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16. November

Gib acht, dass das Licht in dir nicht Finsternis  ist. Lukas 11,35

Ohne Licht kein Leben. Ohne Leben keine Liebe.

Jesus ist für die Christenmenschen der Überbringer des Lichtes für unsere Welt. Im Johannesevangelium sagt er das sogar selber in der Reihe der «ich-bin-Worte».

«Ich bin das Licht der Welt.» Das muss damals als ziemli-he Provokation dahergekommen sein, war doch Jesus nicht der einzige Wanderprediger in der damaligen Zeit – erzählt wurde also wohl ziemlich viel. Trotzdem haben seine Worte bis heute Bestand und werden weiter überliefert, erzählt und geglaubt. Ist er wirklich der geglaubte Christus? Vieles spricht dafür und doch kann ich es nicht beweisen.

Im Hebräischen steht «das Licht schauen» auch als Synonym für «leben». Licht schauen bedeutet leben. Was bedeutet dann Christus schauen? Das volle Leben!

Als Christenmenschen sind wir «Kinder des Lichtes» und legen uns die «Waffen des Lichtes» an, so Paulus.

Wir besitzen also die volle Macht, Licht zu verbreiten und so die Welt aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.

Wenn wir nun noch davon ausgehen, dass jeder Mensch ein Abbild der Herrlichkeit Gottes ist und so das Licht in sich trägt … Ja dann sollten wir wahrlich achtgeben, dass dieses Licht in uns nicht erlischt oder finster wird. Das wäre eine Schande, wie mein Opa zu sagen pflegte.

Amen!

Von Markus Bürki

15. November

Samuel sprach zu Saul: Du aber steh jetzt  still, dass ich dir kundtue, was Gott gesagt hat.   1. Samuel 9,27

Die Geschichte zu diesem Satz? Da sucht einer seine entlaufenen Eselinnen – und findet seine Lebensaufgabe: Wie der Bauernsohn Saul beim Seher Samuel nach den verlorenen Tieren fragen will, wird er mit unerwarteter Ehrerbietung empfangen. Und was ihm Samuel dann beim Abschied kundtut, ist keine mündliche Botschaft, sondern eine Zeichenhandlung. Er salbt Saul «zum Fürsten über Gottes Erbbesitz».

Wenn ich die Losung zum Anlass nehme, um in der Bibel den ganzen Text zu lesen, begegne ich dieser erstaunlichen Erwählungsgeschichte. Was aber mache ich mit dem einen Satz, wenn er mir an heutigen Novembertag einfach so zufällt, wie es eben das Wesen einer Losung ist? Ich stehe still und höre. Und was sagt mir da Gott? Nichts? Oder kommt aus einer meiner Bewusstseinsschichten eine Botschaft? Eine Zusage? Ein Trost? Eine Hilfe für jetzt und hier?

Zitate, aus dem Zusammenhang gerissen, haben einen schlechten Ruf. Aber es gibt manche Sätze, die mir viel bedeuten – bis ich ihnen innerhalb ihres Originaltextes begegne und feststelle: Sie gehören zu einem komplizierten Gedankensystem oder zu einer Gewaltgeschichte. Darf ich mir das ersparen? Darf ich aus einer alten Geschichte einen Satz ganz allein in meine Geschichte aufnehmen? Mir zur Hilfe? Kann mir Gott auch so etwas kundtun?

Von Käthi Koenig

14. November

So spricht Gott der HERR: Kehrt um und wendet euch ab von euren Göttern.         Hesekiel 14,6

Wie viele von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, lieben schnelle Wagen und teure Markenkleider? Wie viele sind Follower von tonangebenden Influencerinnen? Wer unter Ihnen kann nicht einschlafen, ohne sich davor einen schweren Roten genehmigt zu haben? Und wer fühlt sich verloren ohne sein Smartphone? Kurz: Wie viele von Ihnen kennen solche Abhängigkeiten: ein Promille? Oder ist das zu hoch geschätzt? Ich glaube nämlich, die Bolderntexte wenden sich an massvolle, vernünftige, moderate, autonome, urteilsfähige Frauen und Männer, und darum ist es wohl überflüssig, Sie von all den «heutigen Götzen» abbringen zu wollen.

