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28. Oktober

Herrlichkeit und Ehre und Frieden allen denen, die das Gute tun, zuerst den Juden und ebenso den Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott.
Römer 2,10–11

Beruhigt mich das, oder eher nicht? Dieser Satz, dass es vor Gott kein Ansehen der Person gibt. Paulus ist sich sicher, dass nicht deine Person, sondern deine Taten, dein Handeln dein Durchkommen im Gericht Gottes bestimmen. Paulus ist sich des gerechten Gerichts Gottes sicher, der einem jeden geben wird nach seinen Werken und eben nicht nach Ansehen der Person.
Und ich sehe Gott – ähnlich der Darstellung der Justitia – mit Augenbinde und Waage vor meinem inneren Auge. Und ja, es beruhigt mich, dass vor Gott nicht das Ansehen einer Person gilt, sondern dass wir vor Gott alle gleich sind, egal, was wir geleistet haben und aus welchem guten Hause wir kommen, egal welchen Titel du hast und welches Auto du fährst.
Und doch merke ich auch einen Stich in meinem Herzen, denn die Binde vor Gottes Augen schmerzt mich, je länger ich sie mir vorstelle. Will ich doch angesehen werden von Gott, sollte ich dereinst vor seinem gerechten Gericht stehen. Denn bin ich nicht mehr als die Summe meiner guten und schlechten Taten? Ist da nicht mehr zwischen uns als eine Waage – geölt und geeicht?
Ich bin mir nicht sicher. Aber ich hoffe auf dich.

Von Sigrun Welke-Holtmann

27. Oktober

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen,
die ihn lieben und seine Gebote halten.
5. Mose 7,9

Die Liebe steht an erster Stelle. Nicht nur bei uns modernen Menschen und zwischen uns Menschen, sondern schon im Alten Testament, im 5. Buch Mose. Neben allem «Du sollst» und «Du sollst nicht» ist es die Liebe, die die Schrift erfüllt.
«Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.» (5. Mose 6,4) Doch was heisst es, Gott zu lieben? Im Hebräischen wird hier das dasselbe Wort verwendet, wie wenn von der Liebe zwischen Menschen die Rede ist. Doch kann ich Gott wie einen Menschen lieben? Oder liebten sich Menschen im Alten Testament etwa anders als heute? Sicherlich haben sich die Bedeutung und die Vorstellung, die hinter der Liebe stehen, verändert, so, wie sich auch die Menschen verändert haben, zumal die Texte einen völlig anderen kulturellen und zeitlichen Hintergrund haben und man sie nicht einfach so auf sich beziehen kann. Und doch möchte ich dieses Bild nicht einfach abtun als etwas, das nicht mehr in unsere Zeit der romantischen Liebe passt.
Was heisst es, Gott zu lieben? Wie liebe ich heute Gott und wie spüre ich Gottes Treue und Barmherzigkeit? Vielleicht nehmen Sie diese Frage wie ich heute mit in diesen Tag und finden eine eigene Antwort.

Von Sigrun Welke-Holtmann

26. Oktober

Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Johannes 3,17

Das Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus, in dessen Schlussteil unser Vers gehört, ist und bleibt (mir) rätselhaft. Da ist der gelehrte und geachtete Pharisäer Nikodemus, der in der Nacht zu Jesus kommt, um mit ihm über Fragen des Glaubens und des Lebens zu sprechen. Und da ist Jesus, der antwortet und doch nicht wirklich verstanden wird. Nikodemus’ vernünftige Einwände verfangen nicht vor der Botschaft, die Jesus verkündigt: dass Gottes Liebe der Welt Grund und Ziel gibt, dass Gottes Geistkraft in ihr wirksam ist und die Menschen verändert, dass Gott will, dass die Welt gerettet werde …

Die Frage drängt sich auf: Wie ist das zu glauben angesichts von Krieg und Zerstörung, von Hunger und Gewalt, von so viel Lüge und Ungerechtigkeit vor unseren Augen?

Was Nikodemus aus dem Gespräch mitnimmt, bleibt offen. Wie sähe Ihre Antwort aus? – Mein Versuch einer Antwort lautet:
Es ist leicht und schwer zu glauben und zu vertrauen; es ist ein Weg, ein Prozess; es ist ein Gehaltenwerden und ein Festhalten, es ist ein «sich dem Leben in die Arme Werfen».

Von Annegret Brauch

25. Oktober

Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Jona 4,4

Das Gespräch zwischen Gott und Jona am Schluss des Jonabuches entbehrt, wie ich finde, nicht einer gewissen Komik. Jona ist zornig, will lieber tot sein als leben, weil Gott barmherzig und gütig ist, weil Gott sich von der Umkehr der Menschen in Ninive berühren lässt und die Stadt nicht untergeht, wie zuvor von Jona in Gottes Auftrag angekündigt (Vers 2 f.). Ist es gekränkte Eitelkeit? Ärger über den unnötigen Aufwand der weiten Reise? Jona wirkt komisch in seinem Trotz: Ich wusste es gleich – und jetzt mag ich nicht mehr!

