Seite 136 von 162

18. September

Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Kolosser 3,17

Manche Worte sollten wir nicht in den Mund nehmen. Nein, ich meine nicht nur Schimpfworte oder sinnloses Gefluche. Es gibt kleine Wörter mit grossen Erwartungen, die besser Gott allein vorbehalten bleiben. Kein Mensch kann von irgendetwas «alles». Niemand schafft es «immer», dazu bräuchte man auch Gottes Ewigkeit. Die Liste der harmlosen Wörtchen, für die mindestens Allmacht und Allwissenheit nötig sind, ist leicht zu verlängern: nie, ganz, absolut, völlig. Die Kolosser werden trotzdem mit einer totalen Herausforderung konfrontiert und sollen alles im Namen Jesu reden und bewirken. Ich bin nicht mehr die erste Leserin dieser Post, daher übersetze ich diesen Auftrag für uns: Fangt wenigstens an, auch wenn niemand fertig werden und aus eigener Kraft vollkommen werden kann.
Ob man dann auf der richtigen Spur ist, ist zeitnah und unkompliziert zu prüfen. Verwandelt sich mein Meinen und Sagen, mein Versuchen und Tun in etwas, das jemanden zum Danken bringt? Auch mich selbst? Gedeiht Dankbarkeit zwischen den Zeilen, beim Luftholen, spriesst ein
«Dankeschön» nach getaner Arbeit? Wird Gewöhnliches weniger selbstverständlich?
Vera Schindler-Wunderlich schreibt in einem ihrer Gedichte:

Als ich im Gerangel sass, geriet ich in Dank. … Fiel mir Dank in die Finger, die Nieren …

Von Dörte Gebhard

17. September

Gerechtigkeit und Rechte sind deines Thrones Stütze, Gnade und Treue treten vor dein Angesicht. Psalm 89,15

Der Psalm 89 ist eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Zuerst wird gelobt, dann getadelt und dann wieder gehofft und gepriesen. Geht es Ihnen nicht auch so mit der Liebe Gottes? Eben noch geglaubt, etwas gefunden und gespürt zu haben, dann schon wieder verloren und vergessen?
Zweifeln gehört bekanntlich zum Glauben dazu. Psalm 89 sowie viele andere Psalmen tragen uns dieses Suchen und Zweifeln immer wieder in unsere Herzen. Wo bist du, HERR? Warum spüre ich dich nicht, jetzt, wo ich dich doch so sehr brauche? Vielleicht weil wir Kopfmenschen sind und ständig denken, anstatt einmal zu fühlen? Vielleicht weil wir in unserer Gesellschaft gelernt haben, produktiv und effizient zu sein, und dabei vergessen, einfach bewusst ein- und auszuatmen, um so die heilige ruach zu spüren und erleben zu dürfen?
Ständig tausend Gedanken an dies und das – dafür keinen Gedanken für Gott? Manchmal schon, oder?

Bleiben wir Gott treu, damit er uns gnädig ist? Horchen wir auf den leisen Wind Gottes im Alltag? Sind wir gerecht und gut in allem, was wir tun?
Brennt unser Herz für die Liebe Gottes weiter, auch wenn die Flamme zwischenzeitlich zu verlöschen droht?
Amen!

Von Markus Bürki

16. September

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist. Epheser 2,19–20

Die Mauer ist weg, das Haus Gottes ist offen für alle. Beschnittene und Unbeschnittene sind nun Geschwister in Jesus Christus. Alle Völker bekommen Zugang zum Heil, da wir zu dem einen Leib von Christus gehören. Er ist herabgestiegen zu uns, damit wir alle hinaufsteigen können und als neue Menschen in Gottes Familie leben dürfen.
Alle für immer!
Paulus ist beim Verfassen des Epheserbriefes bereits im Gefängnis. Er dient Jesus und der Guten Nachricht, das sehen die Römer (noch!) nicht gerne. Es lohnt sich, den Brief an die Epheser zu lesen. Auf wenigen Seiten wird ausgebreitet, was es nun braucht, um als Christ, als Christin in die Welt zu gehen und das neue Leben weiterzutragen. Es ist die Rede von einem Leben im Licht, von Wahrheit und Gerechtigkeit und Frieden auf Erden für alle Menschen. Wir sollen wach sein und für alle beten. Unser ganzes Leben soll von der Liebe bestimmt sein. So, wie Christus uns geliebt hat, so sollen wir auch lieben. Unsere Partner und Partnerinnen, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Grosseltern, unsere Nachbarinnen, unsere Arbeitgeber, unsere Mitmenschen, unseren Gott, der die Liebe ist und der sich in Liebe für uns hingegeben hat. Amen!

