diesen Untergangsszenarien zu tun? Platt ausgedrückt: gar nichts!
Unsere Vorstellungen basieren auf von Menschen gemachten (oder inszenierten) Katastrophen oder echten Naturkatastrophen. Mit denen hat Gott nun nichts zu tun, sondern nur unsere Phantasie oder unser Handeln oder Unterlassen. Aber nun wenden wir uns mal den Katastrophen zu, bei denen Gott eine Rolle spielt. Die Kraft/Energie, der Geist/ Gott – wie immer wir ihn/sie/es nennen, ist uns durch Jesus als die Liebe ohne Bedingungen exemplarisch vorgelebt worden. Da, wo wir diese Liebe aufgeben, entstehen die Katastrophen in uns und um uns herum.

Von Rolf Bielefeld

5. September

Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht! Jesaja 49,15

Die Stadt Jerusalem stimmt als Frau und Mutter eine Klage an. Ihre Kinder sind verloren gegangen in der babylonischen Verbannung. Ihre Mauern liegen in Trümmern. Von Gott, dem sie wie einem Ehemann verbunden war, fühlt sie sich verlassen. «Frau Zion spricht: Der HERR hat mich verlassen. Mein Herr hat mich vergessen.» (Vers 14) Die Antwort im Prophetenwort nimmt Bezug auf das mütterliche Mitgefühl. Eine Mutter hat ihr Kind im eigenen Mutterleib getragen. Wie eine körperliche Empfindung regt sich bei ihr das Mitgefühl zum Kind, welches schwächer ist und die Betreuung der Eltern braucht. «Wird eine Frau ihren Säugling vergessen? Wird sie kein Mitgefühl haben mit dem Kind ihres Mutterleibs?» Nicht nur Mütter, sondern alle Menschen haben die Fähigkeit mitzufühlen. Menschliches Mitgefühl ist allerdings auch brüchig und kann sogar verloren gehen. «Auch wenn die Frauen vergessen könnten – ich werde dich nicht vergessen.» Die Bibel glaubt an einen Gott, der Mitgefühl zeigt – mit viel grösserer Treue als die Menschen. Er sagt zu Jerusalem: «Siehe, auf meine Handflächen habe ich dich eingeritzt, deine Mauern sind immer vor meinen Augen.»

Von Andreas Egli

4. September

Du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen! Psalm 22,20

Nur langsam wächst das Vertrauen, dass Gott nahe ist. Am Anfang des Psalms fühlt sich der Betende von Gott verlassen. Mit seinen Worten kann er Gott nicht erreichen. Sein Klag lied beginnt mit den Fragen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum bleiben meine Reden fern von dir, meiner Rettung?» (V. 2)
Ein leidender Mensch ist dem Spott der Mitmenschen ausgesetzt. Er bittet Gott darum, nicht fern zu bleiben. Aber er glaubt noch nicht recht daran. Denn nahe ist ihm etwas anderes: die Not, die Bedrängnis. «Bleib nicht fern von mir, denn die Bedrängnis ist nahe, denn es ist keiner da, der hilft.» (Vers 12) Heftige Bilder schildern das körperliche Leiden und die Bedrohung durch Feinde. Am Ende der Klage ertönt die Bitte nochmals. Erst jetzt ist sie mit etwas mehr Zuversicht verbunden. «Du, HERR, bleib nicht fern. Du bist meine Kraftquelle. Komm mir zu Hilfe, schnell!» (V. 20) Der Losungsvers markiert einen Wendepunkt im Psalm. Nun wird aus dem Klagelied ein Danklied: «Du hast mir Antwort gegeben.» (V. 22) Dass Hilfe gekommen ist, sollen alle hören, von den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde bis hin zu den Enden der Erde. Der lange Psalm lädt dazu ein, sich der Bewegung von der Klage zum Dank anzuvertrauen. Aber eine Abkürzung gibt es nicht auf diesem Weg.