Mir gefällt Gottes Reaktion auf Jona: Meinst du, dass du mit Recht zürnst? Gott sieht Jonas Zorn und übergeht ihn nicht einfach. Gott nimmt Jona als Gesprächspartner ernst und weitet gleichzeitig durch die Episode mit der Staude Jonas Perspektive auf Gottes Handeln (Vers 6 ff.).
Ob Jona von seinem Zorn runterkommt, bleibt in der Geschichte offen. Aber ich stelle mir vor, wie Gott und Jona neben der verdorrten Staude plötzlich in ein befreiendes und «erlösendes Lachen» (Peter L. Berger) ausbrechen.
Ja, Gott lässt sich berühren und umstimmen, Gott liebt seine Geschöpfe und will ihre Rettung – unbedingt. Und Gott hat Humor …

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit …; weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt. (H. D. Hüsch)

Von Annegret Brauch

24. Oktober

Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 1. Johannes 1,9

Mir fällt zu diesem Satz alsbald die Geschichte vom verlorenen Sohn ein. Die Freude über seine Umkehr ist bei dem Vater so gross, dass er ihn ohne Vorleistung und Busse in die Arme schliesst. Ein Herzenstrost für uns alle ist der Schluss des Gleichnisses mit der Aufforderung an den älteren Bruder, doch fröhlich zu sein, denn «dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden». Wir sind selig, wenn wir wiedergefunden werden, auch wenn wir Unrecht getan haben. Ich glaube, die Einsicht in dieses Unrecht ist die Folge des Gefundenwerdens und nicht die Bedingung dafür.
Jesus erzählt zuvor zwei weitere Gleichnisse: das vom verlorenen Schaf und das von der verlorenen Münze. Weder das Schaf noch die Münze tun Busse, bevor sie gefunden werden – sie sind einfach fort und werden gesucht und gefunden. Und dann ist die Freude gross!
Es sind Gleichnisse für die Liebe Gottes, die bedingungslos ist und die uns gerade darum zurückholt aus unseren Irrwegen. Ich glaube fest daran, dass Gott uns Verlorene sucht. Wir sind doch ein wenig wie Kinder, die sich verstecken und gefunden werden wollen. Kennt ihr den Jubel, wenn das geschieht?

Gott, ich bin dankbar, wenn du mich (wieder) findest!

Von Elisabeth Raiser

23. Oktober

Wer aber sich vertieft in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergess- licher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seinem Tun. Jakobus 1,25

Jakobus gibt uns in diesem Abschnitt reichlich Gelegenheit, über das Zusammenspiel von aufmerksamem Hören von Gottes Wort und der daraus folgenden Handlung nachzudenken. Es begegnet uns wohl allen immer wieder, dass wir von einer guten Idee oder einer weisen Einsicht hören, ohne dass für uns daraus eine Tat, eine gute und sinnvolle Handlung folgt. Der Grund dafür ist nicht der mangelnde gute Wille, sondern die Schwierigkeit, aus einer Erkenntnis die richtige Tat zu folgern. Entweder es fehlt uns an Fantasie, oder wir scheitern an unserem Zweifel, ob wir das, was wir uns vorgenommen haben, auch durchführen können.

In einem früheren Vers aus demselben Kapitel heisst es:
«… nehmt an das Wort Gottes mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.» Ich glaube, hier liegt das Geheimnis: Wenn wir Bibelworte lesen und hören, so haben sie oft eine Kraft, die uns von selbst nicht zuwächst. Sie können uns auch in der tiefsten Verzweiflung trösten, uns Mut machen, uns dankbar werden lassen – und daraus kann eine Handlung entstehen, die aus dem Herzen kommt – wie von einer inneren geheimnisvollen Führung geleitet. Es ist die Kraft der göttlichen Poesie.

Von Elisabeth Raiser

22. Oktober

Wir wissen nicht, was wir tun sollen, sondern unsere Augen sehen nach dir. 2. Chronik 20,12

Es ist die Zeit nach dem Exil. Die Geschichte des Volkes Israel wird weitergeschrieben. Und da ist die Angst vor einem neuen Krieg. «Wir wissen nicht weiter.» Wir könnten jetzt überlegen, was genau gemeint ist. «Sollen wir zu den Waffen greifen?» «Sollen wir einfach warten?» Die Augen schauen nach Gott. Von ihm erhoffen sich die Menschen eine Antwort. Im Text ist nicht von Angst die Rede, wohl aber von Nichtwissen. Wir sagen ja gerne, wir wollen hören, was Gott uns sagen will. Wie sieht die Lebendige unseren Weg? Wie sollen wir weitergehen? Wie wird unsere Geschichte weitergeschrieben? Wir leben in einer sich verändernden Welt. Manche sagen, wir leben in der Krise. Und da suchen wir nach Wegen, schauen auf Gott. Es geht nicht um das persönliche Tun, sondern um das Tun der Gemeinschaft. Kann sie auf Gott schauen? Kann sie schauen, dass der Weg der Geschichte in seinem Sinn weitergeht? Ich denke, dass die Gemeinschaft das kann, weil die Lebendige selber zu uns schaut, weil wir nicht alles aus eigener Kraft schaffen müssen. Wir sind gefragt, das zu tun, was Gott von uns erwartet: Dass es ein Weg ist, der nach Gerechtigkeit und Frieden sucht, einer, der geprägt ist vom Bestreben eines Lebens in Würde für alle Menschen. Schauen wir auf Gott!