Von Markus Bürki

15. September

Lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Römer 14,19

Gäbe es die Paulusbriefe überhaupt, wenn der Apostel nicht immer wieder hätte eingreifen müssen in die Konflikte, welche die ersten Gemeinden in Kleinasien, in Griechenland, in Rom verunsicherten? Er hatte die Menschen, die er für den Christusglauben gewonnen hatte, oft nach kurzer Zeit wieder verlassen müssen, ohne dass sie in ihrem neuen Glaubensleben schon gefestigt gewesen wären. Die Evangelien standen ihnen noch nicht zur Verfügung, und dass manche Gebote ihrer Tradition nun keine Gültigkeit mehr haben sollten, verunsicherte sie: War dieser neue Glaube nicht Verrat an der guten Gabe der Gebote Gottes?

Streit in den Kirchgemeinden: Auch wir kennen das und wissen, dass es unserer Glaubwürdigkeit schadet. Auch heute hängen Herz und Gemüt mancher Gemeindeglieder an Traditionen, die für andere altmodischer Ballast sind. Auch heute sind es oft «Nichtigkeiten» wie damals die Entwertung der Speisegebote, die dazu führen, dass Menschen enttäuscht ihre Gemeinde oder sogar ihren Glauben verlassen.
«Was dem Frieden dient …» Was bedeutet das heute bei Konflikten in unseren Gemeinden? Was ist das Unverzichtbare in unserem Glaubensleben? Das, was als Überzeugung die ganze Gemeinde eint? Das Bekenntnis? Gegenseitige Achtung trotz unterschiedlicher Haltungen? Die Kirchensteuern? Die «Liebe»?

Von Käthi Koenig

14. September

Paulus schreibt: Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich. 2. Timotheus 4,17

Paulus beschreibt in seinem Brief an den Gemeindeleiter Timotheus, wie er, als er vor Gericht stand, von allen im Stich gelassen wurde. Aber: «Gott stand mir bei und stärkte mich.» Ja, diese Hilfe hat Paulus in seinem abenteuerlichen Leben immer wieder erfahren. Das kann man glauben.
Nur: Wer da als Paulus schreibt, ist gar nicht Paulus. Der Verfasser des Briefes gibt sich vielmehr als Paulus aus und nutzt so dessen Autorität für sein Anliegen. Was heute als Irreführung erscheint, war zu anderen Zeiten ein durchaus akzeptiertes Kommunikationsmittel. Mir wird bewusst: Auch ich greife bei manchen Gelegenheiten auf die Worte und die Autorität anderer zurück. Wenn ich in Ängsten bin, lasse ich mir helfen durch eine fremde, aber vertraute Stimme. Ich finde Trost und Mut in einem Satz aus dem Vorrat an Versen und Liedern, der in mir aufbewahrt ist. «Er wird meinen Fuss nicht gleiten lassen …» «Tröste mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem freudigen Geist rüste mich aus!» Wer weiss, vielleicht sind solche Verse auch gar nicht Zeugnisse einer tatsächlichen Rettung, sondern wiederum die Beschwörung der Erfahrung anderer in Momenten von Not und Gefahr.
Ist eine solche Deutung ernüchternd? Vielleicht, aber mir hilft sie, denn sie schliesst auch jene ein, die schlussendlich keine offensichtliche Rettung erfuhren – und doch eine Hilfe, irgendwie, durch eine ferne Stimme, die gehört und weitergesagt wurde von Generation zu Generation.