Von Andreas Egli

3. September

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes; was aber offenbart ist, das gilt uns und unseren Kindern ewiglich. 5. Mose 29,28

Es gibt so vieles, was wir nicht verstehen: Warum ein junger, gesunder Mensch sterben muss, warum ein Kind tot geboren wird, warum Länder kriegerisch angegriffen werden. Warum, warum, fragen wir und bekommen keine Antwort.
Das Geheimnis der Schöpfung haben wir noch immer nicht gelüftet, und das ist gut so. Warum alles wissen wollen? Viel lieber freuen wir uns doch der Grossartigkeit der Schöpfung, wie sie sich uns darbietet in ihrer Vielfalt.  «Geh aus, mein Herz, und suche Freud …» Das ist wohl die angemessene Haltung gegenüber der sich uns offenbarenden Welt, die auch unseren Kindern ewiglich versprochen bleibt.

Es gibt aber auch Hindernisse und Schranken gegenüber dem Lob des Mysteriums Gottes: Schuld, die wir vor uns verbergen und zudecken, falsche Ideologien, mangelnde Erkenntnis, Unglaube und Ereignisse, die wir anderen nicht vergeben können.
Sich dieser Dinge bewusst zu werden, so schmerzlich es ist, ist schlussendlich befreiend und bringt uns in Verbindung mit dem Gott, der uns letztlich verborgen bleibt und aus dem doch alles Leben strömt.
Das wollen wir bedenken, denn gestern war der ökumenische Tag der Schöpfung.

Von Kathrin Asper

2. September

Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden geschaffen.
Offenbarung 4,11

Durch Gottes Willen wurde alles geschaffen. Das kann ich so stehen lassen. Viel mehr aber gefällt mir die Stelle aus Genesis 1, wo es heisst: «Und die Erde war wüst und öde, Finsternis lag auf der Urflut und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser.»
Dieser Geist, der alles schuf, auch Gottes Atem, ruach genannt, ist die von JHWH ausgehende Lebenskraft; sie schuf und belebte alles, Flora, Fauna und auch uns, die Menschen. Durch diesen Geist sind wir im Innersten mit Gott verbunden, sind seine Geschöpfe. Ergreifen wir diese Lebenskraft, hat unser Leben Sinn und Richtung, auch erdauern wir damit die Durststrecken und Ödnisse unseres irdischen Daseins.
Die ruach ist eng verbunden mit dem Geburtsvorgang und ist weiblich. Dieses immerwährende Leben, das von Gott ausgeht und das Ina Prätorius die «Geburtlichkeit» nannte, ist eine Vorstellung, die mich immer wieder erfreut, denn sie verbindet mich mit der ganzen Schöpfung mit allem, was lebt und sich trotz Tod stets wieder erneuert und neu gestaltet.
William Blake sagte, als er die Sonne aus dem Meer steigen sah: Ich sehe Gottes Herrlichkeit (…) die Erde ist voll von seiner Herrlichkeit.

Von Kathrin Asper

1. September

Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! Klagelieder 3,57

Die Gastkolumne stammt von Werner Kramer. Er war Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich.
Wenn ich in der Bibel oder in den Bolderntexten lese, hoffe ich, dass sich der Sinn ihrer Worte mischt mit meinen eigenen Empfindungen und ich verändert in meinen Tag gehe. Manchmal verdanke ich den Menschen der Bibel Worte, um eigene Erfahrungen auszudrücken, oder Bilder, die Eigenes spiegeln.
Gerne würde ich das heutige Wort als eigene Erfahrung nachsprechen: «Du nahtest dich mir, als ich dich anrief.» Als ich betete, fühlte ich dich mir ganz nah, wie Wärme, die mich anstrahlt. Ein zutiefst glücklicher Moment.
Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich nicht selten beim Beten Gottes Nähe kaum spüre. Anderes schiesst mir durch den Kopf, oder ich schlafe ein. Oft muss ich mich schütteln und selber zu mir sagen: Fürchte dich nicht!
Manchmal fühle ich mich umgeben von Menschen, zu denen in der Bibel gesagt wird: «Fürchte dich nicht.» Da sind Hirten auf dem Feld, denen der Engel dies in der Weih- nachtsnacht zuruft, da ist der Täufling in der Kirche, dem die Pfarrerin den Taufspruch zuspricht: «Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.» In dieser Gesellschaft bin ich gerne.