Vielleicht hat das, was Hesekiel seinen Leuten von ihrem Gott ausrichten lässt, neu gedeutet auch heute Bedeutung, aber doch nicht in unseren Kreisen! Wir sind nicht gemeint. Wir sind doch aufrichtig darum bemüht, unserem Gott getreu zu sein. Aber wer ist er denn, dieser biblische Gott? Wie zeigt er sich? Im Menschen Jesus? In persönlichen Offenbarungserlebnissen? Als Weltenlenker, Richter und Rächer? Als «höhere Macht»? Wenn Gott «einer» ist, welcher von denen ist er dann? Ich weiss es nicht. Aber vielleicht könnte mit «abwenden» gemeint sein, dass ich Abstand nehme vom Wissen, wie er ist und sein muss. Dass ich meine Zweifel zulasse und mich seinem Wirken öffne. Dafür, und das soll nun kein Werbespruch sein, dafür eignen sich unsere Bolderntexte als Hilfsmittel doch recht gut.

Von Käthi Koenig

13. November

Gideon sprach zu dem Herrn: Hab ich Gnade   vor dir gefunden, so mach mir doch ein  Zeichen, dass du es bist, der mit mir redet.                 Richter 6,17

«Gott hört unsere Bitten», sagen beide, Lehrtext und Gebet, die diese Tageslosung begleiten. Gideon ist mit Gottes Zusicherung nicht zufrieden. Er möchte ein besonderes Zeichen haben. Darin ähnelt er Thomas, der nur dann an die Auferstehung Jesu glauben will, wenn er seine Finger in die Wundmale gelegt hat. Jesus erfüllt ihm den Wunsch, aber er sagt:

«Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!»

Glauben, das heisst: Gott ganz und gar vertrauen (Hebräer 11,1). Wie unser ganzes Leben, so ist solches Vertrauen ein Geschenk Gottes, das wir uns nicht einfach nehmen können. Schon bei kleinen Kindern können wir sehen, dass Vertrauen und Respekt elementar wichtig sind für ein gelingendes Leben. Und es bestätigt sich jeden Tag in unserem Zusammenleben mit Menschen und Tieren gleichermassen.

Vertrauen ist ein kostbares Geschenk. Es kann viel zu leicht zerstört und verspielt werden. Wo immer das geschieht, wachsen Misstrauen und Zweifel. Was dann bleibt, ist hoffentlich der Glaube an Gott, der uns in Christus und seiner Liebe begegnet. Hab ich Gnade vor dir gefunden, Christus, lass mich glauben und vertrauen!

Von Barbara und Martin Robra

12. November

Die Erlösten des HERRN werden heimkehren. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen.               Jesaja 51,11

Heimkehren – das war der Wunsch aller, die ins babylonische Exil verschleppt wurden. Mit Worten spricht Jesaja zu ihren Herzen.

Heimkehren – das ist die Sehnsucht vieler Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die in Schweizer Städten und Dörfern Zuflucht und neues Leben gefunden haben. Besten falls gelingt die Integration mit Hilfe von Kolleginnen und Kollegen und guten Nachbarn. Aber Heimat?

«Wo meiner Füsse Spuren sind, da ist meine Heimat.» Eine Lithographie des katalanischen Künstlers Antoni Tàpies zeigt einen blutroten Fussabdruck und Zeichen für den Wandel der Zeit. Tàpies hat den Bürgerkrieg erlebt. Im Krieg kann Heimat brennen und zur Hölle werden. Dann liegt Heimat nicht nur hinter uns in der Vergangenheit, die wir nicht festhalten können. Heimat ist der Lebensraum, den wir bewusst erkunden und gestalten – wenn der Weg uns weiterführt. Heimat wird das, wonach wir uns sehnen.

Heimkehren – das kann auch heissen, auf das Ziel zugehen, das Gott uns verheissen hat.