Von Käthi Koenig

13. September

Der HERR ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil. Psalm 118,14

«Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich!» So beginnt Psalm 118 und so endet er: als ein Loblied der Rettung aus Verfolgung, Angst und Not durch die Gnade Gottes. Der Vers ist vertraut. Viele sprechen ihn täglich als Tischgebet. In unserer Familie wird er als Tischsegen am Ende der Mahlzeit gesungen.
Martin Luther baute auf diesen Psalm, der ihn gegen alle Anfechtungen in den freien Raum der Gnade Gottes rief:
«Der Psalm hat sich auch gar oft redlich um mich verdient gemacht und mir aus manchen grossen Nöten geholfen, wo mir sonst kein Kaiser und keine Könige, keine Weisen, Klugen oder Heiligen hätten helfen können.»
Doch hilft er uns heute, uns der lähmenden Angst angesichts von Krieg, Klimakrise, Hunger und Ungerechtigkeit zu stellen? Hilft er uns, eine Hoffnung zu finden, die uns die Mächtigen und Einflussreichen dieser Welt nicht geben können? Wird er für uns heute Sprachschule der Güte und Gnade Gottes auch über das Tischgebet hinaus?
In Luthers Verständnis sprach der Psalm von Christus und dem kommenden Gottesreich als dem verlässlichen Grund der Hoffnung. Darin folgte Luther später Dietrich Bonhoeffer. So wurde im Beten des Psalms Christus ihre Kraft, ihr Lobpreis und ihre Rettung.

Von Barbara und Martin Robra

12. September

Was wir gehört haben und wissen und unsere Väter uns erzählt haben, das wollen wir nicht verschweigen ihren Kindern. Psalm 78,3–4

Kinderbibelwochen in den Schulferien gehören zu unseren schönsten Erinnerungen als Familie. Tag für Tag wurden biblische Geschichten erzählt und erspielt. Es wurde viel gebastelt, gekocht, gegessen, gesungen und am Samstagnachmittag miteinander ein Familiengottesdienst gefeiert. Der Gottesdienst am Sonntagmorgen blieb der Kerngemeinde vorbehalten. Niemand musste sich berufen fühlen, eine quirlige Kinderschar und die jungen und nicht so jungen Erwachsenen, die sie begleiteten, zu ermahnen. «Haben Sie kein leises Brot?» beklagte sich eine Dame, als unsere Tochter in einem sonntäglichen Familiengottesdienst an einem Knäckebrot knabberte. «Frau Leisebrot» war fortan in unserer Familie die Bezeichnung für eine Person, die sich nicht auf Kinder einlassen kann.
Zur Identität einer Gemeinschaft gehört das Narrativ, das sie mit ihrer Vergangenheit verbindet und in ihre Zukunft weist. Einem Traditionsabbruch geht der Verlust der Erzählgemeinschaft gerade auch mit Kindern voraus. Die Thora erinnert deshalb das jüdische Volk immer wieder: «Höre Israel und erzähle die Geschichte deiner Rettung durch Gott immer weiter von Generation zu Generation.» Psalm 78 tut genau das im Auftrag Gottes: «Höre, mein Volk, meine Weisung (Thora)!» (Psalm 78,1)

Von Barbara und Martin Robra

11. September

Saul sprach zu David: Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn im Guten seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast! 1. Samuel 24,20