Dass «Fürchte dich nicht!» auch in den wenig bekannten Klageliedern des Alten Testaments steht, wusste ich nicht, bis es mir als Losungswort zufiel. Und mit ihm die Situation des durch die Babylonier zerstörten Jerusalem und des Tempels.

«Ach, wie liegt sie einsam da, die Stadt, einst reich an Volk, nun einer Witwe gleich!» «Draussen raubt das Schwert die Kinder, im Haus ist es wie tot.» «Ach, wie färbt das Gold sich schwarz, die Steine des Heiligtums liegen herum an allen Strassenenden.» Tod, Zerstörung, Gefangenschaft, Ausrottung – die nie endende Geschichte des Krieges. Von der Zerstörung Jerusalems bis zu Mariupol in der Ostukraine, dem Erdboden gleich gemacht. Tote in den Strassen, Massengräber, die Zivilbevölkerung vertrieben oder deportiert.
«Wasser flutete über mein Haupt, ich sagte, ich bin vom Leben abgeschnitten.» Hört das denn nie auf? Bleiben uns nur Klagelieder?
«Ich rief deinen Namen, Herr, von tief unten aus der Grube.» Was nützt das? Nach der Erfahrung dessen, der das Klagelied anstimmte: «Am Tag, da ich dich rief, hast du dich genaht, du sprachst: Fürchte dich nicht.»
Ja: «Er kann, er will, er wird in Not, vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen.»

Was sollte ich mich fürchten?

Von Werner Kramer

Mittelteil September / Oktober

Das Hoffnungswissen
Von Madeleine Strub-Jaccoud, Präsidentin des Trägervereins Boldern

Es ist an der Zeit, Sie, liebe Leserinnen und Leser, mitzunehmen auf den Weg, den Boldern geht. Dabei spielen die Bolderntexte eine wesentliche Rolle: Sie sind unsere Praxis Pietatis auf dem Weg in die Zukunft. Die Vielfalt der Texte und ihre konstante Reflexion biblischer Worte sind eine wichtige Grundlage. Diese Konstanz zu erhalten, ist ein Ziel. Die Bolderntexte bauen das auf, was wir alle brauchen und was für Boldern wohl das Wichtigste ist: Die Texte helfen, das biblische Hoffnungswissen zu vertiefen; gleichzeitig sind sie fest verankert im Kontext unserer Realität. Denn die Geschichte von Boldern ist eine Hoffnungsgeschichte und wird weitergeschrieben, der Weg dieses einmaligen Ortes führt in eine gute Zukunft.

Die Vision
Der Vorstand des Trägervereins Boldern, der bald der Stiftungsrat der gemeinnützigen, steuerbefreiten Stiftung Boldern sein wird, lebt die Vision, auf welcher seine Arbeit beruht: «Boldern inspiriert Menschen, sich für eine solidarische Gesellschaft und nachhaltige Lebensräume zu engagieren.» Ein weite Vision, die immer ermutigt zu konkreten Schritten auf dem Weg.