Von Barbara und Martin Robra

11. November

Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen;   der Name des HERRN sei gelobt.           Hiob 1,21

Der gottesfürchtige, wohlhabende Gutsherr Hiob muss innert kürzester Zeit gewaltige «Hiobsbotschaften» entgegennehmen und verarbeiten. Wie die Schreckenszeit vorbei ist, hat er nichts mehr, kein Land, keine Tiere, keine Frau und keine Kinder. Und noch während er die Trauerrituale vollzieht, spricht er diese weltberühmten Sätze. Vieles hätte man von einem derart schicksalsgeprüften Menschen erwartet, aber solche Sätze nicht. Ohne Fluch und Klage nimmt er die Zerstörungen hin: «Bei alledem sündigte Hiob nicht, und er sagte nichts Törichtes gegen Gott.» So kommentiert die Erzählung im folgenden Vers 22 Hiobs Verhalten. Er anerkennt, dass der Mensch bei seiner Geburt nichts mitbringt und bei seinem Tod nichts mitnehmen kann. Was er hat, hat er bekommen und ist ihm zugefallen, auch wenn er es sich erarbeiten musste. Deshalb gibt er es wieder her.

Kann ein Mensch so mit dem Leid umgehen, das ihm aufgebürdet wird? Dieser Frage gehen die darauf folgenden   42 Kapitel nach, in denen viel argumentiert wird, von Hiob, von seinen drei Freunden und auch von Gott. Und es kommt gar zu einem richtigen Happy End! Dennoch bleiben Fragen offen. Auf diesem Hintergrund markieren die denkwürdigen Sätze von heute nicht das Ende eines Gottvertrauens, sondern den Anfang für einen Neuaufbau – als Protest gegen das Leid in dieser Welt. Dazu ruft Hiob auf.

Von Hans Strub

10. November

Es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen.                                          1. Samuel 14,6

Oder anders gesagt: Gott wird helfen, komme, was wolle – das ist die Botschaft dieser Stelle aus der Erzählung um eine gewagte Kriegslist des Königssohns Jonathan. Gott wird helfen, komme, was wolle, ob eine grosse Hürde oder auch bloss ein kleines Hindernis. Auf Gottes Beistehen ist Verlass. In jedem Fall! Jonathans Waffenträger reagiert mit nicht zu erwartenden Worten: «Tu, was immer du vorhast. Geh nur; siehe, ich bin bei dir, ganz nach deinem Herzen.» (Vers 7) Es ist, als ob Gott selbst das bestätigt, was Jonathan gemeint hat. Gott sagt zu, dass er überall und jederzeit hilft – eine grossartige Ansage über alle Zeiten hinweg! Und sie ist bedingungslos, sie gilt einfach! Sie gilt auch dann, wenn eine Situation ausweglos erscheint.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich, heisst es beim Propheten Jeremia (Kapitel 32). In den Evangelien wird es wiederholt (Lukas 18,27) oder gar noch getoppt durch die Aussage: Nichts ist für euch unmöglich, wenn ihr denn bloss ein wenig Glauben habt . (Matthäus 17,20 – es braucht bloss einen Glauben, der so gross wie ein Senfkorn ist!) Es ist Jesus, der das sagt – zugewandter und gnädiger geht es nicht. Ich höre daraus: Selbst wenn es nur ein kurzer Gedanke ist, ein Stossgebet in Not – Gott wird es hören und sich uns zuwenden. Was hier in einem Kriegskontext erzählt wird, darf in jede Situation heute übertragen werden. Für Gott ist eben nichts unmöglich!

