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26. November

Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.   Lukas 20,38

«Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Er ist es, der das Leben schafft, erhält und der das Leben über alles in der Welt liebt. In der Hoffnung auf diesen Gott sagen wir: Dies ist nicht das Ende.» So spreche ich oft bei Beerdigungen.

Doch wie dieses Leben aussieht, da gehen die Ansichten weit auseinander, selbst unter den Christinnen und Christen. Bei Gesprächen versuche ich mich ganz auf die jeweiligen Jenseitsvorstellungen meines Gegenübers einzulassen.

Gerne würde ich auch mit Ihnen in einen Dialog eintreten: Was denken Sie über das Leib-Seele-Verhältnis? Gibt es in einer jenseitigen Welt ein individuelles Dasein oder haben wir Anteil an dem Alles-in-Allem, an der Unio mystica? Der heutige Text spricht davon, dass wir «in Gott» leben werden. Wie stellen Sie sich das vor? Wie ist das mit der Zeit? Gibt es jenseits unserer irdischen Welt noch zeitliche Abläufe? Wie wird unser irdisches Leben beurteilt werden? Und von wem? Von Jesus Christus oder gar von mir selbst, im Wissen, ein geliebtes Kind Gottes zu sein?

Einen Tag vor dem ersten Advent denke ich darüber nach: Welche zukünftige Welt erhoffe ich? Bin ich offen für das, was mich da erwartet? Verändert es mein Leben hier?

Von Barbara Heyse-Schaefer

25. November

Der HERR gibt die Sonne dem Tage zum Licht und bestellt den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht; er bewegt das Meer, dass seine Wellen brausen.                              Jeremia 31,35

Sonne, Mond und Sterne sind Materie,

Gaswolken oder Festkörper

im unendlich weiten Raum.

Die Wellen des Meeres brausen,

weil Energie in ihnen steckt.

Radikale Materialisten behaupten gar,

alles sei mit Physik und Chemie erklärbar –

das gelte auch für unser Leben.

Ist damit alles über uns gesagt?

Was uns ausmacht, ist weit mehr

als Chemie und Physik, so wie ein Gedicht

mehr ist als Druckerschwärze und Papier.

Dass wir in den Himmelskörpern

Lichter für den Tag und für die Nacht gewahren,

macht sie für uns besonders.

Wir sind fasziniert von den Meereswellen,

weil sie so wild und kraftvoll sind.

Wir staunen, sind ergriffen,

suchen Erklärungen und finden sie

in Geschichten, die uns sinnvoll scheinen,

Geschichten und Bildern voller Poesie.

Faszinierend, wie die Fotos des neuen Teleskops,

über die wir auch nur staunen können.

Von Heidi Berner

24. November

Jesus spricht: Sehet, das Reich Gottes  ist mitten unter euch.             Lukas 17,21

Es ist etwas zum Sehen,

etwas Anschauliches, dieses Reich.

Vielleicht – für Sehbehinderte –

auch etwas zum Hören, zum Spüren,

ganz generell etwas zum Wahrnehmen

mit unseren Sinnen.

Etwas Wahres also und Sinnliches.

Und – sehen wir es?

Spüren wir es, nehmen wir es wahr?

Vielleicht – in ganz hellen Momenten –

nur für einen Augenblick,

wie wenn ein Eisvogel vor uns durchfliegt,

flüchtig wie ein blauer Geistesblitz.

Oder länger und intensiv,

bei einem Lied, wenn alles klingt,

wenn wir im Einklang sind mit der ganzen Welt.

Es ist da – jeden Tag neu zu entdecken,

miteinander, füreinander.

Es lässt sich nicht eingrenzen, nicht besitzen,

nicht mit Waffengewalt verteidigen.

Viele Namen hat dieses erfüllte Leben,

einer davon ist «Reich Gottes».

Von Heidi Berner

23. November

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!     Psalm 27,4

«Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit» – singt es in mir! Das adventliche Bild ist mit dem Lied verschmolzen. Aber was steckt eigentlich dahinter? Offensichtlich reicht es nicht, Tür und Tor zu öffnen. Wenn dieser König kommt, sind die Eingänge zu klein. Man muss die Türen aus den Angeln heben. Gibt es einen triftigen Grund für die drastischen städtebaulichen Eingriffe? Vielleicht weiss der Psalmist vom Besuch eines Herrschers, für den man eine Strasse bauen oder einen Torbogen erweitern musste, weil sein Tross zu gross und seine Elefanten zu dick waren … Der Impuls, sich bei der Ankunft eines hohen Würdenträgers zu weiten und zu öffnen, lässt sich auf das Innere übertragen. Jemanden zu ehren, macht Freude. Vor allem dann, wenn der, der da kommen soll, Frieden und Gerechtigkeit bringt. Erst recht, wenn der, der da kommen soll, mich höchstpersönlich besucht. Etwas vom Glanz des hohen Besuchs fällt auf mich. Und ich frage mich: «Wie soll ich dich empfangen? Und wie begegne ich dir?» Ich hoffe, meine Herz-und-Geist-Erweiterungsübungen haben gefruchtet. Denn das ist es doch, was wir beim Beten und Singen tun: uns zu dehnen und zu strecken auf die Hoffnung hin, die unser Leben öffnet; die Verengungen zu bekämpfen, die unser Herz schrumpfen lassen; uns für die Ankunft des Königs vorzubereiten, der einziehen will. «Denn sein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit.»

