Seite 131 von 162

6. November

Heilig, heilig, heilig ist der HERR  Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!          Jesaja 6,3

Eine Frage, die mich nie loslässt: «Was ist heilig?» Umso mehr, weil die Aussage dieses Jesaja-Verses in unserer Gesellschaft nicht mal ansatzweise mehrheitsfähig ist. Jesaja, der alle Welt auf das zukünftige endzeitliche Friedensreich einschwören wollte – vielleicht hätte er ja heute Erfolg damit, angesichts der aktuellen Weltlage und der vielen Geschichtenerzähler um uns herum.

Aber zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was ist eigentlich «heilig»? In der Regel bezeichnen wir etwas so, das für uns eine ausserordentliche Bedeutung hat und sich mit etwas verbindet, das sich all unseren Erklärungsversuchen entzieht. So meine Definition als Glaubender.

Wie kommt es aber, dass so viele Menschen in öffentlicher Verantwortung so gut beschreiben können, was für sie heilig ist und uns heilig sein sollte – das Land, die Nation, die Fam lie, die Arbeit, der Einfluss, die Macht, der Besitz? Letztendlich beschreibt es doch nur, was auf der individuellen Wichtigkeitsskala ganz oben steht. Wenn diese Werte dann religiös angemalt und mit Pathos unterlegt werden, haben wir eine Gemengelage, die sich gut als «heilig» anpreisen sowie Freiheitseinschränkungen und Krieg rechtfertigen lässt.

Es gibt also noch viel zu tun, wollen wir das uns Heilige  (z. B. die von Jesus gepredigte Gerechtigkeit) nicht den Scharlatanen überlassen.

Von Rolf Bielefeld

5. November

HERR, in deiner Hand ist Kraft und Macht, und es ist niemand, der dir zu widerstehen vermag.   2. Chronik 20,6

Jehoschafat war in einer frühen Zeit König von Jerusalem. Er ist einer der wenigen Könige, die in den Königsbüchern eine gute Beurteilung erhalten. In den später abgefassten Chronikbüchern wird die Darstellung noch positiver. Nun ist Jehoschafat ein Beispiel für den Glauben, mit dem die späteren Generationen leben. Nicht mit politischen oder militärischen Erfolgen bleibt der König in Erinnerung, son- dern mit einem Gebet. Er betet beim Tempel und braucht Worte, die man aus den Psalmen kennt.

«HERR, Gott unserer Väter. Bis du nicht Gott im Himmel? Du regierst über alle Königreiche der Nationen. In deiner Hand sind Kraft und Stärke. Und es ist keiner, der neben dir bestehen kann.» Das Gebet erwähnt eine militärische Bedrohung, die von mehreren Nachbarvölkern ausgeht, und es fasst die eigene Hilflosigkeit in Worte: «Bei uns ist keine Kraft angesichts dieser grossen Menge, die auf uns zukommt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.» Die Hoffnung ist auf Gott gerichtet: «Auf dich sind unsere Augen gerichtet.» (Vers 12)

Was dann geschieht, klingt wie ein Wunder. Die feindlichen Armeen kämpfen gegeneinander und besiegen sich gegenseitig. In Jerusalem kann man Gott danken für die Bewa rung. Manchmal öffnet das Gebet die Augen für eine Lösung, die niemand erwartet hat.

Von Andreas Egli

4. November

Dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.       Jeremia 15,16

Der Prophet Jeremia machte in seinem Leben manches Hoch und Tief durch. Das Klagegebet in Kapitel 15 dokumentiert etwas davon. Ein Wort zu finden, das von Gott kommt, war für Jeremia mit einem Glücksgefühl verbunden – wie wenn man sich über ein gutes Essen freut. Der Losungsvers redet von einem solchen Höhepunkt: «Deine Worte fanden sich, und ich ass sie. Deine Worte wurden für mich zum Jubel und zur Freude meines Herzens. Denn dein Name ist über mir ausgerufen, HERR, Gott der Heerscharen.»