Von Hans Strub

9. November

Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten.  Johannes 16,13

Im griechischen Urtext heisst es: «Wenn jener kommt, das Pneuma der Wahrheit.» «Jener» ist merkwürdigerweise maskulin, «Pneuma» ein Neutrum. «Jener» bezieht sich also noch auf etwas anderes als auf das Pneuma. Und tatsächlich gibt es im Johannesevangelium die geheimnisvolle Gestalt des Parakleten, des Beistands. Jesus, der Abschied nimmt von seinen Jüngern, verheisst ihnen, dass der Paraklet kommen wird. Im heutigen Lehrtext identifiziert er das Pneuma mit diesem Parakleten. Dadurch gewinnt das Pneuma, dieses Fluidum, das alles inspiriert und belebt, eine personale Seite: Es wird ansprechbar, kommt uns nahe als DU. – Gemäss einer alternativen Lesart führt der Geist nicht in «aller, sondern in «alle» Wahrheit. Die erste Version betont den Lebensraum, den die verlässlich anwesende göttliche Geistkraft (so kann «Geist der Wahrheit» paraphrasiert werden) eröffnet. Die zweite Version betont die Offenheit der Zukunft: Der Weg führt in noch unbekannte Dimensionen der Wahrheit hinein. Jesus sagt, er werde einen «anderen Parakleten» (14,16) senden. Die Andersheit ist unheimlich (das griechische Wort für «Wahrheit» bedeutet «Un-Verborgenheit») – und ebenso «verheissungsvoll». «Verheissungsvoll», schreibt der deutsche Theologe F. W. Marquardt (1928–2002), «ist nur das Andere des anderen Beistands: heraus aus dem Vertrauten ins Trauen.»

Von Andreas Fischer

8. November

Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll  sich unterstehen, dir zu schaden.       Apostelgeschichte 18,9–10

Die Worte dieses Lehrtextes spricht der Kyrios (Herr) Jesus Christus im Traum zu Paulus. Sie beziehen sich auf die heutige Losung, in welcher Gott zum Propheten Jeremia spricht:

«Sage nicht: ‹Ich bin zu jung›, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, um dich zu retten.» (Jeremia 1,7 f.)

Losung und Lehrtext gleichen sich in vielem. Die Worte des «Herrn» (der hier Gott, dort Jesus Christus meint) stammen aus einer transzendenten Welt – hier aus einer überweltlichen Vision, dort aus einem Traum. Hier wie dort geben sie Durchhaltevermögen. Paulus wird nach der Zusage Christi lange Zeit in Korinth ausharren. Das ist nicht nur wegen der misslichen Umstände in dieser Stadt ohne Gott überraschend, sondern auch, weil er dort «in Schwachheit und Furcht und mit vielem Zittern» auftritt. Das Einzige, das er zu predigen weiss, ist «der gekreuzigte Christus» (vgl. 1. Kor 2,2 f.). Bei Jeremia, der sich für «zu jung» hält, ist es ähnlich. Es ist so etwas wie ein biblisches Grundmuster: Die Kraft erweist sich in Schwachheit (2. Kor 12,9). Der jüdische Sänger und Songwriter Leonard Cohen (1934–2016) hat es in die folgenden Worte gefasst:

There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.

Von Andreas Fischer

7. November

Christus spricht: Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern.          Offenbarung 22,16

Nun sind wir also am Ende der Offenbarung angekommen und schliessen den Kreis mit grossem Pathos. Ich will mich jetzt nicht über die Naherwartung der Gemeinde auslassen, sondern der Frage nachgehen, wie wichtig es eigentlich für uns Glaubende ist, dass Jesu aus der Familie Davids stammt. Familie ist wichtig, sowohl die Kernfamilie als auch die erweiterte Familie. Sie ist unser Ankerpunkt, es sind die Menschen, die uns am vertrautesten sind und die wir in der Regel sehr lieben. Familie kann aber auch die Hölle sein, wenn all das sich ins Gegenteil verkehrt hat – aus welchen Gründen auch immer. Das wusste auch Jesus, war doch sein Verhältnis zu seiner Familie nicht spannungsfrei.

Für Matthäus war der Stammbaum entscheidend (Kapitel 1), da nur so die Anbindung an die jüdischen Prophezeiungen des kommenden Messias gelingen konnte.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Wenn es der Kern unseres Glaubens ist, dass wir durch den prophezeiten Messias in den Stand der Unschuld zurückversetzt werden, dann ist die Verbindung mit David entscheidend wichtig. Wenn der Kern unseres Glaubens jedoch die Befreiung in Gedanken, Worten und Taten ist, begleitet vom Willen, die in Jesus vorgelebte bedingungslose Liebe selber zu leben – dann ist es völlig bedeutungslos.

Von Rolf Bielefeld