Voin Ralph Kunz

22. November

In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in Schlä-gen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten  und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben. 2. Korinther 6,4.5.8–9

Was für eine gruselige Aufzählung! Wenn ich Theologiestudierenden ihren zukünftigen Beruf schmackhaft machen will, muss ich andere Listen präsentieren: Lohnklasse 21, Pfarrhaus, Ansehen und ein sicherer Job. Die Chancen stehen nicht schlecht – es herrscht Mangel an Pfarrpersonen. Ach, Paulus, was bist du doch für ein Spielverderber! Mit deinen Aussichten auf ein Leben in Mühen und Wachen finden wir keinen Nachwuchs. Wenn da nicht die Erfahrung wäre, die (nicht nur Pfarrpersonen) machen: wie tief und reich ein Leben in der Nachfolge Jesu ist, mit welcher Kraft die ausgerüstet werden, die sich in den Dienst Gottes stellen und welches Glück – ja Glück! – es sein kann, im Widerstand zu wachsen, Zeuge zu sein für das Abenteuer,  in das uns  Gottes Ruf   hineinleitet.

«Und siehe, wir leben.» Das Leben, von dem Paulus spricht, ist keine Party, kein Zuckerschlecken und keine Wohlfühloase. Es ist ein Pilgern an ein Ziel, das vor uns liegt. Gott sei Dank mit wunderbaren Unterbrechungen, in denen wir das Geschenk der Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern feiern, erfüllt vom Vorgeschmack einer Freiheit, die uns manchmal weinen macht und immer wieder jubeln lässt.

Von Ralph Kunz

21. November

Wir demütigen uns vor unserm Gott, um von ihm den rechten Weg zu erbitten.   Esra 8,21

Die Rückkehr aus dem Exil, die Registrierung der Familienoberhäupter, das Ankommen, Sicheinfinden – der Prophet lädt sie alle an einen Fluss ein. Dort sollen sie fasten und um den richtigen Weg bitten, «einen glücklichen Weg für uns und unsere Kinder» (Zürcher Bibel). Gott, die Lebendige, um einen glücklichen Weg zu bitten, ist doch das, was wir immer wieder tun. Und gerade für unsere Kinder und Grosskinder bitten wir darum. Sicher auch für die Menschen, die unter den Kriegen, unter Hunger, Ausbeutung und Angst leiden. Der Prophet weiss nicht, wie der rechte Weg aussieht, aber er weiss, es ist einer mit der Lebendigen. Es ist ein Weg des Lebens, des Gestaltens der Zeit und der Gemeinschaft nach dem Exil. Wir wissen auch nicht, welches der glückliche Weg ist. Aber wir wissen, wie der Prophet: Es ist ein Weg der Gerechtigkeit und des Friedens, eben ein Weg des Lebens, für uns, unsere Kinder und Grosskinder und für alle Menschen. Und wie die Menschen damals sind auch wir eingeladen, diesen Weg zu suchen, wir sind eingeladen zum Innehalten, zum Ruhen und die Lebendige zu fragen, wie der glückliche Weg weitergehen kann.

Schenke du allen Menschen Wege der Gerechtigkeit und des Friedens.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

20. November

Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der Herr, denn ich bin euer HERR! Und ich will euch holen und will euch bringen nach Zion.                  Jeremia 3,14

Was braucht es, damit wir auf einem Weg umkehren? Ist es die Gefahr, die lauert? Ist es das nahende Gewitter? Können wir uns eingestehen, dass wir allenfalls den falschen Weg gewählt haben? Der Prophet will dem Volk Israel vermitteln: «Ihr habt den Weg  mit Gott verlassen, kehrt um.»   Er braucht dazu eine Frage, die bei mir hängen geblieben ist: Kehrt eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, zu ihm zurück? Er stellt nicht die Frage, ob das sinnvoll wäre für die Frau. Er stellt sie eher an den Pranger. Aber Gott stellt das Volk nicht an den Pranger. Er verheisst dem Volk, dass er Israel aus dem babylonischen Exil nach Zion bringen wird. Allerdings verschweigt die Losung einen Teil der Geschichte: Nur «einer aus jeder Stadt und zwei aus jeder Sippe» werden gerettet (Vers 14). Aber das beantwortet die Frage nicht, wie es steht mit der Umkehr.

An mich geht die Frage: Kann ich eingestehen, den falschen Weg gegangen zu sein? Was brauche ich dazu, das zu können? Ich bin, wie der Prophet, ja überzeugt, dass Gott, die Lebendige, mich auf meinem Weg begleitet und mich ermutigt zur Umkehr. Aber eingestehen, dass ich falschliege, muss ich mir selber. Das verlangt Kraft und ist nicht einfach. Mich trägt die Zuversicht oder auch die Hoffnung, dass ich es kann – mit Gottes Hilfe.