Eine ganz andere Erfahrung war es, wenn Jeremia das prophetische Wort seinem Volk weitergeben musste. Er sprach unbequeme Wahrheiten aus und erntete dafür nicht Dank, sondern erbitterte Feindschaft. Er beklagt sich: «Ich bin ein Mann des Streits, des Zanks mit dem ganzen Land. Alle verfluchen mich.» (Vers 10) Mehrmals kam Jeremia an einen Tiefpunkt, an dem er nicht weiterwusste. Er zweifelte am Sinn seines eigenen Lebens, verlor das Vertrauen auf Gott und hätte seinen prophetischen Auftrag am liebsten zurückgegeben. Und doch hörte er wieder die Zusage von Gott: «Ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten.» (Vers 20) Jeremia ist das Vorbild für einen Glauben, der sich im Auf und Ab des Lebens bewährt.

Von Andreas Egli

3. November

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Römer 11,29

In der Zürcher Bibel heisst es: «Denn unwiderrufbar sind die Gaben Gottes und die Berufung.»

Unsere Talente und unsere Bestimmung können wir nicht zurückgeben, sie gehören zu uns.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Bekannten, deren Mutter eben gestorben war. Traurig sagte sie mir, Mutter habe ihr Leben nicht gelebt, sie habe zeitlebens unter schweren Depressionen gelitten. Selbstredend konnte sie ihre Gaben und ihre Berufung nicht ausschöpfen. Und trotzdem sind sie unwiderrufbar – und wer weiss, wagte ich tröstend einzuwenden, vielleicht geht Entwicklung nach dem Tode weiter.

Es gibt auch Menschen, die ihre Gaben vergraben, wie das deutlich im Gleichnis von den Talenten zum Ausdruck kommt. Da verbirgt der Dritte, der nur ein Talent bekommen hat, seine Möglichkeiten. Wie aber, wenn dieser Dritte ein Teil von uns ist? Fragen wir uns doch einmal: Habe ich ein Talent, das ich nicht anerkenne, weil es mir zu gering erscheint? Die genannte schwer depressive Frau hat vielleicht nie anerkennen können, dass sie dieses schwere Leben ausgehalten hat, dass sie weitergemacht hat. Auch ihre Kinder konnten dies nicht würdigen. Es ist aber eine Gabe und ein grosser Wert, zu leben, auszuhalten, weiterzugehen auch mit der grössten Bürde.

Von Kathrin Asper

2. November

Warum gibt Gott dem Leidenden Licht und Leben denen, die verbittert sind, die sich sehnen nach dem Tod, doch er kommt nicht?         Hiob 3,20–21

Warum schenkt Gott Leben und Licht, denen, die das nicht mehr annehmen können und nichts anderes mehr wollen als den Tod?

In einer Todesanzeige stand «Uns bleibt das Leben», das tönte für mich alles andere als froh, eher so etwa wie: Man muss halt weiterleben. Doch immerhin, es war ein Entgegennehmen von Gottes Geschenk.

Nun gibt es aber jene, die das wirklich nicht mehr wollen, ihr Herz ist trocken, bitter, enttäuscht und sie sehnen sich nach dem Tod. Wenn es bei Hiob noch heisst «… und er kommt nicht», so können wir ihn heute, salopp gesagt, bestellen und Sterbehilfe anfordern. Schlagen wir damit das Geschenk Gottes, also Licht und Leben, aus? Ich denke, ja, das tun wir, wenn wir mit Exit gehen.

Doch Gott hat uns auch Freiheit gegeben, die Freiheit, entscheiden zu dürfen. Auch das ist ein Gottesgeschenk. Somit ist Sterbehilfe eine Entscheidung zwischen zwei Geschenken Gottes: der Freiheit und «Licht und Leben».

Ich habe lange gebraucht, das so sehen zu können. Vorher war Sterbehilfe für mich ein Nein zu Gottes Gaben, heute bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich habe zwei liebe Meschen mit Sterbehilfe gehen sehen, beide gingen in Frieden, und der Tod war ihnen ein Geschenk.