Wohnen auf der Seeterrasse
Nachdem die Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich 2012 ihre Subventionen eingestellt und die verbleibenden Studienleiterinnen und Studienleiter in die gesamtkirchlichen Dienste integriert hatte, stellte sich die Frage nach der Zukunft. Die grosse Landreserve, über die Boldern seit der Gründung verfügt, wird überbaut mit einer nachhaltigen Wohnsiedlung. Diese wird ca. 55 Wohnungen zur Miete zur Verfügung stellen. Die Mietpreise sollen fair sein, die ganze Siedlung ist so aufgebaut, dass sie zur Gemeinschaft einlädt. Die Gestaltung der Aussenräume ist nicht nur nachhaltig und ökologisch, sondern verbunden mit der Natur auf dem Plateau von Boldern. Die Wohnsiedlung ist durch ein Wegnetz mit dem Plateau verbunden, sie ist offen und wird eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Die Mieteinnahmen werden wesentlich dazu beitragen, die finanzielle Situation von Boldern zu sanieren. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die Zukunft. Wir hoffen, dass der Bau nach dem Bewilligungsverfahren Ende 2023 beginnen kann.

Die Stiftung und der Förderverein
Der Trägerverein Boldern hat an seiner Vereinsversammlung vom 7. Mai 2022 eine Urabstimmung zur Gründung der Stiftung Boldern und zur Übertragung des gesamten Vermögens an diese Stiftung angeordnet. Die Stiftung soll die strukturelle Grundlage von Boldern bilden. Sie garantiert, dass der Weg weitergeht und auch von den reformierten Kirchgemeinden wieder vermehrt wahrgenommen wird als Ort der Begegnung und der Kraft. Der Förderverein Boldern wird die Aufgabe haben, die Geschichte von Boldern zusammen mit der Stiftung weiterhin fortzuschreiben. Er soll sein Netzwerk als Unterstützung namentlich des Kerngeschäfts
«Boldern inspiriert» nutzen, vergrössern und sich beteiligen. Viele Kirchgemeinden sind Mitglieder des Trägervereins geblieben. Nach wie vor sind wir überzeugt, dass Boldern einen wichtigen Beitrag leisten kann zur Entwicklung von Kirche im weitesten Sinn. Die Vision von Boldern, welche auf die Zukunft ausgerichtet ist, lädt ein, sich auf die Menschen einzulassen, auf sie zu hören, sie mit ihrer Geschichte und ihrer Lebenssituation ernst zu nehmen und mit ihnen die Gesellschaft und somit die Zukunft zu gestalten.

Boldern inspiriert
Das Kerngeschäft von Boldern ist es, Menschen dafür zu gewinnen, einander zu begegnen, sich auszutauschen, sich auseinanderzusetzen, sich einzusetzen. Das Hoffnungswissen und die Offenheit für alle, die Inklusion und die Partizipation sind dabei wichtige Leitplanken. Seit Beginn der Arbeit des jetzigen Vorstandes des Trägervereins konnten wir dank ehrenamtlicher Arbeit einladen zu Veranstaltungen in den Reihen «theologisch boldern», «politisch boldern»,
«literarisch boldern» und «ökologisch boldern». Gewiss, nach der langen Zeit der Krise musste dieser Bereich mit viel Hoffnung neu aufgebaut werden. Das hat Kraft gekostet und war nicht immer von Erfolg gekrönt. Aber auch da: Konstanz, Vielfalt und das Weiterentwickeln des Hoffnungswissens waren und sind das Anliegen. Die Stiftung Boldern wird diesen Bereich verstärken.

Das Hotel Boldern
Nachdem der jetzige Vorstand seine Arbeit aufgenommen hatte, hat er sofort an der Sanierung des Hotels gearbeitet. Der Ort soll nicht nur erhalten bleiben, sondern geöffnet werden für ein breites Publikum. Das ist dem Hotel Boldern weitgehend gelungen. Dafür sind wir enorm dankbar, denn der Ort lebt wieder. Allerdings ist uns klar, dass das Hotel in die Jahre gekommen ist und nicht mehr ganz den Ansprüchen unserer Zeit entspricht. Und so sind wir, der Vorstand und die Aktiengesellschaft Hotel Boldern, daran, auch da eine gute Zukunft zu planen.