Von Madeleine Strub-Jaccoud

21. Oktober

Der HERR hat mich gesandt, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden. Jesaja 61,1.3

So aktuell sind biblische Texte – die Zürcher Bibel übersetzt:
«Der HERR hat mich gesalbt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen.» (Jesaja 61,1) Für sie soll Schönes bereitgestellt werden (Vers 3). Diejenigen Menschen, die unter der Pandemie leiden, diejenigen, denen der Weizen fehlt wegen des Krieges in der Ukraine, diejenigen, die kein sauberes Trinkwasser haben, weil die Böden wegen des Klimawandels ausgetrocknet sind, sie sind in meinen Augen heute gemeint. Sie sollen einen neuen Kopfschmuck statt Asche erhalten. Ihnen gilt der ewige Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat (Jesaja 61,8). Der Prophet hat sich an die Trauernden gewandt, und ich erlaube mir zu sagen, dass sich der Text heute an die «Elenden» wendet. Er lädt ein zu einem Blickwechsel hin zu den Menschen, deren Leben unsicher ist, zu den Menschen, die für ihr Leben kämpfen müssen. Ihr Schmuck soll nichts anderes sein als ein Leben in Würde. Die frohe Botschaft lädt ein, die Vulnerabilität der Menschen in Kriegsgebieten und im globalen Süden wahrzunehmen und für sie und ihr Leben einzustehen.

Schenke du immer neu deine frohe Botschaft der Gerechtigkeit.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. Oktober

HERR, ich preise dich! Du hast mir gezürnt! Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Jesaja 12,1

Die Losung ist ein Vers aus einem Siegeslied, das der Prophet anstimmt, um den Blick auf die Zukunft zu richten. Die Zeitform, die er dafür wählt, ist das Futurum Perfektum – ein Appell an die Vorstellungskraft. Wer das Wort hört, soll gedanklich eine Zeitreise in die Zukunft machen. Israel wird angesprochen: «Stell dir vor, wie es sein wird, wenn Gott seinen Friedensplan verwirklicht haben wird. Zion wird der Ort sein, wo die Völker hinströmen. Diesem Tag des Jubels wird etwas vorausgegangen sein. Du wirst deine Schuld bekennen, bereuen und auf Gottes Vergebung hoffen.»

Wieso erfindet der Prophet eine so waghalsige Zeitakrobatik? Was erhofft er sich von der Vorwegnahme der Zukunft im Perfekt? Es ist prophetische Seelsorge, dass er so verfährt. Das Zeitenverschieben ist sein Hebel, um die Herzensarbeit in Gang zu setzen. In der tollkühnen Verheissung, dass Israel zum Nabel der Welt wird, steckten kein Kulturimperialismus, keine Überlegenheit des auserwählten Volkes. In der
«fiktiven» Rückbesinnung auf einen Sieg, der noch nicht errungen ist, scheint schon jetzt die Rettung auf. Es ist das jüdische Modell der Hoffnung. Und wir Christenmenschen? Wir schauen zurück auf den Sieg, der an Ostern schon errungen wurde, um den Trost in die Zukunft zu tragen – für uns und für die Welt, die auf die Rettung wartet.

Von Ralph Kunz

19. Oktober

Der blinde Bartimäus rief: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn her! Markus 10,48–49

Der Blinde hat einen Namen, der aufhorchen lässt. «Bar» ist aramäisch und bedeutet «Sohn», «Timäus» kann mit «der Geehrte» übersetzt werden. Markus wiederholt: Bartimäus ist der Sohn des Timäus. Warum diese Betonung? Im Zusammenhang gelesen hat das scheinbare Detail Gewicht. Jesus ist mit einem ganzen Tross von Anhängern unterwegs und der blinde Bartimäus, der am Wegrand sitzt, hat keine Chance, zum Meister vorzudringen. Also verschafft er sich Gehör und ruft. Die Menge reagiert verärgert auf den dreisten Rufer. Sie wollen ihn zum Schweigen bringen. Vielleicht wollen sie den Propheten aus Nazareth vor der Unverschämtheit des Bittstellers schützen? Was erlaubt sich Bartimäus? Jesus überhört die Beschützer und erhört den Rufer, lässt ihn zu sich führen und fragt ihn: «Was willst du, dass ich dir tue?» Seltsam. Es ist doch offensichtlich, dass Bartimäus blind ist. Ich verstehe es so: Jesus fordert den«Sohn der Ehre» auf, seinen Glauben an den Messias zu bezeugen. Gleichzeitig ermutigt er ihn in seiner Erwartung. Der Davidsohn ist gekommen, die Würde der Entehrten wiederherzustellen, die Kranken zu heilen, den Sündern zu vergeben. In dieser Geschichte ist es der Blinde, der sieht, und die Sehenden sind es, die blind sind. Jesus öffnet allen die Augen.

Von Ralph Kunz