Danke Gott, dass du bei uns bist auf unserem Weg.

Von Madeleine Strub-Jaccoud

19. November

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner grossen Barmherzigkeit wieder- geboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.          1. Petrus 1,3

Es ist eine schwere Geburt, wenn die Hoffnung wieder zur Welt kommt. Hoffen kann ein Mensch weder durch Zwang noch auf Befehl. Hoffnung lässt sich auch nicht einfach erzeugen durch viel gutes Zureden oder gut gemeinte Ratschläge. Wenn sich die Hoffnung allzu leicht einstellt, dann ist sie oft naiv und leichtfertig, jedenfalls nichts Ernstes und nichts mit Hand und Herz, höchstens blauäugig.

Die Hoffnung wird im Verborgenen gebildet. Sie braucht Zeit, um zu wachsen und zu reifen, ehe sie sichtbar zur Welt gebracht werden kann.

Es ist sogar für Gott eine schwere Geburt, bei der nicht selbstverständlich ist, dass die Hoffnung  auch  lebendig zur Welt kommt, dass sie alles potenziell Tödliche über- lebt: Gleichgültigkeit, Trägheit und Bequemlichkeit, ganz zu schweigen von Angst und Enttäuschungen.

Wie schwer muss die Geburt von hoffenden Menschen sein, die an Gräbern stehen müssen, die den Tod vor Augen haben?! Genauso schwer wie die Auferweckung der Toten.

Statt nun unsere begrenzten Möglichkeiten zu beklagen, gekränkt zu reagieren und neidisch auf den zu schauen, der es eben kann, findet sich im 1. Petrusbrief die hoffnungsvolle Perspektive, Gott von Herzen zu danken. Gelobt sei Gott!

Von Dörte Gebhard

18. November

Der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.     1. Mose 12,1

So was kommt doch heute bei uns nicht mehr vor?! Dass ein steinalter Mann seine Siebensachen packen muss? Weg und auf den Weg muss?

Wie oft das vorkommt! Überwiegend sind es aber hochbetagte Frauen, die fort aus allem Vertrauten müssen, weg aus allem Gewohnten… Ins Pflegeheim. Bei Abram waren es insgesamt mindestens 1478 km von Haran nach Ägypten. Vom «Daheim» seit 60 oder 70 Jahren ins Alterszentrum kann es innerlich noch viel weiter sein, auch wenn es nur einen Kilometer weit ist. Die Zukunft ist vage. Abram erfährt gar nichts Genaues von seinem Gott. Er soll aufbrechen «in ein Land, das ich dir zeigen will», spricht Gott. Keine Details, kein Versprechen, dass alles besser wird. Vor allen Dingen wird es anders. Ganz anders.

Was erlebt Abram? Gott kommt mit.  Immer.  Sogar als er wegen einer Hungersnot ein Wirtschaftsflüchtling wird. Überall unterwegs kann er ihm sein Leid klagen, ihm danken. Was erlebt eine uralte Frau im Altersheim? Gott kommt mit. Egal, wie plötzlich der Abschied vom Bisherigen ist oder ob man ihn überhaupt noch richtig begreifen kann. Ganz gleich, wie es einem alten Menschen im Pflegeheim ergeht: Gott ist mit seinem Segen da. Zuletzt sind wir dann alle unterwegs wie Abram, weg von allem, durch Sterben und Tod hindurch, zu Gott, «in das Land, das er uns zeigen will».

Von Dörte Gebhard

17. November

Der Herr des Friedens gebe euch Frieden  allezeit und auf alle Weise.                                 2. Thessalonicher 3,16

Es fällt mir nicht leicht, über Frieden zu schreiben. Frieden allezeit für alle! Schön zu lesen, aber kann ich noch daran glauben? Der Gott der Bibel ist nun auch nicht gerade immer friedlich unterwegs. So erteilt er doch an mehr als hundert Stellen ausdrücklich den Befehl, Menschen zu töten. (Siehe Seite 299 im Buch: «Das Tagebuch der Menschheit» von Carel van Schaik und Kai Michel)

Alles alter Käse von gestern? Gott hat sich ja durch Jesus mit der Menschheit versöhnt und durch den neuen Bund des Blutes Christi gilt das erste Testament nicht mehr? Ich weiss, ich wage mich als Nicht-Theologe in heikle Fahrwasser und doch, es lohnt sich, das einmal genauer anzuschauen. Ist Gott auch fehlerhaft wie wir Menschen? Oder warum lässt er sich so oft erzürnen und antwortet mit Tod und Verderben? Kann Gott es auch nicht besser als wir Menschen? Finden Sie solche Gedanken eine Zumutung? Ihre Reaktionen helfen mir beim Weiterdenken!

So sehr ich mir für diese Welt auch Frieden wünsche. Ich hadere mit Gott, klage an und verzweifle immer mal wieder. Warum? Warum nur? Wozu und wie lange noch?

Eine mögliche Antwort kann sein, dass wir die Nachfolgerinnen sind und das Friedenswerk Christi zu Ende bringen können.   

Amen!

Von Markus Bürki