Von Kathrin Asper

Mittelteil

Meine Seele läuft barfuss dem Wort hinterher

Von Ruth Näf Bernhard

Eine Bäuerin hatte mir einst erzählt, dass man Verse aus dem Lukasevangelium auf Zettel schreibe und dann den Kühen zu fressen gebe, um sie vor Seuchen zu schützen. Auch unheilbar Kranke bekämen solche Verse als Nahrung. Und Frauen während einer schweren Geburt. Ob das stimmt, das weiss ich nicht. Doch die Geschichte ist mir geblieben.

Im Unterricht erzählte uns der Pfarrer Geschichten aus der Bibel. Vom barmherzigen Samariter. Vom verlorenen Sohn. Wir haben immer heimlich einen Wecker gestellt und diesen irgendwo im Schulzimmer versteckt. Weil der Pfarrer nicht zeitig aufhören konnte. Von einem Lukas haben wir wohl nichts gehört. Aber die Geschichten sind mir geblieben.

Irgendwann war ich selber Pfarrerin. Lukas hatte ich nun kennengelernt. Während des Studiums historisch-kritisch ausgelegt. Hintergrund und Zusammenhänge zu erfassen versucht. Theologische Kommentare zum Evangelium gelesen. Verglichen. Verworfen. Spekuliert. Die Geschichten sind mir dennoch geblieben.

Eine hoch betagte Frau bat mich darum, mit ihr das Lukasevangelium zu lesen. Und zwar das ganze. Und am liebsten gleich auch noch mit ihr zu besprechen. Die Kirche war ihr fremd geworden. Doch sie fühlte sich Maria irgendwie nahe. Gerade jetzt im Advent. In ihrem wahrscheinlich letzten.

Advent. Sie erinnerte sich an die Begegnung von Maria und Elisabeth. Wie das Kind im Leibe hüpfte. Das sei so innig. So zärtlich schön. Diese Geschichte war ihr geblieben.

Ein junger Mann, sterbenskrank, der seit Jahren am Rande der Gesellschaft lebte, äusserte einen letzten Wunsch. Er, der kaum noch sprechen konnte, wollte die Weihnachtsgeschichte hören. So, wie man sie in der Kirche erzähle. So wie er sie als Kind gehört habe. Und wenn möglich mit Bildern. Mitten im Sommer die Weihnachtsgeschichte. In Worten und Bildern. Sie war ihm geblieben. Bis in den Tod.

Lukas ist mir immer vertrauter geworden. Doch ich wollte mich neu berühren lassen. Darum habe ich nochmals zu lesen begonnen. Das ganze Lukasevangelium. Jede Woche einen Tag. Jede Woche ein Kapitel. Von Kapitel 1 bis Kapitel 24. Immer schön der Reihe nach. Von der Adventszeit bis zur Himmelfahrt. Ich bin mit Lukas spazieren gegangen. Bei jedem Wind und Wetter. Unabhängig von meiner Tagesform. Ich habe zuerst das Kapitel gelesen. Habe hingehört. Gehorcht. Gelauscht. Mich davon bewegen lassen. Und auf diesem Weg vieles entdeckt. Beim Hinhören habe ich Worte gefunden. Es sind Gedichte darausentstanden. Gedichte, die oft zu Gebeten werden. Es sind immer nur einzelne Verse verdichtet. Jene, die mir etwas zu sagen hatten. An jenem Tag. In jenem Moment. Ohne dass ich es begründen könnte. Ich gehe nicht davon aus, dass meine verdichteten Bibelverse Kühe vor Seuchen schüt- zen werden. Auch Frauen während einer schweren Geburt werden sie wohl kaum Linderung verschaffen. Aber vielleicht ermutigen sie, etwas plötzlich anders zu sehen. Neu zu denken. Freier zu glauben. Und wenn nun auch ich einen sage jWunsch frei hätte: Lassen Sie es nicht bei den Häppchen bleiben. Hören Sie auf den ganzen Text. Nehmen auch Sie die Bibel zur Hand. Lesen Sie das Evangelium. Jedes Kapitel in seiner Tiefe. Immer schön der Reihe nach. Lassen Sie sich berühren. Zwischen den Zeilen. Lassen Sie sich bewegen. Vom Wort, das Sie findet. Damit es nicht mit der Weihnachtsgeschichte schon aufhört. Denn das ist erst der Anfang.