Der Vers von heute stammt aus einer dramatischen Heldengeschichte: Saul, der erste König von Israel, trachtet seinem designierten und bereits gesalbten Nachfolger und dadurch Rivalen David nach dem Leben. Während dieser mit seinen Freunden und Beratern im Innern einer Wüstenhöhle Zuflucht gefunden hat, sucht Saul ausgerechnet diese Höhle auf, um seine Notdurft zu verrichten. David kann sich heranschleichen und ihm den Saum seines Mantels wegschneiden. Mehr tut er nicht, obwohl er von seinen Männern gedrängt wird, diese einmalige Chance zu nutzen. Was er aber tut: Er ruft Saul hinterher und zeigt ihm den abgeschnittenen Man- telsaum. Da weint Saul und spricht die beiden Sätze unserer Losung aus. Ihre Botschaft ist klar: Es steht den Menschen nicht zu, übereinander zu richten, auch nicht über Feinde. Das ist allein Gott vorbehalten. Und gilt hier für beide. Für alle, damals wie heute! Davids Zurückhaltung scheint viel auszulösen beim Verschonten: Er sieht den gegenwärtigen Feind mit anderen Augen. Das hat Folgen für sein Verhalten ihm gegenüber. Noch wird nicht von Versöhnung gesprochen, aber ein Anfang ist gesetzt: eine neue Sicht auf das Gegenüber. Eine veränderte Wahrnehmung der Persönlichkeit des andern.

Von Hans Strub

10. September

Daniel hatte an seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem, und er fiel dreimal am Tag auf seine Knie, betete, lobte und dankte seinem Gott. Daniel 6,11

Daniel betet zum lebendigen Gott. Das ist seine Reaktion auf ein neues «Gesetz der Meder und Perser», das jede Verehrung von anderen Gottheiten ausser dem König Darius mit dem Tod in der Löwengrube bestraft. Dem König «untergejubelt» haben dieses Gesetz Rivalen des Ausländers Daniel, die wie er hohe Amtsträger des Königs waren.
Wie zu erwarten war, wurde er bei seinem Gebet gesehen, festgenommen und den Löwen zu Frass hingeworfen. Es ist offensichtlich, dass es den König schmerzt, dass Daniel stirbt. So eilt er am frühen Morgen zur Grube – und sieht Daniel lebend. Ein Engel seines Gottes hat ihn beschützt und gerettet. Beten und vertrauen heisst die Botschaft dieser Erzählung. Für die bis zum heutigen Tag oft in ihrer Existenz bedrohten Juden ist Daniel ein starkes Vorbild des Glaubens: Dem Druck von aussen widerstehen und aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Natürlich ist das Danielbuch ein Konstrukt aus späterer Zeit. Aber es hat Strahlkraft in das eigene Verhalten. Es ist im buchstäblichen Sinn «massgebend». Auch wenn es nur selten gelingen mag, so klar zu sein wie Daniel hier – sein Verhalten, seine Treue zu seinen Überzeugungen bleiben als Ideal bestehen. Daran kann ich mich orientieren, davon mich ermutigen lassen, daraus Kraft gewinnen zur Standhaftigkeit.

Von Hans Strub

9. September

Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. Markus 2,17

Der sagenumwobene griechische Philosoph Diogenes von Sinope (404–333 v. Chr.) soll von den Spartanern eine höhere Meinung gehabt haben als von den Athenern. Einmal habe ihn ein verärgerter Bewohner Athens gefragt, warum er dann hier und nicht dort wohne. Darauf habe Diogenes geantwortet: «Der Arzt, der seinen Patienten hilft, hält sich auch nicht bei den Gesunden auf.»
Es ist nicht anzunehmen, dass Jesus diese Worte des Diogenes kannte. Vielmehr sind beider Worte aus demselben Geist entstanden. Der eine lebte in einem Fass, der andere sagte, dass Füchse ihre Höhlen haben, er selber aber keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen könne (Matthäus 8,20). Die Freiheit von allen – materiellen und geistigen – Bindungen machte die beiden zu Heilern. Durch sie wirkte die ursprüngliche Kraft unverstellt.
Die Kraft ist universal. Was Jesus sagt, richtet sich nicht gegen «Starke» und «Gerechte». Aber allemal: Sein Kommen aus dem göttlichen Ursprung gilt jenen, die aus diesem Ursprung hinausgefallen sind. Sie gilt es heimzuholen. Zu heilen. Und selber zu Heilern werden zu lassen. Sie sind dafür besonders geeignet. Denn sie haben nichts zu verlieren – weder Gesundheit noch Gerechtigkeit – und sind also, auch sie, frei von allen Bindungen.

Von Andreas Fischer