Die Verbundenheit mit der Natur
Das Plateau Boldern entwickelt sich zu einer ökologischen Oase. Es strahlt, wenn die Blumen der Naturwiesen blühen, es bietet Ruhe und Weitsicht. Es lädt ein zur Begegnung mit wieder mehr Vogelarten, hie und da Rehen und sogar mit einem Wiesel. Es bildet mehr und mehr auch Heimat für Igel und andere Tiere, für Insekten und Schmetterlinge.

Das Netzwerk Boldern
Boldern ist nicht mehr allein auf dem Hügel, sondern mehr und mehr vernetzt mit anderen Organisationen mit ähnlichen Zielen. So arbeiten wir eng zusammen mit dem Verein Appisberg, einem Kompetenzzentrum für berufliche Integration. Bereits haben wir einen Vertrag geschlossen, der ermöglicht, dass der Appisberg die Verwaltung unserer Liegenschaften verantwortet. Die Anna Zemp Stiftung ist mit ihrem nachhaltigen Garten und ihren Aktivitäten unsere Nachbarin. Mit ihr und dem Natur- und Vogelschutzverein Männedorf-Uetikon besteht eine Zusammenarbeit, die alle bereichert.

Für Sie, die Leserinnen und Leser, die Autorinnen und Autoren und die Redaktorinnen, gibt es kein Schlusswort, aber einen Ausblick. Voller Dankbarkeit schaue ich zurück auf die Jahre der Weiterentwicklung von Boldern nach der grossen Leere. Sie ist Vergangenheit. Und der Weg in die Zukunft ist vorgezeichnet von Hoffnung, von der Überzeugung, dass Boldern wieder ein Ort wird, der den Menschen und der Welt, auch in ihrem jetzigen Zustand, zugewandt ist. Und auch ganz persönlich: Boldern war und ist für mich und für viele andere ein Ort des Lebens, ein Ort der Kraft und der Gestaltung, des Hörens und des Lernens. Die Konstanz und die Verlässlichkeit der Bolderntexte waren und sind wesentlich. Sie tragen das Hoffnungswissen der biblischen Texte weiter auf einem Weg, der zum «gesegneten Ort Boldern» gehört, wie es der Referent aus Berlin an der Langen Pfingstnacht Anfang Juni formuliert hat …

Madeleine Strub-Jaccoud
Präsidentin des Trägervereins Boldern

31. August

Gott kann machen, dass alle Gnade unter euch  reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten  Werk. 2. Korinther 9,8

Reichtum ist bei Paulus kein Selbstzweck. Er befähigt zum guten Werk. Der Apostel predigt die Grosszügigkeit und scheint doch allzu gut zu wissen, was ihr im Weg steht: die tiefsitzende Angst, zu kurz zu kommen. Deshalb will er den Geiz bei der Wurzel packen und stellt der Furcht das Vertrauen auf Gottes Gnade entgegen.

Freilich lässt sich Freigiebigkeit nicht verordnen: «Jeder aber gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, ohne Bedauern und ohne Zwang.» Es geht hier nicht um einen Wettbewerb der Wohltätigkeit, der in der Logik des Gebens und Nehmens gefangen bleibt, sondern um eine neue Selbstverständlichkeit der Güte, die keinen Gegenwert erwartet. Sie ist Gottesdienst im wahrsten Sinn des Wortes, weil sich «zum Evangelium von Christus bekennt», wer gibt.

Im Gottesdienst gehören Fürbitte, Segen und Kollekte zusammen. Und eine Spende an ein Hilfswerk zu dieser Morgenandacht? Nicht aus dem schlechten Gewissen heraus, privilegiert zu sein, sondern in der gelassenen Gewissheit, von Gott immer wieder reich beschenkt zu werden. Täglich eingeübte Dankbarkeit ist die wirksamste Medizin gegen den Geiz und der beste Antrieb zum Handeln.

Von Felix Reich