Lukas 1,38

Da sagte Maria: Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast! Und der Engel verliess  sie.

geschehen lassen

was

geschehen will

sich  nicht

dem leben

entgegenstellen

es wieder üben

ja zu sagen

sich

dieser freiheit

anvertrauen

ja

ich sage

ja

1. November

Die Gastkolumne kommt von Georg Schubert. Er ist Mitglied der Kommunität Don Camillo und gehört zum Team des Stadtklosters Segen in Berlin.

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.    Sacharja 2,14

«Ach, im November ist alles so dunkel. Das Kirchenjahr geht zu Ende. Man soll über den Tod nachdenken. Ich finde das so traurig.» Vielleicht haben Sie das auch schon gehört. Vielleicht schon selbst gesagt oder gedacht. Es stimmt ja auch, die Tage werden kürzer, die Herbstfarben sind vorbei, es wird dunkel und grau. Das Kirchenjahr geht zu Ende. Sein letzter Sonntag ist der Totensonntag oder Ewigkeitssonntag. Da hinein klingt die Losung von diesem 1. November. Sie weist in eine ganz andere Richtung. Sie spricht von der Zukunft, die Gott für uns bereithat.

Diese Verse gehören irgendwie fest zu Weihnachten. Da werden sie gelesen und gepredigt. Ich bin aber überzeugt, dass dieser Prophetenspruch über das Weihnachtsgeschehen hinausweist. Denn dieser Gedanke, dass Gott mit uns ist und unter uns wohnt, zieht sich durch die Bibel bis zur Offenbarung, wo wir lesen:

«Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her  rufen: Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein?» (Offenbarung 21,3) Johannes sieht da eine Zukunft, in der Gott tatsächlich gegenwärtig ist in unserer Mitte. Ich finde diese Zusage, dass Gott es mit uns aushalten will, sehr besonders. Er will mit uns Gemeinschaft haben. Das bekennen wir und erfahren es ja auch, dass er schon heute durch seinen Geist unter uns ist. Aber diese Bilder beim Propheten und in der Offenbarung lassen mich hoffen, dass Gott eine Zukunft bereithält, in der wir seine Gegenwart in einer anderen Qualität erfahren.

Ich kann mir das nicht vorstellen. Meine Bilder von Gott stehen mir im Weg. Ich weiss, dass er kein alter Mann mit Bart ist, ich weiss, dass Gott mehr ist als Energie oder Kraft. Er muss Person sein mit Gestaltungswillen und Handlungsmöglichkeit. Schon der Psalmdichter wusste: «Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?» (Psalm 94,9)

Und gleichzeitig muss er viel mehr Person sein, als wir sind. Umfassender, vollkommener, einfach unvorstellbar. Und dieser Gott will unter uns wohnen.

Er wird das Licht sein, es wird kein Geschrei, keinen Schmerz und kein Leid mehr geben. Stellen Sie sich das vor! Gott selbst wird die Tränen abwischen, dann, wenn er unter uns wohnt. Auf diese Zukunft gehen wir auch in diesem November zu. Keiner kennt die Stunde, wann das eintreten wird. Aber die Bilder sind so grossartig, dass es sich lohnt zu warten, ihm entgegenzuhoffen, bis er kommt. Und zu rufen und zu beten: «Maranatha, ja, komm, Herr Jesus.»

Von Georg Schubert

31. Oktober

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Römer 12,9

In meiner Kindheit und Jugend in Österreich habe ich viele Erfahrungen gesammelt, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören. Man wird ein bisschen schrullig, weil man ja fast keine Möglichkeiten hat, an der Machtfülle der Mehrheit teilzunehmen. Es war schon ein kleiner Triumph, als Österreichs Protestanten den 31. Oktober, den Reformationstag, als offiziellen Feiertag zugesprochen erhielten. An diesem Tag würden wir uns vorstellen und darstellen. Ab sofort wurde die «feste Burg» im Stehen gesungen, so als ob es sich um eine Nationalhymne handelte. Und in gewissem Sinn war es ja eine Nationalhymne. Wir liebten es auch, uns als eine intellektuelle Elite darzustellen, noch bevor wir wuss- ten, was das Wort «intellektuell» eigentlich bedeutet. Mit all dem hoben wir aber empor, was wir eigentlich vertuschen wollten: Wir waren anders. Und wir redeten über Gleiches auf eine andere Art.

Diese folkloristische Darstellung des Protestantismus wurde schon in der Volksschule zertrümmert. Dafür hat der Pfarrer, der mich konfirmiert hat, gesorgt. Er hat mir klargemacht, dass es auf all die Riten nicht so sehr ankomme. Schön anzusehen, aber nicht wirklich nötig.
Wir könnten ohnehin nichts dazutun, es sei alles Gnade. Ja, aber all die guten Ratschläge? Die verbessern das Klima!

Von Reinhild Traitler

30. Oktober

Jesus sprach zu den Jüngern: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr denn noch keinen Glauben? Markus 4,40

Das Hauptwort in diesem Vers ist das Wörtchen «noch».
«Habt ihr noch keinen Glauben!» Trotz allem, was ihr mit mir erlebt habt. Alle die Wunder, all das Ungewöhnliche, fast wie Zauberei. Aber es ist nicht Zauberei, sondern die feste Überzeugung, dass in der Tiefe unserer Not und unseres Leidens eine Heilung wächst. Dass jemand uns Segen und Geborgensein zuspricht; dass Gott selbst einen Engel schickt, der uns in den Arm nimmt und tröstet und die nächsten Schritte, jene, die wir nicht selbst gehen können, mit uns geht.
Aber wir sind furchtsam. Statt uns seinem starken Arm anzuvertrauen, klagen wir über unsere Schwäche, unsere Angst, unser Unvermögen.
Haben wir denn noch keinen Glauben?

Ich denke, wir haben keinen Glaubens-Selbstbedienungsladen. Gott hilft, Gott schützt. Aber, wie Bonhoeffer einmal gesagt hat, er tut es nicht im Vorhinein. Vertrauen in Gottes Tun entsteht, wenn wir uns Gott anvertrauen. Mit Jesus auf dem Weg zu sein, braucht unser Vertrauen, unser Uns-Anvertrauen.

Erhalte mich auf deinen Stegen und lass mich nicht mehr irre gehen. (Johann Scheffler)

Von Reinhild Traitler

29. Oktober

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden. Jesaja 49,13

Ich spüre eine heitere Gelassenheit, eine beflügelnde Euphorie. Der Anblick des Himmels macht mich lachen, ich kann mich nicht sattsehen an den Bergen mit ihren steilen Felswänden, den sich an den abenteuerlichsten Stellen mit ihren Wurzeln daran festkrallenden Tannen, den weiss schäumenden Wasserfällen. Die Schöpfung jubelt, und ich juble mit ihr. Ein Wort breitet sich in mir aus: Gott.

Das Wort versickert. Es nährt den Boden meines Urvertrauens, für das ich keine Worte finde. Es lässt das zarte Pflänzchen wachsen, das die Menschen Glauben nennen und das sich zeigt als Trost, Getrostsein. Ich hoffe, dass das Pflänzchen Wurzeln schlägt und nicht verdorrt, wenn die Sonne der Angst erbarmungslos vom leeren Himmel brennt und der Sturm der Verlassenheit über die Lebensfelder fegt.

Ich weiss, dass die Verheissung des Propheten weit über mich hinausgeht. Deshalb bete ich für die Menschen, die jetzt nicht wie ich freudig durch die Welt schweben, sondern im Elend sind, von Krankheit und Tod, Krieg und Flucht bedroht, von der Armut gefangen. Und doch mache ich jetzt einen Luftsprung. Denn Fürbitte und Dankgebet gehören auch in diesem wortlosen, intimen Gottesdienst zusammen.

Von Felix Reich